DIE TERRASSEN DES PHILOSOPHISCHEN GARTENS
Der philosophische Garten Der literarische Garten Die aktuellen Veranstaltungen Gastvorträge Spiele Tagebuch des Nichts Aussichten Ad personam Veröffentlichungen Kontakt Impressum Verweise


TAGEBUCH DES NICHTS

Ein Journal intime über alles

von

Melodie Prosanowa


Herausgegeben

von

Natascha Uralowa (Perm)

Anmerkung von Natascha Uralowa:

Von Zeit zu Zeit gebe ich, Natascha Iljínitschna Uralowa aus Perm, ab dem 1. April 2013 Auszüge aus dem Tagebuch von Melodie Prosanowa heraus.

Ende der Anmerkung.

/

Moskau, 1. April 2013

Ein Tag ohne Einträge ist ein guter Tag. Ein Tag ohne Einschläge ist ein Feiertag. Feier und Feuer, Zwillinge unzertrennlich.

Mit jedem Sonnenaufgang beginnt ein neuer Feuertag, was wird er verbrennen?



Moskau, 9. April 2013

Putin und Merkel, auf eine Art Zaren in ihrem jeweiligen Reich, besuchen gestern gemeinsam die Hannover Messe, während in London die Eiserne Lady das Zeitliche segnet.

Dabei springen auf der Messe drei, vier drahtige Frauen im Rahmen einer nicht dem Protokoll entsprechenden Protestaktion vor Putin mit nacktem Oberkörper ins Licht der Weltöffentlichkeit, während die erschreckte Merkel sich schutzsuchend an einen Nebenmann klammert. Rücken und Busenseite sind beschriftet wie Demonstrationsplakate. Auf einem dieser Hautplakate stehen die Worte Putin und Diktatur. In diesem Fall ist damit alles gesagt.



New York, 13. April 2013

Bei der Einreise

Do you have anything to declare?

A declaration of freedom.

The world's occupied already.

I redefine the occupation and resurrect the realm of freedom.

Okay, go on and good luck!



Washington, D.C., 25. Mai 2013

In den letzten Wochen in Virginia gewandert, blindlings, ohne Karte, und en passant Edward P. Jones' Roman „Die bekannte Welt“ gelesen. (Im Original: „The Known World“.) Die Erzählung eröffnet ein perspektivenreiches Panorama, das dem Leser authentische Einblicke in die Welt der Sklaverei im 19. Jahrhundert verschafft oder ihm doch zumindest das Gefühl vermittelt, solche Einblicke zu bekommen. Es handelt sich um einen Bildungsroman in dem Sinne, daß er seinen Leser bildet, ins Bild setzt über eine historische Epoche.

Der Roman spielt größtenteils im bewanderten Virginia.

Hauptfigur des Romans - und darin besteht seine größte Leistung - ist das heterogene und kontrastreiche Figurenensemble an sich, ein Ballett von weitgehend Illusionslosen.

Eine nicht nur in den Augen des politisch korrekten Lesers provozierende Figur ist der Sklavenbesitzer Henry Townsend, dessen Provozieren nicht nur in seinem Sklavenbesitz an sich besteht, sondern auch darin, daß er selber Schwarzer ist. Ein freier Schwarzer, der unfreie Schwarze für sich arbeiten läßt.

Was betäubend wirken kann, immer wieder, ist der klassische Erzählstil, der dem Leser nichts zumutet. Jeder Satz ist einfach und verständlich. Dadurch entsteht eine apollinisierte, geradezu römische Langeweile, und große Sehnsucht breitet sich aus nach dionysischer, rätselhafter Ekstase, die Sehnsucht danach, sich zu verlieren. Was wären Menschen, wenn nicht Wesen, die verloren gehen? Wen wollte man finden, wenn nicht eine verlorene Seele? Sind nicht diejenigen, die sich wirklich finden, die Verlorenen? Die sich auch in ihrer Sprache verlieren wie in einem viel zu großen Palast? Und doch ist der Roman lesenswert.



Concord, Middlesex County (Massachusetts), 1. Juni 2013

Vom Seitenrand noch eine Notiz zum Roman „Die bekannte Welt“. Der Autor Edward P. Jones spielt mit zwei Weltkarten, mit zwei Darstellungen der „bekannten Welt“. Einmal taucht Waldseemüllers Weltkarte auf, die den Anspruch erhebt, die zu seiner Zeit bekannte Welt, also die Erde, geographisch-modelliert abzubilden. Und einmal die beiden Wandteppiche der Figur Alice Night; diese Wandteppiche halten jene Welt fest, die ihr in ihrer Zeit als Sklavin „bekannt“ gewesen waren, Manchester County und vor allem die Plantage, auf der sie leben mußte. Gemeinsam ist beiden Weltkarten, der von Waldseemüller und der von Alice Night, daß ihre jeweilige Sicht auf die Welt beschränkt ist: jeweils ist und wird nur das verzeichnet, was bekannt ist, das Unbekannte findet sich nicht eingezeichnet, glänzt allein durch Abwesenheit.

Der existentielle Unterschied zwischen beiden Karten ist unter anderem der, daß die Menschen, die Waldseemüllers Karte in Händen hielten, die Karte mit dem Zweck betrachteten, die Welt zu befahren, sich in ihr zu orientieren, sie zu erobern und sich bekannter zu machen. Die Sklaven auf Alice Nights Weltkarte konnten das nicht, oder zumindest durften sie es in dem System nicht, in dem sie gefangen waren. (Und weil sie weder lesen noch schreiben konnten, wurde jede Flucht durch diesen Mangel zusätzlich erschwert, Lesen und Schreiben sind an erster Stelle Verkehrsinstrumente, Fahrkarten ins Glück.)

Was den Unterschied zwischen beiden Weltkarten berührt, so ist auch anzumerken, daß Alice Nights Karte an die Landschaft erinnert, die sie zurückgelassen hat, ihre Karte dient nicht zur Orientierung in der „bekannten Welt“. Sie muß sich dort auch nicht orientieren, denn sie hat die „bekannte Welt“ hinter sich gelassen, die bekannte Welt der Unfreiheit, und ist eingezogen in ihr freies „Wunderland“, worauf ihr Name „Alice“, den der Autor ihr verpaßt hat, vermutlich auch anspielen möchte.

Im Roman begegnen sich in Washington, D.C jene aus europäischer Unfreiheit (Armut, Despotie, obrigkeitsstaatlicher Beschränktheit) geflohenen Einwanderer und die aus der südstaatlichen Unfreiheit (Sklaverei) geflohenen „Einwanderer“. Das Ziel beider Gruppen ist das gleiche: persönliche Freiheit. Washington, der „District of Columbia“, das Gebiet der weiblichen Personifikation Amerikas, der Kolumbia: hier kann Alice Night im Tageslicht der Freiheit ihr Leben entdecken.



Concord, am Walden-See, 9. Juni 2013

Die Welt lernt einen weiteren Autor namens „Edward“ kennen, Edward Snowden. Was er enthüllt, abgedruckt in keiner amerikanischen Zeitung, sondern im britischen „Guardian“, einer Zeitung, die ihren Namen offensichtlich im Sinne von „Wächter der Freiheit“ versteht, ist so unheimlich, daß man am liebsten erst einmal schweigen würde. Aber an diesem See kann man nicht schweigen, an dem Henry David Thoreau lebte, Verfasser der Schrift „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“.



Berlin, 18. Juni 2013

Heute abend reist der US-Präsident nach Berlin. Vor der Landung der Air Force One wird der Luftraum über Berlin gesperrt. Der Präsident darf einen Sicherheitsraum für sich beanspruchen. Die Bürger, die von der NSA ausspioniert und deren Daten gespeichert und bewertet werden, dürfen das nicht; sie sind aus der paranoiden, tyrannisch-totalitären Sicht der NSA auch keine freien Bürger, sondern Sicherheitsrisiken.

Darauf reimt sich auf einer symbolischen Ebene, wenn auch ein wenig schräg, daß gestern auf dem Tübinger Stadtfriedhof Walter Jens zu Grabe getragen wurde. Walter Jens: jener streitlustige Freigeistintellektuelle, der gemeinsam mit seiner großen Frau Inge nicht zuletzt desertierenden US-Soldaten bei sich Asyl gewährte.



Berlin, 19. Juni 2013

Nach Obamas austauschbarer Phrasenrede auf dem Pariser Platz werden die Panzerglasscheiben, die ihn schützen sollten, wieder abgebaut. Trotz Gluthitze hatten die Sicherheitsleute offenbar an Dinge wie schattenspendende Sonnensegel oder windschaufelnde Ventilatoren nicht gedacht. Drei junge US-Touristen schlendern am Rande vorüber und schauen auf die Tribünen, die abgebaut werden. Einer sagt zu den beiden anderen: „There must have been a concert.“ Bei solcher Ahnungslosigkeit wird einem bewußt: das größte Sicherheitsrisiko ist der unpolitische Mensch und niemand sonst.

Kein Wort des Präsidenten zum NSA-Epochenskandal, der womöglich eine neue Zeitrechnung einläutet. Vor der Drescherei am Brandenburger Tor, dem sogenannten Symbol der Freiheit, traf Obama im Kanzleramt mit Bundeskanzlerin Merkel zusammen und verteidigte vor der Presse mit deplazierten Charmeoffensiven in Richtung Pressevertreter und pseudogewichtigen Argumenten die eklatanten NSA-Rechtsbrüche.

Was hätte man gegeben für eine Bundeskanzlerin, die unter anderem gesagt hätte: „Sehr geehrter Barack, ich als die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland bin empört über das, was hier ans Tageslicht kommt, hier wurden Grenzen nicht nur verletzt und überschritten, hier wurden Grenzen ausgelöscht. Leider hat es den Anschein, als wären demokratische Republik und Schurkenstaat kompatibel, das darf nicht sein, das wäre die Pervertierung des Gedankens einer freiheitlichen Republik. Guantanamo, Drohnentötungen, NSA, das ist nicht die Welt der USA, die wir lieben. Die Bundesrepublik Deutschland hat soeben Edward Snowden unbegrenztes Asyl gewährt. Die Medal of Freedom, die Sie mir verliehen haben, gebe ich hiermit zurück.“



Dornburg, 21. Juni 2013

Schiller schreibt an Reinwald (14. April 1783), man solle den anderen nicht dafür lieben, was er schon ist, sondern was er noch werden könnte.



Istanbul, 23. Juni 2013

Karen Krüger berichtet über die aufgebrachte Türkei und die Demonstranten auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park. Ihr Geist ist von klarer Poesie erfüllt, von Mitgefühl belebt und von entschiedenen Ansichten bestimmt.



Berlin, 4. Juli 2013

Der amerikanische Unabhängigkeitstag ist dieses Jahr besonders bitter und ironisch. Um 11 Uhr findet vor dem Kanzleramt eine Solidaritätskundgebung für Edward Snowden statt. Kaum zu glauben, es sind nur zwei, drei Dutzend Leute da. Wären mehrere Tausend nicht angemessen? Darunter ist die berühmte Nina Picasso, die zufällig in der Stadt weilt. Vielleicht ist 11 Uhr für eine Stadt, in der die Cafés bis zum Abend Frühstück servieren, einfach zu früh? Oder die intellektuellen Massen sitzen bei der Fashion Week und wischen ihre Telephone.

Als die Kundgebung beendet ist, kommt Hans-Christian Ströbele angeradelt. Auf dem Gepäckträger hat er nach alter Schule einen hellbraunen Lederranzen mit Spanngummis befestigt. Ohne richtig abzusteigen gibt er einem Fernsehsender ein Interview. Er wirkt sachlich-sympathisch und hat eine gesunde Ausstrahlung.



Berlin, 11. Juli 2013

Ein US-Journalist nennt die USA the United Stasi of America.



Moskau, 12. Juli 2013

Edward Snowden trifft in der Transitzone des Flughafens diverse Menschenrechtler. Eine kurze Rede, die er hält, wird veröffentlicht. Er spricht brillantes Englisch, phrasenfrei, von vernünftig-klarem Inhalt.



London, 21. Juli 2013

Der heutige Mensch wird unentwegt beobachtet, Kameras fangen sein Leben ein, nichts bleibt unbeobachtet.



London, 23. Juli 2013

Endlich erste Ansätze von deutlichen Worten: Heribert Prantl, intellektueller Leithammel der Süddeutschen Zeitung, räsoniert über den Epochenskandal. Sein Tenor: Der Boden des Grundgesetzes sei unterhöhlt, brüchig, die BRD nicht souverän und die Regierung nicht willens oder fähig, etwas zum Schutz der Grundrechte der Bürger zu tun.



London, 4. August 2013

Der Bürger sollte sich nicht erpressen lassen. Die Erpressung des Staates: Nur wenn wir alle deine Daten bekommen, können wir für deine Sicherheit garantieren. Diese Erpressung sollte die Zivilgesellschaft zurückweisen. Die Verknechtung des Menschen durch das Regime der Schattendienste sollte bekämpft werden. Ziel: eine Kultur der freien Selbstbestimmung. Zu den Schattendiensten zählen auch ihre Komplizen, die übermächtigen Datenklau-Suchmaschinen und die tonangebenden sozialen Datenklau-Netzwerke.



Rouen, 7. September 2013

Putin, ehemaliger KGB-Agent, nimmt den ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden auf. Auch die Historie macht sich ihre ironischen Reime.

Doch klafft zwischen beiden Männern ein Abgrund, nicht des Landesverrates, sondern der Zivilcourage.



Hiddensee, 22. September 2013

Das Ergebnis der Bundestagswahl stützt die These, daß jedes Land einmal den Bach hinuntergehen muß. Der Weg in die Einlull-Demokratie, die keine sinnvolle Demokratie mehr sein wird, von Republik zu schweigen, geht weiter.



Berlin, 22. Oktober 2013

Der Begriff Apo (außerparlamentarische Opposition) taucht wieder auf.



Berlin, 24. Oktober 2013

Anscheinend wurde das Telephon der Kanzlerin von den Amerikanern abgehört. Zum ersten Mal hat man bei Angela Merkel den Eindruck, sie sei empört.



Berlin, 29. Oktober 2013

Von der Hannah-Arendt-Straße aus am Holocaust-Denkmal kann man gut das „Nest“ sehen, so nennt der „Spiegel“ die mutmaßlichen Abhöranlagen der NSA auf dem Dach der US-Botschaft.



Berlin, 1. November 2013

Mittags um halb eins Pressekonferenz von Hans-Christian Ströbele zu seinem gestrigen Treffen mit Edward Snowden in Moskau. Der Coup ist ihm gelungen. Viel verraten kann er allerdings nicht. Doch immerhin: er hat ihn getroffen, und Bilder gehen um die Welt. Gestern war Ströbele der Außenminister der freien Welt. Westerwelle, noch Außenminister-Mime und Mitglied der einst stolzen Freiheitlichen Partei Deutschlands, beweist wieder einmal, daß er nichts zu sagen hat und seine Partei zu recht aus dem Bundestag geflogen ist.



Berlin, 6. November 2013

Herr Friedrich, der amtierende Bundesinnenminister der BRD, ist ein Sicherheitsrisiko für den Frieden. Nicht nur würde er gerne die Überwachung verstärken und reihum noch mehr Kameras festschrauben, sondern er hätte gerne auch die Maut-Daten der Autobahnen. Es ist, als hätte man noch nie von Edward Snowden und den Diskussionen der letzten Monate gehört.

Sehe erstmals das Zwölf-Minuten-Interview, das Edward Snowden Glenn Greenwald am 6. Juni dieses Jahres in Hongkong gegeben hat. Mit ihm ging die öffentliche Wahrnehmung der ganzen Enthüllungsgeschichte los. Alles, was Snowden sagt, ist intelligent und klug.



Berlin, 18. November 2013

Gurlitt-Aufregung in Deutschland. Skandalös ist vor allem das Vorgehen der deutschen Behörden. Was verstehen Zöllner und Staatsanwälte unter Rechtsstaat? Willkür.



Berlin, 25. November 2013

In den Medien Rätselraten um Hamed Abdel-Samad, der gestern in Kairo verschwunden ist, womöglich entführt wurde. Hoffentlich wurde er nur verführt, und er taucht unbeschadet wieder auf.



Berlin, 28. November 2013

Im Ersten läuft John Goetz' Reportage über die „geheimen schmutzigen Drohnenkriege“ der USA, wobei der amerikanische Africom-Stützpunkt in Stuttgart, dieser Hauptstadt der Pietisten wie der Protestler, eine wichtige Rolle spielt. Statt Evangelien und Träume erreichen einen aus den Staaten nur mehr Dysangelien und Alpträume. Hollywood, die Traumfabrik, kann einpacken. Die NSA ist in der Produktion von schlechten Träumen führend.



Berlin, 29. November 2013

In der Staatsoper im Schillertheater Premiere von Verdis Trovatore mit Placido Domingo und Anna Netrebko unter der Leitung von Daniel Barenboim. Auffallend wieder das zwar reiche, aber wenig elegante Publikum, ohne jedes Flair, ohne Klasse, ohne Esprit. Es fehlt Berlin ein breites bildungsbürgerliches Publikum. Wowereit und sein Mann posieren für die Lokalpresse, dabei stellt sich der Regierende Bürgermeister in Positur wie ein Filmstar. Aus der Nähe sieht er sogar vergleichsweise gut aus, trotzdem ist er in seiner ganzen geistlosen Tütü-Schluffigkeit wenig mehr als peinlich.



Berlin, 10. Dezember 2013

Weltweit veröffentlichter Aufruf „an die Welt“, sich gegen die totale Überwachung zu wenden. Initiatoren sind Juli Zeh und Ilija Trojanow, die über fünfhundert bekannte Schriftsteller und Intellektuelle als Erstunterzeichner gewonnen haben.



Stuttgart, 23. Dezember 2013

Anti-S21-Demo. Vier Jahre finden sie jetzt schon ununterbrochen statt. Heute mit Blockade der großen Schillerstraße vor dem Hauptbahnhof sowie zwei Demozügen. Bei der Kundgebung hält Prälat Klumpp eine so kraftvolle Rede, daß man spürbar gestählt die Massen der Weihnachtskonsumenten erträgt.



Berlin, 26. Januar 2014

Im Fernsehen läuft ein längeres Interview mit Edward Snowden. Wieder macht er einen sehr guten, überlegten Eindruck.



Baden-Baden, 29. Januar 2014

Daß diese Russen so verrückt nach Baden-Baden sind! Vor allem fragt man sich, wie es für die Russen eigentlich ist, hier fast nur unter Russen zu sein?



Berlin, 6. Februar 2014

In der FAZ schreibt Martin Schulz, derzeitiger EU-Parlamentspräsident, über die Bedrohung der Demokratie durch die digitalen Umbrüche. Der Artikel ist zwar schlicht gehalten, gleichwohl vom Inhalt her lobenswert. Auf einer ersten Ebene gewinnt man den Eindruck, als würde ein Politiker endlich einmal Tacheles reden. Immerhin, man ist mittlerweile schon dafür dankbar. Das ist schon Lichtjahre entfernt von den dumpfen, nicht-entblödeten Einlassungen eines Pofalla zu den Snowden-Enthüllungen. Gleichwohl, reden kann man bekanntermaßen viel; entscheidend sind die rechtsverbindlichen Beschlüsse und Gesetze, welche die Politik faßt bzw. beschließt. Bis dahin sind auch die Worte von Schulz nur schön, aber noch kein wirklicher Terraingewinn im Zuge der Verteidigung der Demokratie.

Wie groß wäre die Schweiz, wenn man die Alpen auseinanderzöge?



Berlin, 17. Februar 2014

Großer Bahnhof am Ku'damm. Paul Nizon liest im Institut français aus seinem neuen Auswahlband „Die Belagerung der Welt“. Eine wohltuende Performance.



Berlin, 21. Februar 2014

Die Science-fiction-Nachrichten aus der Wirklichkeit reißen nicht ab. Facebook kauft Whatsapp. Es ist schockierend zu erleben, wie die Datenkatastrophe dieser Epoche offenbar unaufhaltsam fortschreitet.

Nicht nur der Osten kennt das Phänomen der sogenannten Oligarchen. Die Oligarchen des Westens sind die Daten-Kleptokraten. Sie stehlen milliardenfach das Rohöl der digitalen Ära, die Daten. So, wie die östlichen Oligarchen fortwährend Öl, Gas und Kohle der Allgemeinheit rauben, ohne daß ihnen Einhalt geboten wird, so rauben die westlichen Counterparts die Daten von Bürgern und verschachern sie an Werbekunden und an die de facto faschistischen Geheimdienste.

Man schreibt jetzt die Epoche des Digitalen Totalitarismus.

Düstere Nachrichten vom Majdan in Kiew. Spezialschützen, deren Herkunft nicht klar ist, erschießen von den Hausdächern herab gezielt Demonstranten. Währenddessen gehen die Putin-Spiele des IOC in Sotschi ungerührt weiter. Das IOC, besteht es nicht aus einer Bande von wenigstens moralischen Verbrechern? Der deutsche Präsident, Thomas Bach, scheint er nicht auf ganz natürliche Weise permanent die Fratze zu schneiden, die am besten zu diesem korrupten Pseudosportverband paßt?



Berlin, 22. Februar 2014

Wohl historische Tage in der Ukraine, nur zu welchem Frommen? Präsident Janukowitsch flieht, eine Übergangsregierung übernimmt. Bizarrer Auftritt von Julia Timoschenko nach ihrer Freilassung. Auf dem Majdan hält sie, im Rollstuhl sitzend, eine hochemotionale, geradezu hysterische, durch und durch dramatische Rede voller Kampfeswillen und blitzhafter geistiger Präsenz. Man glaubt jetzt endlich eine authentische Vorstellung der Atriden zu gewinnen. Klytaimnestra, wie sie leibt und lebt.



Berlin, 28. Februar 2014

Ukraine-Tage. Die Krise verlagert sich auf die Krim, die Russen kommen, aber es sind nicht meine Russen; nach Sotschi kann Putin endlich loslegen. Aber er behält für die Appeasement-Softies im Westen noch die pseudorechtliche Maske auf dem Gesicht.



Bitterfeld, 13. März 2014

Stille auf dem Bahnhofsvorplatz, ein paar Trinker sitzen in der Sonne, in einem Rondell sitzt eine grauhaarige Frau auf einer Gitterbank. Der Bäcker ist leer, nur die Verkäuferin schaut heraus. In einem Laden kauft eine Passantin eine vertrocknete Bratwurst.



Leipzig, 14. März 2014

Die neuen, architektonisch sehenswerten Eisenbahntunnelbahnhöfe unter der Leipziger Innenstadt. Doch leider hängen überall die großen Kugelglaskameras herab. Willkommen in der Hölle.



Berlin, 14. April 2014

Timothy Snyder legt in der FAZ eine historisch tiefenscharfe, wenigstens bedenkenswerte Analyse der gegenwärtigen Rußland-Ukraine-Europa-Krise vor. Er rückt den Kampfplatz in den Rahmen eines größeren Konfliktes, den er als den Konflikt zwischen Eurasien und EU-Europa bezeichnet.



Paris, 17. April 2014

Gabriel Garcia Marquez gestorben. Die Freude über ihn überwiegt die Trauer über seinen Tod.



Berlin, 27. April 2014

Die Universität Glasgow hat Edward Snowden zu ihrem Rektor berufen. Skurrile Meldung, und doch scheint sie wahr zu sein. Ein Hoch auf die Universität Glasgow. Sie übertrifft sogar die Universität Rostock, die Snowden immerhin die Ehrendoktorwürde verleihen möchte.



Werder an der Havel, 1. Mai 2014

In Krielow hängt eine Fahne des FC Bayern München auf Halbmast.

Kriegsdenkmal in Krielow. Auf dem mittleren alten Sandsteinobelisk steht: Die Toten der beiden Weltkriege mahnen: Vernichtet nicht das Leben. - Kein Wort von Heldentum und Vaterland.

Kriegsdenkmal in Derwitz: Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde / Ihren bis in den Tod getreuen Helden die dankbare Gemeinde Derwitz.



Potsdam, 3. Mai 2014

Oft finden die besten Gespräche beim Gehen im Stehen statt. „Beim Gehen“ - im Sinne der Verabschiedung und des Adieusagens. Gerade, wenn man geht, kommt man noch darauf, daß man das wichtigste vergessen hat, zu sagen. Man muß es unbedingt noch loswerden.

Einsatz, Feuer, Hingabe, Abenteuer, Leidenschaft, Begeisterung, Wildheit, Trunkensein und Vernunft!



Berlin, 6. Mai 2014

Abends bei den Rhododendren im Tiergarten. Die gelben und weißen blühen, ein paar der lilafarbenen sind auch schon aufgegangen.

Die russische Propaganda kann man nicht mehr sehen, nicht mehr hören. Abschalten.



Berlin, 8. Mai 2014

Abends Blick ins Fernseh„duell“ der beiden aussichtsreichsten Kandidaten für den Posten des nächsten EU-Kommissionspräsidenten, Martin Schultz und Jean-Claude Juncker. Zum ersten Mal sieht man, scheint es, einen anderen Schulz als den lieb-freundlichen, nämlich einen machtbegehrenden, machtausstrahlenden Heuchler. Beide Kandidaten sind letztlich politische Untergangsrepräsentanten. Schönschwätzer, nichts weiter?

Die ersten Schwalben am Wannsee.



Berlin, 10. Mai 2014

In Kopenhagen Grand Prix d'Eurovision de la Chanson. Zum großen Ärger von einigen russischen Politikern gewinnt die bärtige Sängerin Conchita Wurst aus Österreich. Ihr Auftritt ist wunderbar lustig und poetisch.



Berlin, 12. Mai 2014

Mittlerweile haben sich auch die Vertreter der Partei Die Linke dazu entschlossen, sich nicht zu entblöden. Sie reiten vor allem auf der Mitschuld des Westens herum („Rußland hat zwar das Völkerrecht gebrochen, aber der Westen...“ - es ist das „aber“, welches den ersten Satzteil gewissermaßen aufhebt). Sie animieren einen indirekt dazu, sich doch wieder verstärkt der Psychoanalyse zuzuwenden, in der Hoffnung, eine Verständnishilfe zu erhalten. Was geht in den Köpfen gewisser Politiker nur vor sich? Aber will man das wirklich wissen? Ist es nötig, das zu wissen? Entscheidend sind doch allein die Taten, die bekanntlich für sich sprechen.

Das ist die Hauptnachricht des ganzen letzten Jahres: Angesichts von Google & Co, NSA, Rußland und China ist klar: die Demokratie im ernsthaften Sinne des Wortes kann binnen kürzester Zeit wie nichts hinweggewischt werden.



Berlin, 14. Mai 2014

Herzinfarkt eines Vogels beim Überqueren des Wannsees.



Bei Lieblos (Main-Kinzig-Kreis), 16. Mai 2014

Die Bauern heuen bereits.



Im Hohlohmoor, 17. Mai 2014

Der gelblichte Palast im Sonnenuntergangswesten, duftend, von schrägen Linien der Strahlen gegliedert, eine durchscheinende Himmelsfähre ins Glück der Anschauung: diese Logik der Augen log einen noch nie an.



Hessental, 22. Mai 2014

Letztes Wochenende verstarb Gerald Edelman in New York, alt vierundachtzig Jahre. Auch wenn man mit vierundachtzig sterben darf, man darf freilich immer sterben, überrascht diese Nachricht doch. Wahrscheinlich hatte man insgeheim geglaubt, dieser Mann mit der Aura einer alterslosen Schildkröte könne niemals sterben. Am Bahnhof zwischen Gleis und Bahnsteigkante wächst grün-hoch und reifend schon der Roggen. Er läßt sich von den ein- und ausfahrenden Zügen nicht beirren. Widerständigkeit ist seine Zier. Zwei junge Japanerinnen kommen vorbei, eine trägt in der Linken einen Fächer, der Morgen verspricht Hitze. Ein totes Gleis führt zum aufgelassenen KZ.



24. Mai 2014

An Bord des A380 der Emirates Airline trifft man auf ein pseudoschickes Edelholzimitatplastikdesign. Ach, hätte nur Andy Warhol oder Tom Wesselmann, oder einer ihrer Pop-Art-Nachahmer, die Kabine entworfen.

Die Business Class ist mit Flachbildschirmen vor jedem Sitz zugepflastert - ein Leben ohne Schirm-Gegenüber scheint undenkbar geworden zu sein, das hybride Gesicht, die flache Fratze, mein laufendes Du.

Zum Teil behindern die Sitzschalen den Ausblick aus der Luke; dieser hat der Fernseher, das neue Fenster mit Ausblick in tausend Richtungen, den Rang abgelaufen.

In der Ersten Klasse hat jeder Passagier sein eigenes Reich, umgrenzt sitzt man da wie in einer großen Badewanne. Jedem Scheich sein Reich. Vorne finden sich noch zwei Badezimmer mit Duschkabinen: Es hätte Oscar Wilde gefallen, in zehntausend Metern Flughöhe, weit über den Wolken, künstlichen Regen zu spüren. Einem Dandy steht das gut zu Gesicht. Den meisten Flugpassagieren jedoch dürfte es wenig Freude bereiten - finden sie mit ihrer Körperfülle doch kaum genügend Raum, um sich überhaupt in die Kabine zu quetschen.

Das Rauchen an Bord ist verboten; gleichwohl finden sich an den Wänden Aschenbecher. Die Stewardess kann mir dieses merkwürdige Detail nicht erklären.



25. Mai 2014

Petro Poroschenko gewinnt die Präsidentenwahlen in der Ukraine. Was von ihm zu halten ist? Er klingt vorderhand halbwegs vernünftig und rational; aber ob man dem Braten trauen kann, ob der dem Staat der Ukraine helfen kann oder helfen will, um republikanisch, demokratisch, europäisch und sozialstaatlich zu prosperieren, wird die Zeit erst zeigen.

Länder, in denen sogenannte „Oligarchen“ überproportionalen und durch nichts gerechtfertigten übermäßigen Einfluß haben, sind traurige Länder. Demokratie und Oligarchismus passen nicht zusammen. Das gleiche gilt für die Superreichen des Westens.



30. Mai 2014

In Tuttlingen ein Telephonat aus einer alten Telephonzelle am Bahnhof. Die Telephonzelle als Zeitreisemaschine. Kaum stehst du drin, hast du das Gefühl, in den Siebzigern zu sein.

In Sigmaringen, noch vormittags, im Gasthof Traube. Die Erwartung der Mittagstischgäste liegt in der Luft. Die jungen Bedienungen richten die Tischdecken her und unterhalten sich in gedämpftem Tonfall am Tresen. Daneben, am Stammtisch, sitzt ein alter zeitunglesender Mann und trinkt Bier.

In Beuron, unweit des Gasthofs Pelikan, blühen noch die Kastanien, allerdings ohne Glanz, schon stumpf, ein verdrießlicher Anblick. Pappeln pappeln leise im Wind. Nachts rufen Käuze.



31. Mai 2014

In Meßkirch: Martin Heideggers philosophisches Konzept scheint sich von seinem Elternhaus aus wie von selbst zu erschließen: Der Anblick geht direkt auf die steil wie eine Felswand aufragende, in weißem Putz blendende Martinskirche, dem Reich des Seins, und, etwas entfernt und nicht blendend, auf das Zimmersche Schloß, dem Reich des Seienden.

Unten im Gewinkel der Stadt am Café Brecht ein „Butterbrezele“ (so die junge Bedienung, ganz unheideggerisch fröhlich).

Mit dem Schiff von Konstanz nach Meersburg das Gefühl, in einer vollkommenen Welt gelandet zu sein. Weiße Segel überm Bodensee. Der Wind weht belebend. Jungs liegen am Hinterdeck in der Sonne, zarte Frauen promenieren.



Konstanz, 1. Juni 2014

In der Konzilsausstellung zeigen sie ein Textilfragment vom Mantel des Jan Hus.



Borkum, 6. Juni 2014

Das Kind sagt: „Ich bin ganz versalzen!“

Eine brasilianische Reisegruppe. Eine Schöne promeniert in Catwalk-Manier vor ihren Freunden auf und ab.



Borkum, 8. Juni 2014

In der Dünenlandschaft im Osten der Insel steigen tage- und nächtelange Techno-Partys. Ab und an kommen aus dem Unterholz ganz junge Menschen, die gerade eine Alkoholleiche tragen.

Der Strand Richtung Hörn gleicht schon einer metaphysischen Landschaft. Der flache Sandkeil fließt nahtlos ins Meer. Unweit des Strands sucht eine junge blonde Frau in blauem Kleid in sich versunken nach Muscheln.

Nach Westen ziehen sich Sandkliffs stundenlang hin, in deren Aufwind die Möwen endlos gleiten.

Vom Café Seeblick aus der Sonnenuntergang mit Seewindrädern.



Berlin, 12. Juni 2014

In Brasilien wird die Fußballweltmeisterschaft auf eine an Peinlichkeit nicht zu übertreffende Weise eröffnet - wann sagen sich die nationalen Verbände eigentlich von der korrupten selbstherrlichen „Familie“ namens FIFA los und gründen einen neuen Weltverband? Zugleich erreicht die interessierte Öffentlichkeit die Nachricht vom zu frühen Ableben des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher. Für das intellektuelle und öffentliche Leben besaß er eine herausgehobene Funktion: Er befeuerte den kritischen Diskurs über die digitale Weltrevolution und die Dystopie heutiger und zukünftiger Staatsrealitäten wie kaum ein zweiter - allein schon dadurch, daß er herausragend klugen Intellektuellen wie Constanze Kurz oder Evgeny Morovez ein Forum bot.



Hiddensee, 21. Juni 2014

Lektüre: Günter Grass' Roman „Ein weites Feld“, der unter anderem auf dieser Insel spielt. Nach wenigen Kapiteln ereilen einen düstere Stimmungen, wenig Freude bleibt - welch abstruse Handlungsführung, welche Figuren-Roboter, und die Sprache gravitätisch, gespreizt, spröde zäh. Die einzige lustige Stelle ist ein Zitat aus einem Brief von Fontane an seine Frau zum dreißigjährigen Jubiläum ihrer Ehe, die er „unseren ‚Dreißigjährigen Krieg'“ nennt.



Berlin, 25. Juni 2014

Die bärtigen Bürgerrechtler-Politiker der DDR-Wendezeit haben jetzt ihre unpolitischen Wiedergänger gefunden - in den bärtig-coolen Hipstern.



In die „Bild“-Zeitung möchte man nicht einmal einen Fisch einwickeln.



Welzheimer Wald, 30. Juni 2014

Ich betrachte den Regen. In die Stille des Bodens fällt er.



Im Murrtal, 3. Juli 2014

In der Zeitung wird notiert, daß Berthold Maria Schenk Graf von Stauffenberg seinen achtzigsten Geburtstag feiert. Daß der Sohn des Hitler-Attentäters hier lebt, macht nicht nur die hiesigen Dörfler stolz, sondern verschafft einem auch die Möglichkeit, mit der Geschichte ganz direkt-indirekt in Berührung zu kommen.



Im Murrtal, 4. Juli 2014

Priya Basil tritt für den Schutz der Freiheitsrechte ein, sie ist eine Art englische Juli Zeh.

Paradiesvögel - die letzten Exemplare aus dem Garten Eden. Menschen ohne Flügel und doch beflügelnd.



Im Murrtal, 8. Juli 2014

Die brasilianischen Fußballnationalspieler kommen hintereinander aufs Feld und legen jeweils die Hand auf die Schulter des Vordermanns - früher sind so die Sklaven gegangen.

22 Uhr Halbfinalspiel Brasilien versus Deutschland. Bizarres Match. Zwischen der 11. und 28. Minute erzielen Löws Auswahlkicker fünf Tore, noch in der 90. Minute führen sie 7:0, ehe den Zuckerhütlern noch ein Ehrentreffer gelingt, der in diesem Fall die Ehre kaum mehr rettet.

Auf der einen Seite spielt man Fußball, auf der anderen Seite macht man Krieg. Israel beschießt den Gaza-Streifen. Diese Angriffe mit zahlreichen zivilen Opfern sind moralisch nicht zu rechtfertigen.

Eine wichtige Erfindung des 20. Jahrhunderts, den Luftschutzbunker, gibt es im Gaza-Streifen offensichtlich nicht.



Heidelberg, 5. August 2014

Liebäugeln, eines der unersetzlichen deutschen Wörter.



Im Murrtal, 16. August 2014

Peter Scholl-Latour, der alte Haudegen, segnet das Zeitliche, 90 Jahre alt. Für ihn war die Weltgeschichte nichts anderes als ein fortdauerndes Stück Weltliteratur. Er wollte ein Teil dieser Weltliteratur sein. Das ist ihm gelungen.



Berlin, 19. August 2014

Ich denke an den Regenbogen, der gestern den Himmel erleuchtet hat. Ich denke an das Leben, dem die Anleitung durch den Regenbogen gut tut.



Berlin, 21. August 2014

Im Kino in Dominik Grafs „Die geliebten Schwestern“. Ein Film zum Durchweinen schön.



Sylt, 29. August 2014

Auf dem Parkplatz des „Sansibar“ stehen nur schwarze Autos, Mercedes, BMW, Audi, VW. Die Gäste sind eher schick gekleidet, eher kommod bis sehr kommod verdienende Vertreter einer Endverbraucher-Mittelmäßigkeitsklasse.

Später im Norden an der Bambus-Bar mit der coolen, in Ehren ergrauten Jugend der Dünen.



13. September 2014

Leben in der Sowjetunion der Überwachungskameras.

Auch in der Neuen Nationalgalerie in Berlin hängen jetzt diese Stierhodenkameras an den Decken.



Berlin, 30. September 2014

Dit is Berlin, wa. Auf dem Gehsteig kommt dir eine nicht mehr ganz junge Frau mit umgehängter Yoga-Matte und einer geöffneten Flasche Bier in der Hand entgegen.

Die Opernsängerin veröffentlichte ihre Autobiographie unter dem Titel: Abgesang.



Berlin, 7.-9. November 2014

Feierlichkeiten zum 25jährigen Mauerfalljubiläum. Als Gorbatschow am Checkpoint Charlie auftaucht, gibt es aus der Menschenmenge heraus nur vereinzelt Begeisterungsrufe für ihn, ansonsten auffälliges Schweigen. Jeder hat noch seine kürzlich geäußerten Worte im Ohr, mit denen er Putins Politik verteidigt hat. Es ist ein anderer Gorbatschow als in den achtziger Jahren. Mit diesem verbindet einen nichts mehr.

Drei Tage nur Fest, nur Feier, nur Freude. Es ist, als wäre halb Europa in Berlin. Ganze Völkerschaften spazieren entlang des ehemaligen Mauerverlaufs, an den eine Reihe von weißen Ballonen erinnert.



Berlin, 13. November 2014

„Citizenfour“, Laura Poitras' Dokumentarfilm über Edward Snowden und die Enthüllung des NSA-Massenüberwachungsskandals. Der Film zeigt faszinierende Einblicke in die Tage im Hotel in Hongkong, bevor die Enthüllungsbombe hochgeht. Eigentlich kann man die ganze Geschichte immer noch nicht glauben, hält man sie eher für Science-fiction als für Realität. Doch es ist Realität. Entsprechend ausweglos verläßt man das Kino und ist versucht, erstmal die nächste Weinbar anzusteuern.



Berlin, 23. November 2014

In welcher Kleidung werden verstorbene Clowns in den Sarg gelegt? In ihrer heiteren Kluft? Das wäre dem Ernst der Lage angemessen.



Berlin, 5. Dezember 2014

Die Erzählung hinsichtlich der deutschen Vereinigung 1990 besagte lange, daß die seinerzeit neuen deutschen Länder das westliche System mehr oder weniger übergezogen bekommen hätten. Nach fünfundzwanzig Jahren scheint es mittlerweile und ironischerweise vielmehr so, als würde die BRD schleichend sozialisiert. Der Gedanke der Freiheit spielt immer weniger eine Rolle - der politischen, der sozialen, der individuellen, der unternehmerischen Freiheit. Unfreiheitliche Elemente wie Politische Korrektheits-Sprachzwänge, Umverteilungsideologien etc. gewinnen an Gewicht. Noch nie so sehr wie heute wäre das Eintreten für Freiheit die wichtigste Aufgabe von Politikern und Bürgern.



Venedig, 7. Dezember 2014

Wenn Tauben nur singen könnten! Aber sie gurren nur. Vielleicht zum Glück.

Europa, das Pompeji der Zukunft.



Venedig, 13. Dezember 2014

Eine Todesanzeige meldet, Otto Pöggeler sei gestorben: 12.12.1928 bis 10.12.2014. Ein Leben als Philosoph führte er, bekannt ist und bleibt er wohl vielen als Verfasser eines Jugendwerks - „Der Denkweg Martin Heideggers“.

Soll man sich selbst duzen oder siezen? Ich tendiere dazu, mich zu siezen.

Miss Kenichi (Katrin Hahner) und ihr drittes Album: The Trail. Das Dasein wird gerechtfertigt allein durch solche Musik.



Berlin, 17. Dezember 2014

Lese spät abends, nahezu alleine in der Philologischen Bibliothek der Freien Universität, in der Oxforder Ausgabe von Aristoteles' Ethica Eudemia, herausgegeben von Richard Rudolf Walzer, einem rechtzeitig geflohenen deutschen Juden.



Bahnhof Crailsheim, 21. Dezember 2014

Im Regen auf einem tristen Bahnsteig sagen die Leute, die mit den Medien der Welt verbunden sind, Udo Jürgens sei gestorben. Wir alle werden einmal gestorben sein. Lebend, schaut man eine Zeitlang anderen beim Sterben zu, bevor man ihnen nachfolgt. Selbst Originalgenies sind am Ende nur Epigonen.

„Mitten im Leben“ (Tourneetitel von U.J.) sind wir vom Tod umfangen (Notker I./Rilke).



Bönnigheim, 22. Dezember 2014

„Zigarette?“ - Auch wenn man nicht raucht, rührt einen diese Frage. Es ist, als wäre man in einem Film mit Humphrey Bogart gelandet.

Wintersonnwende. Sensationeller Sonnenuntergang mit purpurroten Farben („sensationell“ - ansonsten nie zu gebrauchen, hier in jedem Sinn am Platz).



Norderney, 25. Dezember 2014

Im Fernsehen die Ansprache des deutschen Bundespräsidenten Joe Gauck. Idyllischer Pfaffengesang.

Optimisten gehen in die Kirche der Dialektik. Sie glauben, daß die Reihe der düsteren Nachrichten einst umschlägt und eine Epoche einer neuen Aufklärung initiiert. Die Rückeroberung der Demokratie, der Republik bei gleichzeitiger Entfaltung einer weitgehend finanz- und monopolkapitalismusfreien sozialen und ökologischen Unternehmermarktwirtschaft.



Moskau, 30. Dezember 2014

Beim Umsteigen auf dem Moskauer Flughafen das Gefühl, in meiner Heimat nicht mehr zuhause zu sein, zumindest nicht in dieser monströsen, mörderischen Stadt. Und andererseits der Gedanke, daß hier irgendwo Edward Snowden mit seiner Freundin wohnt, halbwegs geschützt, halbwegs friedlich. Und das ausgerechnet dank Putins Gnaden. Faktisch ist der Mensch ein bösartiges Raubtier. Trotzdem müssen alle, die es können, daran arbeiten, daß der Anteil der Vernunft in diesem Tier sensorisches Terrain gewinnt. Aufklärung des Menschen ist ein Projekt für Jahrtausende.



Perm, 31. Dezember 2014

Im Ural fühle ich mich heimisch, hier bin ich zuhause. Der Ural erinnert an eine andere Zeitrechnung, in der die Menschheit nur eine vorübergehende Erscheinung sein wird.

Für mich ist ein sinnvolles Leben nur vorstellbar als Künstler. Und bestünde die Kunst allein darin, die fliegenden Wolken auf den Augäpfeln zu spiegeln.



Perm, 1. Januar 2015

Aggiornamento!

Werde dem Tag gerecht - und dem neuen Jahr.



Perm, 5. Januar 2015

Langer Gang übers Land. Der Schnee verwintert die Augen.

Abends ein Aperçu von Sonya. Wodka sei die Sauna der russischen Seele.



Perm, 7. Januar 2015

Während die Familie lesend beim Weihnachtskaffee sitzt und vor den Fenstern die Schneeflöckchen fallen, melden die Nachrichten eine Schießerei in einer Pariser Zeitungsredaktion. Es gebe Verletzte. Als Sonya zu näherer Auskunft im Netz Le Monde aufruft, erfährt man, es gebe einen Toten. Wenig später ist von Toten die Rede. Auch der Name der Zeitung wird genannt: Charlie Hebdo.

CH ist seit Jahren im Visier blindgläubiger Milieu-Moslems. Damit wird deutlich, daß es sich bei der Schießerei um einen Anschlag handelt.

Eine weitere Meldung spricht von einem „Massaker“, was man zunächst allein schon wegen der Wortwahl für fragwürdig halten mag. Wir knipsen den Fernseher an. Plötzlich ist von zehn, dann von elf, schließlich von zwölf Toten die Rede.

Das Ganze ist, wie all die anderen Anschläge auch, eine debile Tat, in diesem Fall die konkrete Ermordung der berühmtesten Satiriker Frankreichs. Durch die große Medienaufmachung wird der Mord auch zu einem wirklichen wie symbolischen Anschlag auf die Pressefreiheit - überhaupt auf die Freiheit des selbständigen Menschen.

Obschon man Weihnachten feiert, bleibt man aufgrund eines perversen Magnetismus an den Sondersendungen zu diesem Ereignis kleben. Es ist bei aller schweren Faßbarkeit dieser Morde doch erstaunlich, mit welcher Gewißheit etliche Politiker sogleich und wiederholt behaupten, „Islamisten“ hätten nichts mit dem Islam zu tun. Als wäre dies die wichtigste Lehre, die aus diesem Pariser Trauerspiel als erstes zu ziehen wäre.

In Paris strömen am Abend auf der Place de la république Menschenmassen zu einer Solidaritätsversammlung zusammen unter der Losung: Je suis Charlie. Ein Sturm auf die Terrorbastille.



Perm, 8. Januar 2015

Aus Berlin schreibt Emilia, daß die B.Z., das Springer-Boulevardblatt, ihre heutige Ausgabe in die Charlie-Hebdo-Karikaturen eingemantelt habe. Auch der Berliner Kurier trumpfe mit einer beachtlichen Geste auf: auf dem Titelbild plansche eine dem Anschein nach moslemische Figur, angeblich Mohammed, in einer blutvollen Badewanne und halte eine Ausgabe des Charlie Hebdo in Händen, auf deren Titelblatt wiederum ein identischer angeblicher Mohammed abgebildet werde. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hingegen enttäusche auf nicht begreifliche Weise: sie bringe ein Straßenszenenbild, auf welchem die beiden Attentäter beim Schießen zu sehen seien - Titelhelden made by FAZ.

Noch schlimmer aber seien Süddeutsche Zeitung und Die Zeit, die anscheinend auf ganzer Linie versagen.

Am schlimmsten jedoch sehe es im angelsächsischen und im us-amerikanischen Bereich aus. Die dortigen Journalisten köpften sich im vorauseilenden Gehorsam selbst und zeigten etwa eine Photographie des ermordeten Chefredakteurs Chab, wie dieser eine Ausgabe des CH in die Kamera hält, verblenden aber die auf dem CH-Titelblatt abgebildete Mohammed-Karikatur.

Es sind zwei Anschläge zu notieren: Den der Terroristen und den eines nicht unbeträchtlichen Teils der westlichen Medien auf sich selbst. Letzterer ist on the long run der fatalere.



Perm, 9. Januar 2015

Das Pariser Anschlagsdrama endet. Die beiden Attentäter werden von der Polizei getötet, auch ein dritter im Bunde erfährt dieses Los. Zuvor ermordete dieser in einem jüdischen Supermarkt vier arglose Kunden sowie am gestrigen Tag eine ebensolche Polizistin. Siebzehn unschuldige Menschen, deren Leben vorzeitig gewaltsam beendet wurde. Vorsicht vor freilaufenden Hunden. Vorsicht vor umherirrenden Amokläufern.



Perm, 11. Januar 2015

Historisch beispiellose Trauerkundgebung in Paris und in ganz Frankreich, ein „Republikanischer Marsch“ von der Place de la république zur Place de la nation. Solche Plätze muß eine Stadt haben.

Das ganze Volk, auch etliche besonnengläubige Moslems, versichert sich der republikanischen Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, indem es sich für diese versammelt und deren Wirksamkeit gewissermaßen mit den Füßen gültig stempelt.

Emilias Mutter, Marianne, seit den Tagen des Pariser Mai 1968 nicht mehr auf einer Demonstration, ist vorne mit dabei und gibt einem französischen Fernsehsender ein langes Live-Interview.



Perm, 12. Februar 2015

Die Nachrichten berichten über das letztnächtliche „Gipfeltreffen“ in Minsk, wo Ukraines Poroschenko, unser „Diktatorchen“ Putin, Frankreichs Hollande und die deutsche Pfarrerstochter Angela Merkel über den russischen Camouflagefeldzug im Osten der Ukraine und einen möglichen Waffenstillstand konferierten. Erzielt wurde ein Abkommen, welches dem Papier nach dem Osten der Ukraine große Autonomie zuschanzt und ihn zugleich weiter als Teil der Ukraine vorsieht.

Man gewährt damit Putin zuviel Macht und Einfluß. Eigentlich müßte man sagen: Rußland soll sich von der Krim zurückziehen und sich aus der Ukraine raushalten - also sich normal gemäß dem Völkergesetz verhalten und keine präpotent-impotenten Killerspiele veranstalten. Stattdessen überläßt man dem Gewaltzyniker Geländegewinne.

Offensichtlich entwickelt der Westen keine klare Strategie.

Dieser Tage reiste Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nach Schweden, sein erster Staatsbesuch in einem EU-Land. Schweden hat Palästina letzten Herbst als Staat anerkannt. Bravo.



Berlin, 20. Februar 2015

Nun, da die Faschingszeit vorüber ist, kann man nach Deutschland zurückkehren.

Botho Strauß' „Herkunft“: ein autobiographisches Buch, in dem der Autor seiner Kindheit in Bad Ems und seinen traurig-tragischen Eltern nachsinnt. Epische Dichte, die zu erinnerter Weite führt.

Auf ein Glas Limonade im Schankraum des „Wilhelm Hoekh“ in der Wilmersdorferstraße. Quarzendes Publikum. Altes, kaputtes Bürgertum. Alte Bundesrepublik, altes West-Berlin. Hier hat sich durch den Mauerfall gar nüscht verändert. Es ist die gute alte Zeit, die hier rauchgeschwängert stinkt. Das dunkelbraune Holzmobiliar reicht zurück, scheint es, bis zu Kaisers Zeiten.



Berlin, 28. Februar 2015

In Moskau unweit des Kreml wurde gestern abend der Oppositionspolitiker Boris Nemzow erschossen. Ermordet. Rußland liebt es, die Stimmung in seinen großen Romanen in die kleine Wirklichkeit zu übersetzen. Ein heutiger Michail Bulgakow bräuchte eine neue Version von „Der Meister und Margarita“ gar nicht mehr schreiben, das Panorama der Wirklichkeit ersetzt jede Lektüre vollauf.



Kaliningrad, 8. März 2015

Im kleinen Kreis führt Leos Carax seinen neuen Spielfilm vor: „Kants Kritik der reinen Vernunft“, mit Johnny Depp als Kants Erscheinung und Henriette Confurius als reine Vernunft. Der Film spielt hier in Kaliningrad, das allerdings auf Initiative der reinen Vernunft in Kantberg umbenannt wird. Kants Grab, an dem sich die jungen Hochzeitspaare photographieren lassen, wird zur Geburtsstätte der sich verjüngenden, alten Stadt.



Hamburg, 9. März 2015

Auf einem der Trambahnhallendächer von Eppendorf im frisch belebenden Morgenwind lange in der hell massierenden glänzenden Sonne. Ganz stark ist das Bedürfnis, jetzt ein Gebet an die Sonne zu richten. Es ist ein Bedürfnis, dem nichts weiter folgt.

Manchmal gleicht die Liebe einer zunächst unauffälligen Inobhutnahme.

Zum Sonnenuntergang ein Holstenbier auf der Elbplattform des „Engel“ auf der Teufelsbrück. Das geistige Wachsen dauere das gesamte Leben über an.



Im Zug zwischen Mannheim und Stuttgart, 11. März 2015

Tunnelfahrten sind ein Erlebnis der Sinnlosigkeit.

An einem Waldsaum steht ein Polstersessel, augenblicklich leer. Vielleicht sitzt nachmittags einer drin, schmaucht Pfeife und liest Anna Katharina Hahn.



Leipzig, 12. März 2015

Paradoxer Plausch mit Hans Ulrich Obrist, der nicht mehr liest, dafür schon eine Legende ist. Sein uralter running gag, daß er jeden Tag ein Buch kaufe, hört sich immer noch gut an. Warum eigentlich? Es steckt darin ein Widerhaken, die Unterstellung, es könne schon allein der Kauf den Käufer mit dem Inhalt des Buches in Berührung bringen, als wäre sein Erwerb eine magische Praxis. Über Jahre hin hat er, als junger Mann, in seiner nie benützten Schweizer Küche Bücher abgelegt, die sich so in eine Bibliothek verwandelte. Eine alltägliche Handlung und doch eine Metamorphosenkunst.



Potsdam, 13. März 2015

Im 18. Jahrhundert war die Gartengestaltung noch von feiner englischer Sitte geprägt. Siehe die typischen pleasure grounds und bowling greens in deutschen Parks. Das wäre heute nicht mehr vorstellbar. England ist heute eher das Modell für einen failing state.

Berufswunsch des Kindes: Lichtschlucker auf einem Jahrmarkt.



Norderney, 19. März 2015

Laut Kardinal Kasper wolle Papst Franziskus eine „Revolution der Zärtlichkeit und der Liebe“ anzetteln. Angesichts des Attentats auf Charlie Hebdo meinte der Brückenbauer, daß, wer seine Mutter beleidige, seine Faust zu spüren bekomme. Ist das die „Revolution der Zärtlichkeit und der Liebe“?

In der Milchbar der feine Sand, den die Gäste mit hereintragen und der unscheinbar über den Boden saust.

Norderney-Stadt: eine gebaute Depression.

Ganz aus Humor besteht vielleicht nur der Mensch, der auch humorvoll zu träumen versteht.



Norderney, 22. März 2015

Gesammelte Regenfälle (Titel einer Autobiographie).

Wer in Niedersachsen ausgehen will, fährt nach Norderney.

Die maracujagelbe Sonne schwebt langsam dem ungewöhnlich ruhigen Meer entgegen und vereint sich mit ihrem Spiegelbild. Die Küste scheint vor Stille ergriffen, selbst die Möwen wohnen von der Buhne aus der Szene schweigend bei.



Norderney, 28. März 2015

Am Strand läßt eine gewisse Henriette Heine aus Düsseldorf einen Lenkdrachen steigen und strahlt über das ganze Gesicht. Am Flutsaum liegt ein toter Seehund, an dem sich zwei Raben zu schaffen machen. Abends weht beleuchteter Regen an die Scheiben der Milchbar, tausende von Schatten flimmern an der Decke. Henriette meint, es sei auch ein Unglück, glücklich zu sein.

Dinos Pizzabäcker verfolgen am Fernseher eine der belanglosen italienischen Spieleshows; die Pizzen liegen in einem Ofen der Marke „Michelangelo“. Unwillkürlich fragt man sich, ob das alles ist, was heute von Michelangelo und der großen italienischen Kultur übrig geblieben ist - Spieleshows und ein Pizzaofen.

Resilienz: die Fähigkeit, dem Blödsinn der Welt zu widerstehen, komme der als tieferer oder höherer daher.



Weimar, 19. April 2015

Angesichts der Cranach-Bilder im Schiller-Museum wird dir bewußt: Gesetz und Liebe - diese zwei Worte sollen dein Leben leiten. Und als drittes im Bund gesellt sich Freiheit dazu.



Brandenburg an der Havel, 21. April 2015

Eine Gruppe in Funktionssportkleidung gewandeter Jogger überquert im sonnigen Abendlicht die Jahrtausendbrücke: eine unfreiwillige Hommage an Loriot, den größten Sohn dieser mystischen Stadt.



Heidelberg, 27. April 2015

Diese üppige aufblühende, aufgrünende Natur. Die Stadt ein lebendiger Landschaftsmythos. Wie kissenhaft die Berge links und rechts des Neckars wallen und glänzen, wie aus dunstig-zarter Ferne der Odenwald in die Ebene scheint, wie elegant und bescheiden-achtlos die Gebirgszüge der Bergstraße sich wogenlieb öffnen.



Spiekeroog, 28. April 2015

Auf der Fähre von Neuharlingersiel nach Spiekeroog treffe ich zufällig Henriette Heine aus Düsseldorf wieder. Sie ankert schlafend im Unteren Salon zwischen den ostfriesischen Arbeitern aus Schrot und Korn.

Später an Deck sagt sie in ihrer typischen heiteren Art: „Im Leben kommt alles aufs Übersetzen an.“ Sie listet die unterschiedlichen Verwendungen auf. Etwa die Übersetzung beim Fahrrad oder jene in Uhren, in denen die Energie in Richtung Gangregler übersetzt werde. Auch das Essen übersetze der Organismus in leiblich-geistige Energie. Und alles, was einem begegnet, übersetze man in Vorurteile oder, mit etwas Glück, in Einfälle und Einsichten. Der Mensch sei ein Übersetzer, der Übersetzer par excellence. Ständig übersetze er das Unverständliche ins Verständliche. Überhaupt sei das ganze Leben nichts anderes als eine einzige große Übersetzung. „Vom Ufer des Nichts setzt du ans Ufer der Ewigkeit über.“



Spiekeroog, 1. Mai 2015

Gestern abend das Maibaumaufstellen auf dem Dorfplatz, während zugleich die Musik eines maximalen Wolkenbruchs zur Aufführung kommt. Zuvor erfolgte, noch im Trockenen, von Dorftür zu Dorftür, der bunt hüpfende Kinderzug mit dem Kindermaibaum und dem jungvögelhaften Krähen von Frühlingsliedern.

Vielleicht lag es am Wolkenbruch, jedenfalls haben die jungen Leute des Maibaumteams den Baum schief aufgestellt. Wenn man sie daraufhin anspricht, geben sie zu, daß er schief steht, meinen aber, daß man nichts mehr dagegen tun könne. Aus der unerschütterlichen Art, wie sie das sagen, läßt sich der Schluß ziehen, daß die Philosophiegeschichte um das Phänomen einer friesischen Stoa erweitert werden sollte.



Berlin, 6. Mai 2015

Am Savignyplatz leuchtet der weiße Flieder in großen Büschen so höhepünktlich schön, daß einem fast schlecht wird.

Endlich einmal Christian Krachts Roman „Faserland“ aus dem Jahr 1995 gelesen. Dessen Ich-Erzähler ist eine Art Holden Caulfield der Mittzwanziger, ein Mensch mit Sehnsucht nach dem „wahren Leben im falschen“, ein Leben, das sich über ein heuchlerisch-oberflächliches und affektiert-zynisches Null-Dasein erhebt. Die große Karriere des Romans beweist, daß man auch heute noch mit tiefromantischer Literatur einen Treffer landen kann.



Potsdam, 9. Mai 2015

Im Flur der WG-Wohnung von Solveig grüßt einen ein lächelnder Stalin vom Plakat herab. Warum hängt man ein solches Plakat auf? Ich weiß es nicht und will es nicht wissen. Aber sollte ich doch darauf antworten, würde ich sagen, entweder, weil man es ernst meint, also weil man Stalin für eine Leuchte der Menschheit hält, die es allemal verdient, jeden Tag vor Verlassen der Wohnung gegrüßt zu werden (das halte ich in diesem Fall für unwahrscheinlich). Oder, weil man das Aufhängen eines solchen Plakats in irgendeiner Form für eine ironische Geste hält, mit der sich etwa bei den Besuchern der Wohnung punkten läßt. Man stelle sich vor, man hätte dort statt Stalin Herrn Hitler hängen, die Interpretationslage wäre eine andere; man würde sich das nicht unbedingt getrauen. Aber warum eigentlich? Es sind doch beide, je in ihrer unterschiedlichen Form, scheußliche Menschen gewesen.

Wie auch immer, ich gestehe, diese Wohnung ist für mich fortan Tabu. Ich möchte nicht unter den Augen von Stalin promenieren, genauso wenig wie ich unter den Augen irgendwelcher Überwachungskameras stehen und gehen möchte (und letzterer Punkt macht den freisinnigen Aufenthalt im öffentlichen Raum immer schwieriger).



Berlin, 12. Mai 2015

Es ist heiß und schwül, im Tiergarten stehen die Rabenkrähen keuchend mit offenen Schnäbeln mitten auf dem Weg und bewegen sich keinen Zentimeter fort.



Berlin, 18. Mai 2015

Ab und an geht ein Windstoß ganz sanft über die Blätternoten der Linde, eine grün schillernde Melodie. Aus der Höhe mischt sich das Sirren einer Schwalbe dazu, das bekannte Zeichen eines heraufziehenden horizontlosen Sommers.

Auf arte läuft Viscontis „Tod in Venedig“, und die paar Minuten, die ich dabeibleibe, stellt sich zu meiner Überraschung das Gefühl ein, es handle sich im Grunde um einen schlechten, peinlichen, auch heuchlerischen Film. Mahlers Musik wird hier nur als Stimmungsdrüsenfunktion mißbraucht (der Vorwurf geht auch an Lars von Triers schamlosen Wagner-Einsatz in „Melancholia“). Auch wirkt der Film in seinen Kostümen und Kulissen so staubig wie zerschossene Bühnenteppiche, wie schadhafte Kostümverleihklamotten. Die siebziger Jahre, die man dem Film ansieht, auch wenn er zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt, wirken jetzt wie eine längst versunkene Epoche. Der Film ist nicht gut gealtert. Dagegen werden Fassbinders rotzig mißgelaunte Penis-und-sonstige-Geschichten-Filme, obschon zum Großteil auch den Siebzigern verhaftet, immer jünger und strahlen in geradezu jungfräulichem Glanz.



Berlin, 20. Mai 2015

Die Nachbarin von Solveig heißt Ilsebill Knatschbull. Manche Namen muß man einfach aufschreiben.

Die Vogelwissenschaftler rätseln immer noch über Details im Leben des Brütparasiten Kuckuck. Feine Sitten jedenfalls kennt schon der kleinste Kuckuck nicht: kaum ist er aus seinem Ei geschlüpft, bugsiert er als erstes die anderen Eier der Wirtsvögel aus dem Nest, um anschließend ganz alleine die Sorge der betrogenen Eltern zu genießen.

Es ist immer noch unklar, wie und wann man einen gefaßten Entschluß in die Tat umsetzt. Vor Wochen, ja eigentlich Monaten schon etwa habe ich beschlossen, daß die Fenster meiner Wohnung dringend wieder geputzt werden müßten. Nur folgte diesem Beschluß keine Tat. Wie also geschah es, daß ich mich ausgerechnet heute dazu durchrang, den Fensterlappen in die Hand zu nehmen? Ich fürchte, daß dies ein ungelöstes Rätsel der Menschheit bleiben wird.



Berlin, 23. Mai 2015

Jamal Joseph, us-amerikanischer Black Panther und Filmemacher, sagt in der FAZ, daß in den US-Gefängnissen zwei Millionen Menschen einsäßen, davon die Hälfte „Schwarze“ - „also mehr Inhaftierte, als es in der Blütezeit der Sklaverei Sklaven gab“. Im übrigen floriere die Gefängnisindustrie: „Hier ist eine Sklavenmentalität am Werk: Schwarze existieren nur, um sie einzuschließen und Profit aus ihnen zu ziehen. Wir lassen sie für zwanzig Cent pro Stunde arbeiten. Technologie- und Telephonunternehmen machen enormen Gewinn mit diesem Modell“. Wenn das so stimmt, was Joseph sagt, dann muß man daraus fast den Schluß ziehen, daß das Plantagenausbeutungssystem des 19. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert auf einem anderen „Feld“ auf legale Weise fortexistiert.

Einen Song schreiben, der allein aus Echos besteht.



Premnitz, 23. Mai 2015

Das Silberweidenlicht am Havelufer.

Augenfarbe aus Lust und Lyrik, aus Wiesenträumen.



Zwischen Berlin und Frankfurt, 12. Juni 2015

Draußen flirrt die Landschaft, große Cumuluswolken stehen in weißseidenem Glanz gleich erhabenen Statuen am Himmel.

Blühende Korn- und Mohnblumenfelder wogen, ruhig liegt das Land, Himmel auf der Erde; Wassersterne glänzen in den Augen des träumenden Kinds.



Karlsruhe, 13. Juni 2015

Gepflegte Damen über fünfzig, die auf Reisen gerne Kaugummi kauen.

Männer, die sommers in ihren Luxusschlitten an Eisdielen vorfahren.



Berlin, 15. Juni 2015

Wehmut, Kraft, Humor - bisweilen genügen drei Worte, und man schwebt im Tag. Aber fehlt nicht ein weiteres Wort - Liebe? Und noch ein weiteres - Frieden? Und noch ein weiteres - Freiheit?

Ihm stieß ihr Apfelhumor sauer auf. Ihre Kirschenliebe tat ihm gut. Ihre Erdbeernähe jagte ihm Schauder über den Rücken. Am Anfang war der Blick. Am Ende der Kuß. Dazwischen der Abgrund.

„Wolfserwartungsland“ - die deutschen Behörden haben ihren Sinn für amtliche Kanzleilyrik noch nicht ganz verloren.

Am Himmel die Sterne hell, Katzen der Nacht, Gräser stillen dich.



Berlin, 17. Juni 2015

Gestern im Philosophischen Garten im Literaturhaus der dichte, dichterische Vortrag von Corinna Löckenhoff über die „Psychologie der Zeitwahrnehmung im Laufe des Älterwerdens“. Weil sie seit fünfzehn Jahren ausschließlich auf Englisch Vorträge hält, entschuldigt sie sich im voraus, falls sie einmal „nach Worten rudere“. Nach Worten rudern - schon allein wegen dieses einen Ausdrucks hätte sich der Besuch des splendiden Vortrags gelohnt.



Im Eurocityzug Berlin - Stralsund, 21. Juni 2015

Zug fahren in seiner elegant epischen Dimension ist in Deutschland nur mehr in den tschechischen und ungarischen Fernzügen möglich, hier finden sich noch regelrechte Speisewagen mit befrackten Kellnern und weißbemützten Köchen. Der Kellner hat sein Handwerk von der Pieke auf gelernt und kann mit dem Wort Berufsehre etwas anfangen.

Der beachtliche, fast kristalline Wasserschwall aus dem Hahn des Handwaschbeckens auf der Zugtoilette. Ein Gebirgsbachwasserfall kann kaum edler und munterer sprudeln und fallen. Darunter öffnet sich eine tief ausgehöhlte, sanft empfangende Ausgußgrotte aus Silberstahl, die den Händen freizügig Raum zum Waschen läßt. Wie viel bequemer und menschenwürdiger dieses Wasserspiel doch ist als jene ästhetisch infamen Vorrichtungen in den engen deutschen Zugaustrittskabuffs.

Das Wort Lokschuppen - die Poesie des 19. Jahrhunderts schwingt darin mit.

In der Zeitung die Erinnerungsanzeige für „Lt. Werner Bachmann“, geboren in Kattowitz, Oberschlesien, 1914, gefallen in Col de Schlucht, Elsaß, 1940. Geburt und Tod in historischen Landschaften.

Vor einigen Tagen ist Pierre Brice verstorben, 86 Jahre alt. Warum berührt diese Nachricht vergleichsweise wenig? Vielleicht, weil Winnetou schon vor vielen Jahren gestorben ist.

Ob man will oder nicht, letztlich ist jeder Mensch ein Freak.

In den Tagen Ende Juni nimmt das Leben das Muster des zeitlosen Fließens an und gewinnt die Maserung der Sonnenlinien, die auf dem Wasser eines Pools reflektieren und ihren Betrachter saumselig beeinflussen und fernwärts verschweben lassen.



Stuttgart, 25. Juni 2015

KÜRZESTES GEDICHT EINES EUROPÄERS

ich

ach



Karlsruhe, 3. Juli 2015

Morgen ist in den USA wieder unfreiwillig ironischer „Unabhängigkeitstag“. Jeder Tag sollte ganz ohne Ironie dein Unabhängigkeitstag sein.

Man stimmt nur dann mit sich überein, wenn man sich auch widersprechen kann. Widersprich dir, um ganz bei dir zu sein.

Sehnsucht in den Augen ist der Ausdruck für die Wachheit eines Menschen, oder nicht?



Berlin, 7. Juli 2015

Vor den Fenstern bricht ein schiefergraues Gewitter vom Himmel.



Karlsruhe, 17. Juli 2015

Draußen, in der betäubenden Hitze, wuchern Wolkentürme in den Himmel, während man im gekühlten Hotelzimmer Albert Camus auf seiner Reise durch die Vereinigten Staaten folgt, Frühjahr 1946. Im Tagebuch berichtet er von einer Fahrt nach East Orange, New Jersey, und dem Besuch einer öffentlichen Bücherei: „Ich sehe im Zettelkatalog nach, was es an Philosophie gibt: W. James, und das ist alles.“ In der Tat ist dies nicht viel und doch weit mehr als nichts.



Wartburg, 19. Juli 2015

Wann in der Geschichte der Menschheit bildete sich die erste Warteschlange? Anläßlich der Cranach-Ausstellung hat sich eine gebildet, und wo, wenn nicht hier, stellt sich die Frage wie von selbst?

Die Üblichkeiten, die aus dem Üben entstehen. Selbst das Warten kann man üben.

Das Leben eine Bruchbude, eine Zwischenunterkunft zwischen den Burgen der Ewigkeit. Asyl im Leben wird nur vorübergehend gewährt.



Auf dem Ebersberg, 26. August 2015

Was zu einem Gespräch, nach Odo Marquard, dem herrlichen, weil freien Philosophen, gehört: „Mitsein als Mitleiden; einander auch ohne ein Wort verstehen; miteinander lachen, miteinander weinen; miteinander schweigen; miteinander schlafen; miteinander auf den Tod warten; miteinander Pferde stehlen können (...)“ (Odo Marquard: Das Über-Wir. Bemerkungen zur Diskursethik, in: ders.: Individuum und Gewaltenteilung. Philosophische Studien, Stuttgart 2004, S. 63).

Und der in diesem Frühjahr heimgegangene fügt hinzu: „‚philosophical talk is only a small talk'; denn ‚seit ein Gespräch wir sind', sind wir nicht nur ein Gespräch, vor allem kein absolutes [diskursethisches, M.P.].“



Berlin, 31. August 2015

Thilo Sarrazin: „Deutschland schafft sich ab.“

Angela Merkel: „Wir schaffen das.“



Damaskus, 3. September 2015

Frankreichs Schulministerin, Madame Najat Valland-Belkacem, hat für das neue Schuljahr zum „Kampf gegen die Langeweile“ aufgerufen. Dabei ist die Langeweile eine der letzten widerstehenden Inseln im Meer einer berechnenden, nach Zwecken und Funktionen ausgerichteten Weltideologie. Wo, wenn nicht auf dieser Insel, und noch auf den Inseln der Liebe und der Poesie, kommen Menschen, und erst recht Kinder und Jugendliche, überhaupt zu sich?

In eine Wohnung eine Treppe einbauen, die an der Wand endet und zu nichts führt.



Palmyra, 7. September 2015

Stille in Ruinen von Ruinen.

Der Unsinn ist schwerer zu ertragen als die Sinnlosigkeit. Die Sinnlosigkeit hat Potenz und stiftet zur Freiheit an. Die Unsinnigkeit ist lähmend und entzieht dem Leben den Impuls zur Freiheit.



Juist, 11. September 2015

Worauf pocht dein Herz? Auf die Liebe, natürlich, worauf sonst?

Am Strand in der Sonne lustwandeln und das Wort lustwandeln hochhalten.



Juist, 17. September 2015

Im Regen am Strand sein und dem Leben gegenüber Langmut üben.

Serendipità: das glückliche Zusammentreffen von einem günstigen Zufall und dem Talent, auch etwas daraus zu machen.



Juist, 19. September 2015

Im stillen, knorrigen Dünenwäldchen westlich des glitzernden Hammersees verlierst du die Orientierung. Von der Aussichtsdüne aus wandert der Blick im Kreis, und das hohe Dünengras blinkt in goldsilbernem Schleierlicht.



Juist, 21. September 2015

Morgens nach dem Frühstück über den Ginsterpad an den Strand. Dort dem Meer gegenüber postiert, schreibe ich einen Brief und streue Prisen Sand, Muscheln, Blumen und eine Feder hinein. Nach dem zeiterfüllenden Schreiben ein Gang am zeitlosen Saum des Meeres. Es ist Ebbe, und ich wate nackten Fußes durch ablaufende Priele.



Tabgha, 23. September 2015

Ich komme über den Namen dieses Bauwerks nicht hinweg: Brotvermehrungskirche. Jüdische Rechtsextremisten haben kürzlich einen Anschlag auf sie verübt.

Zarte Lichtflocken in den Träumen der Liebe und Gesang aus Lust.



Hiddensee, 26. September 2015

Nachmittags Sonnenfahrt im Bistro des IC von Berlin nach Stralsund bei geöffnetem Schiebefenster. Ein Hoch auf dieses Fenster und auf die Bistromitarbeiterin, die es nicht schließt, sondern auch immer wieder besucht, um ihr Gesicht in den Fahrtwind zu heben.

Wiederkehrend die Ortsnamenpoesie: Pasewalk, Anklam, Greifswald.

17.35 Uhr Überfahrt mit der Hansestadt Stralsund nach Hiddensee. Der Kapitän lädt zum „Restaurationskiosk“ ein, wo eine „Stewardeß“ entsprechend zugange sei.

Langsam sinkt die Sonne gen Horizont, und ein Schwarm Kraniche überquert in niedriger Höhe das Schiff. Ihre hohen Sehnsuchtsschreie gehen durch Mark und Bein.

Über Hiddensee geht die Sonne mit farblichen Pauken und Trompeten unter, während über Rügen der Mond plötzlich da ist, lautlos schwebend.



Hiddensee, 27. September 2015

Am Strand Familiengruppen und einzelne, in sich versunkene Menschen.

Heute finden Sonnenuntergang und Vollmondaufgang zur gleichen Zeit statt, kurz vor 19 Uhr. Ich weile auf einem Dünenübergang und beobachte beide.

Auf einer großen Wiese zwischen Kirchweg und Weißem Weg reitet eine junge Frau auf einer hellbraunen Stute; am Rand stehen Mann und Kind. Plötzlich erscheint ein sandfarbenes ungesatteltes Pferd und rennt Seite an Seite neben Reiterin und Stute entlang. Dahinter steht der Mond.

In einem 24-Stunden-Restaurant bist du der Gast, der nie geht.



Hiddensee, 28. September 2015

Nachts am Strand. Rund ein Dutzend Gestalten, Einzelgänger, Paare, halten sich hier auf. Über dem Meer leuchtet der Blutvollmond. Seinetwegen sind sie gekommen. Auf den gemessenen Wellen der Ostsee tänzelt sein rötliches Licht. Hoch am Himmel verteilen sich Myriaden von Sternen. Der lautlos rauschende Milchstraßenstrand.



Berlin, 9. November 2015

BRD = Babylonische Republik Deutschland?



Berlin, 17. November 2015

Gehe nachmittags in hoher Geschwindigkeit bis zum Einbruch der Dämmerung durch die Straßen Friedenaus und über den Schöneberger Friedhof, wo Marlene Dietrich ruhig bei ihren Marken schläft.

Der jüdische Schwimmer Alfred Nakache, algerisch-französisch, ist, wie es der Journalist Christian Eichler am Samstag in der Frankfurter Zeitung schrieb, „der Einzige, der im Vernichtungslager war und vorher wie nachher an Olympischen Spielen teilnahm. Er schwamm 1936 in Berlin, 1948 in London. Und 1944 in Auschwitz.“ In Auschwitz fanden, wenn man so will, die Hades-Spiele statt. Sollte Polen einmal die Spiele austragen, sollte ein Teil der Schwimmwettbewerbe in Oswiecim ausgetragen werden.



Berlin, 20. November 2015

Nachmittags spontan auf den Waldfriedhof Dahlem. Besuche, jeweils erstmals, die Gräber von Gottfried Benn und von Richard Freiherr von Weizsäcker. In der schnell fallenden Dämmerung durch die stillen Villenstraßen Dahlems nachhause.

Später sehe und höre ich Salman Rushdie in der Fernsehsendung „aspekte“ kluge Gedanken über Religion und Terror zum besten geben. In ebendieser Sendung spielt Anne-Sophie Mutter ein inniges „Ave Maria“ zu ehren der Opfer der jüngsten Pariser Mordanschläge islamistischer Irrläufer.



Im Zug zwischen den Flüssen Leine und Fulda, 22. November 2015

Hans-Ulrich Jörges, „Stern“-Journalist, könnte auch Zugchef in einem ICE der Deutschen Bahn sein - und wäre da weit besser aufgehoben als in den Talkshows, in denen er den allürenhaften, humorfreien Besserwisser gibt.



Prag, 24. November 2015

Ein Leben führen, bei dem Schlafen und Wachen ineinander übergehen.



Berlin, 13. Dezember 2015

In den Gemälden am Potsdamer Platz. Es gibt gewisse kleine Bilder von Peter Paul Rubens, die eine große Dynamik entfalten. Rubens ist hier nicht der große Fleischbergmaler, sondern ein Dynamiker der sozialen und natürlichen Welt. Zweihundert Jahre vor William Turner zeigt er eine Welt im Wirbelstrom.



Berlin, 14. Dezember 2015

Erste Frostnacht. Morgens durchs offene Fenster das Kratzgeräusch eines Feuerwehrmanns, der seine Autoscheiben vom Eise befreit.

Am Varziner Platz im russischen Supermarkt POCCIA, der rundum die Uhr geöffnet hat. Heimat von uns Russen. Meterlange Wodkawände, und an der Kasse liegen Überraschungseier im Camouflage-Look mit Soldatenportrait. Wer sagt, wir hätten keinen makabren Sinn für das Wesentliche im Leben?



Im Zug durch Deutschland, 18. Dezember 2015

Ein Symptom - und Symbol? - dieser Zeit: die Ausbreitung von Misteln. Man überläßt die Bäume ungerührt ihrem Schicksal.



Karlsruhe, 19. Dezember 2015

Alle Aufseherinnen in der Kunsthalle scheinen Russinnen zu sein. Nur eine ganz zarte junge Frau nicht. Sie sieht aus wie eine Engelskundlerin. Eine Seifenblasenwissenschaftlerin.

Unternehme einen kleinen Spaziergang durch die Ausstellung „Ich bin hier! Von Rembrandt zum Selfie“. Diese löst allerdings ihr vollmundiges Versprechen, eine Neuinterpretation des Selbstportraits vor dem Hintergrund des sogenannten Selfies durchzuführen, in keiner Weise ein.

Immerhin sieht man Marie Ellenrieders Selbstbildnis von 1818. Klare, wache Augen einer reifen siebenundzwanzigjährigen Schönheit.

Ansonsten verbleiben die Kunstwerkbeschreibungen in Textform wie auch die Hörführererläuterungen auf einer ganz niedrigen Klatschzeitungsebene. Man sagt, was man sieht und was der Künstler im Leben gerade erlebt hat. Es fehlt die mindeste technische Erläuterung, Mal-, Photographie-, Filmstil, sowie eine interpretatorische Vertiefung der verschachtelten Selbstbewußtseinsgeschichte - mitsamt einer womöglich ausstellungsleitenden Pointe.

Etwa einer Pointe wie dieser: Was in der Renaissance die Selbstermächtigung oder Emanzipation des Künstlers darstellt - also die Tatsache, daß Künstler nicht mehr hinter ihrem Werk verschwinden, sondern in ihrem Werk als Autor-Objekt erscheinen -, dem entspricht in der aktuellsten Gegenwart, wenn auch ohne künstlerische Fertigkeit, die Emanzipation des gewöhnlichen Bürgers, des No-Names. Bewerkstelligt wird diese Emanzipation dadurch, daß er sich mit dem Mobiltelephon knipst, sein Bild in den sozialen Netwerken teilt und sich damit einem potentiell unbegrenzbaren Publikum präsentiert. Dies ist die vollendete „Inklusion“ auch auf dem Gebiet der „Kunst“.

Demnach verwirklicht sich hier Joseph Beuys' These: „Jeder Mensch ist ein Künstler“ auf ästhetisch banalisierte Weise. Jeder Mensch ist ein Künstler, dessen Könnerschaft darin besteht, ein Selfie von sich machen zu können und dessen Aussage sich in der Abwandlung von Descartes' neuzeitlicher Subjektivitätsformel - „Ich denke, also bin ich“ - erschöpft: „Ich knipse (mich), also bin ich (ein Künstler, ein Star).“

Wie gesagt, dies könnte eine mögliche Ausstellungsthese sein. Ansonsten sind die Räume der Dauerausstellung gänzlich leer, allein die Aufseherinnen sind da - und heimlich vertreibt sich jede die Langeweile mit dem Telephon. Ein Selfie machen sie wohl nicht - obschon es sich jetzt geradezu anbieten würde.

In der nahegelegenen Orangerie ist Bethan Huws Skulptur „Forest“ (2008/2009) zu sehen - sie besteht aus achtundachtzig unterschiedlich großen, handelsüblichen Flaschentrocknern (Porte-bouteilles). Diese sind so aufgestellt, daß sie von der Seite aus gesehen einem kleinen Nadelwald ähneln. Im Eck hervor sticht ein aus eingeschalteten weißen Neonröhren geformter Flaschentrockner. Diese Skulptur, ein Ready-Made-Kunstwerk im Sinne Marcel Duchamps, ist denkbar einfach und zugleich äußerst charmant und freudebringend. Nicht zuletzt rührt der Neonröhrenflaschentrockner im grauen Eisenstangenflaschentrocknerwald mit seinem Leuchten fast zu Tränen.

Schlafe lange auf einer Sonnenbank im Schloßpark. Für Dezember ist es viel zu mild. Es ist eher Frühling als Winter. Entsprechend verhalten sich die Vögel im nahen See.



Hamburg, 22. Dezember 2015

In der Abenddämmerung im Nieselregen auf den Ohlsdorfer Friedhof zur Ruhestätte von Helmut Schmidt. Er gab am 10. November in seinem Haus in Langenhorn die Kippe ab. Kilometerweiter Gang bis zum Grab. Dort angelangt, ist es schon dunkel. Von den vielen Grablichtern brennt kaum mehr eine. Der Grabstein ist denkbar schlicht, kein Vergleich zum erhabenen Stein von Richard von Weizsäcker in Dahlem. Es rührt, daß Helmut und Loki in Helmuts Elterngrab liegen. Noch im Abgang beweist er Stil.

In den weiten Horizonten, wer weiß, was geschieht? Niemand kann sie erreichen. Wir steigen am Morgen in die glatten Eiswände. Aber kannst du sagen, wo wir geblieben sind? Niemand kann es, denn wir sind verlassene Seelen.



Perm, 31. Dezember 2015

Wenn du es aussuchen könntest, in welcher Stadt wolltest du sterben?



Perm, 4. Januar 2016

Gisela Mota, Bürgermeisterin der Stadt Temixco, ist am Wochenende, nur wenige Stunden nach ihrem Amtseid, in ihrem Haus erschossen worden. Sie wurde dreiunddreißig Jahre alt. Frau Mota hatte im Wahlkampf den Kampf gegen die Drogenmafia zu ihrem Programm erhoben.



Perm, 7. Januar 2016

In Köln darf man nicht auf den Boden spucken. In Köln ist auch das Ausspucken von Kaugummis verboten. In Köln darf man, scheint es, Frauen angehen, ohne daß es die Polizei verhindern kann.

Dem Datum nach geschahen heute vor einem Jahr die Anschläge auf Charlie Hebdo. Gestern erschien eine Gedenkausgabe. Die Zeit flieht, Charlie Hebdo bleibt.



Berlin, 3. Februar 2016

Mitten im Schneelicht ein Liebesunterfangen - zarter Augentanz.



Berlin, 10. Februar 2016

Ein Dieb gab zu Protokoll, sobald er wo einbreche, stehle er sich davon.



Berlin, 25. Februar 2016

Der Mund, diese Opernbühne des Menschen.

Der Schlaf, das unbewußte Paradies.



Berlin, 8. März 2016

Ich spaziere durch die Straßen und sehe all diese Fragmente, die zusammen kein Ganzes ergeben.



Im Murrtal, 29. März 2016

Es ist wieder Buschwindröschenzeit.

Was mit Tagebuchepik erzielt wird, ist ein gleichmäßiges Tagträumen. Und wie bei jedem Tagtraum ist ein Zug des Märchenhaften unverkennbar.



Helgoland, 21. April 2016

Die Insel wimmelt geradezu vor Photographen. Sie sind vor allem der Hochseevögel wegen gekommen. Baßtölpel, Trottellummen und Dreizehenmöwen brüten zu Tausenden am roten Lummenfels und fliegen und schreien den ganzen Tag. Die Vogeltouristen hoffen auch, noch einmal den seltenen Gast zu sehen, den Schwarzbrauenalbatros, der von der Südhalbkugel hierher geschwebt ist. Drüben auf der weißen Düne, der kleinen Nachbarinsel, robben sich am Strand Photographen an die Robbenverbände heran. Ich photographiere die Photographen. Ich mache mir ein Bild von denen, die die Welt abbilden.



Berlin, 1. Juni 2016

Im Tiergarten das Goethe-Denkmal. Auf Goethes Kopf sitzt eine Amsel und singt (abends 18 Uhr).

Gestern Gedenken an die Skakerag-Schlacht. Einhundert Jahre absurdes Seesterben. (Das Absurde ist nur im Dadaismus und bei Camus inspirierend.)



Fallersleben, 11. Juni 2016

Als Künstler mit dem Spätwerk beginnen und sich langsam zum Frühwerk vorarbeiten.



Im Murrtal, 15. Juni 2016

Die Weltspiele, an denen du jeden Tag teilnimmst, auch wenn du nicht dafür qualifiziert bist.



Berlin, 16. Juni 2016

Die Stille hat einen unbeschreiblichen Klang.

Einmal im Jahr erlebst du das Grünen der Natur, jeden Tag das Blauen des Tags.



Berlin, 18. Juni 2016

Wie war das Wetter heute? Sonne, Wolken, Platzregen, Sonne, Regen etc.



Usedom, 19. Juni 2016

Der Dom von Usedom? Die in sich schweigende Ostsee.

Mittlerweile wird der internationale Fußball von tätowierten Knastbrüdern dominiert.

Unternehmen tendieren dazu, die privaten „Daten“ ihrer Kunden zu speichern, auszuwerten und auszubeuten. Dabei ist in der „Debatte“ über die Bedrohung des Privatsphärenschutzes die These aufgetaucht, Menschen hätten das Recht, ihre „Privatheit“ zu verkaufen. Privatheit wäre demnach zwar etwas, das der Staat zu respektieren und zu schützen hat, aber der freie Bürger wie ein Händler seines Selbst verscherbeln dürfe.

Ich halte die These für falsch.

Aus folgendem Grund: Wenn man es als richtig ansieht, daß jeder Mensch eine unaufhebbare, ihm innewohnende Würde besitzt und zu dieser Würde auch seine Privatheit gehört, dann folgt daraus, daß er letztere eben nicht verscherbeln darf, er anderenfalls erstere ja verlöre. Niemand kann freiwillig wollen, seine Würde zu verlieren.

Staatlicherseits kann man einen Menschen nun freilich nicht daran hindern, sein Privates zu veräußern, ohne ihn gleichzeitig durch den staatlichen Eingriff seiner Freiheit zu berauben. Aber aus GG Artikel 1 erfolgt für den Staat im konkreten Falle doch der Auftrag, die Würde des Menschen indirekt zu schützen, indem er wenigstens den Unternehmen den Handel mit privaten „Daten“ verbietet und unter Strafe stellt.



Hiddensee, 21. Juni 2016

SPD-Chef Sigmar Gabriel mit seinem solariumsgebräunten Gesicht, er sollte sich ein Goldkettchen umhängen und in Magdeburg ein Sonnenstudio eröffnen.



Hiddensee, 25. Juni 2016

Die Stunden vergehen, was bleibt, ist Schweigen.



Im Zug Berlin - Frankfurt am Main, 26. Juni 2016

Nach Erfurt ein rotes Mohnfeld. Mir ist nicht klar, warum Mohnfelder mich so sehr erregen und gleichzeitig mir fast einen Schauder über den Rücken jagen. Rosen erregen mich auch, jagen mir aber keinen Schauder über den Rücken. Der Mohn scheint aus einer jenseitigen Welt herüberzuleuchten.

Die Schlacht an der Somme vor hundert Jahren - in Britannien wird ihrer groß gedacht, in Deutschland hingegen kaum, obschon auch Myriaden junger deutscher Männer dort fielen. Der Mohn, der auf dem Schlachtfeld wuchs und blühte, wurde im Engelland zur Symbolblume des Gedenkens an die Somme-Gefallenen. Der Zuggraben der Tower Bridge in London wurde vor einiger Zeit mit hunderttausenden Keramikblumen gefüllt, jede stand für einen Toten.



Prag, 6. Juli 2016

Nachts die Wege finden, die über die Lande gehen, und Sterne sammeln.



Karlsruhe, 7. Juli 2016

In der Hagia Sophia wurde während des diesjährigen Ramadans abends moslemisch gebetet - ein unfreundlicher Akt im Zuge einer Kampagne zur „Re-Islamisierung“ der von Atatürk 1934 in ein Museum umgewandelten, einst christlichen Kirche. Die „Hagia Sophia“ - der „heiligen Weisheit“ geweiht. Ja, Weisheit mag heilig sein, nur leider glänzt sie in Abwesenheit.



Im Zug Fulda - Eisenach, 9. Juli 2016

Es hat etwas verdrießliches, im eiskalt klimatisierten ICE mit Jacke zu sitzen, während vor dem Fenster die schönste Sommerlandschaft vorüberzieht.

Im Speisewagen sitzen zwei Frauen und spielen Karten. Wann hast du das schon mal gesehen? Kurios daran ist, daß es sich um Italienerinnen handelt.



Berlin, 10. Juli 2016

Ein heißer Sommertag, im leichten Schlaf fließen Träume sanft und beunruhigend über das Gesicht.

Haben Hunde ästhetisches Empfinden? Wenn ja, dürften viele mit ihren Haltern unzufrieden sein.



Berlin, 14. Juli 2016

Heideggers Schriften sind in vieler Hinsicht höheres Geschwätz (und das ist nicht abfällig, sondern sachlich-deskriptiv gemeint). Sie sind nicht als Wissenschaft ernstzunehmen (was auch nicht gegen sie spricht), sondern als - historisch zum Teil willkürlich-subjektives und fast dadaistisches - Gedichte. Als philosophischer Umherdichter und Umherrauner hat Heidegger eine eigenwillige und gleichzeitig auch kitschige Stärke.

Auf dem Friedhof Zehlendorf auf einer Erdbodenfläche das Schild: „Rasenneuansaat - Bitte nicht betreten“. Rasenneuansaat - immer wieder das Innehalten angesichts feiner Verwaltungspoesie.



Berlin, 17. Juli 2016

Beim Planen des Tags (Tagesverlaufs) auf die Zwischenräume achten, sie miteinbauen, die Pausen, in denen das Unerwartete die Flügel ausbreitet und zu schweben anhebt.

Frauen sind unlösbar.



In Zügen zwischen Berlin und Karlsruhe, 18. Juli 2016

Zwischen Gotha und Rothenkirchen wird sehr viel geheut. Die Zugstrecke führt an einem uralten jüdischen Landfriedhof vorbei - selig die selig Verstorbenen.

Im überfüllten Bistro des IC von Frankfurt Richtung Heidelberg, an der verwunschenen Bergstraße entlang, blickt jeder Pendler auf sein mobiles Endgerät. Das hat etwas gruseliges. Andererseits ist die damit einhergehende Stille recht angenehm und lädt zum Träumen ein.



Im Murrtal, 22. Juli 2016

Aufgabe jeden Tag: Bögen der Transparenz erschaffen.



In der Nähe von Lutherstadt Wittenberg, 27. Juli 2016

Fern am Horizont in den schleichenden Wolken im Sonnengegenlicht die sich drehenden Windradriesen. Luther erscheint jetzt als eine Art erfolgreicher Don Quixote.



Im Murrtal, 12. August 2016

Stille und Liebe, die Tage glänzen und gehen ins Land. Und in Stuttgart rollen täglich zweihundert Porsche vom Band.



Göttingen, 29. August 2016

Mit F. langes Gespräch in ihrem Antiquariat. Sie spricht von Melancholie, die dich aufrichtet, Traurigkeit, die dich inspiriert, Niedergeschlagenheit, die dich begeistert, und du verläßt entsprechend aufgerichtet diese düstere Stadt.



Berlin, 31. August 2016

Es fehlt dem Sommer ein Sommermonat, er geht zu schnell vorüber.



Hiddensee, 15. September 2016

Wärme, blauer Himmel und die landschaftliche und maritime Natur bilden mit dem Betrachter ein fließendes Zusammenspiel.

Angelique Kerber nach ihrem Sieg bei den US-Open und dem damit verbundenen Aufstieg zur Nummer eins der Weltrangliste: „Ich hatte Angst, das Handy in die Hand zu nehmen...“ (wegen der dort zahlreich eintreffenden Glückwünsche).



Berlin, 15. Oktober 2016

Heute bin ich von gestern. Aber morgen werde ich von heute sein.

Drei Überwachungskameras sind am Giebel der Alten Nationalgalerie angebracht. Den höchsten Rang nimmt heute die Kunst ein, Kunstwerke zu sichern, wie hier ein architektonisches Kunstwerk, auch um den Preis, sie zu verunstalten.

Unter den Linden die globale Touristenvölkerwanderung.

Die Stille kosten wie einen reifen Tropfen, erinnerungsvoll.



Berlin, 21. Oktober 2016

Eine junge Frau in der S-Bahn trägt Blätter in ihren Haaren.



Potsdam, 30. Oktober 2016

Die großen alten Bäume im Park Sanssouci strahlen in kupferroten und glasgelben Farben.

Menschen, die aus Aufzügen radeln.

Auf dem Friedhof sind in letzter Zeit Eichhörnchen im Gießkannenbecken ertrunken. Deshalb hat der Friedhofsgärtner einen Zettel aufgehängt, auf dem er darum bittet, das Becken immer randvoll zu füllen und den über dasselbe gelegten Stock nicht zu entfernen, so daß die Tiere, die beim Trinken hineinfallen, wieder herausklettern können.



Berlin, 8. November 2016

SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel fordert Anstand und Respekt. Sag statt Anstand lieber Abstand. Abstand ist Respekt.



Berlin, 11. November 2016

Die Saison der Narren beginnt - dabei ist sie längst im Gang.

Im US-Wahlkampf beschrieb Donald Trump die Mauer, die er an der Grenze zwischen den USA und Mexiko vorgeblich bauen möchte, als eine „undurchdringliche, große, mächtige und wunderschöne Mauer“. Das klingt fast schwärmerisch. Heutzutage aber haben Mauern für gewöhnlich schlechte Presse. Doch eine mit flachen Steinen errichtete Mauer in einem Dorf in den Bergen von Tschetschenien muß man gesehen haben. Auch eine sonstwo errichtete schlichte Lehmziegelmauer, in der die Bienen ihre Wohnung finden, erfreut das Auge. Und die Chinesische Mauer gilt als eines der Weltwunder, die man im Leben einmal besucht haben sollte. Ja, die Poesie der Mauer müßte man schreiben. Die Mauer wird erst dann häßlich, wenn sie keine Durchgänge zuläßt oder man beim Versuch, sie zu überwinden, erschossen wird.



Berlin, 18. November 2016

Barack Obama war wieder in der Stadt, das letzte Mal als US-Präsident. Seine politische Bilanz scheint so trübe wie der trübe Monat November. Obamas blendende Erscheinung, die Eleganz und Lässigkeit vereint, stützt die alte These: „Die Welt, die will betrogen sein“ (Sebastian Brant: Das Narrenschiff). Vom äußeren Anschein eingenommen, vergißt man allzu gern kritische Fragen - zum Beispiel nach der NSA und dem Umgang mit Edward Snowden, nach dem nicht geschlossenen Lager Guantanamo, nach dem unerklärten Drohnenkrieg.



Berlin, 22. November 2016

Stehe wieder fassungslos und doch gefaßt vor Peter Paul Rubens „Die Eroberung von Tunis durch Karl V. (1535)“ (um 1638/39). Ein wilder Farbennebel, der dich aufatmen läßt (anders als der Novembernebel).

Entwickle einen Teamgeist auch im Umgang mit dir selbst.



Halle, 29. November 2016

Ein eigenbrötlerischer Bäcker, der seine Brötchen selber ißt.

Es gibt elf Millionen Kubaner und elf Millionen Österreicher. (Und der Máximo Líder der Kubaner ist vor wenigen Tagen verstorben.)

In Peking leben bald zweiundzwanzig Millionen Menschen. Die versmogte Stadt leidet unter ständiger Überfüllung der Straßen und öffentlichen Verkehrsmittel.



Hamburg, 18. Dezember 2016

Häßlichkeit ist zu hassen, Schönheit zu schonen.



Perm, 20. Januar 2017

Entfalte dich, du Geschenkpapier.

Vögel balancieren in der Luft.

Kürzlich forderte der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) eine Obergrenze für Wölfe und eine begrenzte Abschußfreigabe. NABU-Chef Leif Miller hingegen fordert von der Politik ein Bekenntnis zum Schutz des Wolfes und sagt: „Der Wolf gehört zu Deutschland.“ Zuletzt waren in Deutschland sechsundvierzig Wolfsrudel, fünfzehn Wolfspaare und vier Einzelwölfe nachgewiesen worden. In Rußland steht der Wolf an der Staatsspitze.

In Moskau fahren die Menschen mit der Metro, um sich aufzuwärmen.

Eins der interessanteren Pressebilder der letzten Zeit: Trumps vollbelagerter Schreibtisch in seinem New Yorker Büro. Kein Computer. (Heute wird Trump in Washington vereidigt.)

Mit zwei Phänomenen hätte man in Mitteleuropa bis vor wenigen Jahren nicht gerechnet. Das eine ist die Stimmung eines möglicherweise heraufziehenden europäischen Krieges, das andere die Vollbartmode unter westlichen Männern. Ich weiß nicht, was kulturgeschichtlich die schlimmere Regression darstellt.



Perm, 31. Januar 2017

Imre Kertész sagt in seinem von Heike Flemming und Lacy Kornitzer übersetzten Tagebuch „Der Betrachter. Aufzeichnungen 1991 bis 2001“, künstlerischer Spielraum ermögliche es dem Künstler, eine dauerhafte Form zu schaffen, „zur trauerdurchdrungenen Freude der Menschen“ (1996). Zur „trauerdurchdrungenen Freude der Menschen“? Ruft die geschaffene Form Freude hervor, Freude an der Form? Empfindet man diese Freude, eingedenk der monströsen Verbrechen der Menschheit, nicht rein, sondern notwendig „trauerdurchdrungen“, durchdrungen von der Trauer über die Verletzten und Ermordeten?

Im Winter ziehe ich mich auf eine Insel zurück und horche auf die heilsamen Wellen des träumerisch in der Sonne getäfelten Meeres. Die alten Römer hatten recht, das Jahr erst mit dem März beginnen zu lassen.



Prag, 21. Februar 2017

Zur Netzpolitik ein kleiner Rückblick. Ich notiere dies erst jetzt, weil ich zunächst sprachlos darüber war und es fast noch immer bin.

Der Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland, Sigmar Gabriel, sagte im November 2016 auf dem zehnten IT-Gipfel in Saarbrücken, „daß wir uns endgültig verabschieden müssen von dem klassischen Begriff des Datenschutzes“, weil der „natürlich nichts anderes“ sei als „ein Minimierungsgebot von Daten“. Datenschutz sei „ein Begriff aus der vordigitalen Zeit“.

Dies sind Sätze, die eigentlich ein politisches Erdbeben auslösen müßten. Was passiert? Nichts.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnt an gleicher Stelle eine Lockerung der Datenschutzregeln an: „Wir Europäer sind dafür bekannt, daß wir gerne Dinge verbieten“, meint sie. „Datensparsamkeit kann heute nicht die generelle Leitlinie für neue Produkte sein.“

Wenn aber die auf Server hinterlegten Daten letztlich vor Diebstahl und Mißbrauch niemals sicher geschützt werden können - weil private Hacker und staatliche Dienste alles knacken können, wie die Realität täglich beweist -, sollte dann „Datensparsamkeit“ nicht oberstes Gebot sein?

Daten seien heute ein wichtiger Rohstoff, so die Kanzlerin weiter auf dem CDU-Parteitag Anfang Dezember 2016. „Die Idee, daß man sparsam mit Daten umgeht, gehört ins vorige Jahrhundert.“ Wenn also eine Errungenschaft aus dem vorigen Jahrhundert stammt, scheint sie schon mal obsolet zu sein.

Auch diese Aussagen der Kanzlerin, die ich vor Entsetzen gar nicht in Grund und Boden kritisieren kann, müßten zu einem Erdbeben führen. Was passiert? Nichts.

Es ist für mich das größte Rätsel der aktuellen Umbruchsepoche - ein Umbruch im Zuge der alles vernetzenden Digitalisierung der Welt -, wie Errungenschaften der Moderne wie Privatsphärenschutz, Copyrightschutz, Datenschutz etc. binnen kürzester Zeit in Bedrängnis geraten, wenn nicht sogar geschleift werden. Und das, ohne daß es nennenswerte Widerstände von Seiten der Bürger oder der Zivilgesellschaft gäbe.

Im Vergleich dazu wären die tumben geistlosen Männer, die in politischen Führungspositionen in Ost wie West Kindergartenkämpfe austragen, fast schon niedlich, spielten sie nicht mit realem Feuer.

Auch ist man für die hier in Prag überall sichtbaren Verbotsschilder für Segway-Touristen fast schon dankbar - endlich einmal handfeste Probleme, deren die Stadtverwaltung mit klaren Maßnahmen Herr zu werden sucht.



Im Zug Prag - Berlin, 22. Februar 2017

Es erstaunt, daß auf der gesamten Fahrt nicht eine einzige Durchsage erfolgt. Wenigstens angesichts der Verspätung hätte eine solche kaum überrascht. Ich freue mich über diese Durchsagestille.

Der Benutzer eines Cell Phone, eines Mobiltelephons, bewegt sich von einer Funkzelle zur nächsten. Die Welt ein globales Funkzellengefängnis.



Berlin, 19. März 2017

Heute übergibt der scheidende Bundespräsident Joachim Gauck dem neuen, Frank-Walter Steinmeier, symbolisch den Schlüssel fürs „Schloß“ Bellevue. Ach, zöge doch Franz Kafka hier ein!

Haß ist die Fortsetzung der Liebe mit anderen Mitteln.



Wien, 26. März 2017

Man geht in Wien umher wie in großen echten Kulissen.

Die noch zahlreich vorhandenen Telephonzellen fallen ins Auge. Orte, an denen niemand mehr spricht und allein das beredte Schweigen zuhause ist.

Beim Gang über den Heldenplatz hört man die Kastanienknospen aufspringen.

Man spaziert in den Stephansdom wie in einen Heiligen Wald. In ihm hat eine Künstlerin die Heiligenstatuen mit Kälteschutzfolien verkleidet. An sich ein bezaubernder Anblick. Gerade auch dann, wenn die Sonne in den Dom scheint und sich auf den Folien widerspiegelt. Diese so gekleideten Heiligen regen die Phantasie an. Leider ist die Aktion zeitgeistig-aktuell und moralisch zeigefingerhebend auf die Flüchtlingskrise bezogen und somit die Poesie mindernd, die Phantasie einschränkend.

Eine Kaffeekathedrale das Café Central. Auch ein touristischer Anlaufpunkt, insbesondere für das eifrig knipsende chinesische Geschäftsvolk. Bestimmt wird es im Reich der Mitte nachgebaut.

Mag die große Politik auch von ihrer Affäre mit dem Chaos nicht lassen, im Café Bräunerhof steht die Zeit still und läßt sich niemand aus der Ruhe bringen. Allein der Blätterwald der Zeitungen rauscht still vor sich hin.



Prag, 27. März 2017

Mittags in der Sonne liegend auf der Steilwiese des Parks mit dem Panorama über Altstadt und Hradschin inmitten hunderter junger Menschen, viele anglophon und die meisten mit Bier in der Hand, ein moderner Paradiesgarten.



Berlin, 8. April 2017

Die einzige existentielle Tröstung im Leben - consolatio amoris.



Karlsruhe, 22. April 2017

Besuche im ZKM die Ausstellung über die Beat Generation, um das legendäre Schreibmaschinentyposkript von Jack Kerouacs Roman „On the road“ mit eigenen Augen zu sehen. Es liegt ausgerollt in einer rund fünfunddreißig Meter langen hüfthohen Glasvitrine ausgerollt da. Es überrascht, von welcher „Aura“ das Typoskript umgeben ist. Früher, als Autoren noch nicht am Computer schrieben, galt ein Typoskript im Vergleich zu einem handschriftlichen Text als wenig auratisch. Jetzt, da fast alle Texte am Bildschirm entstehen und erst im Zuge eines neutralen Ausdrucks das Licht der Welt erblicken, gewinnt das Typoskript eine neue Bedeutung. Auch das Schreibmaschinenskript hat eine individuelle Note. Zum Teil ist das beigegelblich vergilbte Papier an der Seite angerissen und sieht fast aus wie ein beschädigter Papyros. Man sieht im übrigen handschriftliche Streichungen und Einträge von Kerouacs Hand.

Die Wege zartnah laufen über deinen Leib in dein Herz.



Potsdam, 30. April 2017

Ivanka Trump, die bekannteste Tochter der Welt? Die Zeitungen irren sich. Die bekannteste Tochter der Welt heißt Pallas Athene, und ihr Vater ist Zeus.

Am Rande des Grasgartens am Café Eden im Schloßpark Sanssouci liegen wir stundenlang stundenlos in der Sonne.



Berlin, 7. Mai 2017

Der wahre Enthusiasmus heißt Skepsis.

Kirchenglocken in einem Privathaus, die jeden Morgen und Abend läuten.

Rilke bezeichnete Rußland als die „letzte, heimlichste Stube im Herzen Gottes“. Rußland als riesiges Adyton des Tempels Erde?

Wahlen in Frankreich: Emmanuel Macron gewinnt gegen Marine Le Pen. Der Schöne gegen das Biest.

Ernst Bloch, der Aristoteles Onassis der utopischen Philosophie.

Die Wege finden, die ungegangen glänzen und dich erwarten.



Berlin, 14. Mai 2017

Der Tag heute war von blendender Eleganz. Sahneartige Wolken zogen vorüber. Der Himmel strahlte frischgewaschen. Immer wieder flammte der große Scheinwerfer fotostudiohelle Blitze ins blühende Reich der Kastanienwälder. Zwischenzeitlich rieselte ein aufgesplitterter Wasserfall herab. Abends ließ ich mich in einem alten Fischerdorf an der Havel in einem Weingarten nieder und ließ es zu, daß die wieder hellstrahlende Sonne mich federfein massierte.



Berlin, 16. Mai 2017

Aus den Ohrenwinkeln höre ich im Deutschlandfunk, Karl-Otto Apel sei fünfundneunzigjährig in seinem Haus im Taunus verstorben. Der Großmeister einer elegant fechtenden Zunge ist verstummt, der Zungenethiker par excellence. Sein Enthusiasmus wird ihn überleben.



Berlin, 17. Mai 2017

Frauen in bodentiefen Kleidern - Sommerwind.

Tiere haben Schnauzen, aber keine Fressen. Die Fresse ist dem Menschen vorbehalten.

Eine öffentliche Uhr (wie hier am Helmholtzplatz) ist heute eine Seltenheit.



Krakau, 27. Mai 2017

Brodelndes Krakau. Tausende Menschen auf den Straßen. Die beruhigenden Pferde vor den Pferdekutschen. Die Pferde geschmückt mit Federn in den polnischen Nationalfarben Weiß und Rot. Die meisten Kutscher sind Frauen. Die Schwalben sirren in den hellen Lüften. Im polnischen Staatsfernsehen läuft das deutsche DFB-Pokalfinale. Der polnische Kommentar ist weitaus angenehmer als die deutschen, seit Jahrzehnten durch die Bank geistlosen Schwätzer.



Berlin, 2. Juni 2017

Fünfzig Jahre Tod von Benno Ohnesorg. Ohnesorg - die deutsche Form von Sanssouci. Ein schöner Name.

Ein Leben ohne P.G. Wodehouse ist möglich, aber sinnlos.



Berlin, 12. Juni 2017

Ein Lächeln anknipsen - Freundlichkeit ist Teil der Elektrizität.

Die ISS ein kreisender Tempel, das Fenster die Ikone mit der verletzlichen Erde.



Bonn, 22. Juni 2017

Regentropfen dick wie Tischtennisbälle, die auf den Münsterplatz prasseln.

In Rhöndorf besichtigen wir das Wohn- und Sterbehaus von Konrad Adenauer. Im hängenden Garten die Bocciabahn mit der fast skurrilen, fast rührenden Flutlichtanlage: der Charme der alten Bundesrepublik.

Die Tage verfließen still, stumme Opernbälle bei geöffneten Fenstern.



Moskau, 3. Juli 2017

Im Traum die Erinnerung an ein wild-düsteres Höhlenhinterhofland mit dem Aufstieg über Berggrate mit jähen Ausblicken auf stille Klosterinsel-Seen. Nonnen angeln in Ruderbooten und springen nackig (und rasiert) ins Wasser.



Berlin, 13. Juli 2017

Bizepstrainierte Männer, die beim Vitaminvesper sportlich kauen.

Während man im Gastgarten hoch über der Havel in einem klassischen Roman liest, dringt das Knirschen eines auf dem nahen Weg vorüberfahrenden Fahrrads zu einem. Es ist, als würde das Knirschen das Gefühl des Sommers vertiefen.

Was heute not tut, ist ein antitouristischer Schutzwall für die Tourismus-Hochburgen. Es ist sonst als stürbe Venedig den Tod in Venedig selber.



Berlin, 20. Juli 2017

Ich schütze meinen Schatz. - Und ich schätze meinen Schutz.

In Plötzensee hält Gerhart Baum eine bewegende Rede zum Gedenken an das Attentat auf Hitler vor dreiundsiebzig Jahren. Warum nur ist das Datum von Georg Elsers Anschlag noch immer kaum im öffentlichen Bewußtsein? Es war der 8. November 1939.

Du mußt abtrünnig sein, nicht mitmachen in dieser unseligen Gesellschaft.

Leichtigkeitenblues. Das Licht rieselt blattwärts in deine Arme.



Berlin, 27. Juli 2017

Im Epos des Lichts gibt es zwei wichtige Momente. Der eine, als es entstand, und der andere, als es das erste Mal von einem Menschen gesehen wurde.

Das Licht, einmal losgeschickt, kennt kein Ende, ist unsterblich. Das Licht leuchte dir. Die Liebe stärke dich jetzt und allezeit und überall.



Eisenach, 1. August 2017

Ich glaube an die Auferstehung der Mundtoten. Die Flüsse ziehen still ins weite Land.



Marbach am Neckar, 6. August 2017

In der Ausstellung über „Rilke und Rußland“ im Literaturmuseum der Moderne: Es gab offenbar eine Zeit, da konnte man in Europa Briefe ganz selbstverständlich auf deutsch schreiben, in der Gewißheit, der Empfänger würde sie lesen können. So schreibt Lou Andreas-Salomé an Tolstoi auf deutsch: „Verehrter Herr Graf“. Auch die Adresse konnte man auf dem Umschlag einfach halten: „Dem Grafen L. Tolstoi in Moskau, Russland“. Glanzpunkt der Ausstellung ist das Kabinett mit dem Briefwechsel von Marina Zwetajewa und Rilke, ein später epistolarischer Liebeshöhepunkt. Marina schreibt säuberlich in sehr gutem Deutsch („geliebtester, großer Dichter!“). Für Boris Pasternak war Rilke, so teilt er schriftlich mit, „das Teuerste“ seines Lebens, seines Schreibens, das ohnehin allein ein Variieren und Neuschreiben von Rilke gewesen sei. „Doktor Schiwago“ eine Art „Malte Laurids Brigge“ auf russisch?

Träumen, um das Leben zu verlängern.



Berlin, 7. September 2017

Im Fundbüro im ehemaligen Flughafen Tempelhof. Es ist eine Art mythischer Ort - eine Sammelstelle für all das, was Menschen fortwährend verlieren. Der Mensch erscheint von hier aus gesehen als „Verlierer“, als ein Wesen, das ständig seiner Dinge verlustig geht. Nichts kann er halten, alles fällt von ihm ab, zumindest früher oder später, und wenn er nichts mehr hat, geht er sich selber verloren.



Berlin, 9. September 2017

Kochkunst ist auch die Kunst der Mehrtöpfigkeit. Ähnlich wie ein Artist, der mit mehreren Bällen gleichzeitig jongliert, jongliert der Koch horizontal mit runden Töpfen.

Kochtöpfe sind von alters her in der Regel rund, nicht eckig. Auch Trinkbecher und Teller sind gerne rund. Das hängt mit dem Töpfern zusammen, von dem her die Töpfe ihren Namen haben. Sobald etwas gedreht wird, entsteht ein Kreis. Die Verkreisung des Quadrats ist möglich, anders als die Quadratur des Kreises. Jede Bewegung, die auf der Stelle stattfindet, hat die Tendenz zum Kreis. Tanzen ist ursprünglich die Kreisbewegung auf der Stelle.



Potsdam, 10. September 2017

Verweile im Park Sanssouci am runden Fontänebecken am Fuß der Weinbergterrassen. Auf einer Marmorbank in der Sonne sitzend, erscheinen mir die Touristen mit einem Mal selbst als Volk - als internationale Nation von Reisenden.

Lichter Liebesglanz, und die Worte verloren im Wind der Zeiten.

Fehlplanung (möglicher Titel einer Autobiographie).



Bernau bei Berlin, 22. September 2017

Die Wahlplakate für die Bundestagswahl geben überwiegend lähmende Phrasen zum besten - „gerecht“, „sozial“, „ehrlich“, „für den Frieden“ - oder scheinbar schlaue Sprüche von Werbeagenturen (im Dienste von FDP und Grünen). Immerhin, ein NPD-Plakat hat einen gewissen Witz, wenn auch einen abwegigen. Es zeigt ein Portrait von Martin Luther und dazu den Satz: „Ich würde NPD wählen“, und darunter in kleiner Schrift: „Ich könnte nicht anders“. Indes steht auf dem Platz am Steintor der mohnrote Wahlkampftruck der „Linken“ im Sonnenschein, und ein paar schläfrige Zuhörer hören sich geduldig Bernd Riexingers Sermon über die solidarische Gesellschaft an, während fünf Polizisten vorm Café Elysium es genießen, von der Abendsonne gewärmt zu werden.

Komorebi, japanisch für das Sonnenlicht, das durch die Blätter von Bäumen schimmert.

Boketto, ziellos in die Ferne schauen, ohne an etwas bestimmtes zu denken.

Uitwaaien, holländisch für auswehen, das heißt: eine Pause machen, um den Kopf freizubekommen.

Cafuné, brasilianisch-portugiesisch für mit den Fingern zärtlich durch das Haar eines geliebten Menschen streichen.



Berlin, 23. September 2017

In den letzten Jahren fand eine erhöhte Meteorologisierung der Bevölkerung statt. Kaum ein Mensch, der auf seinem Telephon nicht eine Wetter-App installiert hätte, mit stundengenauer Vorhersage, Regen-Radar und Unwetterwarnungen. Man wandert durch den Tag wie in einem Gebirge aus Atmosphären und terminiert im voraus, bei schönen Aussichten, bei Sonnenschein stehenzubleiben, um dann, gegebenenfalls, weiterzueilen und vor Einsetzen des Regens die Schutzhütte noch zu erreichen.

Damit man nicht das Gefühl hat, kostbare Lebenszeit mit Erledigungen zu verlieren, muß man die Erledigungen als Teil der Hauptsachen sehen. Nur wer den Gang zum Altglascontainer und zum Lebensmittelgeschäft souverän und geruhsam unternimmt, offenbart den Stil gelingenden Lebens.

Die frühe abendliche Dunkelheit jetzt schon im September zehrt an den Heiterkeitsreserven - oder sie versucht es zumindest doch. Denn was wäre Heiterkeit anderes als die Kunst, unabhängig von der Jahreszeit unter der inneren Sonne zu leben?



Moskau, 27. September 2017

Was das Resultat der Bundestagswahl angeht, so läßt sich dieses in Form der Redewendung „Schlag ins Kontor“ (von CDU/CSU und SPD) vorläufig diplomatisch übertiteln, auch wenn das Zeitalter der Kontore vor langer Zeit schon versunken ist. Was wären Redewendungen anderes als Arche Noahs für jene Sachverhalte, die in den Fluten der Zeiten untergehen?

Anfang 1914 lebten im russischen Reich 1,7 Millionen ethnische Deutsche, denen das Deutsche Reich die Staatsangehörigkeit garantierte. (Die historische Statistik hat ihren eigenen Reiz.)



Hamburg, 30. September 2017

Hamburgs Einkaufsstraßen menschenmassenvoll, eine dichte Nebelwand aus Jeansträgern. Auffällig sind die vielen großen blonden Hamburgerinnen - angenehme Erscheinungen, die im Café Paris Champagner schlürfen.



Berlin, 1. Oktober 2017

Ein Regentag - still, ungerührt wie ein Butler.



Leipzig, 3. Oktober 2017

Paul Wallots grandezzareiche Dorfaquarelle, Stadthinterhofidyllen. Müßten nicht die großen Architekten wie Bach, Mozart, Beethoven verehrt werden? Aber ist die Zahl der großen Musiker vielleicht größer als die der großen Architekten? Architektur ist gebaute Musik im Raum.

Der Hauptbahnhof Leipzig das Versailles der Bahnhöfe.

Der Tonleitersingsang gewisser langsam anfahrender Züge.



Berlin, 21. Oktober 2017

Autos fahren an - und Menschen gehen los.

Sich in den Schminkkulissen des Gesichts verbergen.

Aus welchen Sternen fällst du, Liebling, mir zu?



Berlin, 22. Oktober 2017

Der Eimer geht so lange zum Brunnen bis er bricht. Der Geist ist unerschöpflich und doch endlich.

Ich trete hinaus auf die Terrasse und lasse mich vom taubenetzen Gras und von den Himmelsfarben begeistern. Kein Kaffee belebt mehr als die Begegnung mit der Natur.



Berlin, 2. November 2017

Trittbrettreisen durch die Stadt. Ich springe auf und springe ab. Reinster Zufall, wo ich lande. Der Moment winkt - ich folge ihm. Wohin verschlägt es mich? Verschlagen erkunde ich die Straßen, verschlagen kommen sie mir entgegen, verschlagen lüften sie ihren Schleier.



Wittenberg, 8. November 2017

Wer ist der dir wohltuendste Mensch?



München, 22. November 2017

Was (auch) erledigt wird, wenn du etwas erledigst - bist du selbst.

Beim Denken und Schreiben auf die Trainingsintensität, Fitneß, Disziplin und den Teamspirit achten.



Berlin, 26. November 2017

Knipse das Fernsehen an, um in den „Frühschoppen“ um 12 zu schauen. Allerdings ist der unerträgliche Heribert Prantl anwesend, den die Moderatorin Sonia Mikich, ansonsten in ihren Kommentaren mit der Physiognomie einer Beißzange auftretend, lammfromm gewähren läßt. Die drei anderen Gäste haben kaum eine Chance, oder sagen sie doch etwas, kann man sicher sein, daß Prantl es kommentiert und das Ganze in seinen Worten mit hervorgedrückter Brust und mit den Armen Kreisbewegungen von innen nach außen machend wichtigtuerisch wiederholt. Alles, was er letztlich sagen möchte, ist: „Ich, ich, ich! Seht und hört ihr mich, mich, mich!“ Selten offenbart sich zwischen subjektiver Einbildung und objektivem Nullgehalt ein solcher Abgrund wie bei ihm.



Berlin, 5. Dezember 2017

Der Goldschmied Emil Lettré, der Michelangelo des Blattgolds.

Der Name Beate Himmelstoß.

Und, unglaublich, aber, anscheinend, wahr: die Existenz der mordenden Konzentrationslageraufseherin namens Ewa Paradies. Geboren 1920 in Lauenburg in Hinterpommern, hingerichtet 1946 auf dem Bischofsberg in Danzig.

Namen und ihre Träger verbinden sich, hin und wieder, zu Dramen metaphysischen Ausmaßes.



Weimar, 20. Dezember 2017

Die Parsen schauen und beten die Sonne an. Anschauen ist in diesem Fall gleich beten. Letzteres gilt jedenfalls für Goethe, er schaut (betet) die „reine“ Sonne an.

Falls es auch eine Idealität des trüben Wetters gibt, so ist sie dieser Tage erreicht. Allein ihretwegen scheint die Weihnachtsbeleuchtung in den Städten nötig und gerechtfertigt zu sein. Der Idealität des Trüben stellt sich die Realität des Glänzens entgegen.

Der Mensch hält fest, was ihm entgleitet. Das wenigstens versucht er. Am Ende geht es doch den Bach hinunter.

Wie verblödende Affen starren die Europäer auf das Silikontal in Kalifornien. Ihr eigenes, unermeßlich wertvolleres Weisheitstal vergessen sie dabei.



Moskau, 25. Dezember 2017

Nichtgläubig sein und staunen über das Universum ist die höchstrangige Lebensform.

Nichtgläubig sein und nicht staunen über das Universum ist idiotisch und die bodenloseste Lebensform.

Gläubig sein und staunen über das Universum können zusammengehen.

Gläubig sein und die Höherrangigkeit des Wissens akzeptieren ist eine achtbare Lebensform.

„Gläubig sein“ und von anderen Gehorsam oder Unterwerfung unter den Glauben verlangen ist die verächtlichste Lebensform.



Moskau, 26. Dezember 2017

Ein Embryo, fünfundzwanzig Jahre eingefroren, wurde einer Frau eingepflanzt. Sie trug das Kind aus, es wurde dieser Tage geboren, dreitausend Gramm schwer. Lebe wohl, sehr geehrtes Lebewesen!



Perm, 31. Dezember 2017

Die Menschheit schraubt sich in immer höhere Höhen. Es gibt jetzt einen 3D-Drucker, der einen 3D-Drucker ausdruckt.



Perm, 1. Januar 2018

Deine Augen glänzen, im sturmfreien Reich der Nacht, gleich lieben Sternen.



Perm, 7. Januar 2018

Der Schnee im Ural, der Kristallpalast des Ostens.

Verborgen in den Schneeburgen, kühltruhenruhig, kommt die Seele wieder zur Besinnung.

Fern vom Theaterdonner der Weltpolitik, den Rühr- und Kriegsstücken ungezogener Löffel.

Die Vermehrung des Wissens dient allein dazu, den Reichtum an Problemen zu mehren. Lernen, in den Wald der Probleme gehen. Bibliotheken sind Problemwälder. Im Winter des Lebens rieseln die Buchstaben, du verschwindest.

Die Römer in Germanien, im Rheinland, und die Verrömerung der Germanen, im Vergleich zu den jenseits des Limes lebenden Wald- und Flurgermanen. Rom hieß immer auch Urbanisierung, zivilisatorischer Fortschritt. Die rheinischen Städte, Trier, Mainz, Köln, und andere, waren auch römische Kraftquellen im Leib Germanias. Heidegger war nie Römer, trotz seiner römisch-katholischen Herkunft, sondern darunter, im schreibenden Fühlen, ein Berger, einer, der vom Berg kam, der hört, oder zu hören meint, was der Berg zu verbergen hat. Der Berg ist das Sein, und der Bergmann steigt in ihn und birgt das, was zu verbergen des Berges Bestimmung ist: das Nichts, der Tod. Das Vorlaufen zum Tod ist das Hinabsteigen in den Berg, durch die Höhle, bis zur Anmutung des Nichts, und anschließend, nach dem Zurücksteigen an die Oberfläche, das Enthüllen, was das Sein birgt. Wer in die Höhle steigt, kommt anders wieder raus. Er sieht dann seinen Auftrag darin, das Sein, das Geheimnis des Seins zu hüten, den Berg als Berg zu bergen, zu bewahren. Die Wahrheit des Bergs ist sein Nichts.

Die Natur kennt keinen Rechtsstaat, sie ist kein Vorbild. Das Telos der Menschheit kann allein der liberale republikanische Rechtsstaat sein.

Treten leidlich funktionierende liberal-republikanische Rechtsstaaten in Handelsbeziehungen mit Schurkenstaaten, werden sie dann nicht insgeheim auch zu Schurken?

Ob die strategische Methode „Wandel durch Handel“ in der Vergangenheit wirklich funktioniert hat oder heute funktioniert, ist eine schwierige Frage, die hier, im Ural, fern vom staatspolitischen Seminar, nicht beantwortet werden soll; jedenfalls handelt es sich bei dieser methodischen Devise zunächst um eine These, deren suggestive Kraft allein durch den Reim entsteht. Die Lyrik wird unterschätzt. Die Lyrik ist eine weltpolitische Macht.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts lebten im Schloß Versailles viertausend Menschen. Bis zu zehntausend Menschen hielten sich Tag für Tag im Schloß auf. Der absolute Herrscher war absolut nahbar. Diese Tatsache, das Schloß als Wohnsilo für viertausend Menschen, erinnert an moderne Plattenbauten und Wohntürme, in denen ebenfalls viele Menschen wohnen, freilich ohne den ästhetischen Bau-Luxus des prunkreichen Schlosses. War das Schloß Versailles nicht der schönste sozialistische Massenbau der Geschichte?

Die Berliner Karl-Marx-Allee, anfangs Stalinallee genannt, mit ihren vergleichsweise luxuriösen Wohnbauten rechts und links, war im Grund der realsozialistische Versuch, Versailles nachzuahmen; ihr absoluter Herrscher war der unnahbare Stalin, der rote Sonnenkönig des Ostens.

Der Schnee im Ural, das Schneekristall-Versailles. L'etat, c'est moi, dit la neige.



Perm, 11. Januar 2018

Ohne meine frühjährlichen Wochen im Ural könnte ich nicht überleben. Im Ural steige ich in vorzeitliche Sphären zurück, in ihnen wird die seelische Festplatte, wenn nicht gelöscht, so doch von allem Mumpitz und Ballast gereinigt.



Perm, 15. Januar 2018

Wie die Abzugshaube benötigt auch das Bewußtsein einen Fettfilter.



Perm, 19. Februar 2018

Meditieren, sich einnorden hinsichtlich des Nirwana-Pols.



Berlin, 10. März 2018

Der Gärtner ist auch ein Maler. Mit Blumen setzt er Farben ins Grün, das Gemälde verändert sich im Laufe des Jahres fortwährend. Der malende Gärtner ist der Dirigent des Farbenorchesters.



Leipzig, 15. März 2018

Jeden Morgen gehst du in den Fluten des Zufalls baden und weißt nicht, wie dir geschieht.

Glück und Unglück Hand in Hand, ein interessantes Paar.



Berlin, 18. März 2018

Die klügsten und wichtigsten staatspolitischen Erfindungen sind die Prinzipien der Gewaltenteilung und der Amtszeitbegrenzung. Überall, wo diese aufgeweicht oder abgeschafft werden, ist Gefahr in Verzug.



Berlin, 23. März 2018

Eine geborene Baronesse von Stempel, verheiratete Post, hat ihre letzte Briefmarke geleckt. Geboren wurde sie 1919 in Riga, gestorben ist sie nun in Amorbach. Wären zu ihrer Heiratszeit Doppelnamen möglich gewesen, hätte sie sich gut und gerne Post-Stempel nennen können.

Amorbach, dieses verwunschene Kaff im Odenwald, nicht nur Heimat einer aus der Zeit gefallenen, besuchenswerten Bibliothek, auch die heimliche Liebe eines gewissen Theodor Wiesengrund, der sich später Adorno nannte. Wer Wiesengrund heißt, durch den muß ein Amorbach sprudeln.



Belgrad, 7. April 2018

Jetset, die Düsenflugzeugclique; früher die begüterten Angehörigen der industriellen „Wohlstandsgesellschaft“, die danach strebten, bei den Treffen und Vergnügen der Prominenz in aller Welt mit von der Partie zu sein; heute, unter dem möglichen, modifizierten Namen Easy-Jetset, die kaum entblödete Jugend der Welt im Billigflugzeug auf dem Weg zur nächsten Partystadt. Keine Jeunesee dorée, eher eine Jeunesse vulgaire.



Berlin, 11. April 2018

Vor fünfzig Jahren fand das Attentat auf den Revolutionsführer Rudi Dutschke statt, auf dem Berliner Kurfürstendamm. Ein Randfigur-Attentäter schoß ihn von seinem Drahtesel. Seine spätere Witwe, eine Amerikanerin mit dem Namen Gretchen, wohnt heute in Berlin-Friedrichshain. Dutschke, eine Art Studentenfaust? In mancher Hinsicht ja, in mancher nein. Sehr wohl in seinem verbissenen Ernst, seiner bohrenden Besessenheit, seinem unablässigen Streben. Die Gretchenfrage freilich mußte die Frau ihm nicht stellen. Sein innerer Anführer, dem er folgte, war, so sagt es Gretchen, niemand geringerer als Jesus. Marx erwähnt sie mit keinem Wort.



Berlin, 13. April 2018

Tourist - an sich kein schlechtes Wort. Einer, der auf Tour ist. Sind Menschen nicht alle Touristen auf der Erde?

Sie spielen sich fürs richtige Leben ein, als wären sie Tennisspieler, und laufen Gefahr, das Match zu versäumen.

Auf souveräne Weise unsouverän sein oder auf unsouveräne Weise souverän?



An der Havel, 20. April 2018

FRÜHLINGSWIND

Mit wechselndem Gesicht

flattert er heran, lebendig

wirbelnd, ohne Gewicht.

Hat er dich gefunden,

berührt er dich

von oben bis unten,

küßt mit weichen Händen

dein Gesicht, die Wange,

zeitlos wie an Stränden,

streichelt lange

deine nackten Glieder,

wühlt in deinem Haar,

tollt mit dir auf schwellenden Wiesen

als wärt ihr ein Paar,

singt beseelte Lieder

im Schatten eines frisch ergrünten Riesen.

Auch ohne Worte ist er ein Gedicht.

Leise, freundlich und lind

zeigt er sich in sonnigem Licht,

und ohne zu fragen,

betört der Frühlingswind

dich in diesen Tagen.



Naumburg an der Saale, 25. April 2018

„Freude an der Arbeit läßt das Werk trefflich geraten.“ Mit diesem Satz wird Aristoteles auf der Titelseite des Naumburger Tageblatts zitiert, und dann treffe ich auf dem Markt einen Holzofenbäcker, der ebendort, unter freiem Himmel, seinen Teig knetet, mehlt und das Brot backt. Sein Werk, eben das ausgelegte Backwerk, sieht trefflich geraten aus.

„Entschuldigung, daß ich frage, haben Sie Freude an Ihrer Arbeit?“

„Sieht man mir das nicht an?“

„Doch, schon. Ich wollte es nur ganz sicher wissen.“

„Warum?“

Ich zeige ihm die Titelseite des Tageblatts. Er nickt: „Ein kluger Mann, dieser Herr Aristoteles.“



Berlin, 9. Mai 2018

Ein Licht schimmert auf im abendlichen Baumwerk, der Ruf des Vogels.

Relationen: In Shenzhen, der chinesischen Hightech-Metropole, leben 12 Millionen Menschen. Österreich hat 11 Millionen Einwohner. 800 Millionen Chinesen benützen ein Smartphone. China, das ganz offen ausgeführte Feld-„Experiment“ im Hinblick auf die Möglichkeit einer totalen, totalitären Überwachung und der globalen Verbreitung und Durchsetzung der von den Machthabern festgeschriebenen Lügen.

Design: Der Anblick der meisten heutigen Autos verletzt die Menschenwürde.



Moskau, 14. Juni 2018

Die Stunden fließen wie ein Strom, der in sich ruht, gelassen murmelnd.

Rußland gewinnt das Eröffnungsspiel der Fußball-WM gegen Saudi-Arabien 5:0. Wieso gibt es eigentlich keine „Öko-Sportevents“? Die Öko-WM wäre eine, in der ausschließlich Mannschaften von Staaten teilnehmen dürfen, deren moralische Integrität im Sinne der Menschenrechte über jeden Zweifel erhaben ist. Das würde die Anzahl der jeweils teilnehmenden Teams reduzieren und die Freude am Turnier erhöhen. Man sollte mal eine Liste zusammenstellen mit allen möglichen in Frage kommenden nationalen Teams.

Indem man an den von notorisch durchkorrumpierten „Sportverbänden“ alias Mafiabanden vergebenen Sportveranstaltungen teilnimmt, legitimiert man automatisch das jeweilige Regime. Indem man an den Olympischen Spielen in China teilnimmt, legitimiert man staatlichen Massenmord, legitimiert man brutalste, zynische, imperiale Machtpolitik, wird man indirekt, ob man will oder nicht, zum Unterstützer einer solchen Unterdrückungsherrschaft. Privat ausgeübter Sport mag nicht politisch sein. Aber öffentlicher, weltweit wahrgenommener Wettbewerbssport ist jenseits der mafiosen Geldscheffeleien nichts anderes als Politik, Propagandapolitik.

Geschmacklos lächelnd nehmen manche Vertreter der menschenrechtlich ausgerichteten Staaten an den jeweiligen, mit Hilfe des Sports durchgeführten Propagandashows teil, während sie zuhause im Rahmen von Sonntagsreden und Sonntagstalkshows nicht müde werden, billig vor den Gefahren des Populismus, des Faschismus, des Nazitums zu warnen. Wehret den Anfängen, sagen sie - dabei kuscheln sie längst auf den Schößen heutiger Goebbels.

Schwalben, was flattert ihr so wild? Macht ihr so euren Sommer?



Moskau, 17. Juni 2018

In einem Hinterhof ein Hund mit Heuschnupfen.

Aufgehoben sein - der Mensch möchte aufgehoben sein, sich aufgehoben fühlen. In deinen Armen fühle ich mich geborgen, in deiner Liebe, deinem Blick, deinem Wort. Heb mich auf, und du wirst aufgehoben sein. Paare bestehen aus These und Antithese, verheiratete Paare sind staatlich anerkannte Synthesen der Liebe.

Das menschliche Leben besteht in einem wesentlichen Teil darin, jeden Morgen den Weg von der Horizontalen in die Vertikale zu finden. Es scheint, daß dieser Weg ein Irrweg ist, das Leben in der Vertikalen ein falsches, und daß die wahre Heimat in der Horizontalen liegt, in der Schwerelosigkeit des Betts. Der erste Lebenseindruck des Menschen ist ein schwereloses Schweben im Mutterbauch, im Fruchtwasser. Alles, was nach der Geburt kommt, kann nur falsch sein, ein Kampf gegen die Schwerkraft.

Die Wege leuchten, und was nebenbei gelingt, nährt deine Seele.



Köln, 4. Juli 2018

Bei der Europäischen Raumfahrtagentur: Auf der ISS gibt es guten russischen Quark. Angeblich lecken sich alle nach ihm die Finger. Vielleicht haben sie heimlich Wodka untergerührt?



Berlin, 20. Juli 2018

SOMMERWIND

Es sind diese Tage

da alles stimmt

Ruhe legt sich auf den Sand

und der Wind weht

warm und cremig

weht unentwegt. Es ist

kein Versprechenswind

wie im Frühling

ein ankommender

ist es der das Versprochene

erfüllt. Die Zeit schmilzt, tropft,

Eis am Stiel, und du verschwimmst

im ewigen Blinken



Auf dem Land, 13. August 2018

Die Berge der norddeutschen Tiefebene - Wolkengebirge.



München, 29. August 2018

Die einzige interessante Seite der Süddeutschen Zeitung ist die Seite des Gedenkens, insbesondere der Kasten mit den Bestattungen: Dr. Lenz Ingrid, Lektorin, 88 Jahre; Höhne Aloisia Luise, Verkäuferin, 94 Jahre; Nagler Ilse, Friseurin, 98 Jahre; Schiemienski Daniela, Hausfrau, 48 Jahre; Vilsmaier Karl, Bahnpolizeibeamter, 86 Jahre; Graml Adolf, Drucker, 80 Jahre; Schnellenberger Adolf, Kraftfahrer, 86 Jahre; Rauscher Xaver, Zimmerer, 86 Jahre; Altstidl Creszentia, Hausfrau, 96 Jahre. Mögen sie in Ruhe bestattet liegen.

Wort, Brot und Liebe, die drei sinds, die benötigst du zum Leben.



Hamburg, 10. September 2018

Goethe nennt die Sonne „väterlich“.

Der Speyerer Dom sei, so Goethe, „wie die alten Kirchen ... in dem wahren Gefühl der Andacht gemacht ... Sie schließen den Menschen in den einfach großen Formen zusammen, und in ihren hohen Gewölben kann sich doch der Geist wieder ausbreiten, und aufsteigen, ohne wie's in der großen Natur geschieht, ganz ins unendliche überzuschweifen.“



Hamburg, 12. September 2018

Außenalsterufer und Harvestehude eher reich, nobel; die Leute allerdings schnarchnasenartig alt und müde, auch das Publikum in den Kaschemmen von mehltauschwerer Unsichtbarkeit.

Ideal: Uneitel, unkompliziert, strahlend und voller Lebenslust sein.



Berlin, 25. September 2018

Ich kann über den Schlaf nur müde lächeln.



Bad Homburg vor der Höhe, 10. Oktober 2018

Einen Text löschen - als wäre er ein Feuer, dich versengend.

Der Gesang aus Licht, den du über die Augen wahrnimmst.



Frankfurt am Main, 11. Oktober 2018

Es hat einen den Alltag stimulierenden Vorteil, wenn eine Stadt von einem Gebirge umgrenzt wird, einer Hügelkette, einem Höhenzug, der in der Stadt, beim Aufblick, beim Ausblick immer wieder ins Gesichtsfeld rückt; da ist die große Natur, das weite Leben, die Antithese zur Stadt. Siehe in Frankfurt den Taunus, in Stuttgart die Weinberge, in Wien der Kahlenberg.



Frankfurt am Main, 12. Oktober 2018

Lange im abendlichen Sonnenschein in der neuen Altstadt, vor kurzem fertiggestellt, und jeden Hof, jede Gasse, jeden Platz in Augenschein nehmend. Erstaunlich, welch großer Anziehungsherd das neue Stadtquartier schon ist. Schon wälzen sich Touristengruppen hindurch, werden Führungen veranstaltet, positionieren sich die Straßenmusikanten im passenden Abstand zueinander und spielen an jeder Ecke ihre bis zum Überdruß bekannten Gassenhauer.

Nebenan ragt der Dom in die Höhe. Es ist ein einziges Aufgenommenwerden, wenn du in diesen rotweißen Wald hineintrittst. Du hörst Orgelmusik, der Organist befindet sich auf der Empore im südlichen Querhaus, kaum zu sehen, und spielt bewegte, deutliche, ruhigbleibende, gleichzeitig beruhigende und stimulierende Melodien. Der Gedanke drängt sich auf, daß die gebauten Kirchen, auch im Verein mit der geistlichen Musik, der einzige überzeugende, indirekte Gottesbeweis wären, hätte man ein Interesse daran, „Gott“ zu beweisen. Das Geistige, das diese Kirchen hervorgerufen hat, diese Kirchenbauten mit ihrer Musik, wäre „Gott“. Nur ein „Gott“ hätte diese glänzenden Gebäude, diese glänzende Musik entstehen lassen können.

Mit der Trambahn in der Braubachstraße Richtung Hauptbahnhof: Atmosphäre alter Bundesrepublik.



Crailsheim, 5. November 2018

Das Proben läßt sich nicht proben. Proben ist paradoxerweise immer eine Uraufführung.

Im Eingangsbereich der Buchhandlung Rupprecht stehen alte Frauen schweigend beisammen und wärmen sich auf, sie warten auf den Bus (die Haltestelle vor dem Laden liegt im Schatten).



Berlin, 13. November 2018

Ein Tag im Leben die Perle in der Kette endlichen Seins.

Spät abends Martin Schulz bei „Markus Lanz“, der ehemalige SPD-Vorsitzende und Spitzenmann bei der Bundestagswahl 2017. Er spricht über seine Fehler und Träume und erweckt einen vergleichsweise sympathischen Eindruck - weil er so kurz angebunden und seelisch-offen und angreifbar wirkt, und so verbreitet er unfreiwillig auch eine lustige Stimmung.



Berlin, 14. November 2018

Jemanden überraschen: rascher sein als der andere. Vergleiche überholen, übertreffen, überflügeln.

Christa Wolf in „Was bleibt“: „Hoffnung lag vielleicht in der Tatsache, daß ich mich seit dem vorigen Sommer in meiner eigenen Wohnung nicht mehr zu Hause fühlte.“ (S. 25 in Julias Ausgabe). Unabhängig von der Frage, was mit „Hoffnung“ hier genau gemeint sein könnte, berührt der Satz das Bewußtsein eines Menschen, der weiß, daß die eigene Wohnung verwanzt ist und überwacht wird. Heute sind nahezu alle Wohnungen verwanzt - mit Smartphones, Computern, internetfähigen Fernsehern, und nahezu alle akzeptieren es oder haben kein Bewußtsein für die Übergriffigkeit der Konzerne und staatlichen Behörden.



Berlin, 20. November 2018

Tage wie Konsonanten, jede Woche eine Melodie aus Buchstaben. Der freie Tag ein Vokal; am liebsten gesungen als Duett, von dir und mir im Bett, ein O und ein A den ganzen Sonnenscheintag licht und nah.



Berlin, 21. November 2018

Die Welt verborgen im Schatten tief schleichender Wolken, schneeschwanger.

Die Wege steinig, erden, sandig, staubig, zementiert, asphaltiert - führen alle zurück in dein Herz.

Die Regenbögen des Glaubens leuchten am Himmel der Illusionen.

Talsperre - allein das Wort evoziert einen Roman.



Prag, 2. Dezember 2018

Wieder im großen Park von Vinohrady; nur liegen jetzt keine jungen Leute auf der Wiese, die Bierflasche in der Hand; es liegt Schnee, die Wege sind vereist, und die Tauben suchen panisch nach ihren Körnern. Aber die Burg, der Hradschin, leuchtet auch so auf der gegenüberliegenden Talseite.

Nachmittags, inzwischen regnet es in Strömen, zum Trocknen ins elegant-jazzige Bistró Aromi am Námestí Míru, dem Friedensplatz, bevor wir ins Divadlo na Vinohradech gehen, ins Theater in den Weinbergen, um das alljährliche vorweihnachtliche „Nußknacker“-Ballett zu sehen.

Es regnet weiter stark, endlich, möchte man sagen - wann war es das letzte Mal, daß so viel Wasser vom Himmel fiel? Wir sitzen nach dem Ballett im Parlament, dem nahegelegenen Restaurant, und hören immer wieder stumm durch die Scheiben dem endlosen Regen zu, der draußen mit sich selber debattiert.



Hessental, 4. Dezember 2018

Der Anschlußzug hat nicht gewartet. Gestrandet, im Dunkeln, besuchst du, den Regen abschüttelnd, die Bahnhofsgaststätte gegenüber dem Bahnhofsgebäude - und landest in einem verwunschenen Reich. Der Schankraum des Hauses, es stammt von 1885, wurde 1958 im Stile der eleganten fünfziger Jahre erneuert, und die steinalte Wirtin sagt, solange meine Füße mich noch tragen, wird hier nichts verändert.

Der Weg geht weiter, dein Leben strebt aufs neue ans Licht der Liebe.



Stockholm, 14. Dezember 2018

Die Dunkelheiten morgens und abends: morgens dem Tag, dem Hellwerden entgegen, voller Hoffnung auf das Gute, das im Licht entstehen wird; nachmittags der Nacht, der langen Finsternis entgegen, hoffnungslos.

Gehe abends in die helle Welt deiner Träume.

Schnell verfliegt die Zeit, noch ehe du sie erfaßt; ergreif den Moment.

Unerfindlich nah kommst du mir mit der Liebe und umschließt mich zart.



Berlin, 16. Dezember 2018

Im Tagebuch des Freundes Zeilen über die „Metaphysik des Marktes“. Schreibe sie bald hier herein. Was er schreibt, ist auch Teil von dir. Wenn du nur nicht so müde wärst! Abschreiben ist anstrengend.

In einem ganz wesentlichen Aspekt ist Religion eine Form von Literatur. Religion im Sinne der Religionsausübung ist eine Form von praktizierter Literatur. Hierzu wird, wenn du es nicht vergißt, noch weiteres folgen, das Thema ist ein Evergreen.

Der Sonnenscheinglanz, über die Haare fließend, verspricht die Liebe.

Die Sterne singen und deine Sehnsucht schwebt still - Komet am Himmel.

Die stillen Blicke und die verheißungsvollen Worte der Liebe.

Ab nach Perm. In die Freiheit.



Moskau, 25. Dezember 2018

Hier, auf Zwischenstation, die Frage nochmals: Warum elektrisieren dich Märkte? Der Freund hat neulich darüber geschrieben, ich habe es erwähnt. Er spricht von einer „Metaphysik des Marktes“ und notiert:

Der Sinn des Marktes ist das Überleben. Es gibt auf dem Markt alle möglichen Arten von Lebensmitteln. Fleisch, Milch, Käse, Brot, Obst und Gemüse. Bei gemischten Märkten auch sonstige Sachen wie Bekleidung - Schals, Felle, Mützen - oder Haushaltsmittel wie Töpfe, Holzbesteck und Schöpfkellen etc. Der Markt ist der chronische Versammlungsort der städtischen Öffentlichkeit. Jeden Samstag, gegebenenfalls auch an einem Tag unter der Woche, trifft man sich an den Ständen und kauft nicht nur die Lebensmittel ein, sondern unterhält sich auch mit den Verkäufern und mit anderen Besuchern, die man sonst nicht oder nur gelegentlich sieht; man teilt Neuigkeiten, tratscht, verreißt sich wenn nötig das Maul, trifft Verabredungen, macht Bekanntschaften, trinkt einen Kaffee, hebt das erste Bier oder schlürft ein Achterl Wein im Bistro am Rande des Marktes (z.B. im Pariser Le Baron Rouge nahe der Place d'Aligre), die prall gefüllten Taschen neben sich, aus denen eine Lauchstange und ein Baguette ragen. Der Markt ist ein friedlicher Ort. Es geht nicht um Essensraub, sondern um den freien Austausch freier Menschen - ein Kilo Äpfel gegen bares Geld. Der eine gibt, und ihm wird gegeben. Am Ende sind alle zufrieden. Die Gemeinschaft der Gemeinde ist für jeden wahrnehmbar, der vorübergehende Inbegriff des allgemeinen Friedens wird erreicht: das buchstäbliche Überleben der Menschen, der Gemeinde.

Warum aber „Metaphysik des Marktes“? Metaphysik zunächst in Abgrenzung zur „Physik des Marktes“. Diese bezeichnet schlicht den Markt in seiner ganz handgreiflichen physischen Realität, die für sich genommen bereits von sinnlicher Poesie ist - der Duft des Käses, der Geschmack der Himbeeren, die Weichheit des Fells; das ist schön. Die These lautet also, daß es neben der Physik des Marktes auch eine Metaphysik desselben gebe - im Sinne einer idealen, geradezu transzendenten Welt, einer Welt des ewigen Lebens - dargestellt an den Lebens- bzw. Überlebensmittelns - und einer Welt des Friedens, einer Welt also, die deshalb metaphysisch bzw. transzendent ist, weil die tatsächliche Welt eben eine Welt des nicht-ewigen Lebens ist, des nicht-ewigen Friedens; der Markt macht jenseits seiner physischen Alltäglichkeit, seiner physischen Nicht-Transzendenz, unbewußt doch diese Transzendenzerfahrung möglich, die Erfahrung einer Vorstellung ewigen Lebens, einer Vorstellung ewigen Friedens. Genau dieser Aspekt rechtfertigt es, in diesem bestimmten Sinne von einer Metaphysik des Marktes zu sprechen und in dieser den existentiellen Grund für die aufwühlende Anziehungskraft von Märkten zu sehen. Der Markt ist das Kino des Idealismus.

Am Schermetjewo-Flughafen: An den Metalldetektoren kommen gepiercte Fluggäste nicht durch.



Perm, 7. Januar 2019

Anläßlich des orthodoxen Weihnachtsfestes nochmals zur Religion als Literatur: Die institutionalisierte Form wird im sogenannten Gotteshaus ausgeübt (im Tempel, in der Kirche, der Moschee, oder wo auch immer), im gemeinschaftlichen oder individuellen „Gebet“. Der Mensch ist an sich in Not (ist sterblich, kämpft ums Überleben, wird krank, hat Schmerzen, ist schwach) und möchte daraus erlöst werden. Er erfindet eine Welt in Form einer Erzählung, in der von Anfang und Ende berichtet wird, und spricht wiederholt suggestive, beschwörende Formeln, alias Gebete: „Schma Jisrael“, „Vater unser im Himmel“, „Allahu Akbar“, Formeln, deren Kraft die Sprechenden in diese heraufbeschworene Welt zu zaubern und sie so vorübergehend zu erlösen scheint. Der „Allmächtige“, der „Allgütige“, der „Allweise“, der „Größte“, der „Schöpfer des Himmels und der Erde“, „im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes“, „Ave Maria“...

Entscheidend ist der Aspekt der Fiktion: denn nur an diese kann man glauben. Im realen Leben taucht kein Engel auf und sagt: „Gegrüßest seist du Maria, voll der Gnaden“. Es ist eine Fantasywelt, von der man annehmen möchte, sie sei wahr. „...gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel...“. Wie gesagt, reine Fantasy, mit dem Beschwörungspathos-Stift geschrieben. Religion ist ein Genre der Literatur.

Eine moderne, allerdings wenig erhebende Form des Fantasyhimmelreichs ist der Computerspeicher. Ich sterbe nicht, ich werde in eine „himmlische“ Datei hochgeladen, bekomme einen unendlichen Speicherplatz. Eine ziemlich ernüchternde Seelenwanderung à la California.



Perm, 18. Januar 2019

Was ist der Unterschied zwischen heilend und heilsam?

Ein Mensch kann dich heilen, er macht dich, von außen kommend, gesund. Ein bestimmtes Wort, das jemand sagt, kann heilsam sein, du hörst es und gesundest von selbst, von innen.

Die Liebe erglänzt wie die Landschaft am Morgen beim ersten Kuß der Sonne.



Perm, 13. Februar 2019

Ins Exil der Liebe gehen.

Schnell rieselt der Schnee, als hätte er keine Zeit.

Wie eine Sänfte will dir der Frost erscheinen - er trägt dich sanft voran.



Berlin, 21. Februar 2019

Das Leuchten des Tags auch am Abend im Regen vor der Laterne.

Die Sonnenflammen rauschen in deinen Träumen, wecken Daseinslust.

Ein Merkmal der digitaltechnologischen Machtergreifung der letzten Jahrzehnte: die ablaufenden Prozesse der Maschinen (Computer, Smartphones) sind dem Nutzer entzogen, er hat keinerlei Chance, zu wissen, was alles im Verborgenen geschieht; er ist an die Nutzeroberfläche angebunden, ohne die Voreinstellungen zu kennen oder beeinflussen zu können. Es findet eine Anti-Aufklärung statt, der selbstverschuldete, weil hingenommene Eingang des Menschen in die Abhängigkeit.

Der Gegensatz zur digitaltechnologischen Macht ist die analogtechnologische. Diese analoge Technik gibt es, seitdem der Mensch einen Stein aufgehoben hat, um einen anderen Menschen oder ein Tier abzuwehren (Waffe) oder um mit dessen scharfer Kante ein Stück Fleisch abzuschneiden (Messer), oder, zu viel späterer Zeit, seitdem er gelernt hat, mit Hilfe eines Pflugs das Land zu beackern, etc. Diese analogen Technologien sind handgreiflich, sichtbar, oberflächlich, empirisch erkennbar. Im Hinblick auf sie ist ein aufgeklärter Umgang möglich.

Ziel der Politik müßte es sein, die digitaltechnologische Machtergreifung zurückzudrängen, digitale Techniken strikt zu regeln, ihrem Mißbrauch vorzubeugen und wo immer möglich analoge Technologien und Wissenskulturen beizubehalten.



Berlin, 17. März 2019

Eßbare Salatkunst, im Rahmen einer Tischgesellschaft serviert und von den Gaumenfreunden mit interessevollem Wohlgefallen gleich verputzt.



Bitterfeld, 21. März 2019

Am Bahnhofsvorplatz: Bei dem Gittersitzrondell fehlen mittlerweile die Sitze bis auf einen Dreiersitz; die anderen sind abgeschraubt worden. Warum? Fehlen die Menschen, die sich hier hinsetzen?

In deinen Armen, den zarten Liebeszäunen, komme ich zu mir.



Im Murrtal, 30. März 2019

Verflogen aufs Land, siehst du den Weißdorn blühen und Katzen spielen.

Jedes Stückchen Garten ist ein Stückchen vom Paradies.



Im Murrtal, 1. April 2019

Ein Gut auf dem Land haben und die Güter des Lebens genießen.

Ein guter Mensch sein und es gut sein lassen.

Im Traum bereist du deine inneren Galapagosinseln.

Beruf Ölnebelabscheider

Beruf Hinterhofsoziologe

Beruf Präpositionenforscher

Beruf Wogenglätter bzw. Ausbügler

Beruf Unvollkommenheitsperfektionist

Beruf Kontexteunternehmer

Beruf Passivist

Beruf Gehwegschädenphotograph

Das Gewicht der Welt in einer Seifenblase schwebend.



Berlin, 10. April 2019

Der Weg zieht weiter, nicht du. Der Weg reist. Bestenfalls nimmt er dich mit. Der Weg ist der Horizont. Der Weg ist der Horizont, der sich selbst negiert. Der Weg ist der Horizont, der sich stets überschreitet.

Gesang, zart, hell, rein, aus Liebe-vollem Herzen, tönt dir jeden Tag.



Paris, 15. April 2019

Notre Dame de Paris brennt. Surrealer Anblick. Surreal ist: was real und doch unglaublich ist.

Der im Dachstuhl verbaute achthundert Jahre alte Eichenwald - auf Nimmerwiedersehen verloren.

Was du verloren, in Liebe gewinnst du es frühlingswindumtost.



Berlin, 16. April 2019

Dann, plötzlich, ist er da, der Moment, da du erstmals im Jahr Blätter im Wind rauschen hörst. Ganz schwach nur, aus der Ferne, über einen Gleisstranggraben hinweg, vermischt mit dem Tönen einer beschleunigenden S-Bahn, und doch deutlich; und auch sichtbar, im Gegenschimmer der sinkenden Sonne.



Im Murrtal, 21. April 2019

Ostersonntag. Auch die Evangelien sind Fake News.

Liebeskollegen, du und ich ins Buch vertieft, das wir beide sind.

Dem wandernden Schatten vorauswandern - und so mit der Sonne gehen.



Berlin, 8. Mai 2019

ESA-Astronaut Alexander Gerst auf der „re:publica“-Konferenz: „Jeder Mensch hat das Recht, ja sogar die Pflicht, seinen Träumen eine Chance zu geben.“

Vergleiche Friedrich Schiller, „Don Carlos, Infant von Spanien“: „Sagen Sie / Ihm, daß er für die Träume seiner Jugend / Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird (...).“ (Einundzwanzigster Auftritt: Königin. Marquis von Posa).



Berlin, 12. Mai 2019

Ungelöst das Spiel der Liebe

Ungelöst das Rätsel des Lebens

Unerlöst die verbundenen Augen, von Liebe entzündet.

Am Ende das Licht des Tunnels.



Berlin, 3. Juni 2019

Die Wege heiter, und die Sehnsucht fließt weiter und vereint euch zwei.

Leichter Wind geht, und plötzlich wird das Leben wieder groß (beim Anblick der Schwalben überm Weißen See).



Unterwegs, 9. Juni 2019

Jeder Tag, da man nicht die Gelegenheit hat, zu einem geliebten Menschen „Ich liebe dich“ zu sagen, ist im Grunde ein verlorener Tag.

Das Licht leuchte dir, die Liebe, die Freundschaft, jetzt und für alle Zeit.



Im Zug Krakau - Küstrin, 15. Juni 2019

Im Speisewagen: Das gesamte Geschirr ist aus Plastik. Bier trinkt man aus der Flasche. Die Küchenfrau brät in der Pfanne auf einer der vier Herdplatten kleine Hühnchenschlegel. In tiefster Provinz nagelneue, perfekt ausgebaute, einsame Bahnhöfe. Die Türen zwischen den Waggons haben Klinken, keine Druckknöpfe. Es ist an sich schön, daß die Klimaanlage funktioniert (draußen herrscht eine schwüle Bullenhitze), es ist nur so, daß sie zu gut funktioniert - der Zug gleicht einer durch die Lande rollenden langen Gefriertruhe. In der Toilette kann man die Kippfenster öffnen und sich ein wenig aufwärmen. Der Zug überquert langsam eine Straße - die Schranken sind nicht geschlossen, die Autos warten rechts und links. 21:30 Uhr in Küstrin, ich gehe über den Bahnhofsvorplatz, überall sitzen betrunkene Männer. Im winzigen Supermarkt eine betrunkene Mutter mit ihrer lebendigen Tochter, die sie mit ihren blauen Augen anstrahlt - das menschlich kaputte Umfeld erkennt sie noch nicht, sie lebt im Paradies. Der freundliche Wind, der dir draußen durch die Haare streicht, nimmt die Sorgen mit.



Hiddensee, 27. Juni 2019

Christiane Vulpius war in Friedrich Justin Bertuchs Fabrik für künstliche Blumen angestellt. Später heiratete sie die größte künstlerische Blume der deutschen Literatur - Goethe.

Das Licht, der Schimmer durch dich wandernd als wärst du deren natürliches Ausflugsgebiet.

In Liebe fallen. Warum fallen? Drückt das Fallen die Hilflosigkeit aus? So, wie ein Mensch, der in einen Abgrund fällt, hilflos ist? Aber Liebe ist doch kein Abgrund? Pumpt sie nicht beflügelnde Energie in den Liebenden hinein? Warum fällst du in Liebe?



14. Juli 2019

Wo bist du? - Im Landregen. - Gut so.

Die Wege glänzen, und die Stille öffnet sich dem guten Gespräch.



Echterdingen, 19. Juli 2019

In der Kapelle des Flughafens Stuttgart, die ich aus Neugier betrete, beten auf einem ausgerollten Gebetsteppich kniend und sich verbeugend zwei verhüllte moslemische Frauen. Neben ihnen warten die Rollkoffer.



Berlin, 31. Juli 2019

Wieder ein letzter Tag, dem ein neuer folgen wird. Am Ende der Anfang. Anfang - der erste Fang. Laß uns einander der erwünschteste Fang sein.

Lesend blätterst du um. Blätter liegen in deiner Hand. Jedes Blatt ein verwandeltes Baumblatt. Du bist ein Baumwesen. Du blätterst und blätterst. Bücher sind Bäume, beredt schweigende Phänomene aus Blättern. Eine Bibliothek ist ein Baumhaus, aus tausendundeiner Stimme gebaut. Eine große öffentliche Bibliothek ist ein begehbarer Wald. Staatsforste und Staatsbibliotheken sind Zwillinge. Der Förster ist der Bibliothekar des Waldes.



Stuttgart, 4. August 2019

Auf dem Schloßplatz: Schmetterlingsbesuch unverhofft dich umfächelnd - zarter Lebensgruß.

Archive des Glücks, Lichtspiele in den Bäumen, wachsend Jahr für Jahr.



Im Murrtal, 11. August 2019

Lichtentzündete Stille, während Liebe wächst und Blumen tanzen.



Weimar, 28. August 2019

Das Lied erklinge immer wieder aufs neue, jenes der Liebe.



Im Murrtal, 30. August 2019

Am Rande des Todes Pläne für die weitere Zukunft machen - man lebt über den Tod hinaus virtuell in der Zukunft weiter.

Um 6.50 h geht über den grünen Bergeswäldern die glutrote Sonne in den reinblauen Himmel auf.

Finde den richtigen Ton jeden Tag an jedem Ort. Nur mit dem richtigen Ton kommst du zu dir, entsprichst du dir.

Kann man je des Lebens satt sein?

Das Leben ist doch kein Lebkuchen.

Der richtige Ton bringt das Echo hervor, das du selber bist. Ohne den richtigen Ton bleibt alles stumm.

Lebenssatt.

„Ich habe das Leben satt.“

„Ich habe dich satt.“

Der Liebe kann man nie satt sein; aber des Hasses.

„Ich habe den Haß satt.“

„Ich habe das Hassen satt.“

„Ich will nicht häßlich sein.“

„Ich will lieblich sein - liebenswert, liebenswürdig, auch liebevoll. Der Hunger und der Durst nach Liebe lassen sich nicht stillen, nicht löschen. Das Tischlein der Liebe bleibt für immer gedeckt.“

Ein Monat neigt sich dem Ende zu. Wieder einmal.

Wieder einmal.

Das ganze Leben besteht aus einer Reihe von Wieder einmals.

Wieder einmal geht der Sommer langsam dem Ende entgegen, wieder einmal lassen sich in der spätsommerlichen Frühe Andeutungen des Herbstes nicht ignorieren, wieder einmal werden die Abende früher dunkel, wieder einmal wird dir bewußt: nichts bleibt, alles geht.

Die Autos fahren zu schnell.



Im Murrtal, 31. August 2019

Im Buchstabenwebstuhl fliegen die Zeilen hin und her. Bücher, handliche Teppiche.

Bücher, auch Fliegende Teppiche, in die Hand zu nehmen und mit ihnen über Länder und Meere zu reisen.

Manche suchen Schwierigkeiten, um daran zu wachsen.

Manche werden geboren, als sollten sie achtzig Jahre lang nur Verdauungsapparate sein. Ich verdaue, also bin ich.

Wie die Bäume und Büsche plötzlich rauschen und dich emporheben ins Reich, wo die sorgenvolle Welt verschwindet.



Im Murrtal, 1. September 2019

Spiel mit den Wellen. Es sind die Wellen des Meers in dir.



Im Murrtal, 2. September 2019

Der Gesang ertönt aus den Bäumen, den Chören der pflanzlichen Welt.



Berlin, 3. September 2019

Der Gesang, dein Kleid, mit dem ersten Ton liebend übergeworfen.

Der Blinde mag sehen, wohingegen der Verblendete glaubt, er sehe, und doch in Wahrheit gar nichts erkennt.

Die Armee der Toten ist unbesiegbar. Die Armee der Lebenden unterliegt immer.

Der Anblick eines geliebten Menschen läßt den Garten der Seele unmittelbar erblühen.



Berlin, 7. September 2019

Invalidenstraße Ecke Ackerstraße 17.30 h. Gedenken an die vier gestern abend hier von einem von der Straße abgekommenen, schnell fahrenden Auto getöteten Menschen: drei und vierundsechzig, achtundzwanzig und neunundzwanzig Jahre alt: ein Kind und seine Großmutter; sowie zwei Männer, die ein Paar waren. Die Mutter des Kindes und ihr zweites Kind überlebten, blieben äußerlich unverletzt, wie die Polizei sagt. Die Invalidenstraße ist besetzt, die meisten sitzen buchstäblich mitten auf der Straße, auf den Gleisen, andere stehen außen herum. Vier Schweigeminuten. Die Anwesenden sind betroffen, geschockt, sprachlos. Der Horror kennt keine Sprache, die ihm gleichkommt.

Jemand hat ein grünes Papierschild aufgestellt und darauf mit schwarzem Filzstift geschrieben:

Darf ich dein Tröster sein?

- Gott -

Psalm 119,50

Ich kann dieses Zitat in der Bibel nicht finden. Der Satz aber leuchtet mir unmittelbar ein. Wenn etwas trösten könnte, dann allein ein angenommener, transzendenter, liebender und die in unaussprechlichem Leid fallenden und immer weiter fallenden Menschen für immer auffangender Gott.



Berlin, 11. September 2019

Vergesse abends das Fahrrad in der Tram M10; es fährt nun von Endstation zu Endstation hin und her, bis Betriebsschluß. Wie ich mir das vergessene Fahrrad so alleine in der Straßenbahn fahrend vorstelle, rührt es mich. Es ist ein Bild, das einen Roman hervorrufen möchte.

Du bist meine Welt, und dein Lächeln, dein Strahlen umarmen mich ganz.



Hiddensee, 13. September 2019

Man steht abends in der sinkenden Dämmerung oben im Dornbusch auf dem Großen Inselblick, einen geliebten Menschen im Arm, und sieht den Vollmond aufgehen. Es sind solche Momente im Leben, die in sich sinnhaft sind, die keiner weiteren Worte mehr bedürfen.



Berlin, 16. September 2019

Erstaunlich, mein letzte Woche in der Tram M10 zurückgelassener Drahtesel hat sich im Fundbüro der BVG in der Rudolfstraße eingefunden. Es gibt dort drei nebeneinander liegende Schalter, und die meisten von einem Verlust Betroffenen holen kleine Sachen ab, Brillen, Börsen, Teddybären und ähnliches. Als der BVG-Mitarbeiter meinen Drahtesel vom rückwärtigen Lager in den Schalterraum hereinführt, muß der Türke, der neben mir steht, unwillkürlich lachen: „Du hast dein Fahrrad in der Straßenbahn vergessen?“

Beim Nachhausefahren prüfe ich den Drahtesel, ob es ihm noch gut geht. Er leiert und quietscht wohl etwas mehr als zuvor, der Sattel hat sich gelöst und liegt nur mehr auf. Vielleicht wurde der Drahtesel bei der Verbringung in die Fundhalle nicht gerade mit Samthandschuhen angefaßt; es handelt sich bei ihm auch um ein störrisches, altes Wesen.

Die Unkunst der Zeit - sie kennt kein Maß.



Prag, 30. September 2019

Die Welt ist ein Kunstwerk, das an einigen Stellen nicht verhehlt, mangelhaft zu sein - in baulicher, optischer, akustischer, olfaktorischer, taktiler und geschmacklicher Hinsicht. Es kommt wie überall darauf an, das beste daraus zu machen.

Der Weg unbekannt, wie alles im Lebensspiel; von Liebe durchrauscht.

Heute vor dreißig Jahren trat der im abendlichen Dunkel kaum sichtbare Außenminister Genscher auf den Balkon des Palais Lobkowitz: „Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, daß heute Ihre Ausreise...“. Eine Szene Shakespeareschen Ausmaßes. Die Julias und Romeos aus dem Arbeiter- und Bauernstaat erhalten von ihren verfeindeten Staatsfamilien den Segen, sie dürfen „heiraten“ und ausreisen. Was folgte, waren die unglaublichsten Flitterwochen der deutschen Geschichte.

Gibt es schon eine Kulturgeschichte des Balkons, vom Papstbalkon über den Balkon der Wiener Burg bis zum Balkon des Frankfurter Römers? Das wäre ein dankbares Dissertationsthema und, wenn gut geschrieben, ein Buch, das man nicht nur auf dem Balkon gerne lesen würde.



Bad Cannstatt, 1. Oktober 2019

Wie um halb elf Uhr vormittags die Bedientrupps in ihren schönen Gewandungen durch den Bahnhofstunnel zum Wasen wandern - um elf öffnen die Bier- und Weinzelte -, so leise, adrett, sauber, als wären sie ein eigenes Volk, apollinische Gesandte, die bald den in dionysischen Rauschexzessen sich verlierenden, zu dröhnender Kapellenmusik singenden und schreienden Festbesuchern die Bierkrüge und Weinschoppen noch und noch vor den Latz stellen werden.



Berlin, 2. Oktober 2019

Im ARD-Nachtmagazin verliest der silberhaarig ergraute und jugendlich wirkende Modellathlet Thorsten Schröder aufrecht-kontrolliert die Nachrichten.



Hiroshima, 11. Oktober 2019

Fast Vollmond.

Gesang der Liebe, zart im Augenaustauschspiel, Stunde für Stunde.



Kanazawa, 13. Oktober 2019

Vollmond.



Berlin, 26. Oktober 2019

Im „Schlot“ Gitarrenkonzert von Uwe Kropinski. Die Zeit geht auch an ihm nicht vorüber.

Hab ein warmes Herz, sei, wenn möglich, ein andere bewegendes Vorbild, sei dir auch selbst dein eigenes Vorbild.



Berlin, 1. November 2019

Allerheiligen ist der Omnibus all jener Heiligen, für die anderweitig kein Tagesplatz zu finden war und mit denen man an diesem Tag einen Ausflug auf den Friedhof unternimmt.

Allerheiligen begeht man heute, Allerscheinheiligen jeden Tag.



Berlin, 4. November 2019

Kräftiger Regen pfeilt hernieder und läßt flache Straßenseen wachsen.

Der Politiker Norbert Röttgen erinnert in seiner Art und seinem Aussehen an Annette Schavan.

Jede Nacht ziehen über einhunderttausend Zeitungszusteller durch die Straßen Deutschlands, von der Hallig bis zum Alpendorf.

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. (2 Timotheus 1,7)



Paris, 11. November 2019

Sei ein Mensch mit Witz, Geschmack, Vermessenheit und einem endlosen Schuß Unabhängigkeit.



Berlin, 6. Dezember 2019

Laß nicht nach. Steh aufrecht. Wundere dich. Wundere dich nicht. Sei ein Mensch. Hab Mut. Laß dich fallen. Fang dich auf. Lese die Stücke zusammen. Form dich nach deinem Bilde. Sei ganz. Sei du selbst, ein unvollendetes Projekt. Beginne den Tag mit guten Gedanken. Lebe den Tag mit guten Gedanken. Beschließe den Tag mit guten Gedanken. Träume gute Gedanken. Kleide dich in schöne Sachen. Iß schöne Sachen. Mache schöne Sachen. Sei offen für die Liebe. Hab keine Angst. Falle in Liebe. Die Liebe ist keine Falle.

Die meisten Menschen leben, ohne je geboren worden zu sein.

Die Morgenröte eine Anmut, die Mut macht und dir Liebe schenkt.



Wittenberg, 17. Dezember 2019

Aus welchen Wolken möchtest du heute fallen? Aus den traurigen.

Am Ende immer der Anfang. Fang an. Fang mit dem Leben etwas an. Fang mit dir etwas an. Fang dich auf. Laß dich fallen und fang dich auf. Laß dich fallen, du wirst aufgefangen werden. Die Liebe fängt dich auf.



Leipzig, 23. Dezember 2019

„Beladetür“ (Tür im ICE-Speisewagen, über die die Abfallsäcke entsorgt und die Nachschubkisten gereicht werden).

Früchte tragend = Menschsein.

Krach, als Wort für Streit, ist im Grunde ein schönes Wort. Ebenso: Krach schlagen.

Sei unbefangen.



Im Murrtal, 31. Dezember 2019

Idealer Geisteszustand: Heiter-melancholisch.

Melancholie ist ein Geisteszustand, den man notwendigerweise erreicht, wenn man bei Verstand ist und sieht, wie alles vorübergeht.

Der Fado ist melancholisch, steckt den Zuhörer mit der Melancholie an und weckt gleichzeitig in ihm eine vom Grunde her heiter-kraftvolle Stimmung.



Im Murrtal, 1. Januar 2020

Behalte die Sache, die es dir wert ist, im Auge; bewahre im Herzen die Liebe.



Im Murrtal, 5. Januar 2020

Zeile für Zeile schreibst du ums Überleben und hoffst auf Liebe.

Die zarten Felle der Meisen im Winterbaum träumen von Sonne.

Wie viele Menschen, die man lieben könnte, verpaßt man im Leben?



Berlin, 30. Januar 2020

Die Stille erklingt, und ein weiter Weg, liebhell, führt mich an dein Herz.



Berlin, 1. Februar 2020

Die Nachrichten werden derzeit von einem „neuartigen Coronavirus“ erfüllt. Die Tatsache, daß jeden Winter die Grippe allein in Deutschland zuverlässig tausende Menschen auf den Weg ins Nirwana sendet, spielt bei der Einordnung des neuen Virus, das in China bislang offiziell 300 Tote gefordert hat, keine Rolle. Woran liegt das? Vielleicht daran, daß mit dem unbekannten Virus eine therapeutische Ungewißheit verbunden ist? Man kennt es noch nicht und kann gegen es anscheinend wenig ausrichten.

Daß die Nachrichten von dem Thema so viel Aufhebens machen, liegt sicher auch in der Medienlogik: Es ist schlicht eine neue Geschichte. Eine, die mit dem Tod verbunden sein und potentiell, in den apokalyptischen Extremversionen, weite Teile der Menschheit bedrohen könnte. Diese Geschichte will erzählt werden. Aber eine schauerromantische Macht über den Leser gewinnt sie letztlich nur, weil man dem Tod ebendiese Macht einräumt. Sobald man den Tod auf der individuellen wie der kollektiven Ebene akzeptiert, auch den durchaus verfrühten, begegnet man der Sache mit einer gewissen Kühle, Gelassenheit, Ruhe - und kann gleichwohl Vorsichtsmaßnahmen und medikamentöse Versuche, das Virus zu bekämpfen, ergreifen.

Was die Bilder aus China nicht zuletzt zeigen, ist die kollektive Absage an die gemeinsame Luft, die man atmet. Millionen Chinesen tragen Atemschutzmasken und bekunden damit, daß das seit Urzeiten, bis zur Erfindung des Verbrennungsmotors und die Luft fein verstaubender Kraftwerke, Selbstverständliche, die Luft zum Atmen, auf neue, nämlich unsichtbare, unriechbare Weise, nicht mehr selbstverständlich ist. Die Luft, dieses unscheinbare Gemeinschaftseigentum, ist nichts mehr, dem man vorbehaltlos Vertrauen entgegenbringt. Die Zeit des Atemkommunismus scheint vorbei zu sein. Wir teilen nicht mehr die gleiche Luft, die wir bekommen wollen. Wo du, Genosse Nachbar, Genosse Passant, ausatmest, da atme ich nicht mehr ein, zumindest nicht ohne meine Atemschutzmaske.

Ein unangenehmer Nebeneffekt: Man sieht den Mitmenschen nicht mehr in seiner vollen Erscheinung, sieht nicht mehr sein Edelstes, sein Gesicht, den natürlichen Personalausweis, die Urkunde der Individualität par excellence. Dabei ist dieses Edelste des Menschen auch dann edel, sollte es nicht den Ansprüchen der Anmut genügen. Das Edle kann sich auch an einem Phänomen zeigen, dem man den Ausdruck Fratze nur ungern vorenthalten wollte.



Berlin, 5. Februar 2020

Sterbekunst: Sich gehen lassen können.

In den Nachrichten die überraschende Meldung, daß bei der Wahl zum Ministerpräsidenten des Landes Thüringen der bisherige Amtsinhaber Bodo Ramelow von der „Linken“ durchgefallen und stattdessen ein FDP-Mann namens Thomas Kemmerich offenbar unter anderen auch mit den Stimmen der AfD-Abgeordneten gewählt worden ist, mit einer Stimme Vorsprung. So bedenklich dies ist, nervt doch das mediale Weltuntergangstremolo der Politiker und Medienvertreter, die sich kaum mehr einkriegen. „Es ist passiert“, „Dammbruch“, etcetera, und ausgerechnet der hochgeschätzte Gerhart Baum verliert die Contenance und glaubt, „ein bißchen Weimar“ erkennen zu können. Bitte kritisieren, ja, einordnen, gern; aber tut es doch ruhig, angemessen, sachlich.

Aus dem Phrasenwörterbuch des Künstlers: „Ich mache nur noch Projekte, für die ich brenne.“

Der stille Weg blinkt, führt dich hinaus ins Helle, wo Liebe dir winkt.



Berlin, 9. Februar 2020

Fortsetzung der Erfurter Landtagsposse mit den bundespolitischen Implikationen und Einmischungen. Jetzt will die „Linke“ ihren Ramelow nur dann wieder zur Ministerpräsidentenwahl stellen, wenn die frei gewählten CDU-Abgeordneten diesen garantiert mitwählen; sonst bestünde die Gefahr, daß die AfDler ihn wählen und er damit ein „Ministerpräsident von Gnaden der AfD“ werden würde und seine Wahl aus moralisch-politischen Gründen nicht annehmen könnte. Das Wort Posse erinnert daran, daß ein Parlament tatsächlich immer auch eine Bühne ist, auf der die hin und wieder unfreiwillig komischen Vertreter ihr volkstümliches Stück aufführen, bisweilen mit überraschenden Wendungen.



Stuttgart, 20. Februar 2020

Philip Reis aus dem hessischen Gelnhausen, der vergessene Erfinder des Telephons (der ICE Fulda-Frankfurt fährt immer durch diese Stadt).

Warum ist die namenlose Freude namenlos? Was wäre ihr Antonym? Die namhafte Freude? Die namenvolle Freude?

Die Wege glänzen, und das Herz schlägt wild drauf los, weil dich Sehnsucht packt.

Wohin die Schritte, wohin des Lebens Wege, wohin treibt es dich?



Berlin, 26. Februar 2020

Man beobachtet, wie Menschen vorsorglich Atemmasken kaufen, und die Apothekerin sagt, sie habe schon Essensvorräte angelegt. Wenn Apotheker Vorräte anlegen, dann überlegt man sich unwillkürlich, ob man dies nicht gleichfalls in die Wege leiten sollte. Wie überall, gelten auch hier, im vorauseilenden Schatten einer Epidemie, die „Gesetze der Nachahmung“, wie sie Gabriel Tarde im 19. Jahrhundert beschrieben hat. Eine Gesellschaft wird nicht nur durch Lieferketten der Gebrauchsgüterindustrie am Leben gehalten, sondern auch durch ihre Nachahmungsketten zusammengehalten.



Berlin, 27. Februar 2020

Mittlerweile haben die Fernsehprogramme das Virus vollends in den Fokus gerückt, die Gesundheitssendungen in den dritten Programmen drehen sich fast nur darum, auch „Maybritt Illner“ und Co verwandeln sich in den neuen Fernsehkanal, das Corona-TV.

Man merkt, wie sich in den letzten Wochen die allgemeine Stimmung geändert hat - in ernste Besorgnis; man meint auch, daß die politisch Verantwortlichen eine gewisse Angstlust angesichts der „Lage“ verspüren, fast im Sinne von „Endlich gehts um was, endlich ist Kampf angesagt“, bisweilen hört man sogar das Wort Krieg. Krisenstäbe werden eingerichtet, sind Tag und Nacht besetzt, auf Pressenkonferenzen kündigen die Minister „alle erforderlichen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung“ an, etcetera.

Kunstwerke in den Wartezimmern von Arztpraxen - hat darüber schon jemand eine Dissertation verfaßt? Hoch scheint der Anteil an abstrakten Gemälden und Drucken, die den wartenden Patienten vielleicht patient machen sollen?



Potsdam, 1. März 2020

Ein Freund, nach einer langen Reise am Flughafen Frankfurt landend, berichtet am Telephon, dort trügen alle „diese Höschen“ vor Mund und Nase. Das klingt etwas despektierlich. Andererseits, etymologisch gesehen, bezeichnet Hose ja durchaus so viel wie einen bedeckenden Lappen, ein umhüllendes Tuch; der Ausdruck ist also nicht ganz weit hergeholt.

Momente im Licht, in der wärmenden Sonne, seelenerlösend.



Leipzig, 8. März 2020

Gemälde Neo Rauchs erinnern in ihrer von fern her leicht schwülstigen, nie ganz salbungsfreien Emphase an sozialistische, oder, allgemeiner, totalitäre, Kunst, nur daß in ihnen die Emphase alptraumhafte Züge annimmt, in der kein Schrei, kein Ton, zu vernehmen ist, es sind nicht stille, sondern stumme Werke, die im übrigen, anders als die totalitären, nicht im Kitsch versteinern, sondern den Kitsch, der ihnen innewohnt, aufheben oder doch, so scheint es, in Zweifel stellen.

Ein hinnehmbares Mindestniveau hätte die Kultur eines Landes dann erreicht, wenn zum Beispiel die Speisewagenrestaurants im „Guide Michelin“ auftauchten und die Zugköche wie selbstverständlich um die Sternewette kochten. Sollte es nicht unfraglich sein, daß man im Speisewagen, wenn schon nicht in einem Sternerestaurant, so doch in einem Lokal gehobener Qualität Platz nehmen darf? Stattdessen bekommen die Gäste sie ihrer Würde beraubende Fertiggerichtfraße vorgesetzt. Die Tatsache, daß das deutsche Volk, oder doch sein die Bahn und den Speisewagen regelmäßig aufsuchender Teil, diese Erniedrigung auf Dauer erträgt, läßt auf einen grundlegenden, gegen sich selbst gerichteten sadomasochistischen Zug in seinem Wesen schließen. Das „Bordrestaurant“ der Deutschen Bahn - ein Sadomasostudio auf Rädern, in dem du so bedient wirst, wie du es wünschst, und dabei zu spät ans Ziel kommst?



Berlin, 10. März 2020

Ganz Italien ist jetzt Sperrzone.

Das Auto hat einen Kofferraum, in dem sich kaum je ein Koffer verliert. Die Wohnung hat keinen Kofferraum, aber Koffer sind hier gestrandet. Wohin mit ihnen? Vielleicht in den Kofferraum?



Berlin, 12. März 2020

Der Winter neigt sich dem Ende entgegen, ohne daß ich dieses Jahr in Perm gewesen wäre. Erst konnte ich nicht, jetzt darf ich nicht.

Das Coronavirusthema überlagert noch mehr, als denkbar gewesen wäre, alle Themen, die Nachrichten und die Talkshows. Diese Gesprächsrunden wirken zum Teil wie paradoxe Gruppentherapiesitzungen - man therapiert, bevor die ganze Gesellschaft erkrankt, therapiert mit dem Ansatz, die Krankheit erst gar nicht ausbrechen zu lassen beziehungsweise nur in intensivmedizinisch verkraftbaren homöopathischen Dosen.



Berlin, 15. März 2020

Eine denkwürdige Woche geht zu Ende, es ging Schlag auf Schlag, jeden Tag merkte man - „er ist's“, er kommt näher: „Frühling läßt sein blaues Band / Wieder flattern durch die Lüfte; / Süße, wohlbekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land. (...)“ (Eduard Mörike)

Gleichzeitig mit dem Herannahen des Frühlings hat die Politik ihre Gangart geändert. Blieb es in den letzten Wochen lange beim Schrittempo, dem zuletzt ein gemütlicher Arbeitstrab folgte, hat sie nun, hoppla hopp, in den Galopp gewechselt. Ein Bundesland nach dem anderen schließt Kindergärten, Kindertagesstätten und Schulen. Museen, Konzerthäuser, Klubs lassen die Rolläden herunter. Ziel der staatlichen Verordnungen ist eine Art Tempolimit für die Geschwindigkeit, mit der das Virus die Bevölkerung durchseuchen darf. Ein Tempolimit kann Leben retten. Alle auf einmal - da würden bundesweit die Intensivbetten ächzen, stöhnen, am Ende zusammenkrachen, es soll hintereinander geschehen, immer mit der Ruhe, jeder kommt mal dran.

Auch die Kanzlerin meldete sich diese Woche in der Sache erstmals und wiederholt zu Wort und sagte in einem „Aufruf an alle“, man solle „wo möglich auf Sozialkontakte verzichten“. Sozialkontakte? Aber mit Hunden, Katzen und Pferden darf man noch Sozialkontakte pflegen, oder nicht?

Es erregt durchaus ein staatsbürgerliches Staunen, wie binnen einer Woche ein Land nach dem anderen „heruntergefahren“ wird, wie ganz Europa sich an seine Binnengrenzen erinnert und überhaupt wie weltweit die Staaten die Schotten dichtmachen. Wovon Rechtspopulisten in ihren kühnsten feuchten Träumen niemals zu träumen gewagt hätten, ist binnen einer Woche geradezu märchenhafte Wirklichkeit geworden: Europa ist eine feste Burg, die Grenzen sind dicht.

Für die hiesigen Nachkriegsgenerationen stellt das Ganze eine für sie neue Lage dar, eine Ausnahmesituation, die sie in der Form noch nicht erlebt haben.

Die Entwicklung ist nicht nur, aber auch ein Medieneffekt. Die mediale, also mittelbare Wirklichkeit hat Auswirkungen auf die unmittelbare Wirklichkeit. Anders gesagt: Eine medial vorgestellte traumatische Situation führt dazu, mit Hilfe drastischer Maßnahmen dafür zu sorgen, daß aus der imaginierten Wirklichkeit nicht eine materielle Wirklichkeit wird.

Wenn die italienische Regierung ganz Italien zur Sperrzone erklärt und überall darüber berichtet wird, dann trägt das wohl mit dazu bei, in anderen Ländern einen Dominoeffekt auszulösen. Ist es das, was auch uns blüht? Menschen nehmen Hamstereinkäufe vor, insbesondere, was Toilettenpapier und haltbares Dosenfutter angeht, sie fliehen, wenn sie können, aufs Land, und sie lernen, einander nicht mehr die Hand zu geben - dabei ist letzteres doch laut dem damaligen Bundesinnenminister und freischaffenden Volkskulturtheoretiker Thomas de Maiziere eins der Merkmale, die „die deutsche Leitkultur“ auszeichnen („Die Zeit“, 30.4.2017) und das man nun zumindest vorläufig von der Liste streichen muß. Stattdessen soll man sich jetzt mit dem Ellbogen begrüßen - freilich nicht im Sinne eines Ellbogenchecks, sondern sanft touchierend - oder am besten gleich japanisch mit physischem Abstandnehmen und einem höflichen Handzeichen.

Liege den Nachmittag lang an einem unbesuchten Strand an der Krummen Lanke im sonnenwarmen Sand und lasse mich vom Himmelslicht ins Zeitlose tragen. Rechtzeitig, bevor die Wildschweine aus dem Wald treten, mache ich mich vom Saum.



Berlin, 16. März 2020

Die Zahl der Atemmaskentragenden nimmt zu, in der S-Bahn, vor der S-Bahn, auf der Straße, aber insgesamt noch moderat, überhaupt ist die S-Bahn herrlich leer. Eine Nachbarin hat an der Haustür einen Zettel aufgehängt, auf dem sie Hausgenossen ihre Hilfe in Sachen alltäglicher Erledigungen anbietet. Dieses Angebot ist objektiv gut; gleichzeitig handelt es sich um eine Art Sprechakt, der die allgemeine Lage dramatisiert: Volksgenossen, wir halten zusammen. Davon abgesehen ist es immer wieder bemerkenswert, wie viele Menschen in einem Mehrparteienhaus sich nicht kennen und sich in einer, wirklichen oder vermeintlichen, Notlage erst kennenlernen: Ach, Sie wohnen hier?

Die Geschäfte werden geschlossen, so die Kanzlerin im Fernsehen, wo sie eine ganze homerische Liste aufzählt, was alles darunter fällt: sogar die Spielplätze - fehlt bloß noch die landesweite Quarantäne à la tchèque. Ein starkes Stück: Zusammenkünfte von Glaubensgemeinschaften sind ausdrücklich verboten. Wann hat es das je gegeben?

Bei „Hart, aber fair“ sitzen nur mehr drei Gäste, mit Abstand zueinander, und das Studiopublikum glänzt durch Abwesenheit - letzteres ist durchaus eine Wohltat, auf den Nebenkriegsschauplatz der sympathienverteilenden Publikumsklatscherei konnte man ohnehin seit je verzichten.



Berlin, 18. März 2020

Tag der Märzgefallenen. Man verzichtet des Virus zuliebe auf die sonst übliche öffentliche Veranstaltung auf dem Friedhof der Märzgefallenen im Volkspark Friedrichshain, die Kränze am Mahnmal werden lediglich abgelegt; nachmittags, als fast niemand vor Ort ist, kommt ein einzelner AfDler und legt auch einen Kranz ab, macht einen Schnappschuß vom ganzen und zieht von dannen. Warum so spät? Fürchten Sie, daß der Kranz sonst von anderen abgeräumt wird? Am Café Schönbrunn haben die Betreiber vorm Selbstbedienungsfenster am Boden pinkfarbene Klebestreifen im Abstand von zwei Metern angebracht - so daß man sich beim Anstellen nicht zu nahe kommt. Es ist eigentlich recht schön, sich so luftig anzustellen, will man ja nicht den womöglich pestilenzischen Atem des Hintermanns im Nacken spüren; das sollte man nach der Viruskrise durchaus beibehalten.

Abends eine außergewöhnliche Ansprache der Kanzlerin auf allen Kanälen. Jenseits ihrer verläßlich drögen Neujahrsansprachen hat sie so etwas noch nie getan. Die Rede ist lang, fast eine Viertelstunde. Merkel spricht, für ihre Verhältnisse, auffallend gut - es ist mit Abstand ihre beste Performance seit je. Zugleich gelingt es ihr für einen Moment fast, einem etwas Angst einzujagen: „Es ist ernst. Nehmen Sie es ernst.“ Nachdem Frau Merkel in den letzten Monaten von der Bevölkerung oft wie abgetaucht und gar nicht mehr richtig am politischen Prozeß teilnehmend wahrgenommen worden war, ist sie jetzt binnen einer Woche wieder mit voller Superwomanstrahlkraft, bei all ihrer protestantisch-ruhig-einschläfernden mundwinkelherniederhängenden Nüchternheit, im Rampenlicht gelandet.



Berlin, 20. März 2020

Die Geschäfte, außer denen des täglichen Bedarfs, haben tatsächlich geschlossen. Die noch offenen Läden beginnen, ihren Kassenbereich mit Folien oder Plexiglasscheiben vorm Virenflug aus Kundenmund abzusichern.

Die Infiziertenzahl steigt, Bayern-Söder gibt den Sheriff und erläßt weitgehende „Ausgangsbeschränkungen“, andere Bundesländer ziehen nach - siehe oben: Die Gesetze der Nachahmung.

Auch ein Opfer der staatlichen Coronaviruspandemie-Begrenzungsmaßnahmen: Friedrich Hölderlin. Heute hätte sein 250. Geburtstag auf großer Bühne, mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als Festredner, gefeiert werden sollen. Abgesagt. Erst steckt man ihn ruhmlos in den Tübinger Turm, dann mißbrauchen ihn die Nazis, jetzt, zu seinem Vierteljahrtausendjubiläum, bringt ein Viruslein ihn um seine republikanischen Ehren. In zweihundertfünfzig Jahren wird man das hoffentlich nachholen können.



Berlin, 22. März 2020

Mittlerweile werden die Maßnahmen noch rigider. Die Kanzlerin teilt im Fernsehen die erweiterten Verhaltensregeln mit, unter anderem werden jetzt auch die Cafés und Restaurants geschlossen, und jeder darf sich nur noch mit einer weiteren Person, die nicht zum „Hausstand“ gehört, treffen, wobei man zueinander „unbedingt“ (Merkel) einen Abstand von zwei Metern einhalten muß. Liebe in Zeiten der Pandemie wird nicht leicht ins Werk zu setzen sein.



Berlin, 28. März 2020

Im Park, dem hügelig-verwunschenen, am Fuß einer Birke in der Sonne sitzend, so wie andere Menschen auch, je voneinander zureichend weit entfernt. Plötzlich ziehen acht Polizisten in kämmender Formation über den Wiesenhang heran und bringen die Menschen dazu, zu gehen. Ein Hüne kommt zu mir und sagt, ohne Mundschutz, nolens volens von oben herab: „Sicher haben Sie schon davon gehört. Es ist verboten zu verweilen. Sie können im Park unterwegs sein, dürfen aber nicht verweilen. Im übrigen sollten Sie zuhause sein.“ Nein, davon habe ich noch nicht gehört; dieses Verbot schiene mir auch töricht zu sein. Jedoch, um der Sphäre des Polizisten zu entkommen, diskutiert man nicht, erhebt sich und „geht“ wie die anderen in der jetzt plötzlich wie ein Kurpark erscheinenden Anlage.

Wäre Alexander Calder noch am Leben und sähe den Park jetzt, er erschiene ihm wohl als kinematographisches Mobile aus Menschen.



Berlin, 4. April 2020

Vor dem Edeka eine Warteschlange; stoische Schafe, die auf Einlaß warten.



Berlin, 7. April 2020

Tempelhofer Feld. Vollmondaufgang. Beim Gemeinschaftsgarten sitzen Menschen zu fünft, zu sechst, in kleinen Gruppen, zusammen, während drei Polizeiwannen, von der untergehenden Sonne angestrahlt, in Zeitlupe übers Feld fahren und gespenstisch wirkende, vom Wind weithin getragene Durchsagen machen. Darin wird an den Gemeinsinn appelliert, im Sinne von „Wenn Sie sich selbst schützen, dann helfen Sie mit, uns alle zu schützen“, und an das Verbot erinnert, daß nicht mehr als zwei Personen mit Abstand zueinander zusammen sein dürfen. Man solle sich daran halten, sonst würden polizeiliche Maßnahmen notwendig. Der eine Sonnenbrille und ein pinkfarbenes T-Shirt tragende Weltuntergangsfreak läßt sich von seinem wild galoppierenden Esel auf dem Rollbrett über die Startbahn ziehen.

Boris Johnson, britischer Premierminister, seit Sonntag wegen Covid-19 in der Londoner St.-Thomas-Klinik, wurde heute auf die Intensivstation verlegt. Er sei, wird gemeldet, „bei guter Laune“. Das hört man gern. Egal, was passiert, es ist wichtig, bei guter Laune zu sein. Immanuel Kant: „So kann und sollte es Frömmigkeit in guter Laune geben; so kann und soll man beschwerliche, aber notwendige Arbeit in guter Laune verrichten, ja selbst sterben in guter Laune; denn alles dieses verliert seinen Wert durch üble Laune und mürrische Stimmung.“ (Anthropologie in pragmatischer Absicht, zitiert nach: I. K.: Deines Lebens Sinn, hg. von Wolfgang Kraus, Zürich 1987, S. 141)

Ohne Ziel gehst du und freust dich an diesem Tun - ins Blaue hinein.



Berlin, 8. April 2020

Die nicht-orthodoxe Karwoche ist heuer die natürliche Weltansichtsverwandlungswoche, in der, bei Temperaturen über zwanzig Grad Celsius und blauem Himmel, die Blätter aus den Bäumen sprießen. Plötzlich ist da dieser zarte grüne Blätterflaum, in dem sich die Sonnenstrahlen fangen.



Seehausen (Oberuckersee), 12. April 2020

Vorgestern abend, karfreitaggemäß, brachten die „Tagesthemen“ mit Ingo Zamperoni einen Bericht über eine Beerdigung auf dem Waldfriedhof Backnang, welche repräsentativ für die derzeit nur in kleinstem Angehörigenkreise erlaubten Begräbnisse stehen soll. Keine Feier, keine Musik, insgesamt dürfen nur zehn Personen (inklusive der Bestatter und der Geistlichen) außerhalb der Trauerhalle zugegen sein. Bei der gezeigten Beerdigung sind fünf Angehörige anwesend. Man muß sagen: Das ist unwürdig. Erst jetzt, wenn man so etwas sieht, werden einem bestimmte Anti-Sars-CoV-2-Pandemie-Maßnahmen in ihrer Unerträglichkeit und womöglich grundgesetzverletzenden Art voll bewußt. Die Konsequenz kann nur heißen: Man muß einen Teil dieser Maßnahmen zurücknehmen. Es gibt etwas, was schlimmer als der Tod ist: der würdelose Tod.

Man erinnert sich an diese Berichte aus italienischen Krankenhäusern, in denen gesagt wurde, daß Angehörige nicht mehr von ihren im Zuge einer Covid-19-Erkrankung im Sterben liegenden Liebsten Abschied nehmen konnten, daß die Angehörigen die dann Verstorbenen auch nicht einmal sehen durften. Ist das human? Ist das christlich? Das dröhnende Schweigen der Kirchenoberen ist unerklärlich.

Antigone, in der Überlieferung nach Sophokles, konnte die Gottlosigkeit des Befehls von Kreon, ihren Bruder Polyneikes, den Anführer der Sieben gegen Theben, zur Strafe außerhalb der Stadt unbestattet der Fäulnis zu überlassen, nicht hinnehmen und gewährte ihm ein symbolisches Begräbnis, indem sie drei Handvoll Erde auf ihn streute, dabei riskierend, wegen Ungehorsams zum Tode verurteilt zu werden, was, als Kreons Soldaten sie bei ihrem würdewiederherstellenden Tun überraschten, auch geschah. Es gibt etwas, das größer ist als das Leben: die Würde; die Freiheit.

Das deutsche Grundgesetz beginnt im Kapitel I mit den Grundrechten. Deren Artikel 1 lautet in Satz (1) so: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Die Würde steht ganz oben.

Für mich ist diese Sars-CoV-2-Pandemie nun Geschichte. Irgendwann wird man einen Impfstoff gefunden haben, wird das Viruslein unter Kontrolle gebracht sein, bis dahin wird es noch weiter menschliche Innenräume besiedeln und Menschen womöglich töten. Aber ob all die durch die staatlichen Maßnahmen verursachten Kollateralschäden auf menschlicher, symbolischer, psychologischer, sozialer, ökonomischer, politischer und nicht zuletzt rechtlicher Ebene beseitigt werden können, bleibt vorderhand offen.

Papst Franziskus feiert, wie schon die Karwoche über, auch die österliche Feier der Überwindung des Todes allein zuhause, in seiner guten gottverherrlichenden Domstube, mit ein paar wenigen ausgewählten Menschen; das Weltfernsehen überträgt. Indirekt ist Papst Franziskus, als Petri Nachfolger, von Jesus Christus eingesetzt. „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ (Matthäus, Kapitel 16, Vers 18) Ist es vorstellbar, daß Jesus darauf verzichtet hätte, die Armen, die Kranken, die Sterbenden aufzusuchen und sie in den Arm zu nehmen?

Eine mögliche Übersetzung der symbolisch verstandenen Geschichte von der Wiederauferstehung vom Tode ist der Gedanke, daß du dann vom Tode wiederauferstehst, wenn du ihm keine Macht über dich einräumst und so die Angst vor ihm verlierst; gleichzeitig gewinnst du die Freiheit. Die Angst vor dem Tod ist das Gefängnis.

Apropos Gefängnis, zur Dialektik von Sicherheit und Freiheit ist zu notieren:

Sicherheit ohne Freiheit ist ein Gefängnis.

Freiheit ohne Sicherheit ist keine Freiheit. Ich bin dann frei, wenn ich mich sicher fühle und sicher bin. Doch die Sicherheit darf niemals auf Kosten der Freiheit hergestellt werden.

Frei bist du dann, wenn du der Unsicherheit keine Macht gewährst.

Ein Staat, der auf Anraten von Virologen und Epidemiologen den Bürgern eine Telephonanwendung zur Nachverfolgung ihrer Schritte anempfehlen möchte, handelt wider den Geist der Freiheit; auch dann, wenn die meisten Bürger dies akzeptieren sollten. Man muß die freiheitliche Ordnung auch gegen die Menschen schützen, für die sie gilt.

Weiter ziehst du, Licht, wanderst kreisrund um die Welt, läßt das Land erblühn.



Berlin, 20. April 2020

Edward Snowden, dessen Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis Ende April endet, hat beim russischen Migrationsdienst eine Verlängerung seines Aufenthaltstitels beantragt, so sein Anwalt. Ob der Junge mal wieder frei aus Rußland ausreisen darf? Wann schmilzt Snowdens Exil-Schnee?

Abends, am fast leeren Strand an der Krummen Lanke, im Licht, so hell wie von einem Photographen ausgeleuchtet, doch ganz zart, einen wiegend, so daß Wald und See ganz ruhig liegen, wie überhaupt der Wald, so leer, beim Heimradeln, noch warm ist, der Waldboden Wärme abzustrahlen scheint, und dann die stillen, tiefen Straßen von Dahlem mit ihren Villen, die nur Kulisse zu sein scheinen für die über und über blühenden Gärten.



Berlin, 21. April 2020

Vor zehn Jahren waren in Europa alle Flughäfen geschlossen - wegen des Ausbruchs des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull. Heute ist es fast genauso - nur der heutige Vulkan ist ein Viren-Vulkan, der auf den nicht ganz so bezaubernden Namen Sars-CoV-2 hört. Damals bewunderte man den kondensstreifenfreien Himmel, wie heute. Damals quatschte man im Fernsehen abends bei „Beckmann“, heute bei „Markus Lanz“. Die damalige Kanzlerin hieß Angela Merkel, die heutige auch. Viel geändert hat sich nicht.



Berlin, 22. April 2020

Das Maskentragen wird nun, bedauerlicherweise, vom 27. April an, praktisch bundesweit in den Warenläden und in den öffentlichen Menschentransportern zur Pflicht. Nicht wenige tragen die Maske jetzt schon, auch so, im Freien, auf der Straße, und sogar auch dann, wenn in freier Landschaft weit und breit kein Mensch zu sehen ist. Die Paranoia ergreift etlicher Menschen Seele. In diese Wüsteneien mag man keinen Blick wagen.

In den Fernsehanstalten gibt es die sogenannte Maske, in die man vor einem Auftritt geht. Dabei wird das Gesicht so geschminkt, daß es im Fernsehen nicht spiegelt. Jetzt muß das ganze Volk in die Maske gehen. War früher der Anblick einer gesichtsverhüllten Moslemin verstörend, so verstören womöglich bald diejenigen, die keine Maske tragen. Schau mal, Mama, da ist jemand, der keine Maske trägt! - Oh, schnell, komm, nichts wie weg!

Die afghanischen Mullas und die saudischen Araber werden sich wundern und sagen, mit der Gleichberechtigung übertreibe es der Westen, nur die Frauen sollen sich verhüllen.

Selten habe ich mir so sehr gewünscht, die Menschen würden ihre Masken fallen lassen.

Gesicht, du Form des natürlichen Personalausweises, adieu.

Antlitz, das in Ruhe erscheinende Funkeln eines schönen Menschen, machs gut.

Die Maske einer Dame, der bezaubernde Erfolg aus ihrem Boudoir, die Kunst, am Schminkspiegel sich mit kosmetischen Mitteln zu verjüngen, vorbei.

Grimasse, du geschnittenes Bild einer verletzenden Attacke, ciao.

Fratze, du zahlreich auf den Straßen erscheinende, auch du ziehst dich zurück.

Ach, Fresse, wie gerne würde ich dich wieder polieren.

Du, Mund, bist du so schmal wie ein Messer oder rot wie Erdbeeren?

Das Maulwerk, das du nicht mehr vorführst, wenn du wieder zu maulen anhebst, ade.

Schnauze, die du hündisch bist, wenn du sie hältst, lebe wohl.

Klappe, wirst bald so vermißt werden wie das klappernde Mühlrad am Bach, gute Reise.

Gosche, ach, Herta Däubler-Gmelin, könntest du deine berühmt berüchtigte Schwertgosch nicht wieder aus dem Waffenschrank holen und die „aktuelle Lage“ aus rechtlicher Sicht zerpflücken, zerrupfen und zerreißen? Burkhard Hirsch ist tot, Gerhart Baum schweigt, und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger allein schaffts nicht.



Berlin, 29. April 2020

Zeilen fließen, in denen die Tränen und die Träume der Menschen aufgehoben sind. Was du aufhebst, das wird vergessen und bewahrt. Das Licht flutet, wie das Glück, das, unterirdisch, von Zeit zu Zeit, zu Tage kommt, den Blicken der Menschen auf ihrer Erde ein Kuß. Am Ende wirst du am Anfang sein, wie am Anfang dem Ende geweiht. Aber das macht nichts. So findet alles im Umgang den Kreis der Sonne, in dem das Nichts verschwindet und das Erscheinen im Auge der Nacht den Geist erfreut. Was im Wandel sich verliert, findet im Guten sich vereint. Spiel weiter, mein Kind.



Anklam, 30. April 2020

Wo man mich nicht kennt, da fühl ich mich zuhause.

Aber, unter Pfarrerstöchtern geschwatzt, kenne denn ich mich selbst? Bin ich nicht selber mir ein Fremder? Fühl ich mich nicht auch gerade deshalb unter Fremden wie zuhause? Bin ich nicht der dahergelaufene Fremde, der sich selber Heimat ist? Blinzle ich nicht schon beim Aufwachen in Vorfreude auf den Fremden, der sich mit mir an den Frühstückstisch setzen wird? Bin ich nicht jeden Tag darüber froh, was der Fremde mir wieder eigenes und befremdliches auftischt? Fremd zogst du ein, fremd zogst du aus, fremd bleibst du dir; und gerade in dieser unausweichlichen Fremdheit, die dein Verhältnis zu dir selber prägt, entfremdest du dich von dir und wirst dir paradoxerweise vertraut. Es ist, als wäre der Fremde dein wahres Selbst, deine höchsteigene Person, die durch die Maske deiner Erscheinung tönt, als wäre der Fremde die Stimme in dir, die dich bestimmt, als wärst du eine dich bestimmende Stimme, die sich allerdings nicht selbst bestimmen kann, sondern nur den, den sie bestimmt, der ihr gehorcht, der seiner Bestimmung, die die Stimme für ihn bestimmt, nicht aufs unbestimmte, sondern aufs bestimmte folgt. Bei dir selbst, in der Fremde, in der Heimat, kommst du an, wenn du bestimmungsgemäß, entfremdet, lebst. Die Fremde ist deine bestimmte Heimat, ist dein Bestimmungsland. Stimmst du mit mir überein, Fremder?



Greifswald, 1. Mai 2020

In Greifswald in deinem Gesichtskreis gehen tut mir gut.

Die Masken aus dem Gesichtskreis zu verlieren, den Gesichtskreis zu erweitern, darauf, begreifs bald, kommts an.



Stralsund, 2. Mai 2020

Tief im Sternenbergwerk; und dann, gegen Ende der Schicht, langsam im rumpelnden Traumförderkorb zurück ans Tageslicht ausfahrend.



Hiddensee, 3. Mai 2020

Nachdem die förmlich hochrangigen geistlichen Hirten vor und an Ostern weitgehend versagt haben, sie alles andere als ihrer Bestimmung, Gute Hirten zu sein, gerecht wurden, sie kaum eine ermutigende Stimme gefunden haben, sehen sich vielleicht jetzt nicht wenige der unangesprochenen Schafe mehr denn je dazu bestimmt, mit ihrem Schafs-Sein aufzuhören und selber zum Hirten sich zu berufen, eines gut weidenden Hirten, gut für sich, die eigenen Schäfchen, sowie fürs Umfeld, dessen Schäfchen auch ins Trockene gebracht zu werden wünschen.



Hiddensee, 4. Mai 2020

Die erwünschte Wirklichkeit, jetzt hier, fast unwirklich, das Gehen, Stehen, Sitzen, Gehen, Umkehren, Gehen, Sitzen, Gehen, gestern, nachmittags, lange, zeitlose Stunden lang, in blauestem Sonnenschein und kristallreinem Licht, auf dem Hochuferweg, während wir durch frisch ergrünte Wegrandbäume hinausblicken aufs Meer, das golden schimmert, und frei aufatmen, maskenlos. Hier atme ich auf, hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein.



Hiddensee, 5. Mai 2020

Nachts: Die Sterne wandern, während du am Strande stehst und den himmlischen Weg erblickst.



Hiddensee, 6. Mai 2020

Das Meer schreibt jeden Tag eine neue flüssige Seite auf, deren Lektüre immer ähnlich, nie gleich und auf paradoxe Weise beruhigend und aufregend ist. Nachts dichtet das Meer in dir seine träumerischen Seiten. Die Seiten des Meeres sind die Träume, deren Schäume am Ufer sich verlaufen, sich in Luft auflösen, als hätte es sie nie gegeben.



Hiddensee, 7. Mai 2020

„Die Zeit war eine Gottheit, weil alle anderen Götter längst versunken waren.“ (Hermann Lenz: Der innere Bezirk, Frankfurt am Main 1993, Seite 161) Das denkt Margot von Sy, während sie durch das an öffentlichen Uhren reiche Wien geht. Hier, im Garten hoch über dem nun im Nachmittagslicht golden schimmernden Meer, scheint die Zeit ihrerseits zu versinken, während eine andere Gottheit aufzutauchen beliebt: die bleibende Dauer.



Hiddensee, 8. Mai 2020

Gestern fragte Solveig, draußen, nachmittags, am Gartentisch, der letztes Jahr grün gestrichen wurde und dessen Farbe jetzt abblättert, der Wind wellte von Westen her den Hang herauf, die Buchen, unter denen wir weilten, rauschten, ob nicht aus der Stille, dem Licht, und gehören Stille und Licht nicht zusammen, sind sie letztlich und erstlich nicht eins: die Lichtstille, das Stillelicht, der Mensch, jeden Tag aufs neue, zur Welt gebracht, neu geboren werde? Mag das Neugeborene der Säugling sein, so tritt der Neugeborene als der etwas ältere Mensch auf, der immer wieder die Möglichkeit hat, sich in der Stille, im Licht, zur Welt zu bringen, die Welt wahrzunehmen, sie mit verjüngten Augen zu sehen, mit solchen, die scheinbar zum ersten Mal etwas erblicken, die Welt, hier: den Garten, das Haus, das Meer, das Gras. Stille, Licht, eine ätherische Plazenta, wenn du willst.



Hiddensee, 9. Mai 2020

Am Morgen, da die ersten Sonnenstrahlen im Grün des Ahorns blitzten, dessen Äste bis zur Dachrinne reichen, zogen wir los, liefen auf dem eingewachsenen höhlenartigen Sandpfad hoch über dem Meer, kühl wars hier, es schien, als tanzten wir in dem Blätterflimmern, als wäre es eine Sonnendisko, während von unten, fern, das Meer in einem monotonen Rhythmus auf die Uferkiesel prasselte, liefen über den Bakenberg, am Leuchtturm vorbei, zum Svantiberg. Die Sonne wärmte, während wir auf dem Gipfel im Ausblick versanken. Auf dem Bodden dunstete das Wasser, und winzig schwammen ganz im Süden die Türme von Stralsund. Im Westen, jenseits der wie ausgestorben daliegenden Insel, war die Ostsee eine blauseidene Fläche mit kleinen weißen Wellenstichen. Im Nordosten gleißte das goldene Vlies, es ließ uns die Augen mit der Hand beschatten. Solveigs lange Haare wehten im Wind, zeigten dessen Richtung und Stärke an. Es war zum Ohnmächtigwerden, ohne daß man ohnmächtig wurde, im Gegenteil.



Hiddensee, 10. Mai 2020

Das Morgenblau der Liebe. Das Mittagsblau der Liebe. Das Abendblau der Liebe. Das Nachtblau der Liebe. Das Blauen der Liebe, der Anti-Blues des Lebens.



Hiddensee, 11. Mai 2020

Nachmittags, im Garten am grünen Tisch, sagte Solveig, während sie mir Grünen Tee einfüllte, sie suche nach einem Wort, das dem Wort spirituell ähnele und doch wieder nicht. Sie möchte mit diesem ihr noch unbekannten Wort etwas zum Ausdruck bringen, das sie tagein tagaus erlebe, nicht immer, aber doch immer wieder, eigentlich jeden Tag, und dann oft über längere Zeit hinweg; ein Erleben, das über das alltägliche Besorgen der Dinge, die zu besorgen sind, hinausgehe, in dem man sich allzu leicht selbst vergesse. Hier, der Garten, das Haus, das Meer, diese in frischem lebendigen Grün erscheinende Natur, dieses Singen und Strahlen, hier die vom Sonnenlicht durchleuchteten Blätter, wenn ich all das sehe, sagte sie, dann möchte ich fast weinen, weinen vor Freude, vor aus dem grundlosesten Grund meines Wesens empfundener Lust, Lebenslust. Es gibt eine Freude, die ins Weinen umschlägt, ins glückliche Weinen, sagte sie.

- Spirituell darf es also nicht sein.

- Nein, darf es nicht, denn es hat religiöse Anklänge, die das Erleben, für das ich das Wort suche, eben nicht hat, und es hat auch esoterische Anklänge, die mein Erleben erst recht nicht hat. Beide, Religion und Esoterik, liegen mir fern, falls man das überhaupt unterscheiden kann oder will, wobei Religion vielleicht einen - ach, nein, ich will darüber nicht reden... Schon wenn ich die Wörter Religion und Esoterik höre, komme ich schlecht drauf.

- Warum eigentlich?

- Ach, weil ich denke, daß da, wo Religion drauf steht, eigentlich Freude drin sein müßte, Friede und gute Liebe; aber sieh nur all die vergangenen und gegenwärtigen Knatschereien zwischen den Religionen, Mord, Haß, Folter... Gewiß, es gibt Ausnahmen, aber trotzdem. Im Christentum, ich will das gerne zugestehen, in seinem eigensten Kern, wenn das das richtige Wort ist, ist ja eigentlich Freude, ist das Frohsein, Frohsein im Zuge der vernommenen Frohen Botschaft, die eben ansteckend ist, wie ein gutes Virus, und die die Virusaufnehmenden, die vom guten Virus Infizierten froh macht. Und deren Froh-Sein man dann auch auf ihren Gesichtern sieht, wenn sie aus dem Haus des guten Virus treten, aus der Kirche. Die Theologie - auch so ein Wort, bei dem ich fast die Krise kriege - unterscheidet bekanntlich zwischen einem deus absconditus, einem verborgenen Gott, und einem deus revelatus, einem offenbaren Gott. Wenn es im Christentum auf die Frohe Botschaft ankommt, die verkündet wird, auf das Frohe Virus, mit dem die Virusdienstfeiernden infiziert werden, dann wird sich dieses Froh-Sein eben, wie ich sagte, auf den Gesichtern zeigen - man könnte sagen, der verborgene Gott offenbart sich auf den frohen Gesichtern der vom Guten Virus Infizierten, vom Guten Virus Erleuchteten. Das wäre für mich die Pointe des Christentums: daß Gott sich für alle gut sichtbar auf dem menschlichen Gesicht zeigt. Der offenbare Gott - das menschliche Gesicht.

- O weia, dann sind gerade schlechte Zeiten für diesen so verstandenen Gott angebrochen!

- Ja, jetzt läuft überall der maskierte Gott umher, der vermummte Gott, trotz Vermummungsverbots.

- Vermummung - wie wohl ein solch komisches Wort entsteht?

- Ich weiß es nicht, ist wahrscheinlich lautmalerisch. Jedenfalls suche ich ein noch unbekanntes Wort für spirituell, das nichts, auch nicht im entferntesten mit der religiösen oder esoterischen Sphäre zu tun hat. Hast du einen Vorschlag?

- Ich? O weh. Spontan fällt mir nichts ein. Aber, wenn ich dich richtig verstehe, hat das, was du suchst, auch nichts mit pantheistischen Überlegungen gemeinsam, also in dem Sinne, daß all das, was du da siehst, die grün glänzende Natur, das Leuchten der Sonne, das Meer, der Himmel und die Erde und überhaupt der ganze Kosmos letztlich Gott ist?

- Ja bzw. nein, was ich suche, hat nichts mit dem Pantheismus zu tun, gar nichts, überhaupt nicht. Gott interessiert mich nicht, es interessiert mich nicht einmal, ob es Gott gibt oder nicht, ob Gott das Universum ist oder nicht, es geht auch nicht um Glauben oder Nicht-Glauben. Es geht um etwas anderes. Es geht um das Erleben der Welt, also des Lebens, der Natur, auch unseres Gesprächs, ein Erleben, dessen Eigenschaft ich mit einem bestimmten Wort bezeichnen möchte, das aber fern der religiösen, theologischen Bedeutungshöfe angesiedelt sein muß. Es würde sich doch komisch anhören, wenn ich jetzt den Anblick des weithin getäfelten Meeres spirituell nennen würde oder wenn ich sagen würde, wir zwei führten hier am grünen Tisch unter den rauschenden Buchen ein spirituelles Gespräch, oder nicht?

- Ach...

- Nein, mein Erleben ist nicht spirituell, ist nicht überweltlich, ist auch nicht verrückt; sondern es ist wirklich und doch überwirklich, ohne überwirklich zu sein.

- Also vielleicht fällt mir im Traum ein Wort ein.

- Ach, das fällt dir doch im Traum nicht ein.

- Mal sehen.



Hiddensee, 12. Mai 2020

Heute, nachmittags, trafen wir uns zur Teestunde im Haus, die Eisheiligen sind angekommen und lassen es draußen eine Spur zu ungemütlich sein; lieber betrachten wir durchs Fenster Garten und Meer. Um gleich auf deine Suche nach dem unbekannten Wort zurückzukommen, das du statt spirituell verwenden könntest, sagte ich, liebe Solveig, ihr den Tee einfüllend, mir ist tatsächlich im Traum ein Wort in den Sinn gekommen.

- Ach, du hast ein Wort, der Traum hat es dir gegeben? Jetzt bin ich gespannt.

- Solange du nicht sagst, das sei spannend, darauf reagiere ich nämlich allergisch.

- Obwohl ich schon finde, daß das spannend ist.

- Sei dem wie dem wolle. Das Wort, das mir im Traum kam, ist kein unbekanntes. Vielleicht hilft es dir trotzdem weiter.

- Jetzt machs nicht so spannend.

- Mir träumte das Wort traumhaft.

- Traumhaft?

- Ja, traumhaft.

- Wieso denn traumhaft?

- Zunächst halte ich fest, daß der Traum nichts mit der religiösen Sphäre zu tun hat, richtig?

- Ja, ganz richtig.

- Der Traum ist ein wirkliches Phänomen, oder nicht?

- Ja, ich folge dir, ganz recht.

- Und doch würdest du zugeben, daß die Wirklichkeit im Traum eine andere ist als die Wirklichkeit im Wachen.

- Ja, durchaus.

- Menschen sind mit beiden Sphären vertraut und können beide gut voneinander unterscheiden.

- Ja, das stimmt.

- Wenn du jetzt sagen würdest, der Anblick des getäfelten Meeres sei traumhaft, dann begreifst du vielleicht, wieso das Wort passend sein könnte.

- Ehrlich gesagt, nicht ganz.

- Nun, der Anblick des getäfelten Meeres geschieht jetzt, es ist ein Anblick, während du wach bist, und doch geht er über den wachen Anblick hinaus, ohne religiös, spirituell oder verrückt zu sein. Aber wohinaus geht der Anblick, wenn er in keine übernatürliche Sphäre hinausgeht?

- Ins Traumhafte?

- Genau. Er geht in eine traumhafte Sphäre hinaus, allerdings in ein anderes Traumhafte, als das Traumhafte des Schlafes. Beim Anblick des getäfelten Meeres schlafen wir ja nicht, im Gegenteil, wir sind wie gesagt wach. Und doch sind wir nicht nur wach: das Wachen und das Traumhafte vereinigen sich und bilden einen neuen, vielleicht höheren Bewußtseinszustand. Der Anblick des getäfelten Meeres wirkt traumartig, ohne ein Traum zu sein.

- Also... ich glaube, ich ahne, worauf du hinauswillst. Das Wachsein und das Träumen werden eins bzw. die erlebte wache Wirklichkeit bekommt traumartige Züge. Die Wirklichkeit wird in gewisser Weise unwirklich. Eine Form der Derealisation vielleicht.

- Womöglich.

- Ich finde den Vorschlag nicht uninteressant, zwei Anmerkungen allerdings spontan. Das Wort traumhaft ist natürlich auch im Alltag vertraut, etwa wenn man von einer traumhaften Landschaft spricht. Das ist eine Landschaft, die man als überaus schön oder beeindruckend erlebt; dieses Verständnis des Traumhaften trifft mein bzw. dein „traumhaftes“ Erleben nicht ganz, oder nicht?

- Das stimmt; wobei es doch bemerkenswert ist, daß die Alltagssprache dieses übertragene Verständnis von traumhaft überhaupt hervorgebracht hat.

- Gewiß. Jedenfalls gibt es hier eine gewisse Verständniskonkurrenz. Doch seis drum. Meine zweite Anmerkung: Dem Traumhaften in dem von dir angedeuteten Verständnis fehlt vielleicht - ich bin mir nicht sicher - eine zusätzliche Dimension, die das Bewußtsein nach oben und nach unten hin öffnet, eine abgründige Dimension, die dich ins Schweben bringt, ins Schweben über dem grundlosen Grund der Existenz.

- Mhm.

- So gesehen träfe es vielleicht ein anderes Wort besser: alptraumhaft.

- Alptraumhaft?

- Ja, alptraumhaft.

- Der Anblick des getäfelten Meeres alptraumhaft? Der Anblick des Gartens und des Hauses alptraumhaft? Die Natur alptraumhaft? Die durchleuchteten Blätter der Buche alptraumhaft? Das Leben des Menschen alptraumhaft?

- Ja, ich weiß, das klingt nicht gerade erbaulich. Vielleicht sollte man die Wörter kombinieren? Die Welt ist gleichzeitig traumhaft und alptraumhaft. Aber weißt du was, wir lassen das Ganze für den Augenblick auf sich beruhen. Ich danke dir für deinen Vorschlag.



Hiddensee, 13. Mai 2020

Heute morgen waren wir wieder, wie jeden Morgen, laufen, es war kalt, naß, von Westen toste der Wind, er wühlte die See auf, und als wir auf dem Gipfel des Svantibergs ankamen, um unsere Übungen zu machen, sagte ich zu Solveig: Letzte Nacht habe ich von Daniel Küblböck geträumt.

- Was hast du getan?

Sie konnte mich kaum verstehen, die Worte wurden vom Wind verweht, wie immer alles vom Wind verweht wird; und sollte Windstille sein, dann werden die Worte vergessen.

- Ich habe von Daniel Küblböck geträumt, sagte ich etwas lauter.

- Von Daniel Küblböck?

Geht doch, dachte ich.

- Ja, von Daniel Küblböck. Kennst du ihn?

- Ja, nein, doch; eben so, wie man diese irrlichternden, mehr oder wenigen prominenten Medienzombies kennt. Aber wieso träumst du von Daniel Küblböck?

Der Wind ließ kurz nach, ehe eine heftige Böe uns fast niederstreckte.

- Also, ich kenne ihn auch nicht persönlich, kenne ihn wohl genauso gut oder schlecht wie du. Wenn du nicht als Einsiedler lebst, zwingt diese umfassende mediale Sphäre dich ja dazu, auch von Menschen Kenntnis zu nehmen, von denen du im Grunde nie Kenntnis nehmen wolltest. Aber warum mir dieser Daniel Küblböck plötzlich im Traum erschien? Gottes Wege sind unerforschlich, und das menschliche Gehirn steht Gott in dieser Hinsicht offenbar in nichts nach. Ich weiß es nicht.

- Also du meinst den einen jungen Mann, der mal irgendeinen Showwettbewerb gewonnen hat, vor etlichen Jahren?

- Ja, also ich glaube, das war Deutschland sucht den Superstar, und es ging, wenn ich mich nicht irre, ums Singen.

- Und er hat gewonnen?

- Ich glaube ja. Aber komm, laß uns hier in die Senke gehen, da ist es etwas stiller, hier oben werden wir ja hinweggefegt. So, ja, das ist gut hier. Ob er aber gewonnen hat, darum gehts mir nicht, sondern um meinen Traum. Wie du vielleicht mitbekommen hast, ist Daniel Küblböck vor nicht zu langer Zeit gestorben?

- Aha, nein, das habe ich nicht mitbekommen.

- Ja, ich habe es auch nur oberflächlich mitbekommen, er ist irgendwo im westlichen Nordatlantik auf einem Kreuzfahrtschiff über Bord gegangen, anscheinend in den frühen Morgenstunden, als an Deck wenig los war, und gilt seitdem als verschollen.

- Ach.

- Ja, wobei ich nicht weiß, ob man sicher weiß, ob er versehentlich gestürzt oder absichtlich gesprungen ist.

- Aha.

- Aber worauf ich hinauswill, ist etwas anderes. Letztlich gehts mir um die Frage nach dem konkreten Weg aus dem Leben ins Grab, und die stellt sich auch dann, wenn nicht Daniel Küblböck über Bord gegangen wäre, sondern ein anderer, uns im Grunde genauso unbekannter Mensch. Daniel Küblböck ist für mich nur der Anlaß für die Frage.

- Wenn du so oft Daniel Küblböck sagst, dann fällt mir der Name Erich Kühnhackl ein, so hieß einmal ein Eishockeyspieler. Weißt du, ich interessiere mich überhaupt nicht für Eishockey, und doch kenne ich diesen Namen.

- Ja, in meiner Kindheit kannte ich mal einen namens Alexander Zimmerhackl, auch den Namen vergesse ich nicht. Es gibt offenbar Menschen, die sind allein schon wegen ihres Namens unvergeßlich. Jedenfalls angenommen, dieser Daniel Küblböck ist mit Absicht in den Atlantik gesprungen, wollte aus dem Leben scheiden, aber nicht nur aus dem Leben scheiden, sondern spurenlos aus dem Leben scheiden, dann kann man sagen, daß ihm das gelungen ist. Wie sieht denn der übliche Weg aus dem Leben ins Grab aus? Der sieht so aus, daß du nach deinem Tod noch den Umweg über ein Bestattungshaus nehmen mußt. Das heißt, daß du, nachdem du gestorben bist, noch ein Weilchen gewissermaßen „in Gesellschaft“ bleibst. Angehörige oder enge Freunde können im Bestattungshaus von dir Abschied nehmen, dich berühren, mit dir „sprechen“, etcetera. Was aber, wenn du genau das nicht möchtest; wenn du ganz alleine den Weg ins Nirvana antreten möchtest? Das ist gar nicht so einfach! Das wurde mir anläßlich dieses Traums bewußt. Das geht nur dann, wenn du dich dorthin begibst, wo dich niemand mehr findet - eben zum Beispiel mit Hilfe eines in den frühen Morgenstunden unternommenen Sprungs von einem Kreuzfahrtschiff in den Atlantik. Ganz unabhängig von dem konkreten Fall also, den konkreten Hintergründen: Dieser Daniel Küblböck hat einen Weg gewählt, auf dem ihm niemand mehr folgen, ihm niemand mehr etwas anhaben konnte; er hat den Weg des absoluten Verschollengehens gewählt, an dessen Ende nirgends ein Grabstein steht, höchstens eine Welle, die ihn unter sich begräbt.

- Komm, laß uns zurücklaufen.



Hiddensee, 14. Mai 2020

Gestern, nachmittags, zur Teestunde, als Solveig den Tee einfüllte, wieder im Haus, im Haus eingeschlossen sein, die Geräusche der Welt, und wären diese auch Musik in deinen Ohren, aussperren, hat immer wieder eine befreiende, ja, auch eine befriedende Kraft, sagte sie:

- Mensch, Melodie. Heute versuchte ich mich auf meinen neuen Essay zu konzentrieren, doch meine Gedanken trieben immer wieder ab zu deinem Vorschlag, statt spirituell traumhaft zu sagen, zu meinen Kommentar dazu, man solle alptraumhaft nicht vergessen -

- Hier möchte ich übrigens etwas anfügen.

- Ja, ich auch.

- Aber an welchem Essay schreibst du denn, du schreibst so viele, daß man nicht mehr mit dem Lesen hinterherkommt?

- Der Arbeitstitel lautet, ich habe fast aus einer Laune heraus damit begonnen: „Phänomenologie der Küsten und ihrer Meere auf Hiddensee, auf Borkum und an der portugiesischen Atlantikküste bei Nazaré“.

- Uih, das klingt doch mal verlockend.

- Danke. Jedenfalls ging mir auch das mit den unvergeßlichen Namen nach, Küblböck, Kühnhackl, Zimmerhackl und so weiter, im Grunde benötigt ein Mensch, der einen unvergeßlichen Namen hat, ja keinen Grabstein, keinen materiellen, da er einen virtuellen hat, eben den unvergeßlichen Namen auf dem Friedhof der Geschichte, den man Archiv nennt.

- Und wenn du keinen unvergeßlichen Namen hast, mußt du dir halt einen machen.

- So ist es. Und weißt du was, es gibt sogar eine Religion der unvergeßlichen Namen.

- Ja?

- Ja, das Judentum.

- Wieso denn das?

- Weil jeder Jude, einmal geboren, dem Anspruch nach für immer im Gedächtnis seiner Gemeinschaft bleibt. Der Jude kann zwar in der Form eines lebendigen Organismus wie jeder Mensch das Zeitliche segnen, aber sein Name kann niemals untergehen - du weißt, Juden haben auf dem Friedhof Ewigkeitsrecht. Denk an den alten jüdischen Friedhof im Zentrum von Prag, da stehen diese Grabsteine dicht an dicht, zum Teil schräg, zum Teil umgeplumpst, zum Teil etwas vom Zahn der Zeit angenagt. Entscheidend ist, daß der Stein gewissermaßen ewig ist bzw. als ewig bestehend gilt, und wenn dein Name auf dem Stein eingemeißelt ist, dann bleibt er eben ewig im Gedächtnis. Wie gesagt, ein Ende der Ruhezeit gibt es da ja nicht. Einmal Jude, immer Jude, bis ans Ende der Zeiten - vorausgesetzt, dein Name schafft es auf den Stein. Pointiert gesagt bedeutet der Begriff Judentum letztlich so viel wie Friedhofszaun; der Friedhofszaun, der die ewige Fläche der versteinerten Namen umgrenzt. Nicht nur sind die Juden das sich selbst einzäunende Volk, sondern sie sind eigentlich und mehr noch die Schöpfer des ewigen Friedhofs, des Friedhofs der Namen. Es gibt, nebenbei gesagt, im Judentum auch eine spirituelle Dimension - hier ist das Wort spirituell vielleicht wirklich angebracht: Das Judentum hat die Transzendenz hier auf der Erde institutionalisiert, die Transzendenz ist ein Teil der Immanenz, oder anders gesagt: Transzendenz und Immanenz sind eins.

- Wie jetzt, bitte Butter bei die Fische!

- Mmh, vielleicht sollten wir heute abend Butter bei die Fische tun?

- Eins nach dem anderen.

- Gut. Ich wollte nur sagen, die Transzendenz innerhalb der Immanenz, das Ewige innerhalb des Zeitlichen, ist der Friedhof. Der Friedhof ist das, was überweltlich, überzeitlich, übermenschlich ist, jenseits von Werden und Vergehen, ist die Ewigkeit.

- Na ja, das kann man alles mehr oder weniger so sehen. Aber was ist daran spirituell?

- Na, spirituell ist der Moment, wenn man sich das bewußt macht, wenn man begreift, daß ich als Jude gewissermaßen eingehe in das ewige Reich der Namen und da virtuell ewig weiterlebe, daß ich also durch Aufnahme in den Friedhof der Namen Anteil an der Ewigkeit habe, daß ich als Mensch, als vergängliches Wesen, doch auch in Berührung mit der Ewigkeit kommen kann - das ist etwas Erhebendes, ein spiritueller Moment.

- Na ja, in gewisser Weise...

- Vielleicht sollte man von hier aus auch den sogenannten Monotheismus neu interpretieren. Nicht dahingehend, daß es beim Monotheismus um einen transzendenten Gott ginge, sondern daß es um einen Ort geht, den Friedhof nämlich, der nicht angerührt werden darf. Gott ist im Grunde ein Friedhof. Deswegen dürfen die Juden seinen Namen auch nicht aussprechen!

- Ha.

- Ja, und man könnte noch weitergehen und behaupten, die Sache mit dem Monotheismus haben sie sich den Ägyptern abgeschaut, du weißt, in den Ländern, die man heute mehr oder weniger einheitlich Israel nennt, Galiläa, Judäa, Samaria und so weiter, herrschte lange Zeit fröhlich-wilde Vielgötterei. Der jüdische Monotheismus ist womöglich eine Frucht der jüdischen Gefangenschaft in Ägypten, eine Fortentwicklung der Pyramide. War die Pyramide das unsterbliche Grab eines Pharaos, so machten die Juden, könnte man spekulieren, aus der Pyramide den Friedhof des ganzen Volkes. Der jüdische Friedhof wäre so gesehen nichts anderes als eine Volkspyramide, die man mit tausendundeinem Grabstein in einer eingezäunten Fläche horizontal errichtet.

- So habe ich die Sache noch nicht gesehen.

- Und wenn man die Sache eben so sieht, dann ergibt die Sache mit dem von Gott erwählten Volk auch einen Sinn. Gott ist ja so gesehen nichts anderes als die Ewigkeit in der zeitlichen Sphäre; die Ewigkeit ist aber kein Akteur, der sich jemanden erwählen kann, deshalb benötigte Gott eben jemanden, der das für ihn gewissermaßen als Stellvertreter ausführt. Doch wenn das Judentum dem Prinzip der Ewigkeit huldigt, dann wird es ja selber ewig, selber gewissermaßen göttlich, ja, um es ganz plakativ zu sagen: dann wird es selbst zu einem virtuellen Gott und nicht nur dessen Erwähl-Stellvertreter. Wenn es selbst der virtuelle Gott ist, dann kann dieser Gott natürlich sich selbst, also sein Volk, das seine Existenz garantiert, erwählen. Gott erwählt sich also selbst. Die Ewigkeit, in Verkörperung der Juden, ist das Volk der unsterblichen Namen.

- Sapperlot, daß ich nicht lache, ich muß aber lachen und doch finde ich das auch ernst, was du da an deinen schönen Haaren herbeiziehst und wie du so wild drauflos fabulierst. Aber warum nicht, wir sind ja fröhliche Menschen.

- Eben! Und ich weiß, daß dies letztlich mit der konkreten Religion, ihrer konkreten rituellen Praxis und mit den konkreten Menschen herzlich wenig bis nichts zu hat, das wäre ja auch zu lachhaft, da hast du recht. Und doch, das Friedhofsprinzip ist wichtig, besonders für die sogenannten ultraorthodoxen Juden. Denk daran, wie vor Jahren irgendwo bei Bauarbeiten für ein Einkaufszentrum, ich glaube in Hamburg, ein alter jüdischer Friedhof zu Tage trat und man nicht wußte, was tun. Der Fall wurde bekannt, und da reisten Ultraorthodoxe an, protestierten und verteidigten sozusagen mit Zähnen und Klauen diesen Friedhof. Warum? Ich habs ja schon gesagt: wegen der Ewigkeit. Die Ewigkeit darf nicht angerührt werden. Die Lösung, auf die man sich dann verständigt hat, war, wenn ich mich recht erinnere, die, daß man den Friedhof in das Kaufhaus integriert hat; so waren am Ende alle zufrieden. Freilich, das Prinzip wirft im Laufe der Zeit auch platzlogistische Fragen auf, weshalb in den Gräbern auf dem erwähnten Friedhof in Prag ja auch Mehrfachbelegungen üblich waren und weshalb die Behörden in Jerusalem, um das zu vermeiden, gerade diesen gigantischen Untergrundfriedhof erbauen, der fürs erste für Ruhe im Karton dieser beunruhigenden Platzfrage sorgt.

- Im Grunde hatte doch auch schon Platon im „Symposion“ ähnliches gesagt - daß man nicht nur in seinen Kindern weiterlebt und dadurch Anteil an der Ewigkeit erhält, sondern auch in den übertragenen Kindern des eigenen Geistes, also etwa in den Kunstwerken, so daß Homer in der „Ilias“ und der „Odyssee“ in gewisser Weise mit höherer Wahrscheinlichkeit virtuell weiterlebt als in seinen leiblichen Kindern. Wobei der entscheidende Gedanke im „Symposion“ ja der sogenannte Aufstieg zur Schau des Guten an sich ist, mit der die dem Schauenden zuteilwerdende Ewigkeit einhergeht; aber dies jetzt zu deinen abenteuerlich-spielerischen Assoziationen in Beziehung zu setzen, würde für den Augenblick, meine ich, liebe Solveig, zu weit führen.

- Das mag wohl so sein.

- Ich möchte jedoch noch auf deinen eingangs erwähnten Begriff des Archivs zurückkommen, in das in dem Fall auch ein Küblböck Eingang gefunden hat. Ich meine, man könnte Boris Groys' Ausführungen zum Begriff des Archivs hier so pointieren: Alle Geschichte ist Kampf um Aufnahme ins Archiv. Das Archiv ist so gesehen eine Übersetzung des Judentums in die Verwaltung. Wo ich war, soll Archiv werden. Ich bin im Archiv, also werde ich ewig sein. Archivverwalter sind die Hohepriester dieser religionslosen Religion.

- Durchaus! Aber ich wollte ja noch was zum Thema traumhaft-alptraumhaft sagen, du ja aber auch, oder nicht?

- Ja, ich wollte sagen, daß mir noch das Wort unauflöslich in den Sinn gekommen ist.

- Das Wort unauflöslich?

- Ja, wobei ich mir bislang vergeblich - oder vergebens? - den Kopf über den Unterschied zwischen unauflösbar und unauflöslich zerbrochen habe. Es gibt da einen Unterschied, aber ich kann den nicht immer erklären und auch nicht immer verstehen.

- Geht mir auch so!

- Bleiben wir für einen Moment bei der Version unauflöslich. Dann würde unser berühmter Beispielsatz so lauten: Der Anblick des getäfelten Meeres ist unauflöslich.

- Mhm. Ja. Also, das klingt spontan ganz gut. Es klingt, als würde damit etwas bestimmtes zum Ausdruck gebracht werden. Allerdings wüßte ich im Moment nicht zu sagen, was genau damit ausgesagt werden könnte, weißt du es denn?

- Nein, ich weiß es auch noch nicht. Aber als ich diesen Satz sagte und hörte, dachte ich, da ist etwas dran, das geht in deine Richtung, könnte dir bei der Suche nach dem unbekannten Wort helfen.

- Ja, da hast du recht, aber jetzt haben wir ja schon drei Wörter. Es geht also um ein Erleben, das traumhaft-alptraumhaft und unauflöslich ist.

- Aber wolltest du nicht auch noch etwas anfügen?

- Ja, ich sags jetzt einfach, kann es jetzt aber nicht ausschweifend erläutern. Nimm es eher Hölderlinisch, nicht Heideggerisch, auch wenn es heute eher mit Heidegger verbunden wird, der es freilich von Hölderlin hat. Ich meine das Wort andenken.

- Andenken?

- Ja, andenken. Also um es gleich mit den bisherigen Wörtern zu verbinden, geht es um ein Erleben, das ein traumhaft-alptraumhaftes, unauflösliches Andenken ist.

- Ein traumhaft-alptraumhaftes, unauflösliches Andenken?

- Ja, andenken in einem gemischten Sinne von an etwas denken, etwas bedenken, auch gedenken. Dieses Andenken ist eine bestimmte Form von Bewußtheit; eine Bewußtheit der traumhaft-alptraumhaften, unauflöslichen Form unserer Existenz.

- Mensch, Solveig! Grüner Tee ist ja schön und gut. Aber hast du mir auch einen Schnaps?



Hiddensee, 15. Mai 2020

Heute, nachmittags, nachmittags reißt der Himmel immer auf, beim Tee, im Garten, wir gingen mit den Tassen in der Hand auf und ab, hin und her, in Jacken gekleidet, denn heiß war es nicht, und hielten von Zeit zu Zeit inne, um unsere Augen, unseren Blick, lange mit dem Meer zu füllen, dabei sahen wir einander in die Augen, um das Meer im Gesicht des anderen zu sehen, auf Solveigs blauen Augen glänzte das Meer, glänzte träumerisch, hielten wir fest, daß wir die Suche nach dem unbekannten Wort, das wir für spirituell gebrauchen könnten, für den Augenblick beenden können, einfach deshalb, weil wir beide der Ansicht sind, wenn schon nicht das Wort, so doch eine Kombination von Wörtern gefunden zu haben, die dem Gesuchten schon nahekommt oder womöglich sogar damit übereinstimmt. Es geht also um ein Sich-Gewahrwerden der traumhaft-alptraumhaften, unauflöslichen Form des vergänglichen menschlichen Lebens, der Situation auf dieser Erdkugel inmitten der praktisch unermeßlichen Weiten des Universums und wie dies gleichzeitig das ganz alltägliche Erleben der unmittelbaren Umwelt um einen herum durchwirke. Dabei setzt Solveig zwischen Sich-Bewußtwerden und Sich-Gewahrwerden, was deren Bedeutung angeht, in diesem Falle ein Gleichheitszeichen. Darüber, was traumhaft und alptraumhaft bedeutet, besteht weitgehend Konsens von Anfang an; bei der Bedeutung von unauflöslich sind wir jedoch kaum weitergekommen bzw. bei der Frage stehen geblieben, ob unauflöslich einfach die Annahme meint, daß wir das Rätsel unserer Existenz, angesichts der Mittel unseres wissenschaftlichen Erkenntnisbestecks, soweit es uns zur Verfügung steht, womöglich prinzipiell nicht werden lösen können?

Solveig betonte, und ich gehe da mit ihr d'accord, wie könnte ich nicht mit ihr d'accord gehen, man müsse bei dem, wonach man als wissenschaftlich eingestellter Mensch, aber auch als Phänomenologe, jeden Tag aufs neue suche oder was man jeden Tag wieder und wieder erlebe, denn wir finden ja stets, ohne zu suchen, auf alle Wörter verzichten, die in irgendeiner Form religiös oder theologisch kontaminiert seien. Auch mit Wörtern wie metaphysisch, mystisch, magisch kämen wir keinen Schritt weiter. Wir müssen es einfach so beschreiben, wie wir es erleben. Wir haben erlebt, daß wir erwachsen geworden sind, wir erleben, daß andere Menschen sterben, und wir wissen, daß auch wir in der Zeit stehen und gehen. Wir sehen den Himmel, die Sonne, das Meer, wir sehen nachts die Sterne am Himmel leuchten, und wir wissen, daß all dies nicht in unseren Schädel gehen will - und um das zu begreifen, müssen wir auch nicht meditieren; auch Meditation ist ein kontaminiertes Wort - deswegen habe sie, sagte Solveig, auch von Andenken gesprochen, nicht von Meditation. Also Finger weg von Spiritualität, Mystik, Meditation! Mit dem Gebrauch solcher Wörter würden wir im übrigen das Phänomen nur verdecken, es kleiner machen, es in seiner ganzen abgründigen Inkommensurabilität zerstören. Das Phänomen: das ist genau dieses Gewahrwerden, das Bewußtsein, daß es so ist, wie wir es erleben und daß es uns in jedem Sinne den Boden unter den Füßen wegreißt - auch dann, wenn wir mit ungläubigem Staunen daraus Kraft ziehen und es ein Lächeln auf unser Gesicht zaubert. In diesem Falle dürfe man zaubern sagen. Vielleicht sei hier das Wort zaubern so am Platze wie nirgendwo sonst. Wir seien nüchtern und zugleich verzaubert. Ich schloß unseren Teegang, während wir auf das getäfelte Meer blickten, indem ich sagte, ich sei bezaubert. Das quittierte sie mit einem zauberhaften Jubelschrei.



Hiddensee, 16. Mai 2020

Beim Tee, nachmittags, wieder draußen, nach einem langen Gang durch die Ginsterblüten im Hochland, ein wogendes gelbes Meer, erzählte ich Solveig vom Friedhof der Namenlosen in Wien, jenem, mit Verlaub, wie soll ich sagen, geradezu magischen Ort, weit draußen, donauabwärts, wo man auf dem Landwege kaum hinkomme, so sei es mir erschienen, als ich früher, in der Leichmetropole par excellence lebend, immer wieder dort hingereist sei, es sei eine Reise mit der Tram, zu Fuß, über Wiesen, durch Kastanienwälder, auf kurvigen Straßen gewesen, keine Menschenseele weit und breit, ein Friedhof für Ertrunkene, angeschwemmt, anonym, eben namenlos. „Alle, die sich hier gesellen / trieb Verzweiflung in der Wellen / kalten Schoß.“ Ich sagte, das sei gewissermaßen das Gegenstück zu dem jüdischen Friedhof, wie sie ihn vorgestern gedeutet habe. Hier, auf dem Friedhof der Namenlosen, gehen keine Namen in die Ewigkeit ein, sondern nur die Zeichen für die unbekannten Bezeichnungen, welche die Namen der Leichen waren. Es gebe ja keinen Menschen, der keinen Namen hätte; eine Tatsache, der man sich im Grunde kaum je bewußt sei, den namenlosen Menschen gebe es nicht, unvorstellbar eigentlich, oder sei es denn denkbar, daß ein Mensch wirklich namenlos lebe und auch keinen Namen von außen verpaßt bekomme? Wahrscheinlich nicht. Die Zeichen auf dem Friedhof der Namenlosen jedenfalls seien Leerstellen, die von den einst Anwesenden künden, ohne an sie wirklich erinnern zu können. Sie seien anwesend abwesend; wobei auf dem namenvollen Friedhof die Abwesenden in ihren Namen anwesend seien.

Letztlich gebe es zwei grundsätzliche Haltungen zum Tod: ihn akzeptieren oder ihn nicht akzeptieren. Ich sei für den Tod, sagte ich Solveig, für den endgültigen völligen Tod, er sei die wahre Erlösung, die letzte Befreiung. In Kalifornien arbeiten Technikpropheten an der Abschaffung des Todes oder geben zumindest vor, es zu tun. Gewiß seien Gewalttode, Unfalltode, Krankheitstode traurig und zu vermeiden; aber der Tod am Ende eines biologischen Lebensverlaufs sei natürlich, in gewisser Weise sogar schön. Man beginne klein, werde groß, man werde wieder kleiner - und kehre schließlich zurück ins Nichts, aus dem man gekommen sei.

Ich halte im übrigen, sagte ich ihr, auch nichts von den asiatischen Vorstellungen eines ewigen Kreislaufs aus Werden und Vergehen. O nein, bloß das nicht, ich wolle nicht wiedergeboren werden, und dann womöglich als wer weiß was. Auch von den Lebensvorstellungen irgendeines Jenseits sei ich nicht angetan. Wie solle das gehen, irgendwo irgendwie „ewig am Leben sein“? Ich könne mir darunter nichts vorstellen. Wenn du so willst, liebe Solveig, sagte ich, befinden wir uns eigentlich schon im Jenseits. Wir kommen aus dem Nichts und gehen ins Nichts - das Jenseits dieses Nichts ist das Leben hier auf der Erde. Wir sind im Jenseits. Wir sind die Jenseitigen. Laß uns das feiern - ehe wir ins Diesseits zurückkehren.

Roter Abendhimmel.



Hiddensee, 17. Mai 2020

Vormittags bewölkt. Mittags reißt es auf, blauer Himmel. In der Ferne Kumuluswolken. Überm Strand von Vitte geschwungene, geriffelte Wolken.



Hiddensee, 21. Mai 2020

Sonnenschein. Christi Himmelfahrt. Erste Touristen am Strand.



Hiddensee, 25. Mai 2020

Dunkelgrauverhangener regnerischer Tagesbeginn. Reisende aus ganz Deutschland, jenseits von Mecklenburg-Vorpommern, dürfen seit heute den staatlichen Verordnungen gemäß wieder auf die Insel kommen, ich bin jetzt hier kein „illegaler“ Mensch mehr, jetzt kann mich keiner mehr vertreiben, und ich gehe, zur Feier des Tages, im Hafen von Vitte spazieren, schaue mir die mit den Fähren ankommenden Gäste an, eine Frau in ockergelbem, an der Taille gebundenen, halblangen Mantel fällt auf, ein Versprechen eleganter Welt. Nachmittags reißt es auf, die Sonne singt auf den Wellen, und am Ende wird alles sein, wie immer, wie es niemals gewesen ist, jedes Jetzt gibt sich als neuer Augenblick, das Leben gebiert sich anhaltend wieder, und so gehst du fort, findest dich als fremden Menschen vor, in dem du dich erkennst, als Vorspiegelung wahrer Formen, die als dein Gesicht zu sehen sind.



Hiddensee, 26. Mai 2020

Ich höre morgens, noch im Bette liegend, halb noch schlummernd, das Rauschen der Sonne, höre es deutlich, höre es in mir, und ich gehe raus, die Treppe zum Strand hinunter, schwimme im Meer, stelle mich am Ufer in die Sonnenstrahlen, den kosmischen Energieteilchensturm, der mich wärmt und wie nebenbei dem Universum einverleibt.



Hiddensee, 27. Mai 2020

Die „ungeschützte Bodenlosigkeit der Liebe“, schreibt Kerstin Holm in ihrer Besprechung einer Neuausgabe der Alfred Frankschen Übersetzung von Leonid Zypkins Liebesroman „Ein Sommer in Baden-Baden“, Roman der verzweifelt-erhabenen Liebe des Pathologen Zypkin zu Dostojewski, zeige sich auch beim „gemeinsamen Schwimmen“ (Zypkin) der einander Liebenden. Das Einander lieben als „gemeinsames Schwimmen“ sehen, berührt, besonders in der Verknüpfung mit der „ungeschützten Bodenlosigkeit“, zum Beispiel beim Schwimmen im Meer. Die Liebe ist das Meer, in dem du nur gemeinsam schwimmen kannst, wenn du nicht untergehen möchtest. Das gemeinsame Schwimmen verwandelt sich in gemeinsames Schweben.



Hiddensee, 28. Mai 2020

Das moderne Menschenbild ist Zumutung und Befreiung in einem.

Zumutung, weil es den Menschen eben als Einzelwesen begreift, als einzelnes autonomes Subjekt, das im Idealfall sein Leben frei, nach wohlabgewogenen Gründen und reflektierten Entscheidungen, moralisch bewußt, hin zu einem gelungenen Ganzen führt, wo er doch tatsächlich im gelebten Leben sich stets in einem dreidimensionalen irritierenden, einflußnehmenden Geflecht aus Beziehungen und Zwängen bewegt: Historisch in der vertikalen Tiefe und Höhe der Zeit bezogen auf Herkunft, mit Eltern und Großeltern und dem sozialen Milieu, zukünftig auf das, was er noch und noch vorhat, gegenwärtig auf den Brennpunkt aus Vergangenheit und Zukunft, dieser Welle des Jetzt, die durchs Meer des Lebens Richtung Strand rollt, dem Strand der Insel der Seligen; sozial bezogen auf all die horizontalen Beziehungen zur eigenen Familie, den Freunden, Kollegen und Alltagsbekannten; aber auch symbolisch bezogen auf die den Menschen einbettenden, ihn schützenden Systeme, sei es das Rechtssystem, sei es das religiöse System, der Glaube.

Befreiung, weil es den in diesem Geflecht im schlechten Falle auf bedrückende, hemmende Weise gefangenen Menschen eben auch hinaus ins freie Land zu katapultieren vermag: Du mußt da nicht bleiben, wo du herkommst, wo du hinsollst, wo dir die menschlichen Beziehungen nicht gefallen, du darfst dein Leben ändern, du bist frei, du bist autonom, du gibst dir selbst deine dich leitenden Gesetze, niemand sagt dir, was du tun sollst, hier stehst du und kannst anders.



Hiddensee, 31. Mai 2020

Nochmals zu dem, was mich nicht losläßt: Beim Anblick des blinkenden Meeres das phänomenale Erleben von Zeitlosigkeit; oder, wissenschaftlich gesprochen: der Anblick hat eine mich geradezu hypnotisierende, mich ins scheinbar Zeitlose schweben lassende Wirkung.



Hiddensee, 1. Juni 2020

Der Holunder blüht. Und auf dem Weg von Kloster nach Vitte blüht er besonders zahlreich, rechts und links. Der Gang in diesem Duftraum ist so betäubend, daß man sich geradezu hinwerfen möchte, um für immer in diesem Duft zu schweben.

Heute kehrt Solveig zurück, sie war über Pfingsten bei ihrem Freund in Greifswald, ich freue mich auf sie, als würde ihre Anwesenheit mich wieder komplettieren. Sie ist der mich komplettierende Mensch, möchte man sagen. Zu einer kompletten Ausrüstung gehört das Du. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo ihn jemand ergänzt, ausfüllt, vollendet.



Hiddensee, 4. Juni 2020

Auch Religionen sind Verschwörungstheorien, sagt Solveig, während sie in ihr Butterbrot beißt.

Geht damit, die Maske aufsetzend, ein Gesichtsverlust einher?



Hiddensee, 6. Juni 2020

Das Quellwasser des Lichts läßt dich schweben.



Hiddensee, 19. Juni 2020

Die wunderbarste, weil durch und durch lebensfreundliche, belebende Chansonnière Linda Trillhaase gibt, im Garten des Blauen Strandhuses von Frau Fritsch, ein ihrer Wesensart gemäßes Konzert. Die immerjunge Erkenntnis, die sie unmittelbar vermittelt, ist die, man möge es nicht versäumen, jeden Tag „den Tag zu pflücken“ (Horaz), als wäre der Lebensort ein paradiesischer Apfelbaumgarten, der in Hülle und Fülle dazu einlädt, jeden einzelnen Tag sich munden und schmecken zu lassen.



Hiddensee, 28. Juni 2020

Am Morgen lange mit Solveig am Strand, wir machen Gymnastik, führen Gespräche, schweigen beredt, gehen schwimmen, es ist schleierwolkig, die Sonne steht schon hoch. Mit einem Mal sehen wir einen regenbogenfarbenen großen Ring um die Sonne. Im Innenraum des Rings ist die Fläche etwas dunkler als außerhalb, wo sie jenseits der Wolkenschleier lichtblau erscheint. Ein zweiter Ring taucht außerhalb um den ersten herum auf. Ziemlich weit im Meer draußen schwimmend, halten wir die Farbenringe am Himmel im Blick. Wir beide haben so etwas noch nie gesehen.

Mittags im Hafen, abreisende Gäste winken vom Schiff aus den zurückbleibenden Freunden mit blauen OP-Masken zum Abschied. Durch solche Szenen unfreiwilliger Komik wird der Alltag belebt.

Wenig später Aufzug düsterer Wolkengebirge; Meer und Insel versinken in Düsternis, erst einzelne Tropfen, dann donnert, dicht an dicht, Prasselregen auf Mann und Maus hernieder. Wer jetzt kein Dach überm Kopf hat, der erreicht trockenen Leibes keines mehr, und ob die Maus, zurück in ihr Loch flitzend, sich da nicht geradewegs ins schon überflutete Verderben stürzt, weiß keiner.



Hiddensee, 3. Juli 2020

Der Mensch ist auch ein dem Trödeln anheimgegebenes Lebewesen. Um die Zeit zu nutzen, soll er auch die Kunst des Trödelns perfektionieren; so kommt er auf Einsichten, mit deren Hilfe sich auch scheinbar unlösbare Rätsel in Luft auflösen. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er trödelt. Dies unterscheidet ihn vom Roboter, der von seinem Programm her nicht trödeln kann. Der Mensch ist der Trödler par excellence. Sein Geist gleicht einem kaum erforschlichen Trödelladen. Wer den Trödelladen betritt, wird von dessen Raumtiefe überrascht und sowohl altes Gelump als auch kostbare Stücke entdecken.



Hiddensee, 11. Juli 2020

So, wie man heute sagt: „Geht doch“ - im Sinne einer bestätigenden Affirmation -, so heißt es bei Goethe: „Paßt doch“. Siehe: Wilhelm Meisters Wanderjahre, Hamburger Ausgabe, Seite 351.

„Du mußt daran glauben“ - hier sind glauben und sterben gleichbedeutend.

Die zarten Blüten, fern in deiner Phantasie, zittern im Wind still.



Berlin, 28. August 2020

Energeia: die Energie und das Im-Werk-Sein. Sei energiereich, sei reich in den Werken.

Sei ein Mensch, der nichts zu melden hat. Ich habe nichts zu melden, also bin ich. Während der Zeit des Nationalsozialismus hatten die Denunzianten jede Menge zu melden („Ich werde Sie melden!“). Auch heute, im sich zuziehenden Netz eines technoiden Stupiditätstotalitarismus, haben die Denunzianten aller Völker wieder jede Menge zu melden. „Diesen Beitrag melden“ steht auf dem Feld, das man auf einer Netzseite anklicken kann, um seinem inneren Schweinehund zu gehorchen. Ich melde dich, also bin ich jemand.

Unter touristischen Gesichtspunkten war die Teilung Berlins ein großartiges Los. Die ehemalige Mauer, Ostberlin, die Teilungsgeschichte mit den böspeinlichen Kommunisten üben einen unwiderstehlichen Reiz auf die Reisenden aus aller Welt aus.

Was du verloren hast, wirst du gleichzeitig gefunden haben (gerade im Verlust sticht es heraus und prägt sich dir ein).

In der S-Bahn fahrend und Maske tragend, muß ich gähnen. Instinktiv führe ich die Hand vor die Maske, obschon dies eigentlich nicht nötig wäre.

Du mußt Feuer ins Öl gießen.



Berlin, 29. August 2020

In den sogenannten Schönhauser Allee Arcaden, einem Einkaufszentrum, liegt Solnhofener Jurakalk; in diesem sind versteinerte Meerestiere, Fische und Muscheln, zu sehen. Im Grunde wandelt der heutige Konsument auf dem Grunde eines petrifizierten Meeres.

Brandenburg fördert neuerdings das Niederdeutsche an den Schulen.



Welzheimer Wald, 31. August 2020

Am Waldgrund Stille. In den Wipfeln rauscht das Meer, behütet den Weg.

Gehört auch ins Kleine Einmaleins jeder Journalistenschule: Sei sparsam mit der Verwendung des Adjektivs „massiv“ („massive Kritik“, „massive Einschränkungen“, „massive Ausschreitungen“ usw.).



Berlin, 25. September 2020

Mit dem heutigen starken kalten Regen hat dieser trockene Sommer endlich sein Ende gefunden.



Berlin, 25. Oktober 2020

Südlich von Berlin, auf dem Lande, schwebt am lichtblauen Himmel eine einzelne flache, eisig wirkende Wolke, hinter der die Sonne scheint und einen Schleier aus Regenbogenfarben hervorruft.



Hiddensee, 1. November 2020

Gestern nachmittag lang mit Solveig am Strand, wir gingen und sahen die Sonne untergehen, wir gingen weiter und sahen den Mond aufgehen; der zweite Vollmond des Monats, blue moon.



Berlin, 3. November 2020

Edward Snowden beantragt die russische Staatsbürgerschaft.

An der Wand wehen die Schatten der Lindenblätter ruhig vor sich hin.



Berlin, 9. November 2020

Die Sterne schlafen und träumen von der Erde, dem unruhigen Ort.



Berlin, 10. November 2020

Im Marbacher Nachlaß von Friedrich Schiller werden nicht nur nennenswerte größere Schriftstücke und einzelne ausgeschnittene Manuskript-Stückchen aufbewahrt, die freilich bisweilen nur aus einem einzigen Wort mit Komma bestehen, sondern auch „Kuriositäten“ wie abgebrochene Holzteile und Splitter von seinem Bett.

Hat es Sinn, derartiges aufzubewahren? Zumal ja der wesentliche Rest vom Bett, in dem er auch seinen letzten Atemzug machte, noch in seinem Weimarer Haus steht? Wäre es da nicht angebracht, sie ohne Federlesens auf einer Deponie zum Altholz zu werfen? Oder, falls einem das zu pietätlos scheint, wenigstens vor dem Schiller-Nationalmuseum in Sichtweite der Schillerstatue, vor seinen Augen, feierlich zu verbrennen? Für die Archivare kommt dies offenbar nicht in Betracht. Schiller genießt den Status eines profanen Heiligen, und alles, was von diesem übrigbleibt, muß als Reliquie verehrt, das heißt: aufbewahrt werden.

Die Splitter von Schillers Bett dürften auch, mehr oder weniger bewußt, an die Splitter vom Heiligen Kreuz Jesu erinnern. Hebt man diese nicht auch sorgsam-fromm auf, ja benennt ganze Sakralbauten entsprechend, wie das Heilig-Kreuz-Münster in Schwäbisch Gmünd? Ist man in Marbach nicht ähnlich verfahren, als die Verehrer Schillers auf dem Hügel über dem Tal weithin sichtbar das Heilig-Bett-Archiv erbauten?



Berlin, 11. November 2020

Hier, im Sand, herrschte die letzten Tage Hochnebel - trüber November, wie er schöner nicht sein könnte, lieber Herr Heine.



Berlin, 12. November 2020

Jede Gesellschaft ist zunächst eine Grußgesellschaft; ihre Gruppen und Kreise grüßen sich je unterschiedlich. In der derzeitigen Pandemie wird aus der Gesellschaft insofern eine Schicksalsgemeinschaft, als das berührende Grüßen bei allen einander Fremden jetzt außer Kraft gesetzt ist. Ein Handschlag käme einem wie eine intime Berührung vor, die man sich nicht gefallen lassen wollte.

Der Frieden ist das natürliche Feld des Grußes, und der Krieg ist nur die Fortsetzung des Grüßens mit anderen Mitteln.

Wenn die Cafés, Schwimmbäder, Ausstellungen geschlossen haben, fehlt das gemeinsame Schweben in öffentlichen Sphären. Auch die Seele will auf den Intensivstationen der Musen beatmet werden.



Berlin, 13. November 2020

Sich ergehen kann auch heißen: so lange gehen, bis man zu sich kommt.

Intim ist ein Mensch immer, wenn er zuhause ist, im innersten Reich seines Seins.

Wenn zwei miteinander intim sind, dann nähern sich tendenziell das Physische und das Metaphysische einander an: Aus zwei wird eins, dem, von Zeit zu Zeit, ein drittes entspringt.



Berlin, 20. November 2020

Die Warmherzigkeit im Umgang miteinander; wir sind ein Ofen.

Nebel, Regen, Schnee - drei Offenbarungen des Himmels.

Das Licht der Erde glänzt auch in deinen Tränen.

Jeder erhält schon in frühen Jahren einen Ruf an die Universität des Universums. An der Universität soll er vom Leben lernen und übers Leben lehren. Lernen, forschen, Einsicht gewinnen einerseits; das Gelernte, Erforschte, gewonnene Einsehen lehren, mitteilen, übersetzen andererseits. Lernen und lehren gehen Hand in Hand als wären sie ein von langer Hand füreinander bestimmtes Paar. Wo einer lernt, da wird er auch lehren. Wo einer lehrt, da wird er auch lernen. Lernen, lehren, lehren, lernen. Leben heißt lernen und lehren. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er lernt und lehrt. Wo er lernt, da belehrt er sich; wo er sich belehrt, da lernt er etwas. Lerner und Lehrer, ihr zwei in einem, entzweit euch nicht, bleibt eins.



Berlin, 22. November 2020

Das Leben, mags auch nur aus Bagatellen bestehen, Anfang und Ende, Geburt und Tod sind keine Bagatellen.

Was wird vom Jahr 2020 bleiben?

Grausamkeit.

Die Grausamkeit bestimmter politischer Maßnahmen zur Eindämmung von Sars-CoV-2.

Bleiben wird auch die Tatsache, daß die Menschen gegen sie zu wenig, zu spät, aufbegehrt haben.

Die Grausamkeit bestand zum Beispiel darin, daß demente Menschen in Heimen in ihre Zimmer gesperrt wurden und keine Besuche von ihren Kindern empfangen durften; daß Alte und Todkranke alleine sterben mußten; daß Angehörige ihre verstorbenen Lieben nicht mehr sehen und sich von ihnen nicht verabschieden durften. Diese Grausamkeit ist grausamer als der Tod.



Prag, 24. November 2020

Herr Nebel mag Nebel. An Herbsttagen, da die Landschaft in Nebel gehüllt ist, geht er gern wandern. Nebel verschwindet im Nebel, die Zeit geht mit ihm. Ewig später taucht er im Nebel wieder auf, umnebelten Sinnes kommt er zu sich.



Prag, 29. November 2020

Nach der Wandlung nimmt der Priester ein Fläschchen Desinfektionsmittel, reibt sich die Hände ein und schreitet dann zur Kommunionspendung.

Die Gläubigen, die die Hostie in der Handschale in Empfang nehmen, treten mit ihr zur Seite, ziehen, mit dem Gesicht zum Chorraum, ihre Maske herunter, schieben die Hostie in den Mund, die Maske wieder hinauf. Dann gehen sie außen herum, unter der Maske die Hostie kauend, zu ihrem Platz zurück.

In den Reihen sitzen auch Familien mit ihren Kindern (acht, zehn Jahre alt). Kinder wachsen in ihren Familien auf, als wäre es selbstverständlich, als wäre es normal, Kind zu sein und Eltern zu haben. Aus der Perspektive der Eltern ist die Familie zunächst eine neue Lebensform. Früher waren da lediglich zwei einzelne Menschen, die sich über den Weg liefen und zu einem Paar wurden. Sie blieben, als Paar, zunächst unter sich, waren mit sich in gewisser Weise allein. Sie wünschten sich Kinder; sie bekamen welche. Als das erste Kind auf die Welt kam, waren sie nicht mehr allein ein Paar, sondern eine Familie. Für frischgebackene Eltern ist die Familie also zunächst neu; für die Kinder hingegen ist die Familie das Uralte, Ewige, Selbstverständliche.



Prag, 3. Dezember 2020

Frühstück im Café Le Caveau am Námestí Jirího z Podebrad. Tschechien hat heute, nach wochenlangem, vollständigem Lockdown, wieder aufgemacht, und wirklich gehen überall die Türen auf, an den Geschäften, den Restaurants und, ab nächster Woche, an den Schulen. Es darf wieder, wenigstens solange die Zahlen nicht erneut nach oben klettern, mit Abstand und Vorsicht, geklappert werden.

Man schreibt ein Buch eigentlich nur, weil man es gerne lesen möchte.

Das Kühne soll klar sein, das Launische maßvoll.

Der Mond ist auch eine ironische Sonne.

Das Buch, das du immer mit dir trägst, ist ein Wörterbuch der deutschen Sprache.

So leben, daß man am Ende zu sich selber sagen könnte: Es war ein großes Glück, mir begegnet zu sein.



Prag, 10. Dezember 2020

Im Licht badest du, aus dem Wasser steigst du und streifst die Perlen ab.

Es besteht ein gewisser Zusammenhang zwischen umziehen und sich umziehen. Ziehe ich mich um, ist es ein wenig so, als würde ich umziehen. Neue Kleider, neue Wände, neuer Mensch. Sprachlich zugespitzt: Neues Gewand, neue Wand, neuer Wanderer. Ich habe mich umgezogen = ich bin umgezogen. Umziehen heißt, sich in neue Wände kleiden. Neu gewandet, erscheine ich mir verwandelt. Verwandelt wandle ich weiter.



Prag, 11. Dezember 2020

Erst dieser Tage, nach seinem zeitweiligen Fehlen und jetzt Wiedererscheinen, ist mir klargeworden, daß das Geschirrklappern im Café auf mich eine beruhigende Wirkung ausübt. Es ist, als könnte durch es eine Urerfahrung aus der Zeit des Säuglingsdaseins wieder angesprochen werden. Jedes Neugeborene schläft und wacht in einem für es diffusen klanglichen Umfeld, zu dem nicht nur die elterliche Fürsorge, Ansprache und Besingung gehören, sondern auch die Geräusche der Wohnung und nicht zuletzt der Küche, die von sich aus das erste caféähnliche Klangambiente erzeugt. Betrittst du das Café, siehst du die Urküche wieder. Wo geklappert wird, da schließ die Augen und träum weiter.

Erinnert dies auch an die für Kinder gedachte Erzählung, der Klapperstorch bringe die Neugeborenen? In einer unbewußten metonymischen Verschiebung könnte der Mensch das Geschirrklappern durchaus auch mit dem Klappern des Storches assoziieren. Wo geklappert wird, da ist der Nachwuchs nicht weit. Wo der Nachwuchs träumt und wacht, da ist das Klappern nah, es dringt in seinen Traum, sein Wachen. Im Klappern erfährt er mit die erste ihn akustisch einbettende Umwandung nach der Geburt. Die Musik, in der ein Mensch sich geborgen fühlt, ist das Klappern mit anderen Mitteln. Cafés sind verwandelte Geburtsstationen und Bedienungen die umsichtigen Hebammen, die dem Menschen helfen, zu sich zu kommen.



Prag, 12. Dezember 2020

Situativ leben: geborgen, eingebettet, umwandet - und immer auf der Höhe des Augenblicks: wach sein und die Situation jetzt wahrnehmen. Allerdings darfst du auch von Zeit zu Zeit „schlafen“, darfst so, wie der gute Homer manchmal geschlafen und einen Fehler gemacht hat (Horaz, Ars poetica, Vers 358-360: „(...) et idem / indignor quandoque bonus dormitat Homerus; / uerum operi longo fas est obrepere somnum.“), auch den Kairos, den günstigen Augenblick, versäumen und, ohne dich wegen des Verpaßten zu grämen, auf neue Stelldicheins mit dem Augenblick hoffen.



Prag, 17. Dezember 2020

Die Cafés sind heute besonders voll - ab morgen hat das öffentliche Geschirrklappern erst mal wieder Pause.

Sedierende Mächte, Erzählungen, die ihre Leser beruhigen und ihnen ein Gefühl der Beheimatung verschaffen.

Was ist das Zentrum deines Lebens? An welchem Feuer sitzt du und wärmst an ihm deinen Geist? Was ist es, das seine Schwerkraft auf dich ausübt, und was läßt dich gleichzeitig schwerelos schweben?

Jeder Mensch trägt in sich eine Krypta, in der die Leichen seiner Hoffnungen und Wünsche aufgebahrt liegen.

Das Denken sei das Dach, das dich beschützt. Sei bedacht.



Prag, 23. Dezember 2020

Menschen wohnt die Tendenz inne, sich zu verstricken; sie verstricken sich so, wie man sich auch verläuft. Nach und nach geben sie das Gepräge eines komisch gestrickten Wesens zu erkennen.



Prag, 24. Dezember 2020

Sei kein Dieb; stiehl dich nicht aus der Verantwortung.

Red nicht drumherum; schreib drumherum.

Sei entschlossen; bleib aufgeschlossen.

Mit allen Wassern: Wasch dich, Reisender, mit ihnen.



Prag, 27. Dezember 2020

In der Europäischen Union beginnt heute offiziell die große Impferei. Es ist das Angebot der Staaten an ihre Bürger, sich eine Coronaschutzimpfung verabreichen zu lassen. Es ist, als wäre das Jahr 2020 gestern zu Ende gegangen und als begänne heute schon das Jahr 2021.



Prag, 29. Dezember 2020

Still vergeht die Zeit, und das Gras schläft, träumt von Licht, von Frühlingswärme.



Stuttgart, 30. Dezember 2020

Als eine soziale Skulptur, als das künstlerische Werk einer von Menschen organisierten, wesentlich aus Menschen bestehenden und von einem von Menschen entwickelten Impfstoff belebten Schönheit mag einem das große Impfen im Zentralen Impfzentrum des Klinikums Stuttgart in der Liederhalle erscheinen. Es befindet sich in dem ansonsten eher für Kongresse reservierten Nebenbau der Liederhalle. Die Impflinge streben von allen Seiten den Türen entgegen, zu zweit, in kleinen Gruppen, in Begleitung, manche der meist Betagten rüstigen Schritts, andere mit Gehstock oder mit Rollator. Dezente Sicherheitsmitarbeiter öffnen die Glastüren. Ein weiß gewandeter junger Mann befragt die Ankommenden nach Beschwerden, Fieber, Erkältung, Schnupfen, allgemein ihrem Gesundheitszustand. Ist der unbedenklich, dürfen sie ihre Hände desinfizieren und das Foyer betreten. Dort warten an zig Tresen freundliche, sie herbeiwinkende lächelnde Mitarbeiter, die die Anmeldung schnell und nahezu unbürokratisch durchführen und sie mit dem Laufzettel zur nächsten Station entsenden. Die Impflinge schweben im Lift in die Tiefe oder nehmen die Treppe ins Foyer des Hegel-Saals. Hier gelangen sie an Station 2 zur Anamnese und der Impfeinwilligung und erhalten einen neuen Impfausweis, falls sie nicht schon einen mitbringen. Es folgt das Aufklärungsgespräch mit den bereitstehenden, ebenfalls sie herbeiwinkenden Ärzten. Schließlich wird man auf vormarkierten Bahnen in den Hegel-Saal geleitet, in dem von pulsierenden Vorhängen abgegrenzte Impfkabinen aufgebaut sind. Hier findet das Impfen statt. Fast möchte man sagen: das heilige Impfen, oder doch das Heil stiftende Impfen. Es geht flugs über die Bühne und ist kaum der Rede wert. Manchmal nur muß man ein wenig warten, wenn der Impfstoff ausgegangen ist und Nachschub aus der Apotheke, dem Kühlraum, geholt wird. Das wars. Weiter gehts zu einer die Impfung vollends digital „stempelnden“ Kraft, die den Geimpften im übrigen anbietet, zur Nachbeobachtung im benachbarten Ruheraum, dem Schiller-Saal, zu verweilen. Sieht man nach einer Viertelstunde dort keinen Anlaß, länger zu bleiben, meldet man sich im oberen Foyer wieder ab und verläßt das Gebäude. Man muß sagen: beeindruckend gut organisiert. Fast ist man von dem enormen Personalaufwand, der hier getrieben wird, peinlich berührt. Das alles ist also mehr als ein Impfzentrum; es ist gleichzeitig ein Kunstwerk, ein soziales, das nicht allein menschlich schön, sondern in seinem Ziel, den vorzeitigen Tod von Gefährdeten abzuwenden und insgesamt mitzuhelfen, den globalen Drachen der Pandemie niederzuringen, auf seine Weise erhaben ist.



Prag, 31. Dezember 2020

Neuer Trend unter modebewußten Kavalieren? Die blaue OP-Maske als Einstecktuch für das Sakko (so gesehen am Václav-Havel-Flughafen Prag).



Prag, 3. Januar 2021

Ich habe festgestellt, daß ich Wasser lieber aus einem Porzellanbecher trinke als aus einem Glas.

Die Menschen scheinen so einzigartig zu sein wie ein vorübergleitender Wirbel in einem gleichmäßigen Strom.

Von Zeit zu Zeit ging sie in die Küche und öffnete den Hahn, froh, auf diese Weise dem in den Leitungen harrenden Trinkwasser wenigstens kurz ans Licht zu helfen. Das menschliche Leben gleicht, scheint es, dem sich nicht lange aufhaltenden Sturz vom Hahn in den Abfluß. Friedhöfe sind nicht zuletzt Abfließkanalsysteme für Menschen. Thales lag nicht daneben, der belebte Urstoff ist das Wasser, und Gott ist die Quelle, die den Hahn des Seins öffnet und versiegt.



Prag, 8. Januar 2021

Das Volk, könnte man meinen, heißt so, weil es folgt.

Vom Volk gibt es nur eine Volksausgabe.

Die scheinen: Blumen auf der inneren Wiese der Liebe, der Kunst.

Sie erlebt das Wetter immer immersiv.

Sie schwamm den ganzen Tag; am Abend sah sie sich im Spiegel verschwommen.

Schwellen, die hohen Wellen des Lebens.

Sing, spiel jeden Tag und finde Freude im Licht jedes wahren Worts.



Prag, 9. Januar 2021

Was ist dein Beweggrund? - Das, was mir unter den Sohlen entgegenkommt.



Prag, 14. Januar 2021

Poesie, Medizin: Die Welt schönen, die Nerven schonen.



Prag, 16. Januar 2021

Schatzsuche, darauf läufts am Ende im Leben hinaus. Jeder sucht den Schatz, der zu ihm paßt. Dieser ist insofern verborgen, als er zunächst unerkannt auf den Straßen umherwandelt und man ihn erst in der Menge ausmachen und entdecken muß. Hat man jemanden ins Auge gefaßt, versucht man, eine Begegnung mit ihm herbeizuführen: „Schatz, sprich, damit ich erfahre, ob du es bist.“ Im Idealfall lautet die Antwort: „Ja, ich bins. Und nun laß uns nachhause gehen, damit wir einander so, wie es vorgesehen ist, noch und noch entdecken, Schatz für Schatz, und zu einem einzigen, glänzenden Bettschatz verschmelzen.“

Aber was heißt verschmelzen? Liebende sind oft ineinander verzahnt.

„Ich bin hin und weg“, das läßt sich auch als Ausdruck des Kaputtseins verstehen.



Prag, 17. Januar 2021

Wie läufts? - Es läuft, ich habe gerade einen Lauf. Aber das hat ja jeder, jeder hat seinen eigenen Lebenslauf, Menschen sind, in jedem Sinn, Lebensläufer. - Wollen wir zusammen laufen? - Zusammen laufen? - Ja, zusammen durchs Leben laufen? - Meinetwegen. - Unseretwegen. - Deinetwegen. Wie wärs heute nachmittag um fünf?



Stuttgart, 21. Januar 2021

Zweite Coronaschutzimpfung in der Liederhalle, wieder läuft es wie am Schnürchen. Anders als beim ersten Mal gibt es vor dem Gebäudeeingang eine Schlange, ein böiger Wind weht, die Wolken fliehen, es geht schnell voran. Das Personal hat gewechselt, es ist wieder freundlich und zuvorkommend. Auch die zweite Impfung hält einen Laufzettel bereit, aber mit weniger Stationen, man gelangt gleich zum Arztgespräch, es wird nach der Verträglichkeit der ersten Impfung gefragt, und ist alles paletti, wird man an eine andere, kürzere Schlange vor dem Impfbereich, dem Hegel-Saal, geleitet, die längere Schlange ist den ihre erste Dosis empfangenden Impflingen vorbehalten. Seit heute wird auch ein zweiter Impfstoff verimpft; sicherheitshalber weist man die Ärztin in der Impfkabine vor dem Ansetzen der Spritze darauf hin, auch den gleichen Stoff wie beim ersten Mal zu spritzen. Heute sind deutlich mehr Impfkabinen in Betrieb als vor drei Wochen. Die Kabinenbereiche sind nach europäischen Städten benannt, Brüssel, Prag und so weiter - auch hier soll signalisiert werden: Wir EU-Europäer impfen gemeinsam.

Angesichts der Fährnisse des Lebens mag es sinnvoll sein, Spielräume sich immer neu zu erschließen, in denen das Spielerische seelischen Schutz und höhere Immunität gewährt.



Prag, 30. Januar 2021

Wenn eine Stadt auch eine Wohnung ist, dann ist, was Prag angeht, ihre gute Stube derzeit, seit Beginn der Maßnahmen gegen das Coronavirus, auf eine Weise zu sehen, wie die jüngere Generation sie noch nicht gesehen hat: von Touristenmassen befreit. Man kann Altstadt, Neustadt, Karlsbrücke, Kleinseite, Hradschin in aller Ruhe und Muße studieren. Eine Stadt besteht aus zahlreichen privaten Wohnungen, die sich alle in der gemeinsamen großen Wohnung befinden, der Stadt.

An der Gestaltung der großen Wohnung beteiligen sich alle Einwohner; und alle Einwohner sollen es sich in der großen Wohnung behaglich machen und sich in ihr zuhause fühlen.

Für die große Wohnung gilt auch eine Art Recht auf Privatsphäre. Wer immer die große Wohnung besucht, soll sich entsprechend verhalten, das heißt so, daß sich die Einwohner während des Besuchs weiterhin wohlfühlen. Am besten ist es dann, wenn beide Seiten, Einwohner wie Besucher, Vorteil von dem Besuch haben, Einwohner in Form von Einnahmen und womöglich zwischenmenschlicher Bereicherung, Besucher in Form von Horizonterweiterung und ebenfalls zwischenmenschlicher Bereicherung. Nach dem Abzug des Besuches wird die Wohnung nach wie vor kommod sein. Man nennt diese Form, Besuch zuzulassen, sanften Tourismus. Der Massentourismus hingegen, die in jeder Hinsicht nicht wünschenswerte Zerstörung der historisch tiefschichtigen, ästhetisch inspirierenden Orte der Erde, sollte auch nach Ende der Pandemie abgewehrt werden.

Aber da auch von Massentourismus nicht heimgesuchte Städte große Wohnungen sind, müssen Städter auch hier dafür sorgen, daß nicht nur ihre private Bleibe anmutig und schön ist, sondern auch die öffentliche - eben ihre Nachbarschaft und die Stadt, in der sie leben. Jede Stadt soll auch für ihre Einwohner anziehend sein. Ist sie nicht anziehend, dann ziehen diejenigen, die es können, weg, und am Ende bleibt eine heruntergekommene, abgewohnte, häßliche Wohnung übrig.



Prag, 1. Februar 2021

Neben der geläufigen Grundschule täte auch eine solche des Humors not. Für die gälte Präsenzpflicht, auch wenn man abwesend sein sollte. Den Zöglingen würde jeden Tag wenigstens eine Prise verabreicht. Die Geschichte untermauert die Theorie, ein Land habe erst dann ein erträgliches Niveau erreicht, wenn seine öffentlichen Debatten immer auch durch Humor beflügeln. Humor stiftet Frieden.

Vom Impfstoff Humor gäbe es eigentlich eine unerschöpfliche Anzahl an Dosen. Ein jeder könnte Entwickler, Hersteller, Auslieferer und Arzt für Humor in einem sein.



Prag, 2. Februar 2021

Die Gesinnung der Liebe im Gegenlicht einer Wiese im Frühling, das war ein Gefühl, letztes Jahr, ein Blick über den blühenden Hang, gleichzeitig real und surreal, und beides ergab erst den wahrhaft realen Blick, die hyperreale Wahrnehmung des Mysteriums des Lebens.

Der junge Mensch malt sich seine Zukunft aus. Im Laufe des Lebens verwandelt sich die Zukunft in Gegenwart, und diese gleicht nicht unbedingt dem einstigen Gemälde seiner Zukunft. Der alte Mensch, der keine Zukunft mehr vor sich hat, blickt zurück auf die Vergangenheit, die wirklich gewesen ist. Seine Gegenwart ist das vom Leben und von ihm geschaffene Gemälde der Vergangenheit, in dem er, sich erinnernd und im Photoalbum blätternd, spazieren geht. So wie im religiösen Mythos Gott die Welt erschaffen hat, so erschafft der Mensch sein Leben - wobei ihm, anders als Gott, mitunter Knüppel zwischen die Beine geworfen werden und dies seinen Schaffensprozeß, das bewußte Führen und Gestalten des Lebens, auf ungünstige Weise beeinflussen kann. Ist ihm jedoch das Leben geglückt und kann er stolz auf sein Leben und dankbar für es sein, so mag er, schon zur Türe gehend und sich noch ein letztes Mal umblickend, wie einst Gott zu sich sagen: Und siehe, es war gut.



Prag, 4. Februar 2021

Das Bett, im Halbschlaf scheint es manchmal, es sei ein am Ufer eines Stroms festgebundenes Floß. Jeden Morgen wachst du auf diesem Floß auf; nicht selten würdest du gerne liegen bleiben und dir die Decke über den Kopf ziehen. Doch irgendwann ist es nicht zu übersehen, nicht zu überhören, der Strom blinkt, er ruft, er ruft dich auf, deine Aufgabe zu erfüllen.

Das wiederholt sich, wiederholt sich jeden Tag. Jeder Tag ein fließender Raum, ein sich wandelndes Atelier, in dem du an einer Skulptur arbeitest; aus dem in der Tiefe von der Sonne mit Lichtblitzen marmorierten Strom sollst du deine Biographie schöpfen. Abends, müde vom Dichdurchschlagen, kehrst du ans Ufer zurück und wirfst dich wieder auf das Floß, dein Bett, diesen Platzhalter des Ewigen im Endlichen.

Abseits der Frage, ob die Skulptur vollendet ist oder als Fragment zurückbleibt, löst sich eines Tages, eines Nachts, das Floß vom Ufer, gleitet auf den Wellen stromabwärts, dem Meer entgegen. Der Mensch auf ihm wacht nicht mehr auf.



Prag, 7. Februar 2021

Tauschen und täuschen, ein Tauschgeschäft. Der Mensch täuscht sich selbst, tauscht ein täuschend echtes Bild von sich für die Wahrheit ein. Das täuschend Echte soll tröstlich sein. Der Mensch strebt von Natur aus nach Trost. „Bist du schon bei Trost?“ - „Ich bin noch bei Trost, und da bleibe ich auch. Der Sinn des Lebens ist der Trost. Ich fahre getrost mit dem Leben fort; es soll nicht trostlos enden.“

Zeitungen: die Fortsetzungsromane der Weltgeschichte. Es liegt an den darin auftretenden Helden, daß man bei der Lektüre meist schlechte Stimmung bekommt.



Prag, 9. Februar 2021

Zeichentheorie über das Funkfeld der Sonne. Die Sonne ist jeden Morgen das sichtbare Zeichen, daß es weitergeht, sie zündet den Geist des Menschen an; was in dessen Kopfschale flammt, ist ihr Funke. Wer im Knistern aufwacht, heißt existentiell Phönix, mag er sich bürgerlich auch sonstwie nennen.



Prag, 11. Februar 2021

Führte nicht die Vireneindämmungspolitik das Regiment, zelebrierte man heute, in der Narrenwelt, den schmutzigen Donnerstag. Die Narrenwelt: nicht mit der Welt der Narren zu verwechseln, in der man ansonsten zuhause ist. Wer wäre nicht stets in irgendetwas vernarrt und machte sich selber zum Narren?

Emilia schreibt aus Berlin: „Menschen, die zu schnell fahren, werde ich fortan Rasisten nennen. Fußgänger werden täglich rasistisch diskriminiert. Ich bin für die Abschaffung des Rasens (außer dem in meinem Garten natürlich).“

Wenn während der Schließungszeit im Rahmen der Pandemiebekämpfung etliche Familien mehr Zeit als üblich zuhause gemeinsam verbringen, so machen sich einige daran, lange aufgeschobene Reparaturen und Renovierungsarbeiten im Haus zu erledigen: ordnen und schichten, ausmustern und wegschmeißen, zerschlissene Möbel im hohen Bogen zum Fenster hinauswerfen und neue anliefern lassen und auspacken. Es ist dies eine Form des Umzugs ohne Ortsveränderung, ein Umzug, an dessen Ende man im gleichen Haus eingezogen ist, ohne je aus ihm ausgezogen zu sein.

Laß den Schnee auf sich beruhen, den heute gefallenen und den von gestern.



Prag, 15. Februar 2021

Man muß schlafen, um Zugang zur Traumwelt zu haben. Man sinkt in den Schlaf, als würde man ohne Bewußtsein in einer Quelle versinken. Die Quelle ist Teil eines Höhlensystems. Erlangt man das Traumbewußtsein, sieht man sich Gängen, Treppen und Hallen ausgesetzt, wird hineingerissen in ein Leben voller absurder, skurriler, freudeerregender und beängstigender Szenen. Wieder wach, hat man, man weiß nicht wie, das Höhlensystem verlassen und kann nur mehr aus der Erinnerung darüber sprechen.

In den Erinnerungen graben, als wäre man ein Archäologe des eigenen Selbst. Für die Aufbereitung und Einordnung der Schichten, Mauerreste, Scherben und Schmuckstücke wäre ein Grabungsteam hilfreich.



Prag, 16. Februar 2021

Menschen haben von ihrem Charakter her etwas türhaftes an sich; sie sind vom Geschlecht der Türen. Die eine Tür ist offen und lädt den Vorübergehenden ein, näherzukommen. Die andere ist verschlossen und abweisend. Wieder eine andere gibt sich verschlossen, will aber insgeheim geöffnet werden. Eine weitere ist mal offen, mal verschlossen, sie lockt herbei, um dann abweisend zu sein. Manche Türen öffnen unerschlossene Welten, bringen sie nah, als trete man in ein Reich, von dessen Existenz man nie auch nur einen blassen Schimmer hatte.

Der Mensch ist die Tür, die sich selbst öffnen und verschließen kann.



Berlin, 28. Februar 2021

Menschen sind wahrscheinlich Tippfehler der Evolution.

Aufwachen und den Tag verträumen (Ideal).

„Zum Teufel noch mal! Ich würde mich verteufeln, wenn ich nicht schon Teufel wäre.“ (Aus dem Tagebuch des Leibhaftigen)



Berlin, 1. März 2021

Heute nach zweieinhalb Monaten antipandemiemaßnahmenbedingter Zwangsschließung öffnen die Frisiersaloons wieder ihre Türen.

So wie Kleider, machen auch Frisuren Leute. Friseure gehören zu den Schöpfern des Selbst.

So wie in den Redaktionsstuben der Zeitungen Meldungen frisiert werden, so auch in den Redaktionsstuben der Frisuren. Friseure sind Spezialisten für aufgehübschte Hauptnachrichtensendungen.

So wie in Autowerkstätten zerbeulte Schlitten gerichtet und wieder in Schuß gebracht werden, so gehts in Frisurateliers widerborstigen Schnitten an den Kragen.



Berlin, 2. März 2021

Die Wege glänzen. Alles dreht sich weiter. Nichts bleibt unberührt. Die Tage ziehen, unaufhaltsam ignoriert. Die Schurken, ungeschoren, lachen. Sonne scheint. Das Blattwerk sprießt. Der Flußgott seufzt und zieht den Hoody über seine Augen, schwimmt davon.



Berlin, 3. März 2021

Welche sind die Sagen jener Zeit, die im Augenblick verweilt? Welche jene der Besonnenheit, die im Freisein Glück ereilt? Welche sind die Worte jenes Mutes, der dir eingeflößt die Hürden überwinden hilft? Welche sind die Schöpfungen des Traumes, der die Augen öffnet still für Gutes? Welche sind die wahren Märchen, die dich lösen aus den Fängen engen Raumes? Welche sind die Fügungen der Stille, die der Kinder Ängste heilt? Welche sind ermutigende Normen, aus denen spricht der freiheitliche Wille? Welche sind die Schritte jenes Tanzes, der die trocknen Böden fruchtbar macht? Welche sind die meereswellenbrandend-ohrbetäubendlauten Formen, die dich beben lassen als den muscheligen Erben Neptuns? Welche sind am Abend dann die freundlichen galanten Wendungen, nicht allein zu enden, lieber als ein liederliches Pärchen? Welche sind die Überlieferungen zweisam regen Nichtstuns, das vor Freude rasend wie der Blitz von Herz zu Herzen lacht? Welche sind die überlegten Handlungen, die dich scheinen lassen als ein kluges Ganzes? Welche sind die Freuden jener Weilen, die die Zeit zu Röhricht schilft? Welche sind die Dichtungen, die den Weg dir zeigen zur dezenten Wonne? Welche sind die leicht geschriebnen Zeilen, die dir Wärmestrahlen spenden hoch herunter von der Sonne? Welche sind die fabelhaften Fabeln, die dich animieren, jetzt dich abzunabeln? Welche sind die heiteren verwunschnen Gleichnisse, die für immer stillen deine Glücksbedürfnisse? Welche sind es? Sind es die des Windes, sind es die des Kindes?



Berlin, 5. März 2021

Richter und Köche sind entscheidend für jedes Gericht.

Vorfrühlings Anfang, die Forsythie mit sonnengoldnem Kleid, weckt verträumte Müßiggänger, öffnet ihre Lider wieder für Betrachtungen der Welt. (Traum. Die Forsythie blüht noch nicht.)

Papst Franziskus reist heute in den Irak, ins Zweistromland, in die „Wiege der Zivilisation“, wie er sagt. Wo aber befindet sich, oder wird sich befinden, ihre Bahre?



Berlin, 6. März 2021

Die Apostolische Reise des Papstes, inmitten der Fastenzeit, in welcher es darum gehe, Gott zu erlauben, „bei uns Wohnung zu nehmen“, wie er vorgestern mitteilte, geht weiter; es ist anzunehmen, daß Gott bei ihm auch während der „Pilgerreise“, wie er sie nennt, wohnt; insofern ist es eine Art reisende WG von Gott und dem Nachfolger Petri.

Es ist, so weit bekannt, das erste Mal seit Ausrufung der Pandemie vor gut einem Jahr, daß das Oberhaupt der Kirche außerhalb der Vatikanmauern sein eigenes Haupt zum Schlafen niederlegt. Er tut dies im mythischen und doch heute prosaisch realen Zweistromland, in Bagdad, am Ufer des Tigris. In dieses Land setzt überhaupt zum ersten Mal ein Papst seinen Fuß.

Heute morgen nahm er den Flieger (Iraqi airways) in den Süden nach Nadschaf, um dem schiitischen Großajatollah Ali al Sistani einen Besuch abzustatten, eine weitere historische Begegnung mit einem Vertreter des Islams, nachdem er im Februar 2019 mit dem sunnitischen Azhar-Scheich Ahmad al Tayyeb in Abu Dhabi das gemeinsame „Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen“ unterzeichnet hatte. Im Landeanflug sieht man am Horizont, jenseits der grünen Ebene, den Euphrat in der Sonne funkeln.

Die Aufnahmen allerdings, die von dem Treffen bislang veröffentlicht worden sind, geben Rätsel auf; der Papst wird durch eine enge Gasse zum Haus von Sistani geführt, und er verschwindet in einem dunklen Eingang. Dann sieht man die beiden in einem kahlen Raum über Eck schweigend dasitzend; der neunzigjährige Sistani hat die Hände akkurat auf die Oberschenkel gelegt, die Kameras klicken, und er blickt, ohne der Miene zu einem Ausdruck zu verhelfen, zu den Photographen empor; aber was denkt er? Im Eck zwischen ihnen steht ein quadratisches Holztischchen, auf dem eine verzierte Schachtel Papiertücher steht. Von der Decke hat jemand an der Wand ein Verlängerungskabel mit Steckdosen angebracht, das die Kamera allerdings nicht einfängt. Haben die beiden religiösen Autoritäten nach Rückzug der Presse miteinander gesprochen? Und wenn ja, was?

Später im Vormittag Weiterflug nach Ur. Der Papst wird vom Flughafen Nasiriya an der Spitze einer über die Wüstenstraße rollenden Kolonne in seiner schweren gepanzerten Mercedes-Limousine mit dem amtlichen Kennzeichen SCV 1 (Status Civitatis Vaticanae) an den Ruinen des antiken Ur vorgefahren. Dort, in Sichtweite des Stufenturms, vor allem vor der „Wohnstätte unseres Vaters Abraham“, findet auf einer von weißen Tüchern umwandeten Bühne ein interreligiöses Treffen vor einem ausgewählten Kreis von Gläubigen statt. Dies dauert über eine Stunde. Franziskus läßt zum Abschluß das von ihm verfaßte religionenökumenische „Gebet der Kinder Abrahams“ an Gott, der seine „Menschheitsfamilie“ liebe, in arabischer Übersetzung vortragen.

Es ist warm, die Sonne sticht, Wind bläst, der Papst muß seinen Pileolus, das weiße Scheitelkäppchen, in der linken Hand tragen, seine Pellegrina, der Schulterumhang, flattert und schlägt ihm einmal ins Gesicht (er trägt bei der Ankunft eine päpstlichweiße OP-Maske). Als er bei der Begrüßung die sich für ihn erhebenden Religionsvertreter begrüßt, bedeckt seine rechte Hand sein umgehängtes Kreuz; tut er dies mit Absicht? Zum Ende der Veranstaltung gibt es ein Gruppenphoto, ein paar der Patriarchen sehen mit Prophetenbärten aus als wären sie antiken Schriften entstiegen, und in gewisser Weise sind sie das; die zivilen Gläubigen machen Panorama-Selfies mit sich und den Bühnen-Autoritäten. Dann, endlich, die Veranstaltung ist vorbei, begegnen die Autoritäten sich jenseits des Protokolls erst richtig; ein enger Pulk bildet sich um den Papst (alle ohne Maske), aber was sprechen sie? Ob der Papst, bevor er wieder in seinen Mercedes stieg, wenigstens einmal privatim kurz mit dem Blick in Richtung der Weltkulturerbe-Ruinen schleichen und diese bewußt wahrnehmen konnte (schließlich wird er nie wieder hierherkommen)?



Berlin, 7. März 2021

Der Papst im Norden, zunächst in Mossul; er reiste früh am Morgen von Bagdad aus mit dem irakischen Flieger ins kurdische Erbil, wo ihm am Flughafen, in der lange Schatten werfenden Sonne, die örtlichen weltlichen und religiösen Führer, Pandemie hin, Pandemie her, eifrig die Hand schütteln, auch mit doppelter Handbedeckung; von dort weiter im Hubschrauber nach Mossul, der kultur- und religionsgeschichtlich opulenten, zweitgrößten Stadt des Iraks; so reiste er in die Trümmer des letzten Kriegs, des von Juni 2014 bis Juli 2017 wütenden, jener Zeit der Schreckensherrschaft von Daesh (des „IS“), in deren Folge eine halbe Million Menschen aus der Stadt floh; hier, auf dem Hosh al-Bieaa, dem Kirchplatz, inmitten der felsentalhohen Trümmer von vier imposanten Kirchen, betete er, sah, jenseits des Leids, und aus dem Geist der Vergebung, mit Freude den, so weit möglich, Wiederaufbau im allgemeinen, im besonderen die Wiedererrichtung der beiden großen sakralen Gebäude der Stadt, der Al-Nuri-Moschee und der Kirche Unserer Lieben Frau von der Uhr.

Weiter nach Baghdida (Karakosch) in der Ninive-Ebene zum Angelusgebet in der gerade wiederaufgebauten syrisch-katholischen de-facto-Kathedrale al-Tahira, der Großen Kirche der Unbefleckten Empfängnis. Schon auf der Fahrt durch die Straßen die Gesichter der dankbaren, nach dem „IS“-Trauma dankbaren Menschen, daß der Papst - der Papst - hierherkommt.

Bei seiner Ankunft in der Kirche singt die Gemeinde „Willkommen in Frieden, wahrer Hirte“ auf Aramäisch, der Sprache Jesu. Ganz vorne sitzen Kinder in Rollstühlen, die er, mit Handauflegen, segnet. In seiner Ansprache sagt Franziskus den für Gläubige womöglich überraschenden Satz: „Hört nicht auf zu träumen!“

Später, nachmittags, nach dem Hubschrauberrückflug nach Erbil, feiert er, im dortigen Fußballstadion, die Heilige Messe mit tausenden Gläubigen. Wie dankbar, wie sehr dankbar, auch hier, diese Menschen sind, dankbar dafür, daß der Papst zu ihnen gekommen ist, zu ihnen, in den zuletzt durch und durch geschundenen Norden des Iraks.

Welch eine Reise. Man mag ansonsten von Papst und Kirche halten, was man möchte, aber diese Reise, die kann man diesem Mann nicht hoch genug anrechnen. Sie tut allen wohlgesinnten Menschen des Iraks gut. Sie tut gut unterschiedlichen Gläubigen, sie tut gut im besonderen den Christen, den vom Krieg derart grausam geschwächten. In Mossul leben, so der Erzbischof, nur mehr siebzig christliche Familien. Über die Jesiden sagt Franziskus, sie seien vom Terrorismus regelrecht ausgelöscht worden. Es ist dies die stärkste Reise des Papstes.

Die deutsche „Tagesschau“ bringt über die brückenbauende Reise keinen „Brennpunkt“, den man hätte erwarten oder für den man doch gute Gründe hätte anführen können, sondern lediglich eine halbe Minute, innerhalb derer es allerdings den Unwissenden unter den Zuschauern kaum klarwerden kann, welche, auch politisch, eminente Bedeutung diese Reise hat. Unmittelbar im Anschluß an den Halbminüter beginnt ein ewiglanger Bericht über ein Sonntagsspiel der Fußball-Bundesliga, ein 1:1-Unentschieden zweier im unteren Mittelfeld dümpelnder Teams. Es ist, als wollten die Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ihren zwangsweise rekrutierten Gebührenzahlern zeigen, wofür ihr GEZ-„Rundfunkbeitrag“, beziehungsweise ihre „Demokratieabgabe“, am sinnvollsten verwendet wird.



Mittelmark, 8. März 2021

Bushaltestelle, Blues der zwei Jugendlichen, auf Welttour wartend.



Berlin, 9. März 2021

Berlin hat einen bemerkenswerten Buchhändler verloren. Leo Baumann, Betreiber der Buchhandlung Knesebeck Elf, sei, erfährt man auf dem Weg durch die Knesebeckstraße zu seinem Reich, Ende letzten Jahres achtundsechzigjährig verstorben. Die Buchhandlung zeichnete sich durch ihren Anspruch aus, die Ambition, in der Regel ein gewisses Niveau, was die Auswahl der Bücher angeht, nicht zu unterschreiten. Wer in die Höhle geht, soll einer Welt begegnen, die ihn überfordert, seinen Horizont übersteigt, ihn unbekannten Räumen zuführt. Lesen gehört zur ästhetischen Chirurgie, Abteilung Geist. Lies und nimm eine erweiterte, schönere Gestalt an.

Historiker sind die Romanciers der Weltgeschichte. Heinrich August Winkler gehört zu den lesenswerten, auch lesbaren.



Berlin, 10. März 2021

Schon ein Jahr ist sie her, die denkwürdige Woche, da auch in Deutschland die Dominosteine fielen, als ein Anflug von Panik sich bemerkbar machte und es Schlag auf Schlag ging. Ein Bundesland nach dem anderen schloß Schulen, Kindergärten, Museen, Klubs, Konzerthäuser, und die Grenzen wurden abgeriegelt. Wenige Tage später mußten auch die Geschäfte schließen, Spielplätze wurden gesperrt. Alles wurde mit dem Ziel heruntergefahren, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und damit die Intensivstationen der Krankenhäuser nicht zu überlasten. Es war auch die Woche, an deren Ende man in den Supermärkten kein Toilettenpapier mehr bekam. Der Reflex, zu hamstern, ist, wie die Angst, offenbar uralt und unverwüstlich. Beides dient dem Überleben.

Und wie ist die Bilanz ein Jahr später? Sie zu ziehen, bereitet kaum eine Freude.



Berlin, 17. März 2021

Du würdest gern verweilen, die Stunden aber eilen. Der Tod erscheint, der Reiseleiter, niemand weint, alles lacht, Blütenpracht, die Tage heiter. Doch er sagt: „Auf gehts, weiter! Der Omnibus zum Friedhof sammelt ein, er wartet nicht. Schreib jetzt kein Gedicht. Weg ist sonst der Erzbischof.“ - „Ach, geh weiter, Neider auf die im Licht, du Bösewicht. Fahr zu deinem Grundstück schleunig schnell zurück, kehr auf die verschneite vermaledeite Seite. Ich streite nicht mit dir, ich schreite, leite Kampfbereite, wie ich prophezeite, fröhlich in die Weite, und bleibe auf der grünen Seite, reite in den springenden Frühling. Hörst du den schwingenden Jüngling? Singe, sing, klingeling.“



Berlin, 18. März 2021

Tag der Märzgefallenen. Der deutsche Bundespräsident legt auf dem Friedhof jener im Kampf gegen die damalige Palastautorität Gefallenen, im Berliner Volkspark Friedrichshain, am Fuß des Denkmals, einen Kranz nieder, er richtet die Schlaufen und senkt den Kopf. Dies scheint an sich eine demokratiepolitisch gesehen gute Sache zu sein; in diesem Falle ist diese Sache aber so eine Sache. Dieser Bundespräsident, der sich wiederholt, wider den Geist der verfassungsrechtlichen Grundlagen seines Amtes, in die Tagespolitik einmischt, ohne, unverständlicherweise, hierfür in die Schranken gewiesen zu werden, gibt sich im Alltag gerne als, freilich leicht selbstgefälliger, leicht gönnerisch-händeausbreitender, integrativer Oberdemokrat; gleichzeitig jedoch - und ein Beobachter könnte seine Beobachtung in folgendes, drastisch undiplomatisches Bild übersetzen - leckt er weiterhin Putins Stiefel. Der Bundespräsident würde hierfür wohl andere Bilder verwenden, aus der Sphäre der aus den Nähkästchen plaudernden Ammen („Wir dürfen den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen“) oder aus der Sphäre der beschwichtigenden Brückenbauingenieure („Dürfen die fast letzte Brücke nicht abbrechen“). Diese Doppelrolle, zusammenführender, repräsentierender Präsident der Deutschen und gleichzeitig realpolitischer Chefdiplomat zu sein, funktioniert nicht. Ein Präsident soll glaubwürdig für Versöhnung der gesellschaftlichen Gruppen und für eine gemeinsame Grundlage der Lebensweise werben. Ein Chefdiplomat darf womöglich, wenn es strategisch dem guten Ziele dient, in bestimmten Fällen, vorübergehend, zynisch-verantwortungsethisch agieren. Aber beide Rollen gleichzeitig zu spielen, ist unmöglich.

In letzter Zeit wurden Fälle aus dem Hohen Hause publik, welche die Unabhängigkeit wennschon nicht aller, so doch wenigstens einzelner Vertreter des deutschen Volkes in Frage stellen. Abgeordnete nahmen anscheinend wiederholt freundlich zugedachte kleine Aufmerksamkeiten von leuchtenden Staaten wie Aserbaidschan und Nordmazedonien entgegen. Die Aufregung in den Medien und unter führenden Politikern war groß, als wäre ein gefuchster Staatsanwalt in den Hohen Hühnerstall eingebrochen. Herrlich, ja selbstherrlich, von jeglichen Gedanken an Doppelmoral unberührt, führten sich insbesondere Vertreter der einst stolzen und aller Ehren werten, aber schon lange dem Gedanken an Ehre fernestehenden, an der Spitze eher von der Aura eines Domina-Studios umgebenen, deutschen Sozialdemokratie auf: Sie schalten mit geradezu entrüsteter Gestik die politische Konkurrenz, angeblich eine regelrechte Brutstätte systematischer Korruption, nur um dabei all die lupenreinen SPD-Agenten Putins, mit dem ehemaligen Kanzler an der Spitze, souverän zu übergehen.

Ich führte ein Doppelleben. Eines Tages stieg ich in einen Doppeldecker und traf auf meinen Doppelgänger. Ich stellte ihn zur Rede, und er sagte: „Ich führe ein Doppelleben.“

Doppelleben wäre auch ein möglicher Titel für eine Autobiographie; ein doppelbödiger noch dazu.

Es mag einem schon den doppelten Boden unter den Füßen wegziehen, wenn man sich deutlich genug klar macht, wie sehr Menschen dazu bestimmt sind, im Grunde immer ein Doppelleben zu führen. Was Helmuth Plessner die exzentrische Position des Menschen nannte, läßt sich auch als Doppelleben beschreiben. Ich bin immer schon auch außerhalb meiner selbst und habe ein Bewußtsein von mir. Ich bilde immer schon ein Doppel. Ich bin immer schon auch der Andere, den ich sehe und der ich selber bin. Das bist du.



Wien, 19. März 2021

Vermutlich pflegt jeder ein eigenwilliges, bisweilen irrationales, Verhältnis zu bestimmten Wörtern. Wollte ich ein nicht ganz undoofes Zitat-Spiel machen, um ein Beispiel zu nennen, dann würde ich sagen, ich finde das Wort doof „irgendwie doof“ (Robert Habeck, Co-Vorsitzender der deutschen Partei Bündnis 90/Die Grünen, in seinem Buch Von hier an anders. Eine politische Skizze [von was?], Köln 2021, Seite 31).

Dieses scheinbar unschuldige Wort bereitet sogar leichte Kopfschmerzen, wenn kleine Mädchen es in den Mund nehmen, um sich über eine Klassenkameradin oder eine Lehrerin zu beschweren („die ist echt doof“). Gebrauchen allerdings erwachsene Menschen es, dann geht der Ofen aus. Täuscht der Eindruck, daß eher Angehörige der ehemals links-intellektuellen publizistischen Sphäre gerne Dinge, die sie nicht mögen, oder Sachverhalte, die sie kritisch sehen, mit dem Wort doof charakterisieren? Infantilisieren sich die Sprecher nicht mit ihm oder glauben sie vielleicht, sein Gebrauch verleihe ihnen den Anschein einer gewissen Knuffigkeit (auch ein Wort, das man nicht verwenden sollte) und sie könnten damit, in Verbindung mit einem bettelnden Blick von unten, anzeigen, sie seien nicht so verbiestert-ernst, bürgerlich-spießig oder sonstwie staatstragend und stellten keine Gefahr dar?

Der Winter, der virale Aerosolen-Doofi, geht zu Ende, ciao, o bello, ciao, ciao, ciao! Ein Hoch darauf, und der vitale Frühlings-Goofy tanzt behende, laue Wellen, donaublau.



Wien, 20. März 2021

Der Winter schwindet. Später als gewohnt kehrt der Frühling aus der Erde Nacht zurück ans Licht. Die Knospen schwellen mit steigenden Graden, es kann sich nur um Tage handeln, daß sie platzen und die Ströme von den Bergen blitzend in die Ebene gleiten.



Wien, 28. März 2021

Heute ist, scheints, der erste wahre Frühlingstag, die Temperaturen zwar noch, oder wieder, frisch, doch der Wind, der war ein anderer, der blies, brauste, summte, die Spaziergänger, von ihm überrascht, wurden bestärkt, aufgerichtet, ermuntert, ihr Blick erneuert, von der Anhöhe gelenkt ins Weite, Offene, zum, im Dunst, blauen Horizont, Gebirgehöhenzug, in der südlichen Ferne, jenseits der Ebene, in der der Fluß blinkt, ein befruchtender, sie mit auf die Reise ins erfrischte Leben nehmender, reißender, lächelnder, lachender, sich aufbäumender, stiller, rasender, tanzender Wind. Jetzt erscheinen auch die Blüten von Weißdorn, Forsythie, Palmkätzchen, am heutigen Palmsonntag. So mags sein, so mags bleiben und immer weitergehen.

Frühling, die Erneuerung des Lebens, ist der Gedanke, den die Natur dem Menschen in Form von Enthusiasmus einflößt.

Vom Enthusiasmus beseelt, werden, im Regelfall, Genuß und Arbeit, Mittel und Zweck, Anstrengung und Belohnung eins. Deren immer wieder erneuerte Einheit fundiert die Harmonie des Lebens.



Wien, 29. März 2021

Im Leben hat man keine Zeit, Zeit zu verlieren.

Auch deshalb soll man im privaten beherzt auf die Pandemiethema-Stoptaste drücken und neugierig und zuversichtlich wieder, oder weiter, den schönen und guten Freuden, den einzig wahren, verschwenderisch Raum geben.



Wien, 30. März 2021

Jeder Tag soll Epoche machen. An jedem Tage poche die Chance an deine Tür. Öffne die Tür und ergreife sie.



Wien, 9. April 2021

Charles Baudelaire, heute vor zweihundert Jahren geboren, meint: Ein Band Gedichte ist mehr wert als eine Eisenbahn. Das konnte man so sehen, besonders damals, als die Eisenbahn ein neues Phänomen war, man konnte und kann es aber auch anders sehen. Denn letztlich lassen sich ein Band Gedichte und eine Eisenbahn nicht gegeneinander aufwiegen, und das unabhängig vom Gewicht. Im günstigen Fall ist eine Eisenbahn, mit all ihren Insassen, selber ein durch die Landschaft rollender Band Gedichte, und ein Band Gedichte eine durch die Lande dampfende Eisenbahn. In einem der Coupés lassen sich zwei fremde Reisende einander gegenüber auf ihren Plätzen nieder. Beim Blick aus dem Fenster, und darüber hinaus, kommen sie ins Gespräch, ein Wortwechsel, der, unbewußt-bewußt, als Austausch sinnlicher Klänge und ins Weite führender Bedeutungen erfahren wird. Unversehens verlieben sie sich ineinander, wie das passieren mag. Am Ende kommen sie, nicht im Tunnel, aber doch bei vorgezogenen Vorhängen, die es in diesem Zug, unfraglich, noch gibt, zur schönsten, offenherzigsten, bewegendsten Sache der Welt und erreichen ihr Ziel Stazione Termini Paradiso noch vor dem Endbahnhof.

Nicht nur nachts sieht man: Die Sterne funkeln auch im Menschen.



Wien, 13. April 2021

Eine Pandemie der Poesie, des erhebenden Denkens und Seins, wäre nicht schlecht. Halte die Abstandsregel in Sachen Poesie nicht ein und infiziere dich mit dem erbaulichen Virus.



Wien, 14. April 2021

Aus den Wolken fällt, was sie selber sind. Die Wolken fallen aus allen Wolken.

Die Meere der Erde, die salzigen Fluten, und die Meere des Himmels, die haltlosen Wolken, schillern und flammen in dir, in deinen Gedanken, bei Tag und bei Nacht, im Wachen und im Träumen, sie rauschen und tosen, sie strömen und ziehen, sie begleiten dein Leben, sie begleiten es lang, bis eines Tages, mit einem Wimpernschlag, einem Wimpernsinken, alles erlischt und zu Asche zerfällt.



Wien, 17. April 2021

Das Gesicht eines Menschen ist das Porträt seines Selbst. Zugleich ist es das Portal, durch das andere Menschen in das Museum gelangen, in dem nur ein einziges Bild hängt. Bei jedem Besuch im Museum sehen die Besucher dasselbe, doch nie gleiche Bild. (Das Museum kann auch eine Dachkammer sein, in die freilich nur ihr Besitzer Zugang hat; siehe „Das Bildnis des Dorian Gray“.)

Geh in die Stadt und du wandelst als Träger deines eigenen Porträts in der Galerie selbst wandelnder Porträts umher, die sich nie gleich, doch immer ähnlich bleiben. Wenn Menschen sich versammeln, entsteht eine Porträtgalerie. Klassische materielle Porträtgalerien, seien es Höhlen oder von Menschenhand geformte Bauten, sind Versteinerungen, Verewigungen der ursprünglicheren natürlichen Wandelporträtgalerien.

Wo die Natur sich immer wandelt und der Wandel auf paradoxe Weise ein ewiges unwandelbares Dasein beansprucht, wohnt den Höhlen- und den gebauten Galerien eine Tendenz zur Fixierung des Porträts inne, zur Festlegung und zur gültigen Ansicht: Das bist du. Während der leibliche Träger eines solchen Porträts das Zeitliche segnet und damit dem ewigen Wandeln Tribut zollt, bleibt das Porträt bestehen und im Museum hängen (bis zur Ankunft der Wiedergänger der Vandalen, die es von den Wänden reißen und darauf trampeln werden).

In gewisser Weise ist auch die öffentliche Hängung eines Menschen, seine Hinrichtung, eine Form des Kunsthappenings. Wo gerade noch das lebendige wandelbare Gesicht eines Menschen zu sehen ist, wird dieses durch die Hängung fixiert und in ein totes Porträt verwandelt.

Auch den Hinrichtungstheatern in den USA, bei denen die Angehörigen von einem Zuschauerraum aus durch eine Glasscheibe hindurch der Hinrichtung des Mörders ihres Liebsten beiwohnen können, wohnt dieses Bewegungsschema inne: vom Wandelbaren zum Unwandelbaren, vom Lebendigen zum Toten, vom Vorübergehenden zum Ewigen.

Das ist das ganze Geheimnis der Kunst: Sie ist die Fähigkeit, das, was sich verändert, festzuhalten.

Hier offenbart sich auch das Geheimnis der Religion: Sie ist die Kunst, den Zugang zu jener Sphäre zu öffnen, in der sich nichts mehr verändert. Man kann dies als einen Gottesbeweis betrachten: Gott ist das, was immer ist. Was immer ist, ist das, was niemals vergeht. Was niemals vergeht, ist das Vergehen. Daher ist Gott das Vergängliche schlechthin. Gott ist nicht ewig, sondern vergänglich. Doch gerade weil er vergänglich ist, ist er ewig.

Ob es freilich Sinn ergibt, an diesen Gott zu „glauben“ oder ihn anzubeten, ist eine andere Frage. Sinn ergibt es allerdings, mit ihm Umgang zu pflegen. Denn mit diesem Gott Umgang zu pflegen, heißt, mit dem Wandelbaren Umgang zu pflegen und in diesem Wandelbaren das Ewige und Unwandelbare zu sehen. Indem man mit diesem Wandelbaren Umgang pflegt, wird man selber verwandelt und des ewigen Wandelns teilhaftig. Dies begreifend, ergreift einen das unwandelbare göttliche Wesen.



Wien, 20. April 2021

Mensch von Welt sein und sich an ihren Anblicken weiden, an dem von Gänseblümchen auf der Donauwiese, dem einer Ameisenstraße im Gras oder am Anblick einer aus dem Wasser blitzenden Forelle.

Bedenken anmelden: wieder einmal die deutsche, aus dem Geist der Feinbürokratie geborene humoristische Sprachpoesie.

Der Mensch kommt aus den Ohren. Bevor er die Welt sieht, hört er sie schon. Er hört sie durch die Umwandung im Mutterbauch. Er hört Stimmen, ohne zu wissen, daß er Stimmen hört. Er hört sich in die Welt hinaus. Ich höre, also werde ich.

Wenn der erwachsene Mensch Stimmen durch die Wand hört, nicht vom Nachbarn stammende, dann befindet er sich in einer krisenhaften Situation. Es ist, als befände er sich in seinem Zimmer wie in einem gebauten Uterus, und als wollte er mit dem Kopf durch die Wand, in der Hoffnung, auf der anderen Seite zur Welt zu kommen.



Wien, 21. April 2021

Wach sein und doch im Tiefschlaf durch den Tag eilen, das kann passieren. Paß auf, sei richtig wach, eile nicht, und sieh das, was dir begegnet, wirklich an. Aber manchmal auf einer Landstraße wie eine unendliche Melodie in der Sonne versunken vor sich hin gehen, ist in Ordnung.

Romanschreibende Taxifahrer - mit ihnen einmal um die Welt kutschieren!



Wien, 22. April 2021

Morgens, im Zuge des Aufstehens, die Bettdecke zurückschlagend, schlägt sich eine neue Seite im planetarischen Tage-Buch auf. Das Leben gleicht der Summe der Tage, die sich der Reihe nach verbuchen. Das Umblättern geschieht in der Nacht, im Schlaf.

Die Zukunft ist eine umgekehrte Vergangenheit, an deren Historie die Menschen noch mitschreiben können.

Der Tag beginnt mit honigsüßem Licht, für die Augen ein Schmaus.



Wien, 23. April 2021

In der kurzen Straße blühen die Kirschbäume; von manchen schneien schon die ersten Blüten. Es sind dies Sendboten einer Melancholie, die sich der Anmut der Blüten und Farben nahtlos anschließt.

Die blauen Berge flimmern fern in deinem Traum, verheißen Liebe.



Wien, 1. Mai 2021

Der Tag leuchte dir ein.

Mit jedem Satz die Welt zur Kenntlichkeit verklären.

Im Fernsehen der Matsch der Gegenwart.

Folg dem Bachlauf, dem Satzlauf.

Niemand wirft dem Wind vor, daß er zu raunen versteht.

Fraglos Frage sein, ein Lebtag lang. Antwort gibt der Tod, an deinem Todestag.



Wien, 4. Mai 2021

Wahrhaft sich das Leben schön machen; unweigerlich sich gut in ihm einrichten.

Der frühe, von Schopenhauers Willens-Metaphysik befeuerte Nietzsche formulierte im Rahmen einer „Metaphysik der Kunst“ den Satz, „dass nur als ein aesthetisches Phänomen das Dasein und die Welt gerechtfertigt erscheint: in welchem Sinne uns gerade der tragische Mythus zu überzeugen hat, dass selbst das Hässliche und Disharmonische ein künstlerisches Spiel ist, welches der Wille, in der ewigen Fülle seiner Lust, mit sich selbst spielt.“ (Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, KSA 1, München 1988, Abschnitt 24, Seite 152; siehe auch Abschnitt 5, Seite 47.) Das magst du so sehen oder nicht. Im Rahmen einer Metaphysik des Lebens jedoch, also einer Metaphysik des nicht selten abgewirtschafteten Alltags und einer Metaphysik der allzu oft erbärmlichen Politik, Lebensformen, wie sie dem Betrachter sich rund um den Globus offenbaren, möchte man Nietzsches Satz aufgreifend den Akzent anders setzen: Das Leben ist nur als ein ästhetisches Phänomen zu ertragen.

Unsterblich verliebt - warum unsterblich? Das Verliebtsein zählt zu den sterblichen Phänomenen. Aber wer verliebt ist, will davon nichts wissen; und sollte er es, aus Erfahrung, eigentlich besser wissen, so spielt das im Zustande des Wiederverliebtseins einfach keine Rolle. Ich bin verliebt, und die Vorstellung, dieses Gefühl sei endlich, wo es sich doch gerade unendlich anfühlt, hat dabei keinen Platz. Wer auf hoher See segelt, kann das Ufer nicht sehen.



Wien, 6. Mai 2021

Die Wettervorhersage verheißt, angesichts des westlich der Britischen Inseln befindlichen und auf seiner Vorderseite aus dem Südwesten subtropische Luft heranführenden kräftigen Tiefs Hubertus, einen heißen Sonntag. Recht so.

Du mußt die scheinbar verlorene Zeit nicht suchen, denn Zeit kann man nicht verlieren. Du kannst Zeit allein finden, und du findest sie, indem du sie dir nimmst. Die scheinbar verlorene Zeit ist die, die du dir nicht genommen hast. Die vergangene Zeit ist nicht verloren, sondern anwesend im Gedächtnis und in ihrem Zeugnis.

Wo ein Weg ist, da war ein Wille. Jeder Weg ist die Verkörperung des gewesenen Willens. Er ist die Verstetigung desselben.

Jeder Weg ist auch eine Einladung an andere, ihn zu gehen. Man muß nicht seinen eigenen Weg finden; man darf auch den bestehenden gehen.

Kümmere dich um deine Wünsche, sonst erntest du Kummer.

Fernweh, Heimweh. Sehnsucht, Liebeskummer. Ehre das wertvollste, was du hast.

Der Wind tost im Baum, Regen peitscht dir ins Gesicht: Polaroid des Seins.

Windstille.



Wien, 7. Mai 2021

Kann das bleiben oder ist das Kunst?

Der Letzte knipst das Licht an.

Erinnerung ist eine Bitterschokolade.

Jeder schöpft den eigenen Zeitraum, von einer im Schädel installierten Sonnenlampe erleuchtet. (Im Schlaf ist sie gelöscht; im Traum brennt die Mondlampe.)

Tage sind die Sekunden des Lebens, eine folgt der anderen. Sich die zu vergegenwärtigen, fällt schwer, sie zählen kaum, bleiben die meiste Zeit unbemerkt. Es endet mit der Schrecksekunde, der nichts mehr folgt, dem Todestag.

Sag jeden Tag das runde Wort: gesunde.



Wien, 8. Mai 2021

Such das Jenseits nicht nach dem Tod. Such und find es in deinem Leben. Nur das Jenseits, das du auch erlebst, ist das, wonach es sich zu sehnen lohnt. Dieses Jenseits kannst du erbauen wie ein eigenes Haus, das in einem Garten steht und dich vom Diesseits trennt. In diesem Garten-Haus fühlst du dich wie im Himmel, himmelweit entfernt von der Hölle der öffentlichen, bisweilen vulgären, bisweilen unzivilisierte Formen annehmenden, bisweilen von allzuschnellen scharfen Aburteilen geprägten, von K.-o.-Schlagworten aufgepeitschten, unsanften Arenakämpfe mit ihren brüllenden, geifernden, Grimassen schneidenden, giftspritzenden, wütend-keifenden, sabbeligen Kombattanten, die die ihrerseits sich entsprechend gebärdenden Mitkombattanten herunterputzen und zugrunderichten. In diesem Jenseits führst du befreit das erwünschteste, von Blumen geschmückte, von Bienen besummte, von Sonnenschein und Schatten und Regen im Wind belebte, fruchtbare, in sich sinnerfüllte Bach-und-Lach-Leben.

Aber begehst du nicht Weltflucht?

Ja, durchaus.

Und?

Man kann sich die Agenda seines Lebens doch nicht von den Ungestalten der Dummheit und Bösartigkeit diktieren lassen. Ich will allerdings nicht nur vor diesen Unbilden fliehen, sondern fliehend wenigstens auch den einen oder anderen Stein werfen, im Sinne eines treffenden Worts. Das ist mehr als nichts und genügt vielleicht, um die Bürgerpflicht zu erfüllen. Größer als die Bürgerpflicht ist freilich die Menschenpflicht, und die ruft danach, das Wahre, Schöne, Gute in dir zu hegen und zu pflegen. Was wäre der menschliche Geist, wenn nicht auch der Garten, der Natur und Kunst vereint, Werden und Sein. Das Sein des Wahren, Schönen, Guten wird dir aber nur ansichtig, wenn du deren Werden Tag für Tag förderst und sie gewissermaßen an den Ohren beständig neu ans Tageslicht ziehst.



Berlin, 9. Mai 2021

Heute, Sonntag, ist der vorhergesagte heiße Vollfrühlingstag erschienen - und die ersten Bäder in Flüssen und Seen werden genommen.

Das Leben stellt jedem eine Aufgabe: Führe ein Leben, das dir entspricht. Nur wenn du lebst, wie es dir entspricht, kannst du von Glück reden.

Ein Geschehen, das jeden Morgen zu verzeichnen ist und das man doch nie selbst beobachtet, obschon man derjenige ist, dem es widerfährt: das Aufschlagen der Augen.

Aus energiepolitischen Gründen spricht viel für Windstromparks im Meer, etwa in der Ostsee oder der Nordsee; aus metaphysischen, mythologischen, psychologischen und ikonologischen Gründen eher wenig. Der Strand, auf dem der endlose Wellenschlag des Meers brandet, war immer auch der Saum für das Panorama des Unendlichen. Wie sollte Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ noch länger am Strand stehen, wenn er heute von gleicher Stelle aus einen Windpark sähe?

Die Schwalben sind zurück und sirren wie eh und je.



Berlin, 10. Mai 2021

„Gedankenfluß“: ein alltägliches, im Grunde bewegendes nichtalltägliches Bild, ein Fluß aus Gedanken, mit seinen reißenden Strömungen, trägen Wirbeln, stillen Gleiten, seinem im Nebel Murmeln, in der Sonne wandernden Glänzen und dem auf der Stelle schwebenden Schillern, seinem an den ruhigen Stellen ungerührten Spiegeln der Ufer, die sich ihm zuneigen und deren wehende Gräser und Baumäste sich nach ihm strecken, wie auch die Quellen und die Bäche immer schon von der Seite springend sich ihm anschließen, ein Fluß, der, im Bild zu bleiben, am Ende der Reise, zerfasernd, ins Meer mündet und sich „überflüssig“ macht, sich auflöst und verschwimmt.



Potsdam, 11. Mai 2021

Jede Uhr hat ihre eigene Zeit. Und jede Zeit hat ihren Preis.



Berlin, 12. Mai 2021

Sonne und Regen scheinen die beständigsten Freunde zu sein, die man hat, sie streicheln dir seit je abwechselnd die Wangen.

Wie ein Organ, das dir eingepflanzt wird, kann ein Wort lebensspendend sein.

Aufräumen, den Raum öffnen, in dem du leben, weben, geben und gehen kannst.



Berlin, 13. Mai 2021

Fernando Pessoa (1888 - 1935) schreibt: „Ich besitze weder politisches noch soziales Gefühl. Ich besitze jedoch in einem gewissen Sinne ein hohes patriotisches Empfinden. Mein Vaterland ist die portugiesische Sprache. Es würde mir nichts ausmachen, wenn Portugal einer Invasion oder einer Besetzung zum Opfer fiele, sofern man mich nicht persönlich behelligte. Aber mit wahrem Haß, mit dem einzigen Haß, zu dem ich fähig bin, hasse ich nicht den Menschen, der schlechtes Portugiesisch schreibt, auch nicht den Menschen, der nichts von der Syntax weiß, sondern eine schlecht geschriebene Seite, als wäre es eine lebende Person, eine fehlerhafte Syntax, als wären es Menschen, auf die man einprügeln darf, eine Orthographie ohne Ypsilon, als wäre es Auswurf, der mir unabhängig von dem, der ihn ausspuckt, Ekel einflößt.

Jawohl, denn auch die Orthographie ist ein Lebewesen. Das Wort ist vollständig, wenn es gesehen und gehört wird. Und die Galakleidung der griechisch-römischen Vermittlung hüllt mir die Rechtschreibung in ihren wahren Königsmantel, dank welchem sie Herrin und Königin ist.“ (F. P.: Das Buch der Unruhe, aus dem Portugiesischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Georg Rudolf Lind, Frankfurt am Main 1988 [Livro do Desassossego, Lisboa 1982], Seite 281)

Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, als hätte Pessoa in prophetischer Voraussicht auch einen Kommentar zur Epidemie der gegenwärtigen Epoche, die gewachsene Sprache ohne Rücksicht auf Grammatik, Logik und Ästhetik zu vergewaltigen, machen wollen.



Prag, 15. Mai 2021

Die Stadt ist ein großes Park- und Straßenfest. Es ist dies auch Ausdruck der Vorfreude auf Montag, wenn alles, nach pandemiebekämpfungsmaßnahmenbedingter Schließung, wieder aufmacht. Die Leute haltens aber auch nicht länger aus und lassen sich nicht mehr davon abhalten, das Leben auch feierlich zu führen. Ohne Feier kein Leben. Leben heißt immer auch, es selbst, als Phänomen, zu feiern. Man muß einerseits für seinen, des Lebens, Unterhalt sorgen und andererseits es gleichzeitig, regelmäßig, feiern und hochleben lassen.



Prag, 17. Mai 2021

Was siehst du? Was sieht dich? Diaoptisch leben.

Beim Abschied bedeutet die Äußerung: „Wir sehen uns!“ ein Versprechen im Sinne von: Wir werden uns wiedersehen. Aber werden wir das? Werde ich dich sehen? Wirst du mich sehen? Werden wir uns erkennen? „Wir sehen uns!“ ist ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft, die Nouvelle Vague am Horizont des Meeres, deren Schlag irgendwann am Strand der Gegenwart brandet.

Das Leben nicht entweihen. Aber ist es geweiht? Vielleicht nicht das Leben, aber eine bestimmte Form, in die du es bringst; die weihst du mit dem Weihfeuer des Geistes. Die Form verleiht ihren Glanz dem Bauwerk. Verhalte dich dem Bauwerk entsprechend und entweihe es nicht durch formwidriges Verhalten. Allein der Tod soll es entweihen.

Sich küssen ist eine Form von Energieaustausch, Energiegewinnung.



Prag, 18. Mai 2021

Städte sind die Inseln des Landes, Städter die Bewohner künstlicher Inseln, an ihren Ufern tosen die Wellen der Gräser im Wind. Die hier ist unter ihnen eine geographisch und architektonisch spektakuläre; durch ihre Mitte rauscht der Fluß, er strömt unter einer Reihe von Brücken hindurch, am linken Ufer, wo Musikanten, wie andernorts, spielen und singen und junge Leute beim Bier sitzen, streben die Gebäude himmelwärts, kulminieren auf der Burg im Veitsdom, seine Türme touchieren unter bauschigen Wolken das endlose Blau.



Prag, 20. Mai 2021

Jedes Kunstwerk erfüllt unterschiedliche Zwecke, epochenspezifische, gesellschaftspolitische, sozialkonkurrenztechnische, lebensunterhaltfördernde, einrichtungsbezogene, geldanlagenpraktische, kunsthistorische, kunstwissenschaftermöglichende, etcetera; sein eigenster Zweck ist ein rein künstlerischer: als Kunstwerk zur Geltung zu kommen.

Als Kunstwerk kommt es nicht alleine zur Geltung, sondern einzig im Zusammenspiel mit einem Menschen, der es, als Kunstwerk, wahrnimmt. Zur Geltung kommt es dadurch, daß es den es wahrnehmenden Menschen in seinen Bann schlägt. Es schlägt ihn dann in seinen Bann, wenn er sich selbst vergißt. Im selbstvergessenen Menschen kommt das Kunstwerk zu sich selbst. Wenn aber niemand das Kunstwerk wahrnimmt, dann kommt es auch nicht zu sich selbst. Wenn es nicht zu sich selbst kommt, dann existiert es, als Kunstwerk, nicht.

Wäre das Universum ein Kunstwerk (und vielleicht ist es das), dann käme es erst in dem von ihm in Bann geschlagenen, selbstvergessenen Menschen zu sich selbst. Das unendliche Universum nimmt Platz in einem endlichen Geist. Der Geist wird zeitweise zeitlos. Wo ich war, greift das Universum Raum.



Prag, 22. Mai 2021

Der Mensch wird nicht als Diplomat geboren. Er kann sich dennoch ganz undiplomatisch diplomatisch verhalten.

Das Kunstwerk möchte verstanden werden und gleichzeitig hinter einem Schleier verborgen bleiben (kommensurabel und inkommensurabel sein).

Man wahre gerade auch gegenüber sich selbst Diskretion.

Beim Küssen eine Lippe riskieren.



Prag, 24. Mai 2021

Das Glück fällt einem hin und wieder aus heiterm Himmel in den Schoß. Ansonsten will es, sein Erscheinen, wie ein Festmahl vorbereitet sein, durch Handeln, Denken, Reden, Richten, Merken und Versuchen; so kommt es im erwünschten Augenblick wie von selbst geflogen und labt sich an der Freude, die es bringt.



Prag, 25. Mai 2021

Die Wege biegsam. Und das Herz klopft vor Freude über die Liebe.

Redner, nicht nur wenn du redest, auch wenn du schweigst, laß aufhorchen.

Das die verschlafenen Augen lösende Küchenlicht am frühen Morgen versetzt dich nach Ozeanien. Du gehst am Strand des Eilands, während der Schimmer über der atmenden See mit den kleinen Wellen dir den Blick behutsam öffnet, indes die salzigen Streifküsse dich schweben lassen.



Auf dem Lande, 26. Mai 2021

Musik ist die Fortsetzung der Natur-Töne mit anderen Mitteln. Wo im Auditorium maximum der Welt die tierische, pflanzliche, anorganische und meteorologische Symphonie ertönt, ist das menschliche Symphonieorchester in der Philharmonie nicht weit.

Am Wegrand Veilchen, und die Wiesen glänzen weit. Bussarde steigen.



Auf dem Lande, 29. Mai 2021

Nach zu kühlem Mai

und trüber Viruszeit

taucht Hoch Waltraud

am Himmel auf, hat Erbarmen,

bringt Sonnenschein und warmen

sommerlichen Wind, Labsal für die Haut

und ihre unsichtbare Parallele,

die wetterfühlige Menschenseele.



Auf dem Lande, 30. Mai 2021

Die Lider, das Doppelgaragentor der Seele, schließen am Abend im müden Zustand automatisch, ohne Knopfdruck, ohne Willensbekundung; und öffnen am Morgen im ausgeschlafenen Zustand wieder automatisch. Menschen sind Garagenbewohner, ja, in gewisser Weise die Garage selbst; sie kommen aus der Garage, sie bleiben vor der Garage und sie gehen in die Garage. Und was man heute Garage nennt, nannten die Vorfahren Höhle. Menschen sind Höhlenbewohner, immer gewesen, immer geblieben. Ob Garage, Wohnung, Haus, Palast - Höhle bleibt Höhle (mit entsprechenden Komfortunterschieden). Das Grab ist die in die Erde eingelassene persönliche Tiefgarage.

Das Gegenstück zur freien Rede ist die gebundene; beide sind der Rede wert. Nicht der Rede wert sind die unredliche und die unfreie.

Der Koch kocht, aber nicht bei hundert Grad - dieser Satz hätte, spräche man ihn aus, einen kalauerhaften Zug. Gibt es denn nichtkalauerhafte Kalauer? Fahr nach Kalau, da wirst du welche finden.

Der Begriff Ehre kommt in der zeitgenössischen bundesrepublikanischen deutschen Gesellschaft ehrlich nur mehr bei Begräbnissen zu Ehren, wenn Teilnehmer dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen

Es ist heute vergessen, daß das Adjektiv „ehrlich“ sich auf die Ehre bezieht.



Auf dem Lande, 31. Mai 2021

Licht zarter Nähe, und dein Lächeln ein Zauber, der mich löst und stärkt.

Der Kreißsaal die klinische Bühne, auf der der Nachwuchs schreiend sein Debüt gibt. Auch der OP-Saal und die Intensivstation sind klinische Bühnen; auf ihnen treten in der Regel reifere Figuren des Welttheaters mehr oder weniger dramatisch ab. Ansonsten finden sich außerhalb der Klinik große und kleine Bühnen, auf denen die Menschen ihre viel- oder wenig- bis nichtssagenden Rollen spielen.

Eine Autobiographie ist das Nachwort des Lebens. Das Vorwort schreiben andere.

Das fast hypnotisierende Dröhnen eines in mittlerer Entfernung im Einsatz befindlichen Benzinrasenmähers.

„Einen Anruf verpaßt.“ Vielleicht wärs der entscheidende Anruf des Lebens gewesen. Und doch, letztlich wäre einem das egal. Der Mensch verpaßt ständig irgendetwas. Etwas zu verpassen gehört zum Leben.

Man verpaßt im Leben etwas, wenn man nicht auch etwas verpaßt.

Das Leben das Intermezzo zwischen nichts und wieder nichts.

Überfahrener Igel auf der Straße; die Igelevolution war auf Autos nicht vorbereitet.

Komm, laß uns einen Igel streicheln.

Ihre Stimme, rauh, mit der Anmutung von Sand, der vom Wind zerstreut wird, drang zu mir und ließ mich schaudern. Also sprach Zarathustra, ich glaube, es war die Liebe, die meinem Denken den Schub verpaßte und es so grenzenlos werden ließ, daß ich in ihm, ohne es zu merken, von jetzt auf jetzt verschwand.

Jemand sagt, er habe vorgeschlafen. Ich kenne zwar das Zeitwort vorschlafen, es behext mich aber jetzt, da es scheint, als könne man vorschlafend die Zeit austricksen und schlafend in ihr vorwärts gelangen.

Schlafen. Einschlafen, tief schlafen, durchschlafen, ausschlafen, verschlafen. Vorschlafen, Schlaf nachholen. Sich gesund schlafen.

Im Schlaf träumen, man schlafe.

Wer miteinander schläft, schläft gerade nicht.

Etwas bebeten (im Unterschied zu anbeten), ist das in seiner Bedeutung verwandt mit etwas beschwören?

Wovor selbst der Vorsichtigste nicht gefeit ist, sind Alpträume.

Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er das Gute heraufbeschwört.

Was sagt eigentlich Jutta Ditfurth?

Luftflüsse, und die Stromschnellen der Bäume, wenn tausend Blätter wirbeln.

Airport heißt Lufthafen.

Der Mai will nicht enden.



Venedig, 10. Juni 2021

Das anziehende Theater ist das der Straße, bei dem der Zuschauer an einem Cafétisch im Freien behaglich sitzt und nebenher freundlich bedient wird: die Loge in der ersten Reihe. Die Figuren treten ständig auf und ab, eingekleidet von regionalen Stilen. Der Italiener an sich ist eine elegante Erscheinung, makellos anzusehen, wohingegen der Urstromtaler in Berlin Arme und Beine gerne tätowiert und eine Augenweide nur für den ist, der auf diese Form der Hautnadelstiche steht.

Die Tüchtigkeit der Glücklichen.

Ein Magnet ist objektiv von Interesse, subjektiv uninteressant. Das Magnet als Metapher: die einen stoßen einander ab, die anderen ziehen einander an. Jede Gesellschaft formiert sich auch aus den Wirkungen von Anziehung und Abstoßung.

Jedes Symbol ist nicht nur ein Symbol für etwas bestimmtes, sondern immer auch für das Symbol selbst.

Auch wenn das Wetter kein lebendiges Wesen ist, hat es eine Atmosphäre, die das Befinden der Menschen beeinflußt. Ein Teil der Atmosphärologie müßte Anthropologie sein.

Talkshows sind dazu da, damit auch das Geschwätz, die Phrasen und das Einander-ins-Wort-Fallen ihren öffentlichen Ort haben.

Menschen sind gleichsam Schwimmer. Sie schwimmen im Wasser, sie schwimmen in der Luft, sie schwimmen im Feuer, sie schwimmen in der Erde; in den Elementen verschwimmen sie.

Jeder Tag Teilstück einer lebenslangen Tour: Liebesbekenntnis.

Dein Geist sei gleichzeitig aufrecht und aufrichtig, tüchtig, zierlich, offen, genau, einfühlsam und entschieden in der Sache. Man könnte auch sagen, er sei von Liebe beseelt.

Morgens nach dem Aufstehen muß man erst den Traumstall ausmisten und all das hohle Traumstroh hinausfegen. Beim Öffnen der Türen fallen Lichtstrahlen herein und vergolden das Besitztum des Geistes. Die Pferde Mut, Lust, Tapferkeit, Besonnenheit, Weisheit und Gerechtigkeit begrüßen einen und beleben den Sinn für den Tag.

Ganz in der Gegenwart zu Hause bist du nur in Gegenwart eines geliebten Menschen. Hast du einen geliebten Menschen verloren, lebst du in der Vergangenheit; hoffst du einen geliebten Menschen zu gewinnen, in der Zukunft.

Es gibt den Moment, da man merkt, nicht mehr Teil der Gesellschaft oder doch der tonangebenden, Einfluß ausübenden Milieus zu sein. Und es bleibt einem wenig anderes übrig, als mehr oder weniger im Verborgenen zu leben und vor allem sein Leben halbwegs so zu führen, wie es den eigenen Idealen entspricht. Derzeit scheinen, zugespitzt polemisch formuliert, sich nur mehr zwei Staatsformen auszubreiten: der brutale mörderische autoritäre und quasi oder vollendet diktatorische totalitäre Staat sowie der mehr schlecht als recht funktionierende. Der im besten Sinne freiheitliche, von den Idealen der Aufklärung beseelte, von den Gesetzen des unabhängigen Rechts geschützte, die Würde des Individuums respektierende, alle totalitären Systeme (wie zum Beispiel auch die Religion, insofern sie Grenzen verletzt und politisch wird) einhegende Staat ist in der Defensive. Der gegenwärtige Totalitarismus setzt sich zusammen aus Diktatur (inklusive Militärmacht), Ideologie (allmachtbeanspruchende Religion, Sprachpolitik) und Kapitalismus (ausbeuterische Produktion und Handel). Der Kapitalismus ist das sich an alle Staatsformen am besten anpassen könnende System (siehe China). Der Kapitalismus als Unpolitischer macht keine antitotalitären Bekenntnisse, oder wenn, dann nur geheuchelte, Prestige und Umsatz einbringen sollende; er will nur funktionieren, egal in welchem Staat. Das gleiche gilt für das Gros der Menschen, denen es letztlich egal ist, was etwa mit ihren Daten passiert oder was der Online-Handel für Auswirkungen hat; der neue Mensch der Gegenwart ist der bequeme Konsument. Egal, ob Bekleidung, Urlaub, Sex - man kreuzt das Gewünschte auf dem Telephon an und bekommt es geliefert. Alles, was geschieht, verbraucht jedoch Energie und erzeugt Abfall; das eine muß gewonnen, das andere entsorgt werden; in einem endlichen System ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Preis dafür gezahlt werden muß, in Sachen Energie vielleicht durch politische Unterwürfigkeit, in Sachen Abfall vielleicht durch eine unwirtlich werdende Umwelt.



Venedig, 13. Juni 2021

Indem es geschieht, hört es auf: erlöschen.

Morgens vorausdenken, tagsüber mitdenken, abends nachdenken. Nachts: träumen. Das Denken im Wachzustand kann jeder halbwegs bewußt steuern; wer aber ist es, der im Schlaf träumt? Schlafend bin ich nicht da und kann nicht sagen, jetzt träume ich. Ich schlafe, und mir geschieht ein Traum, nicht von mir initiiert und nicht beeinflußbar (von Klarträumen abgesehen). Das ist nicht geheuer: ohne daß man um Erlaubnis fragen würde, entführt man den Träumenden in die kuriosesten Welten. Sollte er in scheußliche Abenteuer geraten, erlöst ihn allein das Aufwachen, und er ist erleichtert. Sollte es hingegen ein süßer Traum sein, so ist er nach dem Erwachen enttäuscht, daß es nur ein Traum war und nicht weitergeht.

Träumend wirst du entführt. Taking a nap, you get kidnapped.

Eine gebuchte Reise ist ein im Wachen bewußt durchgeführter ziviler Traum.

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals eine Ohrfeige verpaßt bekommen zu haben, nicht mal als Kind. Mit letzterem sei allerdings nicht unterstellt, daß es normal wäre, Kinder zu ohrfeigen. Werden denn Kinder von ihren Eltern heute noch geohrfeigt? Man kann sichs kaum vorstellen, aber auch nicht ausschließen. Am ehesten will man eine zeitgenössische Ohrfeige unter Erwachsenen noch für möglich und ein Stück weit auch für gerechtfertigt halten, wenn etwa die Frau erfährt, daß ihr Mann mit der jungen Nachbarin, „der hausbekannten Schlampe“, fremdgegangen sei. „Nimm das, du Schuft.“ Der Mann wäre wohl mit einer Ohrfeige, oder deren zwei, zufrieden, denn Strafe muß sein, und könnte hoffen, daß es damit sein Bewenden habe und er ansonsten glimpflich aus der Nummer herauskomme. „Ich wills nie wieder tun, Schatz, und schon gar nicht mit der Nachbarin.“

Der Ausdruck „großes Kino“ ist hier ganz am Platze. Was sollte großes Kino sein, wenn nicht Venedig? Hollywood war die Traumfabrik; Venedig ist ein gebauter Traum. Wirklich und unwirklich zugleich.



Venedig, 14. Juni 2021

Sich im Anblick der Schönheit betäuben und wachen Sinnes bleiben.

Nicht den Jahren, sondern dem Geiste nach sich verjüngen. Weise derjenige, der bei aller Gebildetheit und Erfahrung kindliche Unschuld erreicht.

Welche Passion entfesselt dich?

Daß Idealismus beschränkt sein kann, beweist mit jeder neuen Generation die Jugend.

Sprich mit mir! Doch die innere Stimme schweigt. Vielleicht gibt es sie gar nicht? Oder nur als Fiktion, als Phantom der Oper, das hinter der Bühne was auch immer treibt, jedenfalls keine Anstalten macht, aufzutreten und zu sprechen oder Arien zu singen? Sie müssen ja nicht geschmettert werden.

Daß in dem Wort Bundestag das Wort Tag enthalten ist, ist mir förmlich noch nie aufgefallen. Ich mag den Tag. Der Tag ist nicht nur hell, er hat auch erhellendes. Menschen können tagen, sogar nachts.

Der Tag der einzige Ratgeber, den man allabendlich aufsuchen mag.

Jeder Tag gleicht einer Stufe auf einer Wendeltreppe in einem Turm. Irgendwann erreicht man die Plattform und man wird der überwältigenden Aussicht teilhaftig. Die Treppe hinunter kommt man nicht mehr, sie hat sich aufgelöst.



Venedig, 15. Juni 2021

Am Strand verschwimmen die Stunden. Es verschwimmen die Ziele. Gleichmäßiges Schweben.

Umkehren ist unmöglich. Es gibt keinen Weg zurück außer in der Erinnerung.

Emil Cioran war entgegen seiner Fama ein großer Humorist.

Ein Land verschönern, seine Gebäude, Autos, Institutionen. Die Welt könnte sich an Venedig ein kleines Beispiel nehmen.

Jeder Tag ein Amt, für das man Verantwortung übernimmt; und das Leben ein Großamt.

Transistorradio. Wenn es schon keins mehr gibt, muß man es als Wort festhalten.

Jeder Touristenort führe zur Hauptsaison per Zwangsverordnung eine vierwöchige bezahlte Touristensperre ein. Dann könnten die Einheimischen entweder selber verreisen (denn wenn Touristen üblicherweise verreisen, sollten sie das auch tun können) oder eben einfach zuhause bleiben, ohne den ganzen Tag den Dukaten hinterlassenden Eseln mit dem Sacke nachzulaufen.

Der Sommer dein Lichthaus.



Venedig, 20. Juni 2021

Der Frühling ist der Rausch der Natur, der Wind der Rausch der Bäume.

Kümmere dich um das Abänderliche und laß das Unabänderliche auf sich beruhen.

Setzt man acht Stunden Schlaf pro Tag voraus, dann hat ein neunzigjähriger Mensch dreißig Jahre seines Lebens geschlafen. Was hätte man in dieser Zeit nicht alles tun können? Aber auch darüber hinaus verschläft man vieles. So wenig ein Mensch voll frei ist, so wenig ist er immer voll wach. Freiheit wie Wachheit gibt es nur in Graden. Manche erreichen höhere Freiheits- und Wachheitsgrade als andere. Morgens aufwachen heißt, die erste Stufe des Wachseins erreichen; wie viele Stufen man noch nimmt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Gibt es eine oberste Stufe des Wachseins, der Freiheit, oder gleicht der Gang auf der Stiege immer nur einer Annäherung an ein unerreichbares Ideal?

Der ununterbrochene Wellenschlag des Meeres unterwühlt den Sand des Ichs, bis dieses frei schwimmt.



Venedig, 21. Juni 2021

Freundlichen Sinns grüßt am abendlichen Himmel des Vogels stiller Flügelschlag, von der Sonne belichtet, den im Gräserwehen Versunkenen.

Die Spätjuni-Wildheit der blühenden Rosen in den Gärten der Paläste am Canal Grande.

Menschen sind an sich komische Erscheinungen - hier sind sie noch schlank und rank, dort dickbäuchig und schwer von Atem.

Der Mensch soll ohne Schmerzen leben, aber nicht ohne Leiden. Schmerzen sollen medikativ-palliativ behandelt werden; aber Leiden, nein, Leiden soll man nicht ohne weiteres behandeln, denn es ist, neben der Begeisterung, das kostbarste, was der Mensch hat. Das unabänderliche Wort Weltschmerz hätte eigentlich Weltleiden heißen müssen, Leiden an der Welt, am Leben, an Geburt und Tod und nicht zuletzt an der Liebe. Ein Mensch, der nicht leidet, weiß nicht, was Freude ist. Was den Menschen zum Menschen macht, ist nicht der Schmerz, sondern das Leiden. Das verbindet ihn mit den Hunden, auch mit gewissen Vögeln und Katzen, von anderen Tieren zu schweigen.

Wenigstens in Träumen kann man mit Platon und Aristoteles Umgang pflegen - und endlich einmal Sappho auf Lesbos besuchen.

Jedes Tagebuch wird nicht bis zum Ende geführt. Es kann auch nicht mit dem Anfang beginnen. So, wie der Mensch an seine früheste Zeit keine Erinnerung hat, so ähnlich verlieren die Alten das Wissen davon, wer sie sind und was sie waren. Anfang und Ende, Geburt und Tod - die Natur will vielleicht, daß der Schleier des Nichtwissens darüber weht, für den wenigstens, der geboren wird und der stirbt.

Eigentlich sollte man jeden Morgen mit einem Lachen beginnen. „Was, bin ich schon wieder hier?“



Venedig, 22. Juni 2021

Das Leben ein Marathon, den man rückwärts läuft. Man sieht nicht, was noch kommt, sieht und weiß aber, was war. Am Ende ahmt man den legendären ersten Marathonläufer nach und bricht im Ziel tot zusammen. „Zeit, dich habe ich besiegt.“

Alles, was man tut oder sagt oder auch nicht sagt und nicht tut, sollte einen humorvollen und nolens volens aufmunternden Charakter haben.

Ein Seniorenheim mit dem Namen „Zum alten Eisen“ - dort muß es hoch hergehen.

Auch Nachsicht muß man sich verdienen.

Venedig wirkt wie ein ins Meer gebauter Friedhof, nur daß man die Grablegen kaschiert beziehungsweise zu Palästen umgebaut hat.

Der Mensch läuft immer Gefahr, als Karikatur seines Ideals zu enden.

Letztlich hat sogar die Trostlosigkeit etwas tröstliches.

Schnörkellos gehen ist eine Kunst.

Am Ende hat man in der Zukunft nichts zu suchen und auch nicht in der Vergangenheit, allein in der Gegenwart alles zu finden.



Venedig, 23. Juni 2021

Wo Licht ist, erscheint das Auge, wo Klang, das Ohr, wo Geruch, die Nase, wo Gegenstände, die Hand, wo Eßbares, der Mund. Die Welt möchte wahrgenommen und verschlungen werden.

Jungbrunnenschlaf.

In der Begeisterung baden.

Sich ein Kleid aus Lichtseide nähen.

Man steht beim Bäcker an, weil schon das Anstehen Freude bereitet und man das Warten geradezu zelebriert und genießt. Das Auge wandert und hüpft über die Backwerke, die in Fülle nach Sorten geordnet in den Regalen liegen. Und selbst wenn man eigentlich gar kein Brot braucht, kauft man eines, es verschafft einem das befriedigende Gefühl, etwas zu leisten und sinnvolles zu tun; und so winkt man dem auf der Straße herkommenden Bekannten mit dem Baguette in der Hand zu und zeigt ihm, was man noch in der Tüte hat, und oft schließt sich daran noch ein Gespräch im Café an der Kreuzung an - die gemeinsame ineinanderverschlungene Erzählung des Tages. Und so ist es bei allen Läden: Der Mensch möchte sich austauschen, er gibt Geld und erhält eine Ware, er plaudert mit jemandem und erhält eine Antwort, man gibt etwas und erhält etwas zurück, es ist dies offenbar ein zentrales Merkmal des Menschseins. Der Mensch ist ein sich in ständigem Austausch mit der Welt befindliches Lebewesen. Er tauscht sich aus und bleibt doch derselbe.



Venedig, 24. Juni 2021

Was lernt der Mensch, wenn er erfährt, daß auch die Liebe sterblich ist? Vielleicht, daß hierin der psychologische, undurchschaute Grund liegen könnte, warum die Menschheit irgendwann die Figur eines alliebenden ewigen Gottes erfinden mußte, an den sie glauben konnte, ohne fürchten zu müssen, der würde sie enttäuschen (auch wenn er sich unerforschlicherweise in weltliche Dinge nicht einmischen möchte).

Die Geschichte der Menschheit ist ein monströser Roman. Die Geschichte jedes Einzelnen ist ein Roman in diesem Roman, an dem er mitschreibt, oder im Hinblick auf den er doch versuchen kann, die Handlung in seinem Sinne zu beeinflussen. Es gibt nur ganz wenige Personen, die dadurch, daß sie ihren persönlichen Roman lebten, gleichzeitig ein Kapitel des Menschheitsromans verfaßten. Es waren dies in der Regel Feldherrn, Könige oder auch das, was man Menschheitsverbrecher nennt. Unzählige Kapitel sind mit blutiger Tinte geschrieben.

Verausgabe dich, dann kommst du auf andere Gedanken.

Überquere das Schreibgebirge.

Zu den nachahmenswerten Alltäglichkeiten des venezianischen Lebens gehört der kurze Espresso, den man im Vorbeigehen am Tresen eines Cafés hinunterstürzt.



Venedig, 27. Juni 2021

Romanprojekt (Titel): In Federkielgewittern. Memoiren einer Militärbrieftaube.

Im Ersten Weltkrieg waren Hunderttausende Militärbrieftauben im Einsatz, den viele nicht überlebten; allein auf deutscher Seite fielen einhundertzwanzigtausend.

Selbstversunken auf dem Grund der Seele; dann wieder langsam auftauchen im wellenrollenden Meer und die glänzenden Möglichkeiten sehen, die sich einem bieten.

In jedem Leben liegt ein Versprechen, das der es führende aus ethischen und ästhetischen Gründen zu halten sich ermuntert fühlt.



Forst, 29. Juni 2021

Mag auch ein Gespräch vorübergehen, doch gut ist wie es im schattigen Hof der Winzerin nah den Hängen und unweit des Stroms geführt wird, wo die Ebene auf die urbaren Gefilde des Dionysos trifft, und zu sagen, welche Wege einer gegangen ist, auf denen die Freundlichkeit wohnt, und welche, zu anderer Zeit, anderen, auf denen er es, sich zur Erleichterung, unterließ, ungute Gedanken, die von selbst dank der Vorfälle in der Welt wachsen, an sich heranzulassen, und welche weiteren mit den Freunden, den hilfreichen, in ihrer Scheu vertrauten, aus den Romanen, darin sie vertieft sind, aufsteigenden, Taucher, türkise, vom Meer träumenden, um an den hellen Tagen zu siedeln am Ufer, drüben, wo es blinkt, in der Hütte, zu der nur die murmelnden Gesänge des Wassers dringen: der in der Sonne zerfließende Dom, sein in blauen Farben rauschender Säulenwald, und den Bund, den alle schließen, für uns zu festigen.



Berlin, 2. Juli 2021

So wie eine gute Mutter, ein guter Vater, ihrem, seinem, siebenjährigen Kind aufmerksam zuhört und so wie sie, die Eltern jeweils, vertieft sind ins Gespräch mit ihm im Regen auf dem Weg zum Kindergarten, dabei der Umwelt gar nicht achtend, so geh du einmal mit dir um - als wärst du ein siebenjähriges Kind, dem du in Liebe verbunden bist und dem du hilfst, im Wachen den Traum des geborgenen Lebens zu finden.

Das Zwölf-Uhr-Läuten der nahen Kirche (benannt nach dem für Beten in Todesnot und Verlassensein, Wachen und Schlafen, Treue und Verrat stehenden Garten) ist ein fremder, inmitten des Getriebes in gewisser Weise deplazierter, aber gerade deshalb auch wieder plazierter, willkommener, einen leicht einlullender, gleichzeitig aufmerken lassender, an eine transzendente Dimension erinnernder, ruhiger, zurückhaltender, gleichmäßiger, reiner, ja glockenreiner Klang.



Berlin, 4. Juli 2021

Falls man wider besseren Wissens, des Wissens über all die Kriege und Gewalttaten in der Geschichte, doch immer wieder unsicher sein sollte, welches Urteil über die dafür verantwortliche Menschheit gesprochen werden muß, dann hilft vielleicht folgendes Phänomen dabei, endlich zu einem entschiedenen zu kommen: das alljährlich am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag der USA, in New York City auf Coney Island vor dem Schnellimbiß Nathan's Famous [Frankfurters] stattfindende Hotdog-Wettessen. Bei diesem geht es darum, binnen zehn Minuten möglichst viele warme Brühwürste zu essen. Ein gewisser Mr. Chestnut (Herr Kastanie macht seinem Namen alles andere als eine Ehre) hat seinen eigenen Weltrekord von 2020 um einen Hotdog übertroffen. Der Rekord liegt nun bei sechsundsiebzig Stück. Die Menschheit ist auf den Hund gekommen, besonders hier.



Berlin, 6. Juli 2021

Das Uhrblatt war blau, wie der Himmel; die Zeiger bestanden aus winzigen, aus Elfenbein geschnitzten Wolken.

Ein Mensch ist betörend, das heißt, man läßt sich von ihm bezaubern bzw. zum Tor machen.



Berlin, 9. Juli 2021

Potsdam hat, hört man wieder, mit den unappetitlichsten Bahnhof Deutschlands (ein Neubau übrigens). Der hatte allerdings bis vor wenigen Jahren im Angebot, was heute, in gesundheitsapostolischerer Zeit, kaum mehr ein Bahnhof hat: eine Kneipe, in der auch geraucht werden durfte. In ihr fand sich halb fröhliches, halb irrlichterndes Volk, und nicht schlecht war, daß man beim Trinken und Qualmen durchs Fenster auf die Gleise sehen und den ankommenden und abfahrenden Zügen zuschauen konnte. Es war ein Ort mit Leben. Kein Nudel-, Gemüse- oder Fleischgrillimbiß. Keine Kaffee-zum-Mitnehmen-Einrichtung. Einfach nur ein brummender Laden mit frisch gezapftem Bier und im Raum sich krümmenden Rauchwolken. Die Kneipe war für ihre Besucher der einzige einladende Ort im Bahnhof und in gewisser Weise von ganz Potsdam, diesem mit seinem ganzen kitschigen Glanz und Gloria verlorenen Kaff.



Crailsheim, 13. Juli 2021

Angesichts des zugeklappten Flügelaltars der Johanneskirche. Kluge Gedanken sind erst dann solche, wenn derjenige, der sie denkt oder in einem Buch liest, es schafft, sie sich zu eigen zu machen, dafür zu sorgen, daß sie ihm so ins Blut übergehen, daß er wirklich ein wenig klüger beziehungsweise etwas weniger unklug aus der Wäsche schaut. Was nützt es, die Weisheit mit Löffeln zu fressen, wenn aus der Löffelei nicht ein tatsächlich halbwegs weiser Mensch entsteht? So gesehen kommt es nicht allein auf die klugen Gedanken oder die Weisheit an, sondern auf die Art, wie man der Welt begegnet und wie man das, was man erlebt, umwandelt, verwertet, welche Schlüsse man daraus zieht und welche Erkenntnisse man gewinnt. Das heißt, auch alles Unkluge und Unschöne, dem man begegnet, soll im Zuge des Sich-mit-ihm-Auseinandersetzens zu einer klugen und schönen Einsicht führen. Die Welt weise und schön eingerichtet sehen zu können, ist die Folge einer jederzeit möglichen geistigen Handlung.



Berlin, 15. Juli 2021

Der Mensch ein Schiff, das segelt im Wind mit dem Wind gegen den Wind.

Nicht nur selbstvergessen sein, sondern auch selbsterinnernd; erinnere dich bei jeder morgendlichen Besinnung deiner selbst und deiner Möglichkeiten. Komm zu dir.

Selbstverstiegen. Jeder Tag eine Wand; es besteht die Gefahr, daß du dich versteigst und nicht mehr den Durchstieg schaffst.

Selbstverliebt zu sein gilt als tadelnswert, in einen anderen verliebt zu sein, nicht; dabei weiß man im eigenen Fall wenigstens halbwegs, mit wem man es zu tun hat, wohingegen im anderen dies sich erst noch zeigen muß.

Gewisse Wendungen gibt es nur, weil sie sich so gut reimen. Lug und Trug, in Hülle und Fülle, unter Dach und Fach, Lach- und Sachgeschichten, was kreucht und fleucht, was flattert und schnattert, was lebt und strebt, wer steht, vergeht, wer schreibt, der bleibt, etcetera.

Lichtwellenpferde, die über die Ebene preschen.

Ordne immer alles sogleich korrekt, sonst landest du später in Teufels Küche.

Im Schlüterhof, dem Prunkhof des sich derzeit wie Blüten eines barocken Kunstraußes nach und nach öffnenden Humboldt-Forums, kommt lediglich begrenzt Freude auf angesichts der Stellaschen modernen Westseite. Diese Art der Rekonstruktion erscheint infantil: Ist man nicht erwachsen genug, die Rekonstruktion vollumfänglich zu machen, um den ästhetischen Effekt ungetrübt erleben zu können, und gleichwohl zu wissen, es ist eine Rekonstruktion? Im Hof befindet sich auch der Außenbereich eines Bistros. Daß da zwei Tabletteinschiebefächerrollwagen stehen mit dem benutzten Geschirr, ist nicht sehr animierend.

Das Herz schlägt leise und die Gefühle wandern freundlich übers Land.

Der gesunde Menschenverstand - rein wortwörtlich und nicht als Redewendung betrachtet - ist etwas gutes.

Das Spiel der Vögel und der Wolkenbergezug - Waldbäche fließen.

Die Wahrheit ist, daß die Lüge zum Leben gehört. Zu lügen heißt also nicht, die Wahrheit zu verschmähen, im Gegenteil, wer lügt, macht der Wahrheit alle Ehre.

Was Liebe gelingt in den Weiten der Wüste: Gärten zu pflanzen.

Eines der starken Bedürfnisse des Menschen ist: verklären, überhöhen, verschleiern, beziehungsweise Verklärung, Überhöhung, Verschleierung zu erfahren. Angesichts eines oft brutalen, gemeinen, häßlichen, grausamen, auch langweiligen, geistlosen, öden Lebens und Alltags macht sich der Wunsch bemerkbar, daraus auszubrechen. Das Ausbrechen gelingt oft lediglich auf dem Weg des immunisierenden Trostes in Form der Verklärung, Überhöhung, Verschleierung. Es ist hierbei egal, ob man diesen Trost Kunst, Religion, Sport oder Politik nennt.

So gesehen war auch der gewesene U.S.-Präsident Donald Trump ein Religionsstifter. Die Religion Trumpismus spendet denjenigen Trost, die ihm und seiner Devise, Amerika wieder groß zu machen, Glauben schenken. Hier fielen Politik und Religion in eins. Es war von daher für die Gläubigen auch irrelevant, ob einzelne Aussagen ihres Stifters stimmten oder nicht. Wenn die New York Times sich daran machte, Trumps „Lügen“ zu zählen, so hatte dies nur Sinn, insofern man Trump allein der Sphäre der Politik zuordnete. Betrachtet man die Aussagen jedoch aus der Religionsperspektive, dann zählt nicht der Wahrheitsgehalt, sondern allein die Frage, ob sie den Trumpianern Trost spenden oder nicht.



Warnemünde, 18. Juli 2021

Lebenskunst, die Fähigkeit oder doch der Versuch, gleichzeitig auf mehreren Hochzeiten zu tanzen. Die Gegenwart, der heutige Tag, die gerade angebrochene Stunde, soll eine Hochzeit der Zufriedenheit, des Glücks, der Ruhe, der Kraft, der Spannung, der Intensität, kurzum: der erlebten Schönheit sein. Gleichzeitig muß man die Zukünfte, die nicht anstehenden, herankommenden Hochzeiten, vorbereiten und will auch die Vergangenheiten, die gefeierten, absinkenden Hochzeiten, nicht vergessen. Es ist dies ein einheitliches Bewußtsein all der feierlichen Hochzeiten des Lebens, auf denen man tanzte, tanzt und tanzen wird. Eine Hochzeit ohne Tanz ist nicht denkbar. Das Leben will getanzt werden. Das Leben ist nur da ganz Leben, wo es tanzt. Im Leben liegt eine Tendenz auf Tanz. So nimm Abschied, Herz, und tanze.

Im Zentrum jedes Tuns steht das Bewußtsein. Es ist alles, unser Leben, wie wir uns fühlen, was wir denken, einfach alles. Das heißt, jede Handlung des Menschen ist einzig und allein darauf ausgerichtet, dieses Bewußtsein in einen solchen Zustand zu bringen, der einen anspricht beziehungsweise der einem zusagt. Nur die Mittel sind unterschiedlich: Man kann meditieren, beten, singen, träumen, nachdenken, sich selbst belügen, den Lügen Glauben schenken, Drogen nehmen, reisen, Sport treiben, Liebe machen, Freundschaften pflegen, Kunst schaffen; das Bewußtsein, das man hat, ist der „Gott“, dem man unterworfen ist und der man selber ist. Wenn der Mensch sich seinen Tanz ums goldene Bewußtsein klarmacht, erreicht er eine Form der Selbsttransparenz, er wird sich selber durchsichtig und begreift, daß er jemand ist, der etwas erlebt und daß dies sein Leben ist und es vorübergeht. Aufgrund des selbstaufgeklärten Selbstbewußtseins kann er eher frei überlegen und entscheiden, wie er weiterhin leben möchte, ob es ihm etwa allein auf die möglichst zu erreichende angenehme Qualität des eigenen Bewußtseins ankommt oder zum Beispiel auch auf die Frage, welche Folgen seine Lebensführung auf die Lebensführungen und damit auf die Bewußtseine anderer Lebewesen hat, und ob er dies aus nachvollziehbar zu machenden Gründen für akzeptierbar oder nicht akzeptierbar hält.

Was Vertreter der sogenannten Postcolonial Studies ironischer-, aber nicht witzigerweise, fortwährend übersehen, sind die zeitgenössischen Formen des Kolonialismus (freilich geht es solchen Vertretern wohl ohnehin nicht um umgreifende transdisziplinäre Erkenntnisgewinnung, sondern um auf Ansehen innerhalb der eigenen Gruppe bezogene Positionierung, um das Umschreiben gesellschaftlicher Erzählungen und auch schlicht um Lebensunterhalt sichernde Posten). Sinnvoll wären Colonial Studies, wenn schon. Die großen amerikanischen Internetgiganten sowie, auf einer weitaus schrecklicheren Ebene, die systematisch die freie Selbstentfaltung unterbindende, brutalmörderische (Massaker an unschuldigen Menschen auf dem Platz des Himmlischen Friedens zum Beispiel), völkermordende (Tibet, Uiguren), Verträge verhöhnende (Hongkong), rücksichtslos land- beziehungsweise seeraubende (sogenanntes Südchinesische Meer), souveräne Staaten die militärisch-gewaltsame Unterwerfung androhende (Taiwan) totalitär-überwachungsstaatliche chinesische KP-Diktatur (nicht zu verwechseln mit der reichen historisch gewachsenen chinesischen Kultur) haben den Planeten in bereits nicht unbeachtlichen Teilen zu ihren De-facto-Kolonien gemacht, ohne daß es jemanden, der Einfluß hätte, nennenswert aufregt - die noch-demokratischen Staaten reagieren in jeder Hinsicht zu sanft und ohne zureichende Gegenwehr, zum Teil gerieren sie sich sogar als eifrige Mitläufer oder sie lassen ihre ureigenen Wissensquell-Institutionen wie die Universitäten von den Kolonisatoren mitfinanzieren und die Erkenntnisse abgreifen. Und die westlichen Konsumenten, die Waren aus KP-China kaufen, machen sie sich die Hände blutig, morden sie mit, sind sie mitmordende Ladenthekentäter? (Die Tatsache, daß es manchmal schwierig ist, Waren zu finden, die nicht in KP-China hergestellt sind, macht die Sache nicht weniger problematisch, im Gegenteil, es zeigt, wie fatal es schon ist.)

Lesend, gewinnst du Zeit. Du bist aufgehoben in dem schwerelosen Raum der Kunst. In der Erfahrung von Kunst vergeht die Zeit nicht. Sie steht.

Um 18 Uhr fährt das riesige Kreuzfahrtschiff Aida Sol aus dem Hafen, die ins Meer hinausführende Westmole ist von Schaulustigen besucht. Die Menschen an Land und die oben auf dem Schiffsdeck, ganz oben, meine Güte, ist das hoch, sehen sich, und seltsamerweise winkt, so weit ich sehe, niemand, weder an Land noch auf dem Schiff. Normalerweise können sich Menschen doch nicht halten und winken einander von Schiff zu Schiff oder von Schiff zu Land und umgekehrt zu. Ist das eine Pandemie-Nachdenklichkeit, die da zum schweigenden Ausdruck findet? Ist es der Gedanke, daß solche Monsterkreuzer das menschliche Maß überschreiten, der die Menschen still sein läßt?

Im von auflandigen Winden unentwegt gepeitschten, warmen, wellenrollenden, weißschäumenden, weiße Schaumfetzen hochspritzenden, golden im schrägen Sonnenlicht strahlenden Meer tummeln sich Tausende von Menschen. Es ist der Höhepunkt des Hochsommers.



Berlin, 21. Juli 2021

Kinder machen irgendwann zum ersten Mal unwillkürlich eine außerkörperliche Erfahrung; dann nämlich, wenn sie begreifen oder doch auf eine gewisse Weise ahnen, daß es sie gibt und sie sie selbst sind und daß dies etwas kurioses und befremdliches ist: Ich bin ich. Diese existentielle Befremdung, dieses Sich-selbst-Fremdwerden, ist das, was man eine außerkörperliche Erfahrung nennen kann. Erst in dieser außerkörperlichen Erfahrung kommt das Kind in Berührung mit sich selbst, wird es seiner ansichtig, seiner auf einer reflexiven Stufe bewußt.

Die Ontogenese des Menschen, die Entwicklung seines Lebens, ist ihrer Tendenz nach eine von wenig Freiheit zu mehr Freiheit verlaufende. Die Freiheit des Menschen ist kein Alles-oder-Nichts-Phänomen. Freiheit zeigt sich in unterschiedlichen Graden. Dem Recht nach sind, in republikanischen Staaten, alle Menschen frei. Im täglichen Leben erzielen Menschen unterschiedliche Freiheitsgrade. Die einen sind freier als die anderen.

Der Säugling ist ein sich seiner selbst noch nicht bewußter menschlicher Organismus. Nach der Ausbildung eines Ich-Bewußtseins kann der Mensch sich als sich selbst bewußt werden. Die meiste Zeit des Tages jedoch funktioniert er wie ein mehr oder weniger auf eigenkörperliche Vorgänge und auf außenweltliche Reize und Phänomene reagierender Quasi-„Roboter“ (wäre dem nicht so, dann wäre die Welt ein friedlicher Ort).

Das neue Humboldt-Forum im „Herzen“ Berlins, das sich unter anderem der ausstellenden Dokumentation der Erforschung der Welt und des Menschen, personifiziert in den beiden Humboldt-Brüdern, widmen möchte, wenn es auch aufgrund der virulenten und effektiv erfolgreichen Diffamierungen einiger sich wohl in einer Art Jauche einer undurchschauten Selbstantipathie sielenden, den Westen und die „Aufklärung“ für etliche Übel der Vergangenheit beschuldigenden „Aktivisten“ schon bei seiner Eröffnung unter Herzrhythmusstörungen leidet, könnte einen Ausstellungssaal für Einzelpersonen reservieren, die sich dort wechselweise selber ausstellen, aber nicht für andere, sondern nur für sich selbst. Die entsprechende Person bekäme eine kostenlose Eintrittskarte und bewegte sich dann zu dem nur für sie reservierten Saal. Sie beträte den leeren Saal, und alles, was sie dort fände, wäre, wenn es glückt, sie selbst. Ich sehe mich selbst, werde meiner ansichtig, meiner bewußt, also bin ich. Genau das sollte eigentlich in einem Museum, einem Ort der musischen Begegnung mit Artefakten, geschehen: einerseits die Welt begreifen, in einem geglückten Moment, in Auseinandersetzung mit dem Werk, andererseits sich selbst begreifen, indem man sich als eines gewordenen, lebenden, vergehenden einmaligen Wesens bewußt wird.

Im Frühling 2010 führte Marina Abramovic im Rahmen einer Retrospektive ihrer Arbeiten im New Yorker Museum für moderne Kunst die Performance „Die Künstlerin ist anwesend“ auf, bei der sie zehn Wochen lang jeden Tag in der Mitte eines Raumes an einem Tisch saß und Museumsbesucher sich ihr gegenüber auf einen bereitstehenden Stuhl setzen und so Künstlerin und Besucher sich in die Augen sehen konnten. Andere Besucher beobachteten lediglich mit Abstand die Szene.

Es ist dies ein vielschichtiges Kunstwerk, das sowohl funktioniert, wenn der Stuhl gegenüber der Künstlerin leer bleibt, als auch wenn sich jemand auf ihn setzt.

Setzt sich jemand auf den Stuhl, dann tritt diese Person aus der Rolle des Besuchers in die Sphäre des Kunstwerks ein, das heißt, sie wird selber zu einem Teil des Kunstwerks. Auch kommt die Person in berührenden Kontakt mit der Künstlerin, die sie persönlich in der Regel gar nicht kennt.

Bleibt der Stuhl hingegen leer, dann wird offensichtlich, daß der Künstlerin etwas fehlt, nämlich das Gegenüber. Es wird offensichtlich, daß der Mensch ein Wesen ist, das erst dann vollständig ist, wenn es ein Gegenüber hat, dem es ins Gesicht blicken kann. Wozu haben Menschen Gesichter, wenn nicht, um sie jemandem zu zeigen - und mit jemandem zu sprechen, jemandem in die Augen zu blicken, jemandem zuzuhören?

Von dieser Abramovic-Performance ausgehend, könnte man in dem für die persönliche Selbstbegegnung reservierten Humboldt-Saal vielleicht auch einen Tisch mit zwei einander gegenüber stehenden Stühlen plazieren. Da in diesem Falle niemand anderes anwesend wäre, auch keine Besucher, sondern nur die entsprechende Person selbst, könnte die Person, die auf dem einen Stuhl sitzt und den leeren Stuhl sieht, irgendwann begreifen, was die Leere des Stuhles suggerieren möchte. Die Person, die auf dem leeren Stuhl sitzt, das bist du. Anders gesagt: Im Grunde sitzt anfangs auf jedem Stuhl die Leere, das Nichts. Es gibt hier einen leeren Stuhl und dort einen leeren Stuhl. Wer sich nun auf den leeren Stuhl setzt, das bist du. Der Titel der Performance könnte lauten: „Wo vorher niemand war, ist jetzt jemand da: Du bist anwesend“.

Es wäre dies ein kleiner Beitrag zur Förderung des menschlichen Sichselbstbewußtwerdens. Werden Menschen ihrer selbst bewußt, erhöhen sie ihren Freiheitsgrad, da sie infolge des Selbstbewußtseins in der Regel präziser und sanfter mit sich und mit anderen umgehen. Je mehr Menschen einen solchen erhöhten Freiheitsgrad erreichen, desto größer dürfte auch der gesellschaftliche Frieden werden.

Statt einer von den verständlicherweise daran interessierten Unternehmen mit geradezu heilsbringerischer Propaganda befeuerten, von Politikern in mitläuferischem Eifer und weitgehend frei von historisch-literarischer Geistes-Rückversicherungs-Bildung als vermeintliche Lösung aller Probleme ins Werk gesetzten „Digitalisierung“ der Gesellschaft und insbesondere der Schule, täte ganz am Anfang, schon in der Grundschule, ein Schulfach Bewußtseinskultur, Bewußtseinstraining, Bewußtseinsschulung not. Dies könnte mit dem Sport verbunden werden.



Berlin, 23. Juli 2021

Kindern wohnt das Bedürfnis inne, Fangen zu spielen. Das Kind verlangt regelmäßig, ich soll es fangen. Das Kind rennt dann schreiend mit Vergnügen davon. Es ist als hätte im Laufe der Evolution es sich als Vorteil erwiesen, wenn Kinder von klein auf die Kunst erlernen, sich nicht fangen zu lassen. Sei es, weil Kinderraub und Kindermord schon immer ein Problem darstellen, sei es, weil man früh üben soll, wenn man als Erwachsener ein Meister des Freibleibens werden will. Menschen sind nicht nur Jäger von Tieren, sondern auch von Artgenossen. Sie neigen dazu, andere für sich arbeiten zu lassen, sei es als Sklaven, als Zwangsarbeiter oder in der milderen, allerdings auch nicht vertretbaren Form der billigen Arbeitskraft. Die billigen Arbeitskräfte produzieren nicht nur die Waren für den Weltmarkt, sondern reproduzieren unausweichlich auch sich selbst. Denn im Zusammenhang der globalisierten Wirtschaft sind sie in Gegenden gefangen, die zu verlassen für sie aus finanziellen, technischen und bürokratischen Gründen schwierig ist, so daß ihre Kinder gewissermaßen bereits gefangen geboren werden: ihnen steht nur der gleiche, kaum entrinnbare Arbeitsweg in Aussicht. Wenn diese Kinder Fangen spielen, hat dies für den Beobachter einen bitteren Beigeschmack.



An einem Brandenburger See, 24. Juli 2021

Dialektik von sich bewegen und ruhen. Wer ruht, den beschleicht früher oder später das Gefühl, es bewegt sich nichts, das Leben kommt nicht voran, er wird unruhig und bewegt sich. Wer sich bewegt, kommt aber nicht zur Ruhe. Es muß einem beides gelingen: ruhen und die darinliegende Kraft finden, um sich ruhig zu bewegen. Immer wenn du dich bewegst, sollst du Ruhe ausstrahlen. Und wenn du sprichst, ist die Ruhe, die du weghast, Teil der Aussage.

Das geräumige Gedächtnis gleicht einem Labyrinth, in dem du tiefer und tiefer dich verirren, in dem du immer wieder einen „neuen“, längst vergessenen Raum entdecken kannst.

Das Kochen ist Kunst, eine Form, die Erdfrüchte sorgsam zu lesen.




Wegmarken

Jedes echte Tagebuch ist eine Ansammlung von Anmerkungen, auf die sich kein Reim finden läßt.

(Josefine Tollstein)

 

 


©2005-2021 Der philosophische Garten Eingang Kontakt Impressum