DIE TERRASSEN DES PHILOSOPHISCHEN GARTENS
Der philosophische Garten Der literarische Garten Die aktuellen Veranstaltungen Gastvorträge Spiele Tagebuch des Nichts Aussichten Ad personam Veröffentlichungen Kontakt Impressum Verweise


TAGEBUCH DES NICHTS

Ein Journal intime über alles

von

Melodie Prosanowa


Herausgegeben

von

Natascha Uralowa (Perm)

Anmerkung von Natascha Uralowa:

Von Zeit zu Zeit gebe ich, Natascha Iljínitschna Uralowa aus Perm, ab dem 1. April 2013 Auszüge aus dem Tagebuch von Melodie Prosanowa heraus.

Ende der Anmerkung.

/

Moskau, 1. April 2013

Ein Tag ohne Einträge ist ein guter Tag. Ein Tag ohne Einschläge ist ein Feiertag. Feier und Feuer, Zwillinge unzertrennlich.

Mit jedem Sonnenaufgang beginnt ein neuer Feuertag, was wird er verbrennen?



Moskau, 9. April 2013

Putin und Merkel, auf eine Art Zaren in ihrem jeweiligen Reich, besuchen gestern gemeinsam die Hannover Messe, während in London die Eiserne Lady das Zeitliche segnet.

Dabei springen auf der Messe drei, vier drahtige Frauen im Rahmen einer nicht dem Protokoll entsprechenden Protestaktion vor Putin mit nacktem Oberkörper ins Licht der Weltöffentlichkeit, während die erschreckte Merkel sich schutzsuchend an einen Nebenmann klammert. Rücken und Busenseite sind beschriftet wie Demonstrationsplakate. Auf einem dieser Hautplakate stehen die Worte Putin und Diktatur. In diesem Fall ist damit alles gesagt.



New York, 13. April 2013

Bei der Einreise

Do you have anything to declare?

A declaration of freedom.

The world's occupied already.

I redefine the occupation and resurrect the realm of freedom.

Okay, go on and good luck!



Washington, D.C., 25. Mai 2013

In den letzten Wochen in Virginia gewandert, blindlings, ohne Karte, und en passant Edward P. Jones' Roman „Die bekannte Welt“ gelesen. (Im Original: „The Known World“.) Die Erzählung eröffnet ein perspektivenreiches Panorama, das dem Leser authentische Einblicke in die Welt der Sklaverei im 19. Jahrhundert verschafft oder ihm doch zumindest das Gefühl vermittelt, solche Einblicke zu bekommen. Es handelt sich um einen Bildungsroman in dem Sinne, daß er seinen Leser bildet, ins Bild setzt über eine historische Epoche.

Der Roman spielt größtenteils im bewanderten Virginia.

Hauptfigur des Romans - und darin besteht seine größte Leistung - ist das heterogene und kontrastreiche Figurenensemble an sich, ein Ballett von weitgehend Illusionslosen.

Eine nicht nur in den Augen des politisch korrekten Lesers provozierende Figur ist der Sklavenbesitzer Henry Townsend, dessen Provozieren nicht nur in seinem Sklavenbesitz an sich besteht, sondern auch darin, daß er selber Schwarzer ist. Ein freier Schwarzer, der unfreie Schwarze für sich arbeiten läßt.

Was betäubend wirken kann, immer wieder, ist der klassische Erzählstil, der dem Leser nichts zumutet. Jeder Satz ist einfach und verständlich. Dadurch entsteht eine apollinisierte, geradezu römische Langeweile, und große Sehnsucht breitet sich aus nach dionysischer, rätselhafter Ekstase, die Sehnsucht danach, sich zu verlieren. Was wären Menschen, wenn nicht Wesen, die verloren gehen? Wen wollte man finden, wenn nicht eine verlorene Seele? Sind nicht diejenigen, die sich wirklich finden, die Verlorenen? Die sich auch in ihrer Sprache verlieren wie in einem viel zu großen Palast? Und doch ist der Roman lesenswert.



Concord, Middlesex County (Massachusetts), 1. Juni 2013

Vom Seitenrand noch eine Notiz zum Roman „Die bekannte Welt“. Der Autor Edward P. Jones spielt mit zwei Weltkarten, mit zwei Darstellungen der „bekannten Welt“. Einmal taucht Waldseemüllers Weltkarte auf, die den Anspruch erhebt, die zu seiner Zeit bekannte Welt, also die Erde, geographisch-modelliert abzubilden. Und einmal die beiden Wandteppiche der Figur Alice Night; diese Wandteppiche halten jene Welt fest, die ihr in ihrer Zeit als Sklavin „bekannt“ gewesen waren, Manchester County und vor allem die Plantage, auf der sie leben mußte. Gemeinsam ist beiden Weltkarten, der von Waldseemüller und der von Alice Night, daß ihre jeweilige Sicht auf die Welt beschränkt ist: jeweils ist und wird nur das verzeichnet, was bekannt ist, das Unbekannte findet sich nicht eingezeichnet, glänzt allein durch Abwesenheit.

Der existentielle Unterschied zwischen beiden Karten ist unter anderem der, daß die Menschen, die Waldseemüllers Karte in Händen hielten, die Karte mit dem Zweck betrachteten, die Welt zu befahren, sich in ihr zu orientieren, sie zu erobern und sich bekannter zu machen. Die Sklaven auf Alice Nights Weltkarte konnten das nicht, oder zumindest durften sie es in dem System nicht, in dem sie gefangen waren. (Und weil sie weder lesen noch schreiben konnten, wurde jede Flucht durch diesen Mangel zusätzlich erschwert, Lesen und Schreiben sind an erster Stelle Verkehrsinstrumente, Fahrkarten ins Glück.)

Was den Unterschied zwischen beiden Weltkarten berührt, so ist auch anzumerken, daß Alice Nights Karte an die Landschaft erinnert, die sie zurückgelassen hat, ihre Karte dient nicht zur Orientierung in der „bekannten Welt“. Sie muß sich dort auch nicht orientieren, denn sie hat die „bekannte Welt“ hinter sich gelassen, die bekannte Welt der Unfreiheit, und ist eingezogen in ihr freies „Wunderland“, worauf ihr Name „Alice“, den der Autor ihr verpaßt hat, vermutlich auch anspielen möchte.

Im Roman begegnen sich in Washington, D.C jene aus europäischer Unfreiheit (Armut, Despotie, obrigkeitsstaatlicher Beschränktheit) geflohenen Einwanderer und die aus der südstaatlichen Unfreiheit (Sklaverei) geflohenen „Einwanderer“. Das Ziel beider Gruppen ist das gleiche: persönliche Freiheit. Washington, der „District of Columbia“, das Gebiet der weiblichen Personifikation Amerikas, der Kolumbia: hier kann Alice Night im Tageslicht der Freiheit ihr Leben entdecken.



Concord, am Walden-See, 9. Juni 2013

Die Welt lernt einen weiteren Autor namens „Edward“ kennen, Edward Snowden. Was er enthüllt, abgedruckt in keiner amerikanischen Zeitung, sondern im britischen „Guardian“, einer Zeitung, die ihren Namen offensichtlich im Sinne von „Wächter der Freiheit“ versteht, ist so unheimlich, daß man am liebsten erst einmal schweigen würde. Aber an diesem See kann man nicht schweigen, an dem Henry David Thoreau lebte, Verfasser der Schrift „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“.



Berlin, 18. Juni 2013

Heute abend reist der US-Präsident nach Berlin. Vor der Landung der Air Force One wird der Luftraum über Berlin gesperrt. Der Präsident darf einen Sicherheitsraum für sich beanspruchen. Die Bürger, die von der NSA ausspioniert und deren Daten gespeichert und bewertet werden, dürfen das nicht; sie sind aus der paranoiden, tyrannisch-totalitären Sicht der NSA auch keine freien Bürger, sondern Sicherheitsrisiken.

Darauf reimt sich auf einer symbolischen Ebene, wenn auch ein wenig schräg, daß gestern auf dem Tübinger Stadtfriedhof Walter Jens zu Grabe getragen wurde. Walter Jens: jener streitlustige Freigeistintellektuelle, der gemeinsam mit seiner großen Frau Inge nicht zuletzt desertierenden US-Soldaten bei sich Asyl gewährte.



Berlin, 19. Juni 2013

Nach Obamas austauschbarer Phrasenrede auf dem Pariser Platz werden die Panzerglasscheiben, die ihn schützen sollten, wieder abgebaut. Trotz Gluthitze hatten die Sicherheitsleute offenbar an Dinge wie schattenspendende Sonnensegel oder windschaufelnde Ventilatoren nicht gedacht. Drei junge US-Touristen schlendern am Rande vorüber und schauen auf die Tribünen, die abgebaut werden. Einer sagt zu den beiden anderen: „There must have been a concert.“ Bei solcher Ahnungslosigkeit wird einem bewußt: das größte Sicherheitsrisiko ist der unpolitische Mensch und niemand sonst.

Kein Wort des Präsidenten zum NSA-Epochenskandal, der womöglich eine neue Zeitrechnung einläutet. Vor der Drescherei am Brandenburger Tor, dem sogenannten Symbol der Freiheit, traf Obama im Kanzleramt mit Bundeskanzlerin Merkel zusammen und verteidigte vor der Presse mit deplazierten Charmeoffensiven in Richtung Pressevertreter und pseudogewichtigen Argumenten die eklatanten NSA-Rechtsbrüche.

Was hätte man gegeben für eine Bundeskanzlerin, die unter anderem gesagt hätte: „Sehr geehrter Barack, ich als die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland bin empört über das, was hier ans Tageslicht kommt, hier wurden Grenzen nicht nur verletzt und überschritten, hier wurden Grenzen ausgelöscht. Leider hat es den Anschein, als wären demokratische Republik und Schurkenstaat kompatibel, das darf nicht sein, das wäre die Pervertierung des Gedankens einer freiheitlichen Republik. Guantanamo, Drohnentötungen, NSA, das ist nicht die Welt der USA, die wir lieben. Die Bundesrepublik Deutschland hat soeben Edward Snowden unbegrenztes Asyl gewährt. Die Medal of Freedom, die Sie mir verliehen haben, gebe ich hiermit zurück.“



Dornburg, 21. Juni 2013

Schiller schreibt an Reinwald (14. April 1783), man solle den anderen nicht dafür lieben, was er schon ist, sondern was er noch werden könnte.



Istanbul, 23. Juni 2013

Karen Krüger berichtet über die aufgebrachte Türkei und die Demonstranten auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park. Ihr Geist ist von klarer Poesie erfüllt, von Mitgefühl belebt und von entschiedenen Ansichten bestimmt.



Berlin, 4. Juli 2013

Der amerikanische Unabhängigkeitstag ist dieses Jahr besonders bitter und ironisch. Um 11 Uhr findet vor dem Kanzleramt eine Solidaritätskundgebung für Edward Snowden statt. Kaum zu glauben, es sind nur zwei, drei Dutzend Leute da. Wären mehrere Tausend nicht angemessen? Darunter ist die berühmte Nina Picasso, die zufällig in der Stadt weilt. Vielleicht ist 11 Uhr für eine Stadt, in der die Cafés bis zum Abend Frühstück servieren, einfach zu früh? Oder die intellektuellen Massen sitzen bei der Fashion Week und wischen ihre Telephone.

Als die Kundgebung beendet ist, kommt Hans-Christian Ströbele angeradelt. Auf dem Gepäckträger hat er nach alter Schule einen hellbraunen Lederranzen mit Spanngummis befestigt. Ohne richtig abzusteigen gibt er einem Fernsehsender ein Interview. Er wirkt sachlich-sympathisch und hat eine gesunde Ausstrahlung.



Berlin, 11. Juli 2013

Ein US-Journalist nennt die USA the United Stasi of America.



Moskau, 12. Juli 2013

Edward Snowden trifft in der Transitzone des Flughafens diverse Menschenrechtler. Eine kurze Rede, die er hält, wird veröffentlicht. Er spricht brillantes Englisch, phrasenfrei, von vernünftig-klarem Inhalt.



London, 21. Juli 2013

Der heutige Mensch wird unentwegt beobachtet, Kameras fangen sein Leben ein, nichts bleibt unbeobachtet.



London, 23. Juli 2013

Endlich erste Ansätze von deutlichen Worten: Heribert Prantl, intellektueller Leithammel der Süddeutschen Zeitung, räsoniert über den Epochenskandal. Sein Tenor: Der Boden des Grundgesetzes sei unterhöhlt, brüchig, die BRD nicht souverän und die Regierung nicht willens oder fähig, etwas zum Schutz der Grundrechte der Bürger zu tun.



London, 4. August 2013

Der Bürger sollte sich nicht erpressen lassen. Die Erpressung des Staates: Nur wenn wir alle deine Daten bekommen, können wir für deine Sicherheit garantieren. Diese Erpressung sollte die Zivilgesellschaft zurückweisen. Die Verknechtung des Menschen durch das Regime der Schattendienste sollte bekämpft werden. Ziel: eine Kultur der freien Selbstbestimmung. Zu den Schattendiensten zählen auch ihre Komplizen, die übermächtigen Datenklau-Suchmaschinen und die tonangebenden sozialen Datenklau-Netzwerke.



Rouen, 7. September 2013

Putin, ehemaliger KGB-Agent, nimmt den ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden auf. Auch die Historie macht sich ihre ironischen Reime.

Doch klafft zwischen beiden Männern ein Abgrund, nicht des Landesverrates, sondern der Zivilcourage.



Hiddensee, 22. September 2013

Das Ergebnis der Bundestagswahl stützt die These, daß jedes Land einmal den Bach hinuntergehen muß. Der Weg in die Einlull-Demokratie, die keine sinnvolle Demokratie mehr sein wird, von Republik zu schweigen, geht weiter.



Berlin, 22. Oktober 2013

Der Begriff Apo (außerparlamentarische Opposition) taucht wieder auf.



Berlin, 24. Oktober 2013

Anscheinend wurde das Telephon der Kanzlerin von den Amerikanern abgehört. Zum ersten Mal hat man bei Angela Merkel den Eindruck, sie sei empört.



Berlin, 29. Oktober 2013

Von der Hannah-Arendt-Straße aus am Holocaust-Denkmal kann man gut das „Nest“ sehen, so nennt der „Spiegel“ die mutmaßlichen Abhöranlagen der NSA auf dem Dach der US-Botschaft.



Berlin, 1. November 2013

Mittags um halb eins Pressekonferenz von Hans-Christian Ströbele zu seinem gestrigen Treffen mit Edward Snowden in Moskau. Der Coup ist ihm gelungen. Viel verraten kann er allerdings nicht. Doch immerhin: er hat ihn getroffen, und Bilder gehen um die Welt. Gestern war Ströbele der Außenminister der freien Welt. Westerwelle, noch Außenminister-Mime und Mitglied der einst stolzen Freiheitlichen Partei Deutschlands, beweist wieder einmal, daß er nichts zu sagen hat und seine Partei zu recht aus dem Bundestag geflogen ist.



Berlin, 6. November 2013

Herr Friedrich, der amtierende Bundesinnenminister der BRD, ist ein Sicherheitsrisiko für den Frieden. Nicht nur würde er gerne die Überwachung verstärken und reihum noch mehr Kameras festschrauben, sondern er hätte gerne auch die Maut-Daten der Autobahnen. Es ist, als hätte man noch nie von Edward Snowden und den Diskussionen der letzten Monate gehört.

Sehe erstmals das Zwölf-Minuten-Interview, das Edward Snowden Glenn Greenwald am 6. Juni dieses Jahres in Hongkong gegeben hat. Mit ihm ging die öffentliche Wahrnehmung der ganzen Enthüllungsgeschichte los. Alles, was Snowden sagt, ist intelligent und klug.



Berlin, 18. November 2013

Gurlitt-Aufregung in Deutschland. Skandalös ist vor allem das Vorgehen der deutschen Behörden. Was verstehen Zöllner und Staatsanwälte unter Rechtsstaat? Willkür.



Berlin, 25. November 2013

In den Medien Rätselraten um Hamed Abdel-Samad, der gestern in Kairo verschwunden ist, womöglich entführt wurde. Hoffentlich wurde er nur verführt, und er taucht unbeschadet wieder auf.



Berlin, 28. November 2013

Im Ersten läuft John Goetz' Reportage über die „geheimen schmutzigen Drohnenkriege“ der USA, wobei der amerikanische Africom-Stützpunkt in Stuttgart, dieser Hauptstadt der Pietisten wie der Protestler, eine wichtige Rolle spielt. Statt Evangelien und Träume erreichen einen aus den Staaten nur mehr Dysangelien und Alpträume. Hollywood, die Traumfabrik, kann einpacken. Die NSA ist in der Produktion von schlechten Träumen führend.



Berlin, 29. November 2013

In der Staatsoper im Schillertheater Premiere von Verdis Trovatore mit Placido Domingo und Anna Netrebko unter der Leitung von Daniel Barenboim. Auffallend wieder das zwar reiche, aber wenig elegante Publikum, ohne jedes Flair, ohne Klasse, ohne Esprit. Es fehlt Berlin ein breites bildungsbürgerliches Publikum. Wowereit und sein Mann posieren für die Lokalpresse, dabei stellt sich der Regierende Bürgermeister in Positur wie ein Filmstar. Aus der Nähe sieht er sogar vergleichsweise gut aus, trotzdem ist er in seiner ganzen geistlosen Tütü-Schluffigkeit wenig mehr als peinlich.



Berlin, 10. Dezember 2013

Weltweit veröffentlichter Aufruf „an die Welt“, sich gegen die totale Überwachung zu wenden. Initiatoren sind Juli Zeh und Ilija Trojanow, die über fünfhundert bekannte Schriftsteller und Intellektuelle als Erstunterzeichner gewonnen haben.



Stuttgart, 23. Dezember 2013

Anti-S21-Demo. Vier Jahre finden sie jetzt schon ununterbrochen statt. Heute mit Blockade der großen Schillerstraße vor dem Hauptbahnhof sowie zwei Demozügen. Bei der Kundgebung hält Prälat Klumpp eine so kraftvolle Rede, daß man spürbar gestählt die Massen der Weihnachtskonsumenten erträgt.



Berlin, 26. Januar 2014

Im Fernsehen läuft ein längeres Interview mit Edward Snowden. Wieder macht er einen sehr guten, überlegten Eindruck.



Baden-Baden, 29. Januar 2014

Daß diese Russen so verrückt nach Baden-Baden sind! Vor allem fragt man sich, wie es für die Russen eigentlich ist, hier fast nur unter Russen zu sein?



Berlin, 6. Februar 2014

In der FAZ schreibt Martin Schulz, derzeitiger EU-Parlamentspräsident, über die Bedrohung der Demokratie durch die digitalen Umbrüche. Der Artikel ist zwar schlicht gehalten, gleichwohl vom Inhalt her lobenswert. Auf einer ersten Ebene gewinnt man den Eindruck, als würde ein Politiker endlich einmal Tacheles reden. Immerhin, man ist mittlerweile schon dafür dankbar. Das ist schon Lichtjahre entfernt von den dumpfen, nicht-entblödeten Einlassungen eines Pofalla zu den Snowden-Enthüllungen. Gleichwohl, reden kann man bekanntermaßen viel; entscheidend sind die rechtsverbindlichen Beschlüsse und Gesetze, welche die Politik faßt bzw. beschließt. Bis dahin sind auch die Worte von Schulz nur schön, aber noch kein wirklicher Terraingewinn im Zuge der Verteidigung der Demokratie.

Wie groß wäre die Schweiz, wenn man die Alpen auseinanderzöge?



Berlin, 17. Februar 2014

Großer Bahnhof am Ku'damm. Paul Nizon liest im Institut français aus seinem neuen Auswahlband „Die Belagerung der Welt“. Eine wohltuende Performance.



Berlin, 21. Februar 2014

Die Science-fiction-Nachrichten aus der Wirklichkeit reißen nicht ab. Facebook kauft Whatsapp. Es ist schockierend zu erleben, wie die Datenkatastrophe dieser Epoche offenbar unaufhaltsam fortschreitet.

Nicht nur der Osten kennt das Phänomen der sogenannten Oligarchen. Die Oligarchen des Westens sind die Daten-Kleptokraten. Sie stehlen milliardenfach das Rohöl der digitalen Ära, die Daten. So, wie die östlichen Oligarchen fortwährend Öl, Gas und Kohle der Allgemeinheit rauben, ohne daß ihnen Einhalt geboten wird, so rauben die westlichen Counterparts die Daten von Bürgern und verschachern sie an Werbekunden und an die de facto faschistischen Geheimdienste.

Man schreibt jetzt die Epoche des Digitalen Totalitarismus.

Düstere Nachrichten vom Majdan in Kiew. Spezialschützen, deren Herkunft nicht klar ist, erschießen von den Hausdächern herab gezielt Demonstranten. Währenddessen gehen die Putin-Spiele des IOC in Sotschi ungerührt weiter. Das IOC, besteht es nicht aus einer Bande von wenigstens moralischen Verbrechern? Der deutsche Präsident, Thomas Bach, scheint er nicht auf ganz natürliche Weise permanent die Fratze zu schneiden, die am besten zu diesem korrupten Pseudosportverband paßt?



Berlin, 22. Februar 2014

Wohl historische Tage in der Ukraine, nur zu welchem Frommen? Präsident Janukowitsch flieht, eine Übergangsregierung übernimmt. Bizarrer Auftritt von Julia Timoschenko nach ihrer Freilassung. Auf dem Majdan hält sie, im Rollstuhl sitzend, eine hochemotionale, geradezu hysterische, durch und durch dramatische Rede voller Kampfeswillen und blitzhafter geistiger Präsenz. Man glaubt jetzt endlich eine authentische Vorstellung der Atriden zu gewinnen. Klytaimnestra, wie sie leibt und lebt.



Berlin, 28. Februar 2014

Ukraine-Tage. Die Krise verlagert sich auf die Krim, die Russen kommen, aber es sind nicht meine Russen; nach Sotschi kann Putin endlich loslegen. Aber er behält für die Appeasement-Softies im Westen noch die pseudorechtliche Maske auf dem Gesicht.



Bitterfeld, 13. März 2014

Stille auf dem Bahnhofsvorplatz, ein paar Trinker sitzen in der Sonne, in einem Rondell sitzt eine grauhaarige Frau auf einer Gitterbank. Der Bäcker ist leer, nur die Verkäuferin schaut heraus. In einem Laden kauft eine Passantin eine vertrocknete Bratwurst.



Leipzig, 14. März 2014

Die neuen, architektonisch sehenswerten Eisenbahntunnelbahnhöfe unter der Leipziger Innenstadt. Doch leider hängen überall die großen Kugelglaskameras herab. Willkommen in der Hölle.



Berlin, 14. April 2014

Timothy Snyder legt in der FAZ eine historisch tiefenscharfe, wenigstens bedenkenswerte Analyse der gegenwärtigen Rußland-Ukraine-Europa-Krise vor. Er rückt den Kampfplatz in den Rahmen eines größeren Konfliktes, den er als den Konflikt zwischen Eurasien und EU-Europa bezeichnet.



Paris, 17. April 2014

Gabriel Garcia Marquez gestorben. Die Freude über ihn überwiegt die Trauer über seinen Tod.



Berlin, 27. April 2014

Die Universität Glasgow hat Edward Snowden zu ihrem Rektor berufen. Skurrile Meldung, und doch scheint sie wahr zu sein. Ein Hoch auf die Universität Glasgow. Sie übertrifft sogar die Universität Rostock, die Snowden immerhin die Ehrendoktorwürde verleihen möchte.



Werder an der Havel, 1. Mai 2014

In Krielow hängt eine Fahne des FC Bayern München auf Halbmast.

Kriegsdenkmal in Krielow. Auf dem mittleren alten Sandsteinobelisk steht: Die Toten der beiden Weltkriege mahnen: Vernichtet nicht das Leben. - Kein Wort von Heldentum und Vaterland.

Kriegsdenkmal in Derwitz: Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde / Ihren bis in den Tod getreuen Helden die dankbare Gemeinde Derwitz.



Potsdam, 3. Mai 2014

Oft finden die besten Gespräche beim Gehen im Stehen statt. „Beim Gehen“ - im Sinne der Verabschiedung und des Adieusagens. Gerade, wenn man geht, kommt man noch darauf, daß man das wichtigste vergessen hat, zu sagen. Man muß es unbedingt noch loswerden.

Einsatz, Feuer, Hingabe, Abenteuer, Leidenschaft, Begeisterung, Wildheit, Trunkensein und Vernunft!



Berlin, 6. Mai 2014

Abends bei den Rhododendren im Tiergarten. Die gelben und weißen blühen, ein paar der lilafarbenen sind auch schon aufgegangen.

Die russische Propaganda kann man nicht mehr sehen, nicht mehr hören. Abschalten.



Berlin, 8. Mai 2014

Abends Blick ins Fernseh„duell“ der beiden aussichtsreichsten Kandidaten für den Posten des nächsten EU-Kommissionspräsidenten, Martin Schultz und Jean-Claude Juncker. Zum ersten Mal sieht man, scheint es, einen anderen Schulz als den lieb-freundlichen, nämlich einen machtbegehrenden, machtausstrahlenden Heuchler. Beide Kandidaten sind letztlich politische Untergangsrepräsentanten. Schönschwätzer, nichts weiter?

Die ersten Schwalben am Wannsee.



Berlin, 10. Mai 2014

In Kopenhagen Grand Prix d'Eurovision de la Chanson. Zum großen Ärger von einigen russischen Politikern gewinnt die bärtige Sängerin Conchita Wurst aus Österreich. Ihr Auftritt ist wunderbar lustig und poetisch.



Berlin, 12. Mai 2014

Mittlerweile haben sich auch die Vertreter der Partei Die Linke dazu entschlossen, sich nicht zu entblöden. Sie reiten vor allem auf der Mitschuld des Westens herum („Rußland hat zwar das Völkerrecht gebrochen, aber der Westen...“ - es ist das „aber“, welches den ersten Satzteil gewissermaßen aufhebt). Sie animieren einen indirekt dazu, sich doch wieder verstärkt der Psychoanalyse zuzuwenden, in der Hoffnung, eine Verständnishilfe zu erhalten. Was geht in den Köpfen gewisser Politiker nur vor sich? Aber will man das wirklich wissen? Ist es nötig, das zu wissen? Entscheidend sind doch allein die Taten, die bekanntlich für sich sprechen.

Das ist die Hauptnachricht des ganzen letzten Jahres: Angesichts von Google & Co, NSA, Rußland und China ist klar: die Demokratie im ernsthaften Sinne des Wortes kann binnen kürzester Zeit wie nichts hinweggewischt werden.



Berlin, 14. Mai 2014

Herzinfarkt eines Vogels beim Überqueren des Wannsees.



Bei Lieblos (Main-Kinzig-Kreis), 16. Mai 2014

Die Bauern heuen bereits.



Im Hohlohmoor, 17. Mai 2014

Der gelblichte Palast im Sonnenuntergangswesten, duftend, von schrägen Linien der Strahlen gegliedert, eine durchscheinende Himmelsfähre ins Glück der Anschauung: diese Logik der Augen log einen noch nie an.



Hessental, 22. Mai 2014

Letztes Wochenende verstarb Gerald Edelman in New York, alt vierundachtzig Jahre. Auch wenn man mit vierundachtzig sterben darf, man darf freilich immer sterben, überrascht diese Nachricht doch. Wahrscheinlich hatte man insgeheim geglaubt, dieser Mann mit der Aura einer alterslosen Schildkröte könne niemals sterben. Am Bahnhof zwischen Gleis und Bahnsteigkante wächst grün-hoch und reifend schon der Roggen. Er läßt sich von den ein- und ausfahrenden Zügen nicht beirren. Widerständigkeit ist seine Zier. Zwei junge Japanerinnen kommen vorbei, eine trägt in der Linken einen Fächer, der Morgen verspricht Hitze. Ein totes Gleis führt zum aufgelassenen KZ.



24. Mai 2014

An Bord des A380 der Emirates Airline trifft man auf ein pseudoschickes Edelholzimitatplastikdesign. Ach, hätte nur Andy Warhol oder Tom Wesselmann, oder einer ihrer Pop-Art-Nachahmer, die Kabine entworfen.

Die Business Class ist mit Flachbildschirmen vor jedem Sitz zugepflastert - ein Leben ohne Schirm-Gegenüber scheint undenkbar geworden zu sein, das hybride Gesicht, die flache Fratze, mein laufendes Du.

Zum Teil behindern die Sitzschalen den Ausblick aus der Luke; dieser hat der Fernseher, das neue Fenster mit Ausblick in tausend Richtungen, den Rang abgelaufen.

In der Ersten Klasse hat jeder Passagier sein eigenes Reich, umgrenzt sitzt man da wie in einer großen Badewanne. Jedem Scheich sein Reich. Vorne finden sich noch zwei Badezimmer mit Duschkabinen: Es hätte Oscar Wilde gefallen, in zehntausend Metern Flughöhe, weit über den Wolken, künstlichen Regen zu spüren. Einem Dandy steht das gut zu Gesicht. Den meisten Flugpassagieren jedoch dürfte es wenig Freude bereiten - finden sie mit ihrer Körperfülle doch kaum genügend Raum, um sich überhaupt in die Kabine zu quetschen.

Das Rauchen an Bord ist verboten; gleichwohl finden sich an den Wänden Aschenbecher. Die Stewardess kann mir dieses merkwürdige Detail nicht erklären.



25. Mai 2014

Petro Poroschenko gewinnt die Präsidentenwahlen in der Ukraine. Was von ihm zu halten ist? Er klingt vorderhand halbwegs vernünftig und rational; aber ob man dem Braten trauen kann, ob der dem Staat der Ukraine helfen kann oder helfen will, um republikanisch, demokratisch, europäisch und sozialstaatlich zu prosperieren, wird die Zeit erst zeigen.

Länder, in denen sogenannte „Oligarchen“ überproportionalen und durch nichts gerechtfertigten übermäßigen Einfluß haben, sind traurige Länder. Demokratie und Oligarchismus passen nicht zusammen. Das gleiche gilt für die Superreichen des Westens.



30. Mai 2014

In Tuttlingen ein Telephonat aus einer alten Telephonzelle am Bahnhof. Die Telephonzelle als Zeitreisemaschine. Kaum stehst du drin, hast du das Gefühl, in den Siebzigern zu sein.

In Sigmaringen, noch vormittags, im Gasthof Traube. Die Erwartung der Mittagstischgäste liegt in der Luft. Die jungen Bedienungen richten die Tischdecken her und unterhalten sich in gedämpftem Tonfall am Tresen. Daneben, am Stammtisch, sitzt ein alter zeitunglesender Mann und trinkt Bier.

In Beuron, unweit des Gasthofs Pelikan, blühen noch die Kastanien, allerdings ohne Glanz, schon stumpf, ein verdrießlicher Anblick. Pappeln pappeln leise im Wind. Nachts rufen Käuze.



31. Mai 2014

In Meßkirch: Martin Heideggers philosophisches Konzept scheint sich von seinem Elternhaus aus wie von selbst zu erschließen: Der Anblick geht direkt auf die steil wie eine Felswand aufragende, in weißem Putz blendende Martinskirche, dem Reich des Seins, und, etwas entfernt und nicht blendend, auf das Zimmersche Schloß, dem Reich des Seienden.

Unten im Gewinkel der Stadt am Cafe Brecht ein „Butterbrezele“ (so die junge Bedienung, ganz unheideggerisch fröhlich).

Mit dem Schiff von Konstanz nach Meersburg das Gefühl, in einer vollkommenen Welt gelandet zu sein. Weiße Segel überm Bodensee. Der Wind weht belebend. Jungs liegen am Hinterdeck in der Sonne, zarte Frauen promenieren.



Konstanz, 1. Juni 2014

In der Konzilsausstellung zeigen sie ein Textilfragment vom Mantel des Jan Hus.



Borkum, 6. Juni 2014

Das Kind sagt: „Ich bin ganz versalzen!“

Eine brasilianische Reisegruppe. Eine Schöne promeniert in Catwalk-Manier vor ihren Freunden auf und ab.



Borkum, 8. Juni 2014

In der Dünenlandschaft im Osten der Insel steigen tage- und nächtelange Techno-Partys. Ab und an kommen aus dem Unterholz ganz junge Menschen, die gerade eine Alkoholleiche tragen.

Der Strand Richtung Hörn gleicht schon einer metaphysischen Landschaft. Der flache Sandkeil fließt nahtlos ins Meer. Unweit des Strands sucht eine junge blonde Frau in blauem Kleid in sich versunken nach Muscheln.

Nach Westen ziehen sich Sandkliffs stundenlang hin, in deren Aufwind die Möwen endlos gleiten.

Vom Cafe Seeblick aus der Sonnenuntergang mit Seewindrädern.



Berlin, 12. Juni 2014

In Brasilien wird die Fußballweltmeisterschaft auf eine an Peinlichkeit nicht zu übertreffende Weise eröffnet - wann sagen sich die nationalen Verbände eigentlich von der korrupten selbstherrlichen „Familie“ namens FIFA los und gründen einen neuen Weltverband? Zugleich erreicht die interessierte Öffentlichkeit die Nachricht vom zu frühen Ableben des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher. Für das intellektuelle und öffentliche Leben besaß er eine herausgehobene Funktion: Er befeuerte den kritischen Diskurs über die digitale Weltrevolution und die Dystopie heutiger und zukünftiger Staatsrealitäten wie kaum ein zweiter - allein schon dadurch, daß er herausragend klugen Intellektuellen wie Constanze Kurz oder Evgeny Morovez ein Forum bot.



Hiddensee, 21. Juni 2014

Lektüre: Günter Grass' Roman „Ein weites Feld“, der unter anderem auf dieser Insel spielt. Nach wenigen Kapiteln ereilen einen düstere Stimmungen, wenig Freude bleibt - welch abstruse Handlungsführung, welche Figuren-Roboter, und die Sprache gravitätisch, gespreizt, spröde zäh. Die einzige lustige Stelle ist ein Zitat aus einem Brief von Fontane an seine Frau zum dreißigjährigen Jubiläum ihrer Ehe, die er „unseren ‚Dreißigjährigen Krieg'“ nennt.



Berlin, 25. Juni 2014

Die bärtigen Bürgerrechtler-Politiker der DDR-Wendezeit haben jetzt ihre unpolitischen Wiedergänger gefunden - in den bärtig-coolen Hipstern.



In die „Bild“-Zeitung möchte man nicht einmal einen Fisch einwickeln.



Welzheimer Wald, 30. Juni 2014

Ich betrachte den Regen. In die Stille des Bodens fällt er.



Im Murrtal, 3. Juli 2014

In der Zeitung wird notiert, daß Berthold Maria Schenk Graf von Stauffenberg seinen achtzigsten Geburtstag feiert. Daß der Sohn des Hitler-Attentäters hier lebt, macht nicht nur die hiesigen Dörfler stolz, sondern verschafft einem auch die Möglichkeit, mit der Geschichte ganz direkt-indirekt in Berührung zu kommen.



Im Murrtal, 4. Juli 2014

Priya Basil tritt für den Schutz der Freiheitsrechte ein, sie ist eine Art englische Juli Zeh.

Paradiesvögel - die letzten Exemplare aus dem Garten Eden. Menschen ohne Flügel und doch beflügelnd.



Im Murrtal, 8. Juli 2014

Die brasilianischen Fußballnationalspieler kommen hintereinander aufs Feld und legen jeweils die Hand auf die Schulter des Vordermanns - früher sind so die Sklaven gegangen.

22 Uhr Halbfinalspiel Brasilien versus Deutschland. Bizarres Match. Zwischen der 11. und 28. Minute erzielen Löws Auswahlkicker fünf Tore, noch in der 90. Minute führen sie 7:0, ehe den Zuckerhütlern noch ein Ehrentreffer gelingt, der in diesem Fall die Ehre kaum mehr rettet.

Auf der einen Seite spielt man Fußball, auf der anderen Seite macht man Krieg. Israel beschießt den Gaza-Streifen. Diese Angriffe mit zahlreichen zivilen Opfern sind moralisch nicht zu rechtfertigen.

Eine wichtige Erfindung des 20. Jahrhunderts, den Luftschutzbunker, gibt es im Gaza-Streifen offensichtlich nicht.



Heidelberg, 5. August 2014

Liebäugeln, eines der unersetzlichen deutschen Wörter.



Im Murrtal, 16. August 2014

Peter Scholl-Latour, der alte Haudegen, segnet das Zeitliche, 90 Jahre alt. Für ihn war die Weltgeschichte nichts anderes als ein fortdauerndes Stück Weltliteratur. Er wollte ein Teil dieser Weltliteratur sein. Das ist ihm gelungen.



Berlin, 19. August 2014

Ich denke an den Regenbogen, der gestern den Himmel erleuchtet hat. Ich denke an das Leben, dem die Anleitung durch den Regenbogen gut tut.



Berlin, 21. August 2014

Im Kino in Dominik Grafs „Die geliebten Schwestern“. Ein Film zum Durchweinen schön.



Sylt, 29. August 2014

Auf dem Parkplatz des „Sansibar“ stehen nur schwarze Autos, Mercedes, BMW, Audi, VW. Die Gäste sind eher schick gekleidet, eher kommod bis sehr kommod verdienende Vertreter einer Endverbraucher-Mittelmäßigkeitsklasse.

Später im Norden an der Bambus-Bar mit der coolen, in Ehren ergrauten Jugend der Dünen.



13. September 2014

Leben in der Sowjetunion der Überwachungskameras.

Auch in der Neuen Nationalgalerie in Berlin hängen jetzt diese Stierhodenkameras an den Decken.



Berlin, 30. September 2014

Dit is Berlin, wa. Auf dem Gehsteig kommt dir eine nicht mehr ganz junge Frau mit umgehängter Yoga-Matte und einer geöffneten Flasche Bier in der Hand entgegen.

Die Opernsängerin veröffentlichte ihre Autobiographie unter dem Titel: Abgesang.



Berlin, 7.-9. November 2014

Feierlichkeiten zum 25jährigen Mauerfalljubiläum. Als Gorbatschow am Checkpoint Charlie auftaucht, gibt es aus der Menschenmenge heraus nur vereinzelt Begeisterungsrufe für ihn, ansonsten auffälliges Schweigen. Jeder hat noch seine kürzlich geäußerten Worte im Ohr, mit denen er Putins Politik verteidigt hat. Es ist ein anderer Gorbatschow als in den achtziger Jahren. Mit diesem verbindet einen nichts mehr.

Drei Tage nur Fest, nur Feier, nur Freude. Es ist, als wäre halb Europa in Berlin. Ganze Völkerschaften spazieren entlang des ehemaligen Mauerverlaufs, an den eine Reihe von weißen Ballonen erinnert.



Berlin, 13. November 2014

„Citizenfour“, Laura Poitras' Dokumentarfilm über Edward Snowden und die Enthüllung des NSA-Massenüberwachungsskandals. Der Film zeigt faszinierende Einblicke in die Tage im Hotel in Hongkong, bevor die Enthüllungsbombe hochgeht. Eigentlich kann man die ganze Geschichte immer noch nicht glauben, hält man sie eher für Science-fiction als für Realität. Doch es ist Realität. Entsprechend ausweglos verläßt man das Kino und ist versucht, erstmal die nächste Weinbar anzusteuern.



Berlin, 23. November 2014

In welcher Kleidung werden verstorbene Clowns in den Sarg gelegt? In ihrer heiteren Kluft? Das wäre dem Ernst der Lage angemessen.



Berlin, 5. Dezember 2014

Die Erzählung hinsichtlich der deutschen Vereinigung 1990 besagte lange, daß die seinerzeit neuen deutschen Länder das westliche System mehr oder weniger übergezogen bekommen hätten. Nach fünfundzwanzig Jahren scheint es mittlerweile und ironischerweise vielmehr so, als würde die BRD schleichend sozialisiert. Der Gedanke der Freiheit spielt immer weniger eine Rolle - der politischen, der sozialen, der individuellen, der unternehmerischen Freiheit. Unfreiheitliche Elemente wie Politische Korrektheits-Sprachzwänge, Umverteilungsideologien etc. gewinnen an Gewicht. Noch nie so sehr wie heute wäre das Eintreten für Freiheit die wichtigste Aufgabe von Politikern und Bürgern.



Venedig, 7. Dezember 2014

Wenn Tauben nur singen könnten! Aber sie gurren nur. Vielleicht zum Glück.

Europa, das Pompeji der Zukunft.



Venedig, 13. Dezember 2014

Eine Todesanzeige meldet, Otto Pöggeler sei gestorben: 12.12.1928 bis 10.12.2014. Ein Leben als Philosoph führte er, bekannt ist und bleibt er wohl vielen als Verfasser eines Jugendwerks - „Der Denkweg Martin Heideggers“.

Soll man sich selbst duzen oder siezen? Ich tendiere dazu, mich zu siezen.

Miss Kenichi (Katrin Hahner) und ihr drittes Album: The Trail. Das Dasein wird gerechtfertigt allein durch solche Musik.



Berlin, 17. Dezember 2014

Lese spät abends, nahezu alleine in der Philologischen Bibliothek der Freien Universität, in der Oxforder Ausgabe von Aristoteles' Ethica Eudemia, herausgegeben von Richard Rudolf Walzer, einem rechtzeitig geflohenen deutschen Juden.



Bahnhof Crailsheim, 21. Dezember 2014

Im Regen auf einem tristen Bahnsteig sagen die Leute, die mit den Medien der Welt verbunden sind, Udo Jürgens sei gestorben. Wir alle werden einmal gestorben sein. Lebend, schaut man eine Zeitlang anderen beim Sterben zu, bevor man ihnen nachfolgt. Selbst Originalgenies sind am Ende nur Epigonen.

„Mitten im Leben“ (Tourneetitel von U.J.) sind wir vom Tod umfangen (Notker I./Rilke).



Bönnigheim, 22. Dezember 2014

„Zigarette?“ - Auch wenn man nicht raucht, rührt einen diese Frage. Es ist, als wäre man in einem Film mit Humphrey Bogart gelandet.

Wintersonnwende. Sensationeller Sonnenuntergang mit purpurroten Farben („sensationell“ - ansonsten nie zu gebrauchen, hier in jedem Sinn am Platz).



Norderney, 25. Dezember 2014

Im Fernsehen die Ansprache des deutschen Bundespräsidenten Joe Gauck. Idyllischer Pfaffengesang.

Optimisten gehen in die Kirche der Dialektik. Sie glauben, daß die Reihe der düsteren Nachrichten einst umschlägt und eine Epoche einer neuen Aufklärung initiiert. Die Rückeroberung der Demokratie, der Republik bei gleichzeitiger Entfaltung einer weitgehend finanz- und monopolkapitalismusfreien sozialen und ökologischen Unternehmermarktwirtschaft.



Moskau, 30. Dezember 2014

Beim Umsteigen auf dem Moskauer Flughafen das Gefühl, in meiner Heimat nicht mehr zuhause zu sein, zumindest nicht in dieser monströsen, mörderischen Stadt. Und andererseits der Gedanke, daß hier irgendwo Edward Snowden mit seiner Freundin wohnt, halbwegs geschützt, halbwegs friedlich. Und das ausgerechnet dank Putins Gnaden. Faktisch ist der Mensch ein bösartiges Raubtier. Trotzdem müssen alle, die es können, daran arbeiten, daß der Anteil der Vernunft in diesem Tier sensorisches Terrain gewinnt. Aufklärung des Menschen ist ein Projekt für Jahrtausende.



Perm, 31. Dezember 2014

Im Ural fühle ich mich heimisch, hier bin ich zuhause. Der Ural erinnert an eine andere Zeitrechnung, in der die Menschheit nur eine vorübergehende Erscheinung sein wird.

Für mich ist ein sinnvolles Leben nur vorstellbar als Künstler. Und bestünde die Kunst allein darin, die fliegenden Wolken auf den Augäpfeln zu spiegeln.



Perm, 1. Januar 2015

Aggiornamento!

Werde dem Tag gerecht - und dem neuen Jahr.



Perm, 5. Januar 2015

Langer Gang übers Land. Der Schnee verwintert die Augen.

Abends ein Aperçu von Sonya. Wodka sei die Sauna der russischen Seele.



Perm, 7. Januar 2015

Während die Familie lesend beim Weihnachtskaffee sitzt und vor den Fenstern die Schneeflöckchen fallen, melden die Nachrichten eine Schießerei in einer Pariser Zeitungsredaktion. Es gebe Verletzte. Als Sonya zu näherer Auskunft im Netz Le Monde aufruft, erfährt man, es gebe einen Toten. Wenig später ist von Toten die Rede. Auch der Name der Zeitung wird genannt: Charlie Hebdo.

CH ist seit Jahren im Visier blindgläubiger Milieu-Moslems. Damit wird deutlich, daß es sich bei der Schießerei um einen Anschlag handelt.

Eine weitere Meldung spricht von einem „Massaker“, was man zunächst allein schon wegen der Wortwahl für fragwürdig halten mag. Wir knipsen den Fernseher an. Plötzlich ist von zehn, dann von elf, schließlich von zwölf Toten die Rede.

Das Ganze ist, wie all die anderen Anschläge auch, eine debile Tat, in diesem Fall die konkrete Ermordung der berühmtesten Satiriker Frankreichs. Durch die große Medienaufmachung wird der Mord auch zu einem wirklichen wie symbolischen Anschlag auf die Pressefreiheit - überhaupt auf die Freiheit des selbständigen Menschen.

Obschon man Weihnachten feiert, bleibt man aufgrund eines perversen Magnetismus an den Sondersendungen zu diesem Ereignis kleben. Es ist bei aller schweren Faßbarkeit dieser Morde doch erstaunlich, mit welcher Gewißheit etliche Politiker sogleich und wiederholt behaupten, „Islamisten“ hätten nichts mit dem Islam zu tun. Als wäre dies die wichtigste Lehre, die aus diesem Pariser Trauerspiel als erstes zu ziehen wäre.

In Paris strömen am Abend auf der Place de la république Menschenmassen zu einer Solidaritätsversammlung zusammen unter der Losung: Je suis Charlie. Ein Sturm auf die Terrorbastille.



Perm, 8. Januar 2015

Aus Berlin schreibt Emilia, daß die B.Z., das Springer-Boulevardblatt, ihre heutige Ausgabe in die Charlie-Hebdo-Karikaturen eingemantelt habe. Auch der Berliner Kurier trumpfe mit einer beachtlichen Geste auf: auf dem Titelbild plansche eine dem Anschein nach moslemische Figur, angeblich Mohammed, in einer blutvollen Badewanne und halte eine Ausgabe des Charlie Hebdo in Händen, auf deren Titelblatt wiederum ein identischer angeblicher Mohammed abgebildet werde. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hingegen enttäusche auf nicht begreifliche Weise: sie bringe ein Straßenszenenbild, auf welchem die beiden Attentäter beim Schießen zu sehen seien - Titelhelden made by FAZ.

Noch schlimmer aber seien Süddeutsche Zeitung und Die Zeit, die anscheinend auf ganzer Linie versagen.

Am schlimmsten jedoch sehe es im angelsächsischen und im us-amerikanischen Bereich aus. Die dortigen Journalisten köpften sich im vorauseilenden Gehorsam selbst und zeigten etwa eine Photographie des ermordeten Chefredakteurs Chab, wie dieser eine Ausgabe des CH in die Kamera hält, verblenden aber die auf dem CH-Titelblatt abgebildete Mohammed-Karikatur.

Es sind zwei Anschläge zu notieren: Den der Terroristen und den eines nicht unbeträchtlichen Teils der westlichen Medien auf sich selbst. Letzterer ist on the long run der fatalere.



Perm, 9. Januar 2015

Das Pariser Anschlagsdrama endet. Die beiden Attentäter werden von der Polizei getötet, auch ein dritter im Bunde erfährt dieses Los. Zuvor ermordete dieser in einem jüdischen Supermarkt vier arglose Kunden sowie am gestrigen Tag eine ebensolche Polizistin. Siebzehn unschuldige Menschen, deren Leben vorzeitig gewaltsam beendet wurde. Vorsicht vor freilaufenden Hunden. Vorsicht vor umherirrenden Amokläufern.



Perm, 11. Januar 2015

Historisch beispiellose Trauerkundgebung in Paris und in ganz Frankreich, ein „Republikanischer Marsch“ von der Place de la république zur Place de la nation. Solche Plätze muß eine Stadt haben.

Das ganze Volk, auch etliche besonnengläubige Moslems, versichert sich der republikanischen Werte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, indem es sich für diese versammelt und deren Wirksamkeit gewissermaßen mit den Füßen gültig stempelt.

Emilias Mutter, Marianne, seit den Tagen des Pariser Mai 1968 nicht mehr auf einer Demonstration, ist vorne mit dabei und gibt einem französischen Fernsehsender ein langes Live-Interview.



Perm, 12. Februar 2015

Die Nachrichten berichten über das letztnächtliche „Gipfeltreffen“ in Minsk, wo Ukraines Poroschenko, unser „Diktatorchen“ Putin, Frankreichs Hollande und die deutsche Pfarrerstochter Angela Merkel über den russischen Camouflagefeldzug im Osten der Ukraine und einen möglichen Waffenstillstand konferierten. Erzielt wurde ein Abkommen, welches dem Papier nach dem Osten der Ukraine große Autonomie zuschanzt und ihn zugleich weiter als Teil der Ukraine vorsieht.

Man gewährt damit Putin zuviel Macht und Einfluß. Eigentlich müßte man sagen: Rußland soll sich von der Krim zurückziehen und sich aus der Ukraine raushalten - also sich normal gemäß dem Völkergesetz verhalten und keine präpotent-impotenten Killerspiele veranstalten. Stattdessen überläßt man dem Gewaltzyniker Geländegewinne.

Offensichtlich entwickelt der Westen keine klare Strategie.

Dieser Tage reiste Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nach Schweden, sein erster Staatsbesuch in einem EU-Land. Schweden hat Palästina letzten Herbst als Staat anerkannt. Bravo.



Berlin, 20. Februar 2015

Nun, da die Faschingszeit vorüber ist, kann man nach Deutschland zurückkehren.

Botho Strauß' „Herkunft“: ein autobiographisches Buch, in dem der Autor seiner Kindheit in Bad Ems und seinen traurig-tragischen Eltern nachsinnt. Epische Dichte, die zu erinnerter Weite führt.

Auf ein Glas Limonade im Schankraum des „Wilhelm Hoekh“ in der Wilmersdorferstraße. Quarzendes Publikum. Altes, kaputtes Bürgertum. Alte Bundesrepublik, altes West-Berlin. Hier hat sich durch den Mauerfall gar nüscht verändert. Es ist die gute alte Zeit, die hier rauchgeschwängert stinkt. Das dunkelbraune Holzmobiliar reicht zurück, scheint es, bis zu Kaisers Zeiten.



Berlin, 28. Februar 2015

In Moskau unweit des Kreml wurde gestern abend der Oppositionspolitiker Boris Nemzow erschossen. Ermordet. Rußland liebt es, die Stimmung in seinen großen Romanen in die kleine Wirklichkeit zu übersetzen. Ein heutiger Michail Bulgakow bräuchte eine neue Version von „Der Meister und Margarita“ gar nicht mehr schreiben, das Panorama der Wirklichkeit ersetzt jede Lektüre vollauf.



Kaliningrad, 8. März 2015

Im kleinen Kreis führt Leos Carax seinen neuen Spielfilm vor: „Kants Kritik der reinen Vernunft“, mit Johnny Depp als Kants Erscheinung und Henriette Confurius als reine Vernunft. Der Film spielt hier in Kaliningrad, das allerdings auf Initiative der reinen Vernunft in Kantberg umbenannt wird. Kants Grab, an dem sich die jungen Hochzeitspaare photographieren lassen, wird zur Geburtsstätte der sich verjüngenden, alten Stadt.



Hamburg, 9. März 2015

Auf einem der Trambahnhallendächer von Eppendorf im frisch belebenden Morgenwind lange in der hell massierenden glänzenden Sonne. Ganz stark ist das Bedürfnis, jetzt ein Gebet an die Sonne zu richten. Es ist ein Bedürfnis, dem nichts weiter folgt.

Manchmal gleicht die Liebe einer zunächst unauffälligen Inobhutnahme.

Zum Sonnenuntergang ein Holstenbier auf der Elbplattform des „Engel“ auf der Teufelsbrück. Das geistige Wachsen dauere das gesamte Leben über an.



Im Zug zwischen Mannheim und Stuttgart, 11. März 2015

Tunnelfahrten sind ein Erlebnis der Sinnlosigkeit.

An einem Waldsaum steht ein Polstersessel, augenblicklich leer. Vielleicht sitzt nachmittags einer drin, schmaucht Pfeife und liest Anna Katharina Hahn.



Leipzig, 12. März 2015

Paradoxer Plausch mit Hans Ulrich Obrist, der nicht mehr liest, dafür schon eine Legende ist. Sein uralter running gag, daß er jeden Tag ein Buch kaufe, hört sich immer noch gut an. Warum eigentlich? Es steckt darin ein Widerhaken, die Unterstellung, es könne schon allein der Kauf den Käufer mit dem Inhalt des Buches in Berührung bringen, als wäre sein Erwerb eine magische Praxis. Über Jahre hin hat er, als junger Mann, in seiner nie benützten Schweizer Küche Bücher abgelegt, die sich so in eine Bibliothek verwandelte. Eine alltägliche Handlung und doch eine Metamorphosenkunst.



Potsdam, 13. März 2015

Im 18. Jahrhundert war die Gartengestaltung noch von feiner englischer Sitte geprägt. Siehe die typischen pleasure grounds und bowling greens in deutschen Parks. Das wäre heute nicht mehr vorstellbar. England ist heute eher das Modell für einen failing state.

Berufswunsch des Kindes: Lichtschlucker auf einem Jahrmarkt.



Norderney, 19. März 2015

Laut Kardinal Kasper wolle Papst Franziskus eine „Revolution der Zärtlichkeit und der Liebe“ anzetteln. Angesichts des Attentats auf Charlie Hebdo meinte der Brückenbauer, daß, wer seine Mutter beleidige, seine Faust zu spüren bekomme. Ist das die „Revolution der Zärtlichkeit und der Liebe“?

In der Milchbar der feine Sand, den die Gäste mit hereintragen und der unscheinbar über den Boden saust.

Norderney-Stadt: eine gebaute Depression.

Ganz aus Humor besteht vielleicht nur der Mensch, der auch humorvoll zu träumen versteht.



Norderney, 22. März 2015

Gesammelte Regenfälle (Titel einer Autobiographie).

Wer in Niedersachsen ausgehen will, fährt nach Norderney.

Die maracujagelbe Sonne schwebt langsam dem ungewöhnlich ruhigen Meer entgegen und vereint sich mit ihrem Spiegelbild. Die Küste scheint vor Stille ergriffen, selbst die Möwen wohnen von der Buhne aus der Szene schweigend bei.



Norderney, 28. März 2015

Am Strand läßt eine gewisse Henriette Heine aus Düsseldorf einen Lenkdrachen steigen und strahlt über das ganze Gesicht. Am Flutsaum liegt ein toter Seehund, an dem sich zwei Raben zu schaffen machen. Abends weht beleuchteter Regen an die Scheiben der Milchbar, tausende von Schatten flimmern an der Decke. Henriette meint, es sei auch ein Unglück, glücklich zu sein.

Dinos Pizzabäcker verfolgen am Fernseher eine der belanglosen italienischen Spieleshows; die Pizzen liegen in einem Ofen der Marke „Michelangelo“. Unwillkürlich fragt man sich, ob das alles ist, was heute von Michelangelo und der großen italienischen Kultur übrig geblieben ist - Spieleshows und ein Pizzaofen.

Resilienz: die Fähigkeit, dem Blödsinn der Welt zu widerstehen, komme der als tieferer oder höherer daher.



Weimar, 19. April 2015

Angesichts der Cranach-Bilder im Schiller-Museum wird dir bewußt: Gesetz und Liebe - diese zwei Worte sollen dein Leben leiten. Und als drittes im Bund gesellt sich Freiheit dazu.



Brandenburg an der Havel, 21. April 2015

Eine Gruppe in Funktionssportkleidung gewandeter Jogger überquert im sonnigen Abendlicht die Jahrtausendbrücke: eine unfreiwillige Hommage an Loriot, den größten Sohn dieser mystischen Stadt.



Heidelberg, 27. April 2015

Diese üppige aufblühende, aufgrünende Natur. Die Stadt ein lebendiger Landschaftsmythos. Wie kissenhaft die Berge links und rechts des Neckars wallen und glänzen, wie aus dunstig-zarter Ferne der Odenwald in die Ebene scheint, wie elegant und bescheiden-achtlos die Gebirgszüge der Bergstraße sich wogenlieb öffnen.



Spiekeroog, 28. April 2015

Auf der Fähre von Neuharlingersiel nach Spiekeroog treffe ich zufällig Henriette Heine aus Düsseldorf wieder. Sie ankert schlafend im Unteren Salon zwischen den ostfriesischen Arbeitern aus Schrot und Korn.

Später an Deck sagt sie in ihrer typischen heiteren Art: „Im Leben kommt alles aufs Übersetzen an.“ Sie listet die unterschiedlichen Verwendungen auf. Etwa die Übersetzung beim Fahrrad oder jene in Uhren, in denen die Energie in Richtung Gangregler übersetzt werde. Auch das Essen übersetze der Organismus in leiblich-geistige Energie. Und alles, was einem begegnet, übersetze man in Vorurteile oder, mit etwas Glück, in Einfälle und Einsichten. Der Mensch sei ein Übersetzer, der Übersetzer par excellence. Ständig übersetze er das Unverständliche ins Verständliche. Überhaupt sei das ganze Leben nichts anderes als eine einzige große Übersetzung. „Vom Ufer des Nichts setzt du ans Ufer der Ewigkeit über.“



Spiekeroog, 1. Mai 2015

Gestern abend das Maibaumaufstellen auf dem Dorfplatz, während zugleich die Musik eines maximalen Wolkenbruchs zur Aufführung kommt. Zuvor erfolgte, noch im Trockenen, von Dorftür zu Dorftür, der bunt hüpfende Kinderzug mit dem Kindermaibaum und dem jungvögelhaften Krähen von Frühlingsliedern.

Vielleicht lag es am Wolkenbruch, jedenfalls haben die jungen Leute des Maibaumteams den Baum schief aufgestellt. Wenn man sie daraufhin anspricht, geben sie zu, daß er schief steht, meinen aber, daß man nichts mehr dagegen tun könne. Aus der unerschütterlichen Art, wie sie das sagen, läßt sich der Schluß ziehen, daß die Philosophiegeschichte um das Phänomen einer friesischen Stoa erweitert werden sollte.



Berlin, 6. Mai 2015

Am Savignyplatz leuchtet der weiße Flieder in großen Büschen so höhepünktlich schön, daß einem fast schlecht wird.

Endlich einmal Christian Krachts Roman „Faserland“ aus dem Jahr 1995 gelesen. Dessen Ich-Erzähler ist eine Art Holden Caulfield der Mittzwanziger, ein Mensch mit Sehnsucht nach dem „wahren Leben im falschen“, ein Leben, das sich über ein heuchlerisch-oberflächliches und affektiert-zynisches Null-Dasein erhebt. Die große Karriere des Romans beweist, daß man auch heute noch mit tiefromantischer Literatur einen Treffer landen kann.



Potsdam, 9. Mai 2015

Im Flur der WG-Wohnung von Solveig grüßt einen ein lächelnder Stalin vom Plakat herab. Warum hängt man ein solches Plakat auf? Ich weiß es nicht und will es nicht wissen. Aber sollte ich doch darauf antworten, würde ich sagen, entweder, weil man es ernst meint, also weil man Stalin für eine Leuchte der Menschheit hält, die es allemal verdient, jeden Tag vor Verlassen der Wohnung gegrüßt zu werden (das halte ich in diesem Fall für unwahrscheinlich). Oder, weil man das Aufhängen eines solchen Plakats in irgendeiner Form für eine ironische Geste hält, mit der sich etwa bei den Besuchern der Wohnung punkten läßt. Man stelle sich vor, man hätte dort statt Stalin Herrn Hitler hängen, die Interpretationslage wäre eine andere; man würde sich das nicht unbedingt getrauen. Aber warum eigentlich? Es sind doch beide, je in ihrer unterschiedlichen Form, scheußliche Menschen gewesen.

Wie auch immer, ich gestehe, diese Wohnung ist für mich fortan Tabu. Ich möchte nicht unter den Augen von Stalin promenieren, genauso wenig wie ich unter den Augen irgendwelcher Überwachungskameras stehen und gehen möchte (und letzterer Punkt macht den freisinnigen Aufenthalt im öffentlichen Raum immer schwieriger).



Berlin, 12. Mai 2015

Es ist heiß und schwül, im Tiergarten stehen die Rabenkrähen keuchend mit offenen Schnäbeln mitten auf dem Weg und bewegen sich keinen Zentimeter fort.



Berlin, 18. Mai 2015

Ab und an geht ein Windstoß ganz sanft über die Blätternoten der Linde, eine grün schillernde Melodie. Aus der Höhe mischt sich das Sirren einer Schwalbe dazu, das bekannte Zeichen eines heraufziehenden horizontlosen Sommers.

Auf arte läuft Viscontis „Tod in Venedig“, und die paar Minuten, die ich dabeibleibe, stellt sich zu meiner Überraschung das Gefühl ein, es handle sich im Grunde um einen schlechten, peinlichen, auch heuchlerischen Film. Mahlers Musik wird hier nur als Stimmungsdrüsenfunktion mißbraucht (der Vorwurf geht auch an Lars von Triers schamlosen Wagner-Einsatz in „Melancholia“). Auch wirkt der Film in seinen Kostümen und Kulissen so staubig wie zerschossene Bühnenteppiche, wie schadhafte Kostümverleihklamotten. Die siebziger Jahre, die man dem Film ansieht, auch wenn er zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielt, wirken jetzt wie eine längst versunkene Epoche. Der Film ist nicht gut gealtert. Dagegen werden Fassbinders rotzig mißgelaunte Penis-und-sonstige-Geschichten-Filme, obschon zum Großteil auch den Siebzigern verhaftet, immer jünger und strahlen in geradezu jungfräulichem Glanz.



Berlin, 20. Mai 2015

Die Nachbarin von Solveig heißt Ilsebill Knatschbull. Manche Namen muß man einfach aufschreiben.

Die Vogelwissenschaftler rätseln immer noch über Details im Leben des Brütparasiten Kuckuck. Feine Sitten jedenfalls kennt schon der kleinste Kuckuck nicht: kaum ist er aus seinem Ei geschlüpft, bugsiert er als erstes die anderen Eier der Wirtsvögel aus dem Nest, um anschließend ganz alleine die Sorge der betrogenen Eltern zu genießen.

Es ist immer noch unklar, wie und wann man einen gefaßten Entschluß in die Tat umsetzt. Vor Wochen, ja eigentlich Monaten schon etwa habe ich beschlossen, daß die Fenster meiner Wohnung dringend wieder geputzt werden müßten. Nur folgte diesem Beschluß keine Tat. Wie also geschah es, daß ich mich ausgerechnet heute dazu durchrang, den Fensterlappen in die Hand zu nehmen? Ich fürchte, daß dies ein ungelöstes Rätsel der Menschheit bleiben wird.



Berlin, 23. Mai 2015

Jamal Joseph, us-amerikanischer Black Panther und Filmemacher, sagt in der FAZ, daß in den US-Gefängnissen zwei Millionen Menschen einsäßen, davon die Hälfte „Schwarze“ - „also mehr Inhaftierte, als es in der Blütezeit der Sklaverei Sklaven gab“. Im übrigen floriere die Gefängnisindustrie: „Hier ist eine Sklavenmentalität am Werk: Schwarze existieren nur, um sie einzuschließen und Profit aus ihnen zu ziehen. Wir lassen sie für zwanzig Cent pro Stunde arbeiten. Technologie- und Telephonunternehmen machen enormen Gewinn mit diesem Modell“. Wenn das so stimmt, was Joseph sagt, dann muß man daraus fast den Schluß ziehen, daß das Plantagenausbeutungssystem des 19. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert auf einem anderen „Feld“ auf legale Weise fortexistiert.

Einen Song schreiben, der allein aus Echos besteht.



Premnitz, 23. Mai 2015

Das Silberweidenlicht am Havelufer.

Augenfarbe aus Lust und Lyrik, aus Wiesenträumen.



Zwischen Berlin und Frankfurt, 12. Juni 2015

Draußen flirrt die Landschaft, große Cumuluswolken stehen in weißseidenem Glanz gleich erhabenen Statuen am Himmel.

Blühende Korn- und Mohnblumenfelder wogen, ruhig liegt das Land, Himmel auf der Erde; Wassersterne glänzen in den Augen des träumenden Kinds.



Karlsruhe, 13. Juni 2015

Gepflegte Damen über fünfzig, die auf Reisen gerne Kaugummi kauen.

Männer, die sommers in ihren Luxusschlitten an Eisdielen vorfahren.



Berlin, 15. Juni 2015

Wehmut, Kraft, Humor - bisweilen genügen drei Worte, und man schwebt im Tag. Aber fehlt nicht ein weiteres Wort - Liebe? Und noch ein weiteres - Frieden? Und noch ein weiteres - Freiheit?

Ihm stieß ihr Apfelhumor sauer auf. Ihre Kirschenliebe tat ihm gut. Ihre Erdbeernähe jagte ihm Schauder über den Rücken. Am Anfang war der Blick. Am Ende der Kuß. Dazwischen der Abgrund.

„Wolfserwartungsland“ - die deutschen Behörden haben ihren Sinn für amtliche Kanzleilyrik noch nicht ganz verloren.

Am Himmel die Sterne hell, Katzen der Nacht, Gräser stillen dich.



Berlin, 17. Juni 2015

Gestern im Philosophischen Garten im Literaturhaus der dichte, dichterische Vortrag von Corinna Löckenhoff über die „Psychologie der Zeitwahrnehmung im Laufe des Älterwerdens“. Weil sie seit fünfzehn Jahren ausschließlich auf Englisch Vorträge hält, entschuldigt sie sich im voraus, falls sie einmal „nach Worten rudere“. Nach Worten rudern - schon allein wegen dieses einen Ausdrucks hätte sich der Besuch des splendiden Vortrags gelohnt.



Im Eurocityzug Berlin - Stralsund, 21. Juni 2015

Zug fahren in seiner elegant epischen Dimension ist in Deutschland nur mehr in den tschechischen und ungarischen Fernzügen möglich, hier finden sich noch regelrechte Speisewagen mit befrackten Kellnern und weißbemützten Köchen. Der Kellner hat sein Handwerk von der Pieke auf gelernt und kann mit dem Wort Berufsehre etwas anfangen.

Der beachtliche, fast kristalline Wasserschwall aus dem Hahn des Handwaschbeckens auf der Zugtoilette. Ein Gebirgsbachwasserfall kann kaum edler und munterer sprudeln und fallen. Darunter öffnet sich eine tief ausgehöhlte, sanft empfangende Ausgußgrotte aus Silberstahl, die den Händen freizügig Raum zum Waschen läßt. Wie viel bequemer und menschenwürdiger dieses Wasserspiel doch ist als jene ästhetisch infamen Vorrichtungen in den engen deutschen Zugaustrittskabuffs.

Das Wort Lokschuppen - die Poesie des 19. Jahrhunderts schwingt darin mit.

In der Zeitung die Erinnerungsanzeige für „Lt. Werner Bachmann“, geboren in Kattowitz, Oberschlesien, 1914, gefallen in Col de Schlucht, Elsaß, 1940. Geburt und Tod in historischen Landschaften.

Vor einigen Tagen ist Pierre Brice verstorben, 86 Jahre alt. Warum berührt diese Nachricht vergleichsweise wenig? Vielleicht, weil Winnetou schon vor vielen Jahren gestorben ist.

Ob man will oder nicht, letztlich ist jeder Mensch ein Freak.

In den Tagen Ende Juni nimmt das Leben das Muster des zeitlosen Fließens an und gewinnt die Maserung der Sonnenlinien, die auf dem Wasser eines Pools reflektieren und ihren Betrachter saumselig beeinflussen und fernwärts verschweben lassen.



Stuttgart, 25. Juni 2015

KÜRZESTES GEDICHT EINES EUROPÄERS

ich

ach



Karlsruhe, 3. Juli 2015

Morgen ist in den USA wieder unfreiwillig ironischer „Unabhängigkeitstag“. Jeder Tag sollte ganz ohne Ironie dein Unabhängigkeitstag sein.

Man stimmt nur dann mit sich überein, wenn man sich auch widersprechen kann. Widersprich dir, um ganz bei dir zu sein.

Sehnsucht in den Augen ist der Ausdruck für die Wachheit eines Menschen, oder nicht?



Berlin, 7. Juli 2015

Vor den Fenstern bricht ein schiefergraues Gewitter vom Himmel.



Karlsruhe, 17. Juli 2015

Draußen, in der betäubenden Hitze, wuchern Wolkentürme in den Himmel, während man im gekühlten Hotelzimmer Albert Camus auf seiner Reise durch die Vereinigten Staaten folgt, Frühjahr 1946. Im Tagebuch berichtet er von einer Fahrt nach East Orange, New Jersey, und dem Besuch einer öffentlichen Bücherei: „Ich sehe im Zettelkatalog nach, was es an Philosophie gibt: W. James, und das ist alles.“ In der Tat ist dies nicht viel und doch weit mehr als nichts.



Wartburg, 19. Juli 2015

Wann in der Geschichte der Menschheit bildete sich die erste Warteschlange? Anläßlich der Cranach-Ausstellung hat sich eine gebildet, und wo, wenn nicht hier, stellt sich die Frage wie von selbst?

Die Üblichkeiten, die aus dem Üben entstehen. Selbst das Warten kann man üben.

Das Leben eine Bruchbude, eine Zwischenunterkunft zwischen den Burgen der Ewigkeit. Asyl im Leben wird nur vorübergehend gewährt.



Auf dem Ebersberg, 26. August 2015

Was zu einem Gespräch, nach Odo Marquard, dem herrlichen, weil freien Philosophen, gehört: „Mitsein als Mitleiden; einander auch ohne ein Wort verstehen; miteinander lachen, miteinander weinen; miteinander schweigen; miteinander schlafen; miteinander auf den Tod warten; miteinander Pferde stehlen können (...)“ (Odo Marquard: Das Über-Wir. Bemerkungen zur Diskursethik, in: ders.: Individuum und Gewaltenteilung. Philosophische Studien, Stuttgart 2004, S. 63).

Und der in diesem Frühjahr heimgegangene fügt hinzu: „‚philosophical talk is only a small talk'; denn ‚seit ein Gespräch wir sind', sind wir nicht nur ein Gespräch, vor allem kein absolutes [diskursethisches, M.P.].“



Berlin, 31. August 2015

Thilo Sarrazin: „Deutschland schafft sich ab.“

Angela Merkel: „Wir schaffen das.“



Damaskus, 3. September 2015

Frankreichs Schulministerin, Madame Najat Valland-Belkacem, hat für das neue Schuljahr zum „Kampf gegen die Langeweile“ aufgerufen. Dabei ist die Langeweile eine der letzten widerstehenden Inseln im Meer einer berechnenden, nach Zwecken und Funktionen ausgerichteten Weltideologie. Wo, wenn nicht auf dieser Insel, und noch auf den Inseln der Liebe und der Poesie, kommen Menschen, und erst recht Kinder und Jugendliche, überhaupt zu sich?

In eine Wohnung eine Treppe einbauen, die an der Wand endet und zu nichts führt.



Palmyra, 7. September 2015

Stille in Ruinen von Ruinen.

Der Unsinn ist schwerer zu ertragen als die Sinnlosigkeit. Die Sinnlosigkeit hat Potenz und stiftet zur Freiheit an. Die Unsinnigkeit ist lähmend und entzieht dem Leben den Impuls zur Freiheit.



Juist, 11. September 2015

Worauf pocht dein Herz? Auf die Liebe, natürlich, worauf sonst?

Am Strand in der Sonne lustwandeln und das Wort lustwandeln hochhalten.



Juist, 17. September 2015

Im Regen am Strand sein und dem Leben gegenüber Langmut üben.

Serendipità: das glückliche Zusammentreffen von einem günstigen Zufall und dem Talent, auch etwas daraus zu machen.



Juist, 19. September 2015

Im stillen, knorrigen Dünenwäldchen westlich des glitzernden Hammersees verlierst du die Orientierung. Von der Aussichtsdüne aus wandert der Blick im Kreis, und das hohe Dünengras blinkt in goldsilbernem Schleierlicht.



Juist, 21. September 2015

Morgens nach dem Frühstück über den Ginsterpad an den Strand. Dort dem Meer gegenüber postiert, schreibe ich einen Brief und streue Prisen Sand, Muscheln, Blumen und eine Feder hinein. Nach dem zeiterfüllenden Schreiben ein Gang am zeitlosen Saum des Meeres. Es ist Ebbe, und ich wate nackten Fußes durch ablaufende Priele.



Tabgha, 23. September 2015

Ich komme über den Namen dieses Bauwerks nicht hinweg: Brotvermehrungskirche. Jüdische Rechtsextremisten haben kürzlich einen Anschlag auf sie verübt.

Zarte Lichtflocken in den Träumen der Liebe und Gesang aus Lust.



Hiddensee, 26. September 2015

Nachmittags Sonnenfahrt im Bistro des IC von Berlin nach Stralsund bei geöffnetem Schiebefenster. Ein Hoch auf dieses Fenster und auf die Bistromitarbeiterin, die es nicht schließt, sondern auch immer wieder besucht, um ihr Gesicht in den Fahrtwind zu heben.

Wiederkehrend die Ortsnamenpoesie: Pasewalk, Anklam, Greifswald.

17.35 Uhr Überfahrt mit der Hansestadt Stralsund nach Hiddensee. Der Kapitän lädt zum „Restaurationskiosk“ ein, wo eine „Stewardeß“ entsprechend zugange sei.

Langsam sinkt die Sonne gen Horizont, und ein Schwarm Kraniche überquert in niedriger Höhe das Schiff. Ihre hohen Sehnsuchtsschreie gehen durch Mark und Bein.

Über Hiddensee geht die Sonne mit farblichen Pauken und Trompeten unter, während über Rügen der Mond plötzlich da ist, lautlos schwebend.



Hiddensee, 27. September 2015

Am Strand Familiengruppen und einzelne, in sich versunkene Menschen.

Heute finden Sonnenuntergang und Vollmondaufgang zur gleichen Zeit statt, kurz vor 19 Uhr. Ich weile auf einem Dünenübergang und beobachte beide.

Auf einer großen Wiese zwischen Kirchweg und Weißem Weg reitet eine junge Frau auf einer hellbraunen Stute; am Rand stehen Mann und Kind. Plötzlich erscheint ein sandfarbenes ungesatteltes Pferd und rennt Seite an Seite neben Reiterin und Stute entlang. Dahinter steht der Mond.

In einem 24-Stunden-Restaurant bist du der Gast, der nie geht.



Hiddensee, 28. September 2015

Nachts am Strand. Rund ein Dutzend Gestalten, Einzelgänger, Paare, halten sich hier auf. Über dem Meer leuchtet der Blutvollmond. Seinetwegen sind sie gekommen. Auf den gemessenen Wellen der Ostsee tänzelt sein rötliches Licht. Hoch am Himmel verteilen sich Myriaden von Sternen. Der lautlos rauschende Milchstraßenstrand.



Berlin, 9. November 2015

BRD = Babylonische Republik Deutschland?



Berlin, 17. November 2015

Gehe nachmittags in hoher Geschwindigkeit bis zum Einbruch der Dämmerung durch die Straßen Friedenaus und über den Schöneberger Friedhof, wo Marlene Dietrich ruhig bei ihren Marken schläft.

Der jüdische Schwimmer Alfred Nakache, algerisch-französisch, ist, wie es der Journalist Christian Eichler am Samstag in der Frankfurter Zeitung schrieb, „der Einzige, der im Vernichtungslager war und vorher wie nachher an Olympischen Spielen teilnahm. Er schwamm 1936 in Berlin, 1948 in London. Und 1944 in Auschwitz.“ In Auschwitz fanden, wenn man so will, die Hades-Spiele statt. Sollte Polen einmal die Spiele austragen, sollte ein Teil der Schwimmwettbewerbe in Oswiecim ausgetragen werden.



Berlin, 20. November 2015

Nachmittags spontan auf den Waldfriedhof Dahlem. Besuche, jeweils erstmals, die Gräber von Gottfried Benn und von Richard Freiherr von Weizsäcker. In der schnell fallenden Dämmerung durch die stillen Villenstraßen Dahlems nachhause.

Später sehe und höre ich Salman Rushdie in der Fernsehsendung „aspekte“ kluge Gedanken über Religion und Terror zum besten geben. In ebendieser Sendung spielt Anne-Sophie Mutter ein inniges „Ave Maria“ zu ehren der Opfer der jüngsten Pariser Mordanschläge islamistischer Irrläufer.



Im Zug zwischen den Flüssen Leine und Fulda, 22. November 2015

Hans-Ulrich Jörges, „Stern“-Journalist, könnte auch Zugchef in einem ICE der Deutschen Bahn sein - und wäre da weit besser aufgehoben als in den Talkshows, in denen er den allürenhaften, humorfreien Besserwisser gibt.



Prag, 24. November 2015

Ein Leben führen, bei dem Schlafen und Wachen ineinander übergehen.



Berlin, 13. Dezember 2015

In den Gemälden am Potsdamer Platz. Es gibt gewisse kleine Bilder von Peter Paul Rubens, die eine große Dynamik entfalten. Rubens ist hier nicht der große Fleischbergmaler, sondern ein Dynamiker der sozialen und natürlichen Welt. Zweihundert Jahre vor William Turner zeigt er eine Welt im Wirbelstrom.



Berlin, 14. Dezember 2015

Erste Frostnacht. Morgens durchs offene Fenster das Kratzgeräusch eines Feuerwehrmanns, der seine Autoscheiben vom Eise befreit.

Am Varziner Platz im russischen Supermarkt POCCIA, der rundum die Uhr geöffnet hat. Heimat von uns Russen. Meterlange Wodkawände, und an der Kasse liegen Überraschungseier im Camouflage-Look mit Soldatenportrait. Wer sagt, wir hätten keinen makabren Sinn für das Wesentliche im Leben?



Im Zug durch Deutschland, 18. Dezember 2015

Ein Symptom - und Symbol? - dieser Zeit: die Ausbreitung von Misteln. Man überläßt die Bäume ungerührt ihrem Schicksal.



Karlsruhe, 19. Dezember 2015

Alle Aufseherinnen in der Kunsthalle scheinen Russinnen zu sein. Nur eine ganz zarte junge Frau nicht. Sie sieht aus wie eine Engelskundlerin. Eine Seifenblasenwissenschaftlerin.

Unternehme einen kleinen Spaziergang durch die Ausstellung „Ich bin hier! Von Rembrandt zum Selfie“. Diese löst allerdings ihr vollmundiges Versprechen, eine Neuinterpretation des Selbstportraits vor dem Hintergrund des sogenannten Selfies durchzuführen, in keiner Weise ein.

Immerhin sieht man Marie Ellenrieders Selbstbildnis von 1818. Klare, wache Augen einer reifen siebenundzwanzigjährigen Schönheit.

Ansonsten verbleiben die Kunstwerkbeschreibungen in Textform wie auch die Hörführererläuterungen auf einer ganz niedrigen Klatschzeitungsebene. Man sagt, was man sieht und was der Künstler im Leben gerade erlebt hat. Es fehlt die mindeste technische Erläuterung, Mal-, Photographie-, Filmstil, sowie eine interpretatorische Vertiefung der verschachtelten Selbstbewußtseinsgeschichte - mitsamt einer womöglich ausstellungsleitenden Pointe.

Etwa einer Pointe wie dieser: Was in der Renaissance die Selbstermächtigung oder Emanzipation des Künstlers darstellt - also die Tatsache, daß Künstler nicht mehr hinter ihrem Werk verschwinden, sondern in ihrem Werk als Autor-Objekt erscheinen -, dem entspricht in der aktuellsten Gegenwart, wenn auch ohne künstlerische Fertigkeit, die Emanzipation des gewöhnlichen Bürgers, des No-Names. Bewerkstelligt wird diese Emanzipation dadurch, daß er sich mit dem Mobiltelephon knipst, sein Bild in den sozialen Netwerken teilt und sich damit einem potentiell unbegrenzbaren Publikum präsentiert. Dies ist die vollendete „Inklusion“ auch auf dem Gebiet der „Kunst“.

Demnach verwirklicht sich hier Joseph Beuys' These: „Jeder Mensch ist ein Künstler“ auf ästhetisch banalisierte Weise. Jeder Mensch ist ein Künstler, dessen Könnerschaft darin besteht, ein Selfie von sich machen zu können und dessen Aussage sich in der Abwandlung von Descartes' neuzeitlicher Subjektivitätsformel - „Ich denke, also bin ich“ - erschöpft: „Ich knipse (mich), also bin ich (ein Künstler, ein Star).“

Wie gesagt, dies könnte eine mögliche Ausstellungsthese sein. Ansonsten sind die Räume der Dauerausstellung gänzlich leer, allein die Aufseherinnen sind da - und heimlich vertreibt sich jede die Langeweile mit dem Telephon. Ein Selfie machen sie wohl nicht - obschon es sich jetzt geradezu anbieten würde.

In der nahegelegenen Orangerie ist Bethan Huws Skulptur „Forest“ (2008/2009) zu sehen - sie besteht aus achtundachtzig unterschiedlich großen, handelsüblichen Flaschentrocknern (Porte-bouteilles). Diese sind so aufgestellt, daß sie von der Seite aus gesehen einem kleinen Nadelwald ähneln. Im Eck hervor sticht ein aus eingeschalteten weißen Neonröhren geformter Flaschentrockner. Diese Skulptur, ein Ready-Made-Kunstwerk im Sinne Marcel Duchamps, ist denkbar einfach und zugleich äußerst charmant und freudebringend. Nicht zuletzt rührt der Neonröhrenflaschentrockner im grauen Eisenstangenflaschentrocknerwald mit seinem Leuchten fast zu Tränen.

Schlafe lange auf einer Sonnenbank im Schloßpark. Für Dezember ist es viel zu mild. Es ist eher Frühling als Winter. Entsprechend verhalten sich die Vögel im nahen See.



Hamburg, 22. Dezember 2015

In der Abenddämmerung im Nieselregen auf den Ohlsdorfer Friedhof zur Ruhestätte von Helmut Schmidt. Er gab am 10. November in seinem Haus in Langenhorn die Kippe ab. Kilometerweiter Gang bis zum Grab. Dort angelangt, ist es schon dunkel. Von den vielen Grablichtern brennt kaum mehr eine. Der Grabstein ist denkbar schlicht, kein Vergleich zum erhabenen Stein von Richard von Weizsäcker in Dahlem. Es rührt, daß Helmut und Loki in Helmuts Elterngrab liegen. Noch im Abgang beweist er Stil.

In den weiten Horizonten, wer weiß, was geschieht? Niemand kann sie erreichen. Wir steigen am Morgen in die glatten Eiswände. Aber kannst du sagen, wo wir geblieben sind? Niemand kann es, denn wir sind verlassene Seelen.



Perm, 31. Dezember 2015

Wenn du es aussuchen könntest, in welcher Stadt wolltest du sterben?



Perm, 4. Januar 2016

Gisela Mota, Bürgermeisterin der Stadt Temixco, ist am Wochenende, nur wenige Stunden nach ihrem Amtseid, in ihrem Haus erschossen worden. Sie wurde dreiunddreißig Jahre alt. Frau Mota hatte im Wahlkampf den Kampf gegen die Drogenmafia zu ihrem Programm erhoben.



Perm, 7. Januar 2016

In Köln darf man nicht auf den Boden spucken. In Köln ist auch das Ausspucken von Kaugummis verboten. In Köln darf man, scheint es, Frauen angehen, ohne daß es die Polizei verhindern kann.

Dem Datum nach geschahen heute vor einem Jahr die Anschläge auf Charlie Hebdo. Gestern erschien eine Gedenkausgabe. Die Zeit flieht, Charlie Hebdo bleibt.



Berlin, 3. Februar 2016

Mitten im Schneelicht ein Liebesunterfangen - zarter Augentanz.



Berlin, 10. Februar 2016

Ein Dieb gab zu Protokoll, sobald er wo einbreche, stehle er sich davon.



Berlin, 25. Februar 2016

Der Mund, diese Opernbühne des Menschen.

Der Schlaf, das unbewußte Paradies.



Berlin, 8. März 2016

Ich spaziere durch die Straßen und sehe all diese Fragmente, die zusammen kein Ganzes ergeben.



Im Murrtal, 29. März 2016

Es ist wieder Buschwindröschenzeit.

Was mit Tagebuchepik erzielt wird, ist ein gleichmäßiges Tagträumen. Und wie bei jedem Tagtraum ist ein Zug des Märchenhaften unverkennbar.



Helgoland, 21. April 2016

Die Insel wimmelt geradezu vor Photographen. Sie sind vor allem der Hochseevögel wegen gekommen. Baßtölpel, Trottellummen und Dreizehenmöwen brüten zu Tausenden am roten Lummenfels und fliegen und schreien den ganzen Tag. Die Vogeltouristen hoffen auch, noch einmal den seltenen Gast zu sehen, den Schwarzbrauenalbatros, der von der Südhalbkugel hierher geschwebt ist. Drüben auf der weißen Düne, der kleinen Nachbarinsel, robben sich am Strand Photographen an die Robbenverbände heran. Ich photographiere die Photographen. Ich mache mir ein Bild von denen, die die Welt abbilden.



Berlin, 1. Juni 2016

Im Tiergarten das Goethe-Denkmal. Auf Goethes Kopf sitzt eine Amsel und singt (abends 18 Uhr).

Gestern Gedenken an die Skakerag-Schlacht. Einhundert Jahre absurdes Seesterben. (Das Absurde ist nur im Dadaismus und bei Camus inspirierend.)



Fallersleben, 11. Juni 2016

Als Künstler mit dem Spätwerk beginnen und sich langsam zum Frühwerk vorarbeiten.



Im Murrtal, 15. Juni 2016

Die Weltspiele, an denen du jeden Tag teilnimmst, auch wenn du nicht dafür qualifiziert bist.



Berlin, 16. Juni 2016

Die Stille hat einen unbeschreiblichen Klang.

Einmal im Jahr erlebst du das Grünen der Natur, jeden Tag das Blauen des Tags.



Berlin, 18. Juni 2016

Wie war das Wetter heute? Sonne, Wolken, Platzregen, Sonne, Regen etc.



Usedom, 19. Juni 2016

Der Dom von Usedom? Die in sich schweigende Ostsee.

Mittlerweile wird der internationale Fußball von tätowierten Knastbrüdern dominiert.

Unternehmen tendieren dazu, die privaten „Daten“ ihrer Kunden zu speichern, auszuwerten und auszubeuten. Dabei ist in der „Debatte“ über die Bedrohung des Privatsphärenschutzes die These aufgetaucht, Menschen hätten das Recht, ihre „Privatheit“ zu verkaufen. Privatheit wäre demnach zwar etwas, das der Staat zu respektieren und zu schützen hat, aber der freie Bürger wie ein Händler seines Selbst verscherbeln dürfe.

Ich halte die These für falsch.

Aus folgendem Grund: Wenn man es als richtig ansieht, daß jeder Mensch eine unaufhebbare, ihm innewohnende Würde besitzt und zu dieser Würde auch seine Privatheit gehört, dann folgt daraus, daß er letztere eben nicht verscherbeln darf, er anderenfalls erstere ja verlöre. Niemand kann freiwillig wollen, seine Würde zu verlieren.

Staatlicherseits kann man einen Menschen nun freilich nicht daran hindern, sein Privates zu veräußern, ohne ihn gleichzeitig durch den staatlichen Eingriff seiner Freiheit zu berauben. Aber aus GG Artikel 1 erfolgt für den Staat im konkreten Falle doch der Auftrag, die Würde des Menschen indirekt zu schützen, indem er wenigstens den Unternehmen den Handel mit privaten „Daten“ verbietet und unter Strafe stellt.



Hiddensee, 21. Juni 2016

SPD-Chef Sigmar Gabriel mit seinem solariumsgebräunten Gesicht, er sollte sich ein Goldkettchen umhängen und in Magdeburg ein Sonnenstudio eröffnen.



Hiddensee, 25. Juni 2016

Die Stunden vergehen, was bleibt, ist Schweigen.



Im Zug Berlin - Frankfurt am Main, 26. Juni 2016

Nach Erfurt ein rotes Mohnfeld. Mir ist nicht klar, warum Mohnfelder mich so sehr erregen und gleichzeitig mir fast einen Schauder über den Rücken jagen. Rosen erregen mich auch, jagen mir aber keinen Schauder über den Rücken. Der Mohn scheint aus einer jenseitigen Welt herüberzuleuchten.

Die Schlacht an der Somme vor hundert Jahren - in Britannien wird ihrer groß gedacht, in Deutschland hingegen kaum, obschon auch Myriaden junger deutscher Männer dort fielen. Der Mohn, der auf dem Schlachtfeld wuchs und blühte, wurde im Engelland zur Symbolblume des Gedenkens an die Somme-Gefallenen. Der Zuggraben der Tower Bridge in London wurde vor einiger Zeit mit hunderttausenden Keramikblumen gefüllt, jede stand für einen Toten.



Prag, 6. Juli 2016

Nachts die Wege finden, die über die Lande gehen, und Sterne sammeln.



Karlsruhe, 7. Juli 2016

In der Hagia Sophia wurde während des diesjährigen Ramadans abends moslemisch gebetet - ein unfreundlicher Akt im Zuge einer Kampagne zur „Re-Islamisierung“ der von Atatürk 1934 in ein Museum umgewandelten, einst christlichen Kirche. Die „Hagia Sophia“ - der „heiligen Weisheit“ geweiht. Ja, Weisheit mag heilig sein, nur leider glänzt sie in Abwesenheit.



Im Zug Fulda - Eisenach, 9. Juli 2016

Es hat etwas verdrießliches, im eiskalt klimatisierten ICE mit Jacke zu sitzen, während vor dem Fenster die schönste Sommerlandschaft vorüberzieht.

Im Speisewagen sitzen zwei Frauen und spielen Karten. Wann hast du das schon mal gesehen? Kurios daran ist, daß es sich um Italienerinnen handelt.



Berlin, 10. Juli 2016

Ein heißer Sommertag, im leichten Schlaf fließen Träume sanft und beunruhigend über das Gesicht.

Haben Hunde ästhetisches Empfinden? Wenn ja, dürften viele mit ihren Haltern unzufrieden sein.



Berlin, 14. Juli 2016

Heideggers Schriften sind in vieler Hinsicht höheres Geschwätz (und das ist nicht abfällig, sondern sachlich-deskriptiv gemeint). Sie sind nicht als Wissenschaft ernstzunehmen (was auch nicht gegen sie spricht), sondern als - historisch zum Teil willkürlich-subjektives und fast dadaistisches - Gedichte. Als philosophischer Umherdichter und Umherrauner hat Heidegger eine eigenwillige und gleichzeitig auch kitschige Stärke.

Auf dem Friedhof Zehlendorf auf einer Erdbodenfläche das Schild: „Rasenneuansaat - Bitte nicht betreten“. Rasenneuansaat - immer wieder das Innehalten angesichts feiner Verwaltungspoesie.



Berlin, 17. Juli 2016

Beim Planen des Tags (Tagesverlaufs) auf die Zwischenräume achten, sie miteinbauen, die Pausen, in denen das Unerwartete die Flügel ausbreitet und zu schweben anhebt.

Frauen sind unlösbar.



In Zügen zwischen Berlin und Karlsruhe, 18. Juli 2016

Zwischen Gotha und Rothenkirchen wird sehr viel geheut. Die Zugstrecke führt an einem uralten jüdischen Landfriedhof vorbei - selig die selig Verstorbenen.

Im überfüllten Bistro des IC von Frankfurt Richtung Heidelberg, an der verwunschenen Bergstraße entlang, blickt jeder Pendler auf sein mobiles Endgerät. Das hat etwas gruseliges. Andererseits ist die damit einhergehende Stille recht angenehm und lädt zum Träumen ein.



Im Murrtal, 22. Juli 2016

Aufgabe jeden Tag: Bögen der Transparenz erschaffen.



In der Nähe von Lutherstadt Wittenberg, 27. Juli 2016

Fern am Horizont in den schleichenden Wolken im Sonnengegenlicht die sich drehenden Windradriesen. Luther erscheint jetzt als eine Art erfolgreicher Don Quixote.



Im Murrtal, 12. August 2016

Stille und Liebe, die Tage glänzen und gehen ins Land. Und in Stuttgart rollen täglich zweihundert Porsche vom Band.



Göttingen, 29. August 2016

Mit F. langes Gespräch in ihrem Antiquariat. Sie spricht von Melancholie, die dich aufrichtet, Traurigkeit, die dich inspiriert, Niedergeschlagenheit, die dich begeistert, und du verläßt entsprechend aufgerichtet diese düstere Stadt.



Berlin, 31. August 2016

Es fehlt dem Sommer ein Sommermonat, er geht zu schnell vorüber.



Hiddensee, 15. September 2016

Wärme, blauer Himmel und die landschaftliche und maritime Natur bilden mit dem Betrachter ein fließendes Zusammenspiel.

Angelique Kerber nach ihrem Sieg bei den US-Open und dem damit verbundenen Aufstieg zur Nummer eins der Weltrangliste: „Ich hatte Angst, das Handy in die Hand zu nehmen...“ (wegen der dort zahlreich eintreffenden Glückwünsche).



Berlin, 15. Oktober 2016

Heute bin ich von gestern. Aber morgen werde ich von heute sein.

Drei Überwachungskameras sind am Giebel der Alten Nationalgalerie angebracht. Den höchsten Rang nimmt heute die Kunst ein, Kunstwerke zu sichern, wie hier ein architektonisches Kunstwerk, auch um den Preis, sie zu verunstalten.

Unter den Linden die globale Touristenvölkerwanderung.

Die Stille kosten wie einen reifen Tropfen, erinnerungsvoll.



Berlin, 21. Oktober 2016

Eine junge Frau in der S-Bahn trägt Blätter in ihren Haaren.



Potsdam, 30. Oktober 2016

Die großen alten Bäume im Park Sanssouci strahlen in kupferroten und glasgelben Farben.

Menschen, die aus Aufzügen radeln.

Auf dem Friedhof sind in letzter Zeit Eichhörnchen im Gießkannenbecken ertrunken. Deshalb hat der Friedhofsgärtner einen Zettel aufgehängt, auf dem er darum bittet, das Becken immer randvoll zu füllen und den über dasselbe gelegten Stock nicht zu entfernen, so daß die Tiere, die beim Trinken hineinfallen, wieder herausklettern können.



Berlin, 8. November 2016

SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel fordert Anstand und Respekt. Sag statt Anstand lieber Abstand. Abstand ist Respekt.



Berlin, 11. November 2016

Die Saison der Narren beginnt - dabei ist sie längst im Gang.

Im US-Wahlkampf beschrieb Donald Trump die Mauer, die er an der Grenze zwischen den USA und Mexiko vorgeblich bauen möchte, als eine „undurchdringliche, große, mächtige und wunderschöne Mauer“. Das klingt fast schwärmerisch. Heutzutage aber haben Mauern für gewöhnlich schlechte Presse. Doch eine mit flachen Steinen errichtete Mauer in einem Dorf in den Bergen von Tschetschenien muß man gesehen haben. Auch eine sonstwo errichtete schlichte Lehmziegelmauer, in der die Bienen ihre Wohnung finden, erfreut das Auge. Und die Chinesische Mauer gilt als eines der Weltwunder, die man im Leben einmal besucht haben sollte. Ja, die Poesie der Mauer müßte man schreiben. Die Mauer wird erst dann häßlich, wenn sie keine Durchgänge zuläßt oder man beim Versuch, sie zu überwinden, erschossen wird.



Berlin, 18. November 2016

Barack Obama war wieder in der Stadt, das letzte Mal als US-Präsident. Seine politische Bilanz scheint so trübe wie der trübe Monat November. Obamas blendende Erscheinung, die Eleganz und Lässigkeit vereint, stützt die alte These: „Die Welt, die will betrogen sein“ (Sebastian Brant: Das Narrenschiff). Vom äußeren Anschein eingenommen, vergißt man allzu gern kritische Fragen - zum Beispiel nach der NSA und dem Umgang mit Edward Snowden, nach dem nicht geschlossenen Lager Guantanamo, nach dem unerklärten Drohnenkrieg.



Berlin, 22. November 2016

Stehe wieder fassungslos und doch gefaßt vor Peter Paul Rubens „Die Eroberung von Tunis durch Karl V. (1535)“ (um 1638/39). Ein wilder Farbennebel, der dich aufatmen läßt (anders als der Novembernebel).

Entwickle einen Teamgeist auch im Umgang mit dir selbst.



Halle, 29. November 2016

Ein eigenbrötlerischer Bäcker, der seine Brötchen selber ißt.

Es gibt elf Millionen Kubaner und elf Millionen Österreicher. (Und der Máximo Líder der Kubaner ist vor wenigen Tagen verstorben.)

In Peking leben bald zweiundzwanzig Millionen Menschen. Die versmogte Stadt leidet unter ständiger Überfüllung der Straßen und öffentlichen Verkehrsmittel.



Hamburg, 18. Dezember 2016

Häßlichkeit ist zu hassen, Schönheit zu schonen.



Perm, 20. Januar 2017

Entfalte dich, du Geschenkpapier.

Vögel balancieren in der Luft.

Kürzlich forderte der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) eine Obergrenze für Wölfe und eine begrenzte Abschußfreigabe. NABU-Chef Leif Miller hingegen fordert von der Politik ein Bekenntnis zum Schutz des Wolfes und sagt: „Der Wolf gehört zu Deutschland.“ Zuletzt waren in Deutschland sechsundvierzig Wolfsrudel, fünfzehn Wolfspaare und vier Einzelwölfe nachgewiesen worden. In Rußland steht der Wolf an der Staatsspitze.

In Moskau fahren die Menschen mit der Metro, um sich aufzuwärmen.

Eins der interessanteren Pressebilder der letzten Zeit: Trumps vollbelagerter Schreibtisch in seinem New Yorker Büro. Kein Computer. (Heute wird Trump in Washington vereidigt.)

Mit zwei Phänomenen hätte man in Mitteleuropa bis vor wenigen Jahren nicht gerechnet. Das eine ist die Stimmung eines möglicherweise heraufziehenden europäischen Krieges, das andere die Vollbartmode unter westlichen Männern. Ich weiß nicht, was kulturgeschichtlich die schlimmere Regression darstellt.



Perm, 31. Januar 2017

Imre Kertész sagt in seinem von Heike Flemming und Lacy Kornitzer übersetzten Tagebuch „Der Betrachter. Aufzeichnungen 1991 bis 2001“, künstlerischer Spielraum ermögliche es dem Künstler, eine dauerhafte Form zu schaffen, „zur trauerdurchdrungenen Freude der Menschen“ (1996). Zur „trauerdurchdrungenen Freude der Menschen“? Ruft die geschaffene Form Freude hervor, Freude an der Form? Empfindet man diese Freude, eingedenk der monströsen Verbrechen der Menschheit, nicht rein, sondern notwendig „trauerdurchdrungen“, durchdrungen von der Trauer über die Verletzten und Ermordeten?

Im Winter ziehe ich mich auf eine Insel zurück und horche auf die heilsamen Wellen des träumerisch in der Sonne getäfelten Meeres. Die alten Römer hatten recht, das Jahr erst mit dem März beginnen zu lassen.



Prag, 21. Februar 2017

Zur Netzpolitik ein kleiner Rückblick. Ich notiere dies erst jetzt, weil ich zunächst sprachlos darüber war und es fast noch immer bin.

Der Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland, Sigmar Gabriel, sagte im November 2016 auf dem zehnten IT-Gipfel in Saarbrücken, „daß wir uns endgültig verabschieden müssen von dem klassischen Begriff des Datenschutzes“, weil der „natürlich nichts anderes“ sei als „ein Minimierungsgebot von Daten“. Datenschutz sei „ein Begriff aus der vordigitalen Zeit“.

Dies sind Sätze, die eigentlich ein politisches Erdbeben auslösen müßten. Was passiert? Nichts.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel mahnt an gleicher Stelle eine Lockerung der Datenschutzregeln an: „Wir Europäer sind dafür bekannt, daß wir gerne Dinge verbieten“, meint sie. „Datensparsamkeit kann heute nicht die generelle Leitlinie für neue Produkte sein.“

Wenn aber die auf Server hinterlegten Daten letztlich vor Diebstahl und Mißbrauch niemals sicher geschützt werden können - weil private Hacker und staatliche Dienste alles knacken können, wie die Realität täglich beweist -, sollte dann „Datensparsamkeit“ nicht oberstes Gebot sein?

Daten seien heute ein wichtiger Rohstoff, so die Kanzlerin weiter auf dem CDU-Parteitag Anfang Dezember 2016. „Die Idee, daß man sparsam mit Daten umgeht, gehört ins vorige Jahrhundert.“ Wenn also eine Errungenschaft aus dem vorigen Jahrhundert stammt, scheint sie schon mal obsolet zu sein.

Auch diese Aussagen der Kanzlerin, die ich vor Entsetzen gar nicht in Grund und Boden kritisieren kann, müßten zu einem Erdbeben führen. Was passiert? Nichts.

Es ist für mich das größte Rätsel der aktuellen Umbruchsepoche - ein Umbruch im Zuge der alles vernetzenden Digitalisierung der Welt -, wie Errungenschaften der Moderne wie Privatsphärenschutz, Copyrightschutz, Datenschutz etc. binnen kürzester Zeit in Bedrängnis geraten, wenn nicht sogar geschleift werden. Und das, ohne daß es nennenswerte Widerstände von Seiten der Bürger oder der Zivilgesellschaft gäbe.

Im Vergleich dazu wären die tumben geistlosen Männer, die in politischen Führungspositionen in Ost wie West Kindergartenkämpfe austragen, fast schon niedlich, spielten sie nicht mit realem Feuer.

Auch ist man für die hier in Prag überall sichtbaren Verbotsschilder für Segway-Touristen fast schon dankbar - endlich einmal handfeste Probleme, deren die Stadtverwaltung mit klaren Maßnahmen Herr zu werden sucht.



Im Zug Prag - Berlin, 22. Februar 2017

Es erstaunt, daß auf der gesamten Fahrt nicht eine einzige Durchsage erfolgt. Wenigstens angesichts der Verspätung hätte eine solche kaum überrascht. Ich freue mich über diese Durchsagestille.

Der Benutzer eines Cell Phone, eines Mobiltelephons, bewegt sich von einer Funkzelle zur nächsten. Die Welt ein globales Funkzellengefängnis.



Berlin, 19. März 2017

Heute übergibt der scheidende Bundespräsident Joachim Gauck dem neuen, Frank-Walter Steinmeier, symbolisch den Schlüssel fürs „Schloß“ Bellevue. Ach, zöge doch Franz Kafka hier ein!

Haß ist die Fortsetzung der Liebe mit anderen Mitteln.



Wien, 26. März 2017

Man geht in Wien umher wie in großen echten Kulissen.

Die noch zahlreich vorhandenen Telephonzellen fallen ins Auge. Orte, an denen niemand mehr spricht und allein das beredte Schweigen zuhause ist.

Beim Gang über den Heldenplatz hört man die Kastanienknospen aufspringen.

Man spaziert in den Stephansdom wie in einen Heiligen Wald. In ihm hat eine Künstlerin die Heiligenstatuen mit Kälteschutzfolien verkleidet. An sich ein bezaubernder Anblick. Gerade auch dann, wenn die Sonne in den Dom scheint und sich auf den Folien widerspiegelt. Diese so gekleideten Heiligen regen die Phantasie an. Leider ist die Aktion zeitgeistig-aktuell und moralisch zeigefingerhebend auf die Flüchtlingskrise bezogen und somit die Poesie mindernd, die Phantasie einschränkend.

Eine Kaffeekathedrale das Café Central. Auch ein touristischer Anlaufpunkt, insbesondere für das eifrig knipsende chinesische Geschäftsvolk. Bestimmt wird es im Reich der Mitte nachgebaut.

Mag die große Politik auch von ihrer Affäre mit dem Chaos nicht lassen, im Café Bräunerhof steht die Zeit still und läßt sich niemand aus der Ruhe bringen. Allein der Blätterwald der Zeitungen rauscht still vor sich hin.



Prag, 27. März 2017

Mittags in der Sonne liegend auf der Steilwiese des Parks mit dem Panorama über Altstadt und Hradschin inmitten hunderter junger Menschen, viele anglophon und die meisten mit Bier in der Hand, ein moderner Paradiesgarten.



Berlin, 8. April 2017

Die einzige existentielle Tröstung im Leben - consolatio amoris.



Karlsruhe, 22. April 2017

Besuche im ZKM die Ausstellung über die Beat Generation, um das legendäre Schreibmaschinentyposkript von Jack Kerouacs Roman „On the road“ mit eigenen Augen zu sehen. Es liegt ausgerollt in einer rund fünfunddreißig Meter langen hüfthohen Glasvitrine ausgerollt da. Es überrascht, von welcher „Aura“ das Typoskript umgeben ist. Früher, als Autoren noch nicht am Computer schrieben, galt ein Typoskript im Vergleich zu einem handschriftlichen Text als wenig auratisch. Jetzt, da fast alle Texte am Bildschirm entstehen und erst im Zuge eines neutralen Ausdrucks das Licht der Welt erblicken, gewinnt das Typoskript eine neue Bedeutung. Auch das Schreibmaschinenskript hat eine individuelle Note. Zum Teil ist das beigegelblich vergilbte Papier an der Seite angerissen und sieht fast aus wie ein beschädigter Papyros. Man sieht im übrigen handschriftliche Streichungen und Einträge von Kerouacs Hand.

Die Wege zartnah laufen über deinen Leib in dein Herz.



Potsdam, 30. April 2017

Ivanka Trump, die bekannteste Tochter der Welt? Die Zeitungen irren sich. Die bekannteste Tochter der Welt heißt Pallas Athene, und ihr Vater ist Zeus.

Am Rande des Grasgartens am Café Eden im Schloßpark Sanssouci liegen wir stundenlang stundenlos in der Sonne.



Berlin, 7. Mai 2017

Der wahre Enthusiasmus heißt Skepsis.

Kirchenglocken in einem Privathaus, die jeden Morgen und Abend läuten.

Rilke bezeichnete Rußland als die „letzte, heimlichste Stube im Herzen Gottes“. Rußland als riesiges Adyton des Tempels Erde?

Wahlen in Frankreich: Emmanuel Macron gewinnt gegen Marine Le Pen. Der Schöne gegen das Biest.

Ernst Bloch, der Aristoteles Onassis der utopischen Philosophie.

Die Wege finden, die ungegangen glänzen und dich erwarten.



Berlin, 14. Mai 2017

Der Tag heute war von blendender Eleganz. Sahneartige Wolken zogen vorüber. Der Himmel strahlte frischgewaschen. Immer wieder flammte der große Scheinwerfer fotostudiohelle Blitze ins blühende Reich der Kastanienwälder. Zwischenzeitlich rieselte ein aufgesplitterter Wasserfall herab. Abends ließ ich mich in einem alten Fischerdorf an der Havel in einem Weingarten nieder und ließ es zu, daß die wieder hellstrahlende Sonne mich federfein massierte.



Berlin, 16. Mai 2017

Aus den Ohrenwinkeln höre ich im Deutschlandfunk, Karl-Otto Apel sei fünfundneunzigjährig in seinem Haus im Taunus verstorben. Der Großmeister einer elegant fechtenden Zunge ist verstummt, der Zungenethiker par excellence. Sein Enthusiasmus wird ihn überleben.



Berlin, 17. Mai 2017

Frauen in bodentiefen Kleidern - Sommerwind.

Tiere haben Schnauzen, aber keine Fressen. Die Fresse ist dem Menschen vorbehalten.

Eine öffentliche Uhr (wie hier am Helmholtzplatz) ist heute eine Seltenheit.



Krakau, 27. Mai 2017

Brodelndes Krakau. Tausende Menschen auf den Straßen. Die beruhigenden Pferde vor den Pferdekutschen. Die Pferde geschmückt mit Federn in den polnischen Nationalfarben Weiß und Rot. Die meisten Kutscher sind Frauen. Die Schwalben sirren in den hellen Lüften. Im polnischen Staatsfernsehen läuft das deutsche DFB-Pokalfinale. Der polnische Kommentar ist weitaus angenehmer als die deutschen, seit Jahrzehnten durch die Bank geistlosen Schwätzer.



Berlin, 2. Juni 2017

Fünfzig Jahre Tod von Benno Ohnesorg. Ohnesorg - die deutsche Form von Sanssouci. Ein schöner Name.

Ein Leben ohne P.G. Wodehouse ist möglich, aber sinnlos.



Berlin, 12. Juni 2017

Ein Lächeln anknipsen - Freundlichkeit ist Teil der Elektrizität.

Die ISS ein kreisender Tempel, das Fenster die Ikone mit der verletzlichen Erde.



Bonn, 22. Juni 2017

Regentropfen dick wie Tischtennisbälle, die auf den Münsterplatz prasseln.

In Rhöndorf besichtigen wir das Wohn- und Sterbehaus von Konrad Adenauer. Im hängenden Garten die Bocciabahn mit der fast skurrilen, fast rührenden Flutlichtanlage: der Charme der alten Bundesrepublik.

Die Tage verfließen still, stumme Opernbälle bei geöffneten Fenstern.



Moskau, 3. Juli 2017

Im Traum die Erinnerung an ein wild-düsteres Höhlenhinterhofland mit dem Aufstieg über Berggrate mit jähen Ausblicken auf stille Klosterinsel-Seen. Nonnen angeln in Ruderbooten und springen nackig (und rasiert) ins Wasser.



Berlin, 13. Juli 2017

Bizepstrainierte Männer, die beim Vitaminvesper sportlich kauen.

Während man im Gastgarten hoch über der Havel in einem klassischen Roman liest, dringt plötzlich das Knirschen eines auf dem nahen Weg vorüberfahrenden Fahrrads zu einem. Es ist, als würde das Knirschen das Gefühl des Sommers vertiefen.

Was heute not tut, ist ein antitouristischer Schutzwall für die Tourismus-Hochburgen. Es ist sonst als stürbe Venedig den Tod in Venedig selber.



Berlin, 20. Juli 2017

Ich schütze meinen Schatz. - Und ich schätze meinen Schutz.

In Plötzensee hält Gerhart Baum eine bewegende Rede zum Gedenken an das Attentat auf Hitler vor dreiundsiebzig Jahren. Warum nur ist das Datum von Georg Elsers Anschlag noch immer kaum im öffentlichen Bewußtsein? Es war der 8. November 1939.

Du mußt abtrünnig sein, nicht mitmachen in dieser unseligen Gesellschaft.

Leichtigkeitenblues. Das Licht rieselt blattwärts in deine Arme.



Berlin, 27. Juli 2017

Im Epos des Lichts gibt es zwei wichtige Momente. Der eine, als es entstand, und der andere, als es das erste Mal von einem Menschen gesehen wurde.

Das Licht, einmal losgeschickt, kennt kein Ende, ist unsterblich. Das Licht leuchte dir. Die Liebe stärke dich jetzt und allezeit und überall.



Eisenach, 1. August 2017

Ich glaube an die Auferstehung der Mundtoten. Die Flüsse ziehen still ins weite Land.



Marbach am Neckar, 6. August 2017

In der Ausstellung über „Rilke und Rußland“ im Literaturmuseum der Moderne: Es gab offenbar eine Zeit, da konnte man in Europa Briefe ganz selbstverständlich auf deutsch schreiben, in der Gewißheit, der Empfänger würde sie lesen können. So schreibt Lou Andreas-Salomé an Tolstoi auf deutsch: „Verehrter Herr Graf“. Auch die Adresse konnte man auf dem Umschlag einfach halten: „Dem Grafen L. Tolstoi in Moskau, Russland“. Glanzpunkt der Ausstellung ist das Kabinett mit dem Briefwechsel von Marina Zwetajewa und Rilke, ein später epistolarischer Liebeshöhepunkt. Marina schreibt säuberlich in sehr gutem Deutsch („geliebtester, großer Dichter!“). Für Boris Pasternak war Rilke, so teilt er schriftlich mit, „das Teuerste“ seines Lebens, seines Schreibens, das ohnehin allein ein Variieren und Neuschreiben von Rilke gewesen sei. „Doktor Schiwago“ eine Art „Malte Laurids Brigge“ auf russisch?

Träumen, um das Leben zu verlängern.



Berlin, 7. September 2017

Im Fundbüro im ehemaligen Flughafen Tempelhof. Es ist eine Art mythischer Ort - eine Sammelstelle für all das, was Menschen fortwährend verlieren. Der Mensch erscheint von hier aus gesehen als „Verlierer“, als ein Wesen, das ständig seiner Dinge verlustig geht. Nichts kann er halten, alles fällt von ihm ab, zumindest früher oder später, und wenn er nichts mehr hat, geht er auch sich selber verloren.



Berlin, 9. September 2017

Kochkunst ist auch die Kunst der Mehrtöpfigkeit. Ähnlich wie ein Artist, der mit mehreren Bällen gleichzeitig jongliert, jongliert der Koch horizontal mit runden Töpfen.

Kochtöpfe sind von alters her in der Regel rund, nicht eckig. Auch Trinkbecher und Teller sind gerne rund. Das hängt mit dem Töpfern zusammen, von dem her die Töpfe ihren Namen haben. Sobald etwas gedreht wird, entsteht ein Kreis. Die Verkreisung des Quadrats ist möglich, anders als die Quadratur des Kreises. Jede Bewegung, die auf der Stelle stattfindet, hat die Tendenz zum Kreis. Tanzen ist ursprünglich die Kreisbewegung auf der Stelle.



Potsdam, 10. September 2017

Verweile im Park Sanssouci am runden Fontänebecken am Fuß der Weinbergterrassen. Auf einer Marmorbank in der Sonne sitzend, erscheinen mir die Touristen mit einem Mal selbst als Volk - als internationale Nation von Reisenden.

Lichter Liebesglanz, und die Worte verloren im Wind der Zeiten.

Fehlplanung (möglicher Titel einer Autobiographie).



Bernau bei Berlin, 22. September 2017

Die Wahlplakate für die Bundestagswahl geben überwiegend lähmende Phrasen zum besten - „gerecht“, „sozial“, „ehrlich“, „für den Frieden“ - oder scheinbar schlaue Sprüche von Werbeagenturen (im Dienste von FDP und Grünen). Immerhin, ein NPD-Plakat hat einen gewissen Witz, wenn auch einen abwegigen. Es zeigt ein Portrait von Martin Luther und dazu den Satz: „Ich würde NPD wählen“, und darunter in kleiner Schrift: „Ich könnte nicht anders“. Indes steht auf dem Platz am Steintor der mohnrote Wahlkampftruck der „Linken“ im Sonnenschein, und ein paar schläfrige Zuhörer hören sich geduldig Bernd Riexingers Sermon über die solidarische Gesellschaft an, während fünf Polizisten vorm Café Elysium es genießen, von der Abendsonne gewärmt zu werden.

Komorebi, japanisch für das Sonnenlicht, das durch die Blätter von Bäumen schimmert.

Boketto, ziellos in die Ferne schauen, ohne an etwas bestimmtes zu denken.

Uitwaaien, holländisch für auswehen, das heißt: eine Pause machen, um den Kopf freizubekommen.

Cafuné, brasilianisch-portugiesisch für mit den Fingern zärtlich durch das Haar eines geliebten Menschen streichen.



Berlin, 23. September 2017

In den letzten Jahren fand eine erhöhte Meteorologisierung der Bevölkerung statt. Kaum ein Mensch, der auf seinem Telephon nicht eine Wetter-App installiert hätte, mit stundengenauer Vorhersage, Regen-Radar und Unwetterwarnungen. Man wandert durch den Tag wie in einem Gebirge aus Atmosphären und terminiert im voraus, bei schönen Aussichten, bei Sonnenschein stehenzubleiben, um dann, gegebenenfalls, weiterzueilen und vor Einsetzen des Regens die Schutzhütte noch zu erreichen.

Damit man nicht das Gefühl hat, kostbare Lebenszeit mit Erledigungen zu verlieren, muß man die Erledigungen als Teil der Hauptsachen sehen. Nur wer den Gang zum Altglascontainer und zum Lebensmittelgeschäft souverän und geruhsam unternimmt, offenbart den Stil gelingenden Lebens.

Die frühe abendliche Dunkelheit jetzt schon im September zehrt an den Heiterkeitsreserven - oder sie versucht es zumindest doch. Denn was wäre Heiterkeit anderes als die Kunst, unabhängig von der Jahreszeit unter der inneren Sonne zu leben?



Moskau, 27. September 2017

Was das Resultat der Bundestagswahl angeht, so läßt sich dieses in Form der Redewendung „Schlag ins Kontor“ (von CDU/CSU und SPD) vorläufig diplomatisch übertiteln, auch wenn das Zeitalter der Kontore vor langer Zeit schon versunken ist. Was wären Redewendungen anderes als Arche Noahs für jene Sachverhalte, die in den Fluten der Zeiten untergehen?

Anfang 1914 lebten im russischen Reich 1,7 Millionen ethnische Deutsche, denen das Deutsche Reich die Staatsangehörigkeit garantierte. (Die historische Statistik hat ihren eigenen Reiz.)



Hamburg, 30. September 2017

Hamburgs Einkaufsstraßen menschenmassenvoll, eine dichte Nebelwand aus Jeansträgern. Auffällig sind die vielen großen blonden Hamburgerinnen - angenehme Erscheinungen, die im Café Paris Champagner schlürfen.



Berlin, 1. Oktober 2017

Ein Regentag - still, ungerührt wie ein Butler.



Leipzig, 3. Oktober 2017

Paul Wallots grandezzareiche Dorfaquarelle, Stadthinterhofidyllen. Müßten nicht die großen Architekten wie Bach, Mozart, Beethoven verehrt werden? Aber ist die Zahl der großen Musiker vielleicht größer als die der großen Architekten? Architektur ist gebaute Musik im Raum.

Der Hauptbahnhof Leipzig das Versailles der Bahnhöfe.

Der Tonleitersingsang gewisser langsam anfahrender Züge.



Berlin, 21. Oktober 2017

Autos fahren an - und Menschen gehen los.

Sich in den Schminkkulissen des Gesichts verbergen.

Aus welchen Sternen fällst du, Liebling, mir zu?



Berlin, 22. Oktober 2017

Der Eimer geht so lange zum Brunnen bis er bricht. Der Geist ist unerschöpflich und doch endlich.

Ich trete hinaus auf die Terrasse und lasse mich vom taubenetzen Gras und von den Himmelsfarben begeistern. Kein Kaffee belebt mehr als die Begegnung mit der Natur.



Berlin, 2. November 2017

Trittbrettreisen durch die Stadt. Ich springe auf und springe ab. Reinster Zufall, wo ich lande. Der Moment winkt - ich folge ihm. Wohin verschlägt es mich? Verschlagen erkunde ich die Straßen, verschlagen kommen sie mir entgegen, verschlagen lüften sie ihren Schleier.



Wittenberg, 8. November 2017

Wer ist der dir wohltuendste Mensch?



Wegmarken

Jedes echte Tagebuch ist eine Ansammlung von Anmerkungen, auf die sich kein Reim finden läßt.

(Josefine Tollstein)

 

 


©2005-2017 Der philosophische Garten Eingang Kontakt Impressum